Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

V. Bernard Shaw - Persona

Wie komme ich dazu, Bernard Shaw als Sinn- und Leitbild in meine Erinnerungen mit hineinzunehmen? Aus dem bisher Gesagten ergibt sich kein direkter Zusammenhang mit dem, was mich innerlich angeht oder jemals anging. Tatsächlich hat mir auch Shaw persönlich nie etwas bedeutet. Ein Shaw-Kenner bin ich ganz und gar nicht; nur wenige seiner Stücke habe ich aufgeführt gesehen, und gelesen habe ich höchstens ein Fünftel ihrer Gesamtzahl. Persönlich zusammen war ich mit Shaw fünf oder sechs Male in meinem Leben; davon war jedes höchst genußreich für mich, doch Wesentliches ereignete sich dabei nicht. Ich für meine Person habe dem Iren sicher gar nichts bedeutet, der mich auch kaum überhaupt gelesen hat. Nur seine Frau lebte eine Weile in meinen Büchern und scheint den Gedanken ventiliert zu haben, ihr Glaubensbedürfnis an mir auszuleben. Mit einem alles Feststehende Anfechtenden, einem gleichsam professionellen Verulker und nie aussetzenden Witzereißer verheiratet zu sein, ist nicht ganz leicht: so suchte sie nach einem festen Anker außer dem Haus. Den konnte ich ihr aber unmöglich für die Dauer bieten; so landete sie bald im sicheren Hafen der Christian Science. — Trotz alledem bedeutet mir das Bild Bernard Shaws sehr viel. An der Polarisierung mit ihm ist mir bewußt und klar geworden, inwiefern es mit zu meinem Wesen gehört, Ärgernis zu erregen. So kann ich meine Erinnerungen an die Periode meines Lebens, in der ich selber vorwiegend herausforderte und meine Freude am Zerstören von Vorurteilen und am Entlarven von Lebenslügen fand, in einem Shaw-Kapitel am besten schildern und damit eine wichtige Seite meines Wirkens im Rahmen der Schule der Weisheit behandeln, welche das dieser ausdrücklich gewidmete Kapitel nur so nebenbei, wenn überhaupt, wird berühren können.

Bevor ich im Rahmen der Schule der Weisheit tätig wurde, war mir nicht klar, daß ich, so wie ich damals war, zwangsläufig Ärgernis erregen mußte, wo immer ich mich länger in kollektives Leben einschaltete; was zum Teil an dem sehr einfachen Grunde lag, daß ich letzteres so selten als irgend möglich tat. Früh fühlte ich, daß harmonische Dauerbeziehung zu anderen für mich nur in ganz seltenen Fällen gelang; da dazumal unter den Elementen meiner Seele die Sensitivität vorherrschte und noch kein aktivschöpferisches Prinzip den Reibungen des Zusammenlebens einen positiven Sinn geben konnte, so zog ich aus der Wahrscheinlichkeit, in Schwierigkeiten zu geraten, die Konsequenz, mich solchen lieber gar nicht auszusetzen. Das aber fiel mir bei meinem Einsamkeitsbedürfnis leicht. Überdies hatte ich aus den Erfahrungstatsachen, daß ich gleich beim ersten Duelle lebensgefährlich verwundet ward, daß jede schwerere Krankheit mich an den Rand des Grabes brachte und jeder Konflikt sehr ernste Folgen beschwor, gefolgert — was mir zuerst der Astrolog Alan Leo 1908 aus meinem Horoskop bestätigte —, daß ich tatsächlich extrem gefährdet war und mich, sofern mir an Vollendung meines Werkes lag, vor einem späteren Zeitpunkt Gefahren nicht aussetzen dürfe. Karl Ernst Kraffts retrospektive Diagnose, die ich an anderer Stelle wiedergab, war im gleichen Sinn noch viel emphatischer als diejenige Alan Leos. In bezug auf Gegenwart und Zukunft fügte er aber hinzu: wenn ich jetzt mehr als die meisten aushielte oder überstände, so läge das daran, daß mir das Allerunwahrscheinlichste, ja Allerwunderbarste bereits geglückt sei: nämlich überhaupt am Leben zu bleiben. Im übrigen sei es bei dieser Mischung von reinem Feuer und reiner Erde, beinahe ohne vermittelnde Elemente, undenkbar, daß ich je ohne Kampf und Gefahr würde leben können. Es ist in der Tat merkwürdig: solange ich denken kann, soll immer ich an allem schuld gewesen sein. Den Fall Henry de Groux’ erwähnte ich bereits im Kassner-Kapitel. Doch auch meine Mutter beurteilte mich, obschon hier wirklich alle Initiative bei ihr gelegen hatte, als primus movens; aus ähnlichen Gefühlen heraus befehdeten mich die Balten bei und seit unserem historischen Zusammenbruch so bitter, und 1933 wurden in Deutschland gar in Riesenauflagen Flugblätter, die immerhin etwas gekostet haben müssen, mit der grotesken Verleumdung verbreitet, ich sei der Erfinder der Kriegsschuldlüge gewesen. Zu aller Zeit war die negative Reaktion gegen mich, falls eine solche statthatte, unverhältnismäßig stark. Ich möchte hier einige Erinnerungsbilder festhalten, von denen, da ich mir nie die Mühe gegeben habe, richtigzustellen, noch heute, in meinem beginnenden Greisenalter, Entstellungen und Fälschungen kursieren. In Nordamerika wurden 1928 von einigen gerissenen Presseleuten angebliche Instruktionen von mir an meine Gastgeber veröffentlicht, die mit zum Taktlosesten gehören, was ich jemals gelesen habe. Tatsächlich hatte ich überhaupt nie irgendwelche Instruktionen gegeben, ich hatte nur guten Freunden vertraulich einiges von meinen Lebensgewohnheiten erzählt, die ganz anderer Art sind, als das, was mir später öffentlich unterstellt wurde. Aber gierig wurde die Fälschung aufgegriffen. Monatelang wurde ich in der ganzen Weltpresse beschimpft, so wie nur je ein Häresiarch von rechtgläubigen Kirchenvätern. Den Höhepunkt dieser Kampagne bedeutete ein monster-meeting, das der damals berühmteste Kanzelredner Amerikas, Stil Barnum und Bailey, The Reverend Billy Sunday in einen Zirkus berief, in dem er vierzigtausend Zuhörern einhämmerte, ich sei wahrscheinlich Satan in Person und gefährde unter allen Umständen die Zivilisation der Vereinigten Staaten. Aus dieser Stimmung zog dann Upton Sinclair — den mein verstorbener Gönner Charles Crane, der es wissen mußte, als Salonbolschewisten charakterisierte, den eine ihm nahestehende schwerreiche Dame als solchen aushielte — für sich selber propagandistischen Nutzen. Er schrieb mir einen Brief, den er aber vorher schon, um ganz sicher zu gehen, den größten Pressekonzernen Amerikas zur Veröffentlichung mitteilte, in dem er mir in gröbsten Worten sagte, er könne meinem Wunsch, er möge mich empfangen, nicht stattgeben, ich sei ein unmöglicher Mensch und hätte so schnell als möglich aus Amerika zu verschwinden. Tatsächlich hatte ich nie den Wunsch geäußert, Sinclair zu sehen, vielmehr hatte er mich um meinen Besuch gebeten; alle meine amerikanischen Freunde hatten mir dringend abgeraten, zu diesem unsicheren Kantonisten auch nur ein Wort zu reden, aber Sinclairs Brief ging durch die ganze Weltpresse, die Masse der Leser bezweifelte keinen Augenblick, daß Sinclair der Engel und ich der Teufel sei — und Sinclairs Bücher gingen daraufhin noch einmal so gut. Wie ich bloß höflich ablehnte, Emil Ludwig in New York zu sehen, da er meine Schwiegermutter verleumdet und nach Richtigstellung der Tatsachen abgelehnt hatte, seine Lügen zurückzunehmen, machte die ganze große Presse Amerikas gegen mich als Untergraber wahrer Größe Front, und seither habe ich nie mehr Gnade vor ihren Augen gefunden. Auf die Veröffentlichung von Amerika — sicher der wohlmeinendsten und konstruktivsten Kritik, welche die Vereinigten Staaten je erfuhren — erfolgte ein Boykott, der an Konsequenz das Großartigste darstellt, was ich auf dieser Ebene kenne. Nachdem im Vorverkauf noch einige tausend Exemplare abgesetzt waren, wurden nach Erscheinen in einem ganzen Jahr, wenn ich mich recht erinnere, nur noch — zwei Stück verkauft. Bei diesem Boykott ist es bis zur Zeit, da ich dies schreibe, geblieben. Als vier Jahre darauf die Meditationen erschienen, die kaum ein gegen die Vereinigten Staaten gerichtetes Wort enthalten, wurden sie wie auf Verabredung mit einem Wutgeheul empfangen, und was ich von der Unterwelt enthüllt habe, als Attentat auf die Sittlichkeit an den Pranger gestellt. Doch das Pittoreskeste von allem begegnete mir in der Schweiz. Nach Erscheinen des Spektrum Europas ward ich ob meines Schweiz-Kapitels jahrelang so sehr geschmäht, daß ich 1931 auf neue Anwürfe hin verlautbarte:

Dreißig Seiten sachlicher Kritik haben mir bisher dreitausend Seiten persönlicher Beschimpfung eingetragen. Also sind die Schweiz und ich zum allermindesten quitt, und entscheidet die Zahl, wie die Demokratie meint, nun, dann bin ich tot. Wozu also weiter gegen mich anrennen?

Darauf wurde zwei Male buchstäblich versucht, mich umzubringen. Zuerst bei einem Vortrag in Lausanne. Das Schweizer Publikum pfiff mich zuerst nur aus und hinderte mich am Reden, bald aber wurde immer wilder und allgemeiner à la mort! à la mort! geschrien und gegen die Tribüne in breiter Front vorgegangen. Nur dank altbewährter Tierbändigertechnik blieb ich am Leben. Ich stand allein und ungeschützt anderthalb Stunden lang im Frack hochaufgerichtet lächelnd da, während gegen mich Sturm gelaufen wurde, und gab den sich an die Rampe herandrängenden Damen Autogramme. Kaum daß eine Pause eintrat, sprach ich über Philosophie. Da wurde das Licht ausgemacht, das Lokal zerschlagen; das konnte ich als vis major gelten lassen und fand im allgemeinen Getümmel wohlbehalten in mein Hotel. Zwei Tage darauf ward das gleiche in Zürich in größerem und besser vorbereitetem Stile wiederholt. Es wurden viele Tränengasbomben geworfen, die jedoch meinen Schweizer Zuhörern mehr schadeten als mir, da — was die Chemie-Studenten, die das Attentat vorbereiteten, übersehen hatten — das Gas bis zu meinem erhöhten Standort nicht hinanstieg. Außerdem befand ich mich während des Vortrags dank der vorbildlichen Arbeit der Züricher Polizei nicht wirklich in Gefahr; die Manifestanten wurden hinausgeschmissen. Nachher jedoch ging es desto schlimmer zu: erst mußte mich die Polizei in einem ihrer Wagen ins Hotel bringen, so viele Hinterhalte waren gelegt worden; es sah so gefährlich aus, daß mir ein Polizeiinspektor während der Fahrt die Hand drückte und schmunzelnd sagte:

Ich danke Ihnen! Seit Zwingli ist in Zürich nichts passiert, es war so langweilig! Und nun ist dank Ihnen geradezu der Teufel los!

Ins Hotel gelangte ich unversehrt, nachher aber wurde dasselbe bis zum frühen Morgen — während ich in gehobener Stimmung mit Schweizer Freunden zechte — von einer vieltausendköpfigen Menge belagert, die unablässig gröhlte: In die Limmat mit dem Keyserling! Und diese hätte mich bestimmt ersäuft, wäre sie meiner habhaft geworden.

Ich erzähle alle diese an sich belanglosen Anekdoten, weil sie besonders gut die Tatsache illustrieren, wie überstark auf Aktionen meinerseits von jeher reagiert worden ist. Denn so wichtig und mächtig, wie meine Gegner mich hinstellten, bin ich nie gewesen. Derartige Feindschaft hat nun nie das Allergeringste mit Sachlichem zu tun — sachlich sind Amerika sowohl als die Schweiz von anderen viel schärfer und vor allem viel bösartiger kritisiert worden als von mir — es liegt an der unmittelbaren Wirkung der Persönlichkeit. Hier denn setzt meine Polarisations-Beziehung zum Sinnbilde Bernard Shaws ein. Wann immer ein Mensch Erlebnisse hat, die er nicht ganz verstehen kann, schaut er zunächst nach Ähnlichem außer sich aus. Shaw war nun niemals gefährdet so wie ich. Aber auch er war wesentlich Ärgernis-Erreger. Und zwar hing von jeher gerade sein Wichtigstes und Bestes damit zusammen. Da ich nun der Überzeugung war und bin, daß letzteres gerade während der Periode meines Lebens, die ganz unter dem Zeichen der Schule der Weisheit stand, auch von mir gegolten hat, so spiegelte ich mich in Shaw, und von ihm her lernte ich schließlich verstehen, was ich von mir aus gesehen vielleicht nie begriffen und als sinnlose Tücke des Schicksals beurteilt hätte.

Die Jung’sche Psychologie weist hier zum Verständnis den kürzesten Weg. Nachdem ich 1940 seine Betrachtungen über Persona, Anima, Individuelles und Kollektives mit tieferem Verständnis wiedergelesen hatte, fiel mir auf, daß eine persona mir eigentlich fehlt, jedenfalls eine persona, welche ich selber ernst nähme. (Unter persona versteht Jung bekanntlich die Sondergestaltung der Seele eines Menschen, mit welcher er dem sozialen Leben eingegliedert ist, also seine sozietätsbedingte Rolle, welche spielend — als Amtsperson z. B. — der Mensch ein anderer ist wie als Privatmann.) Nicht umsonst war mein frühestes Ideal nicht die charaktervolle Persönlichkeit, sondern Proteus: von Kind auf der grenzenlosen Verwandlungsfähigkeit der Seele bewußt, stand ich tief skeptisch zur letztinstanzlichen Wirklichkeit und Selbständigkeit alles dessen, was die moderne Psychologie als autonome Zentren oder Komplexe bezeichnet, sogar desjenigen, welchen man Ich heißt, und da auf dem Gebiet des geistbestimmten Lebens der Sinn den Tatbestand schafft und die Lebenskraft von der Betontheit abhängt, so konnte sich bei mir keins der Zentren so wie bei anderen konsolidieren. Galt dieses schon vom metaphysischen persönlichen Subjekt, welches das normale Organ des Selbstbewußtseins ist, so konnte sich bei meiner angeborenen Einsamkeit und Freude an dieser ein differenziertes Organ zwecks Meisterung der Beziehung zu anderen Menschen unmöglich ausbilden, und ebensowenig Verständnis erwachsen für das, was bei anderen und überhaupt dem Reich der persona zugehört. Nie habe ich eine ihm zugehörige Gestaltung so ernst nehmen können, wie dieses andere tun; von Kind auf habe ich für mich über Ämter und Würden, Gesetz und Recht, von Konventionen, Mode und Vorurteil zu schweigen, gelacht und so oft sich nur Anlaß bot, böse Witze darüber gerissen. Da mein Bewußtsein ursprünglich unmittelbar im Reich des Sinnes wurzelt, und ich mir der Kontingenz, das heißt der Zufälligkeit des an-die-Macht-Kommens gerade dieser oder jener vom Menschen her bestehenden Form von Kind auf bewußt war, so konnte ich in dem, welchem die meisten als einem den konkreten Menschen übergeordneten Wert Ehrerbietung zollen, nur eine unter ihm stehende Künstlichkeit sehen, dessen in meinen Augen einzige Rechtfertigung darin liegt, daß es ohne Derartiges erwiesenermaßen leider nicht geht, und daß irgendeine Ordnung leider besser ist als keine. Ich sage leider, weil mir eben die persona und der Sinn für deren Wert vollkommen fehlt. Ich kann, so wie ich bin, nur das persönliche Niveau eines Menschen als Rechtstitel für seine Stellung und Macht gelten lassen, ich kann einer Behörde als solcher nicht ein Recht zugestehen, welches dem, welcher eine Entscheidung unterschreibt, nicht als Persönlichkeit zusteht. Mit einunddreißig Jahren, da ich das Reisetagebuch zu schreiben begann, habe ich ein nicht-Ernstnehmen der Gestaltung als kategorischen Imperativ jedes Metaphysikers hingestellt, welcher ernstgenommen werden will, gemäß dem Ausspruch Lao Tses:

Der große Sinn ward verlassen.
Da gab es Sittlichkeit und Pflicht.

In meinem reifsten Werke Das Buch vom Ursprung habe ich für das objektiv-Wahre und überpersönlich-Gültige meiner bestimmten Einstellung und Auffassung im Kapitel Das Zwischenreich den für mich endgültigen Ausdruck gefunden. In meiner Kindheit und Jugend nun urteilte ich Lao Tse-haft von der Basis meiner frühestentwickelten aktiven Fähigkeiten: denjenigen des Humors und des Witzes her, und ich machte mir dadurch, daß ich natürlich oft und nur zu gern das enfant terrible spielte, von vornherein viel Feinde. So verdarb ich es mit sechzehn Jahren mit der Weimarer Hofgesellschaft, weil ich meine Amüsiertheit darüber, daß alle Hofchargen sich Oberhof-irgend-etwas titulierten, nicht verbergen konnte, und als ein Oberhofmarschall bei Taubes zu Besuch erschien und beim Eintreten eines ziemlich unedlen Köters meinte: Das ist wohl der Hofhund? prompt erwiderte: Nein, Exzellenz, das ist der Oberhofhund. Und die Gesetzesgerechten nahmen mir mein nicht-Ernstnehmen der Gestaltung nicht etwa weniger, sondern noch mehr übel, wenn sie merkten, daß meine Ironie bei mir selbst nicht Halt machte. Was in Wahrheit der Keim oder Embryo der Detachiertheit vom Ich und der inneren Freiheit dessen, welcher zu seinem Selbstgefühl der Sicherung im Offiziellen nicht bedarf, bedeutete, beurteilten sie als unerträglichen Hochmut. Aber freilich war es, vom Zwischenreich her beurteilt, Überheblichkeit. Nun ist der Entwicklungsweg der meisten Metaphysiker allerdings ein anderer gewesen als der meinige. Es ist Temperamentssache, ob man, die Zufälligkeit und Unzulänglichkeit der Gestaltung durchschauend, dabei lacht oder weint. Davon indessen bin ich überzeugt, daß jeder echte Gesellschaftskritiker von angeborenem Humor in dieser einen Hinsicht eine ähnliche Grundanlage gehabt haben muß wie ich. Hier nun berührt sich meine Natur mit derjenigen Bernard Shaws. Es muß einem der ursprüngliche Sinn für das Zwischenreich fehlen, es muß einem dessen Künstlichkeit überhaupt ursprünglich grotesk erscheinen, damit einer darauf komme, besondere Gestaltungen soweit lächerlich zu finden, daß er sein Vergnügen daran hat oder seine Aufgabe darin sieht, mit den Waffen des Geistes gegen sie zu kämpfen. Wer ohne Humor und dabei Gesellschaftskritiker ist, der muß dem gegenüber zu Fanatismus und Terrorismus neigen. Die erste Reaktion nun, die bei Menschen ohne persona (oder da es solche wahrscheinlich gar nicht gibt, ohne ernstgenommene persona) der Anblick ernstgenommener Künstlichkeit weckt, ist das Lachen. Über das Lachen ist nun vielerlei zu sagen. Ein Hellseher behauptet, es schaffe in real-physiologischem Sinne Überlegenheit, indem es den Astral- oder Ätherleib erweitert und damit tatsächlich ein Darüber- und Außerhalbstehen möglich macht. Hier liegt wohl die Erklärung dessen, warum primitive und ungebildete Menschen allem Unwöhnlichen zuerst mit Lachen begegnen und gerade beim Schauerlichen, z. B. bei einer Hinrichtung auf der Bühne, am lautesten lachen. Das Lachen hat natürlich auch rein physiologische Ursachen, die ich einmal kannte, die mir jedoch zur Zeit entfallen sind. Im Zusammenhang dieser Betrachtungen trifft wohl die folgende Erklärung das Richtige und Wichtigste: das Lachen ist zutiefst ein Explodieren, und jede Explosion sprengt irgend etwas. Wer also lacht, sprengt damit irgendwelche Bindungen, oder er will es tun. Er tut dem Sinne nach genau dasselbe, wie der bombenwerfende Terrorist, nur eben aus anderem Geist heraus. Und auch dieser Geist ist mit dem des Terroristen an der Wurzel eins: ich weiß von keinem tiefen Humoristen (man denke nur an Gogol und an Wilhelm Busch), der nicht für seine Person ein Melancholiker oder sonst sehr ernster Natur gewesen wäre; letzteres gilt sogar von den berühmten Clowns. Bei mir nun ist es so, daß sich mir bei allem, was ich, so wie es ist, nicht gutheißen kann, die Alternative stellt, ob ich es faktisch vernichten oder darüber lachen soll. Woraus denn folgt, daß Lachen ursprünglich gar kein Ausdruck von Leicht-Sinn ist. Daher des Sokrates Behauptung (in Platons Gastmahl), daß der Tragödiendichter eigentlich auch der Komödiendichter sein müsse und umgekehrt.

Betrachten wir nun aber eine andere Seite des gleichen Problems. Einmal schrieb ich über die Differentialkennzeichen von Ironie, Witz und Humor das folgende:

Sie bedeuten Verschiedenes und haben verschiedene Wurzeln, doch in diesem stimmen sie überein: alle drei distanzieren und irrealisieren. Ironie schiebt das tatsächliche Geschehen auf ein unterhalb des Standortes des Betrachters belegenes Geleise, von dem es keinen Zugang zum unmittelbaren eigen-Erleben gibt. Witz transponiert das Wirkliche zu einem Schauspiel, innerhalb dessen das für sich noch so Schwere und Lastende in leichte und lachhafte Einzelsituationen aufgelöst erscheint. Humor endlich faßt ursprünglich ernst und tief als gegensätzlich Empfundenes dergestalt, daß die Form froh macht, auch wo der Inhalt tragisch ist. Letzteres wird sehr wesentlich dadurch mitbedingt — worauf mich mein Sohn Arnold zuerst aufmerksam machte — daß man beim Humorvollen in jedem Falle merkt, daß er über sich selbst genau so lachen kann, wie über andere, weswegen er in anderen keine Minderwertigkeitsgefühle weckt. Alle drei — Ironie, Humor und Witz — verdichten damit das Gegebene in dreifachem Verstand: erstens, indem sie es auf die Ebene der Dichtung hinaufheben; zweitens, indem sie für sich lose oder gar nicht Zusammenhängendes zusammenpressen zu festgefügter Form; drittens im Sinn der mathematischen Formel, welche die Aufmerksamkeit vom Besonderen ablenkt, indem sie es auf ein allgemeines Gesetz zurückführt.

Natürlich erschöpfen obige Bestimmungen den Sinn der Sache nicht, doch für die Beurteilung dessen, worauf es in diesem Zusammenhänge ankommt, weisen sie, wie mir scheint, die rechte Richtung. Sie implizieren nämlich, daß etwas irrealisiert werden muß, weil es sonst unerträglich wäre; im Lachen macht sich die gefühlte ernste Spannung Luft. Aber dieses Irrealisieren bedeutet andererseits doch nichts Geringeres als ein Töten. Nur macht es den Konflikt erträglich, indem es das reale Leben entlastet, und die geistreiche Komik in der Darstellung macht ihn darüber hinaus erfreulich für den, welcher sie spürt. Dies erklärt denn, warum der Narr (im Sinn des Hofnarren) allüberall das Urbild des Weisen verkörpert, wo dieser nicht unmittelbar göttlich vorgestellt wird. Hierzu fällt mir als besonders gute Illustration eine Geschichte jener beliebtesten Figur des türkischen Volkswitzes ein, dessen Namen mir entfallen ist, doch der mit Nasreddin Chodscha endete (vielleicht ruft mir ein freundlicher Leser den Namen ins Gedächtnis zurück). Jener Chodscha war lange Hofnarr des schrecklichen Tamerlan. Letzterer sah sich einmal zufällig in einer Scherbe im Spiegel, was ihm nie früher begegnet war: empört über die Scheußlichkeit seines Anblicks (er war klein, häßlich und hinkte dazu) stieß er einen Wutschrei aus. Sofort fing Chodscha an langgezogen wie ein Hund zu heulen. Nach einigen Stunden stellte Timur ihn zur Rede:

Oh Herr, wenn du schon schreist, wo du dich nur einmal gesehen hast — wie soll ich Armer nicht stundenlang heulen, wo ich dich den ganzen Tag betrachten muß?

Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen, auf daß endgültig einleuchte, daß die Physiologie des Menschen ohne persona, welcher dort lacht, wo andere weinen, die Uranlage nicht nur des tiefen Humoristen und Gesellschaftskritikers, sondern auch des ernstesten Reformators ist, sofern diesem Generosität eignet und der Akzent bei ihm nicht auf dem Zerstören, sondern auf dem Bessermachen liegt. Daß nun der Gesellschaftskritiker seiner physiologischen Grundanlage nach dadurch gekennzeichnet ist, daß ihm eben die persona fehlt, kann ich aus eigenstem Erleben direkt beweisen. Bis daß ich nach Darmstadt zog, hatte ich nie auch nur versucht, eine Rolle zu spielen; jede Betätigung, in der ich hätte als bestimmte persona repräsentieren müssen, lehnte ich ab, von Korps-Chargen bis zu Wahlen zu Posten in der Est- und Livländischen Landesverwaltung und zuletzt in die russische Reichsduma, ja in den Reichsrat. Ich sagte denen, welche meine Wahl vorschlagen wollten, von vornherein offen, ich sei bestimmt nicht geeignet, da ich solche Betätigung unmöglich für die Dauer würde ernstnehmen können. Nachdem ich nun die Schule der Weisheit gegründet hatte und zwar mit bestimmten, sehr ernstgemeinten Absichten, mußte ich das tun, was ich schon im Reisetagebuch als das Eine hinstellte, was meiner Natur nicht liegt: als Schulhaupt eine gewisse Rolle spielen. Ich tat letzteres dann auch nach bestem Wissen und Gewissen. Bald sah ich auch ein, daß ein Wirken innerhalb der Sozietät nur auf der Ebene der Rolle möglich ist, als welche eben von der persona gespielt wird, welch’ letztere demnach nicht nur ein Artefakt, sondern auch eine berechtigte Abstraktion aus der seelischen Gesamtwirklichkeit darstellt. Und mit den Meditationen rang ich mich schließlich zu der Erkenntnis durch, daß alles spezifisch menschliche, das heißt nicht Gana- sondern Geist-bestimmte Leben Rolle ist, nur eben Rolle nicht im Sinn von Balzacs Comédie humaine, sondern von Dantes Divina Commedia. Doch selten ward es mir so schwer, Eingesehenes innerlich zu akzeptieren. Lange rang ich mit dem Problem, wie ich, indem ich die Rolle spielte, die meine Anhänger mir auf Grund meines Werkes aufdrängten, unbedingte Wahrhaftigkeit wahren konnte. Wie ich meine Schwierigkeit 1931 Jung vorlegte — ich schrieb an dem betreffenden Kapitel zufällig in Zürich —, da erwiderte dieser mir mit seinem köstlich grimmigen Humor:

Ich verstehe Ihre Schwierigkeit nicht. In einer halben Stunde kommt ein Frauenzimmer zu mir — da bin ich die Mutter. Eine Stunde später kommt eine andere — der bin ich der Geliebte. Und dann kommt ein Mann, dem bin ich seine Urgroßmutter. Alle diese Rollen spiele ich selbstverständlich. Und ich kann Ihnen sagen: kommt morgen eine Deputation zu mir und trägt mir die Krone der Schweiz an — ich würde es mir sehr überlegen, ob ich das Recht hätte, die Rolle eines Königs der Schweiz abzulehnen.

Jung äußerte sich hier als professioneller Psycholog und Arzt, sonach mit einem bewußt abgespaltenen Teile seiner Gesamtpersönlichkeit. Gerade solche Teilung durfte ich auf Grund meines Strebens und meiner Lehre in mir nicht vornehmen. Ich mußte meine Rolle jenseits aller Masken fundieren. Und persönlich überhaupt eine Dauerrolle zu spielen, fiel meiner Natur sehr schwer. So äußerte sich meine ursprüngliche Anlage zum nicht-Ernstnehmen der Gestaltung während der Jahre persönlichen Hervortretens in einem wachsenden Bedürfnis, auf jede Tragödie ein möglichst ausgelassenes Satyrspiel, das heißt auf jeden Tagungstag und jeden Vortrag ein möglichst bacchantisches Fest folgen zu lassen, so wie allgemeiner darin, daß mein Sinn für Ironie, Humor und Witz unaufhaltsam zunahm. 1924 nun unternahm ich mit Hans von Hattingberg psychoanalytische Versuche an mir selbst. Und dabei stellte es sich heraus, daß die Schicht innerer Bilder, die meinem Bewußtsein so nah lag, daß bloßes Achten auf spontane Einfälle und Visualisieren derselben genügte, um sie mir bewußt zu machen, vorzüglich aus Bildern von Zwerchfell-erschüternder Komik bestand. Insbesondere produzierte ich damals synthetische Tiere: Geschöpfe, die so ungeheuerliche Widersprüche in sich vereinten, so phantastische Paradoxien verkörperten, und dabei allemal voll tiefsten Sinns, daß ich später oft gewünscht habe, ich wäre zu dieser Art Schaffen als Kunstausdruck fähig. Was 1924 im Unbewußten halb vergraben blieb, brach dann 1927 aus: damals schrieb ich in wenigen Monaten das Spektrum Europas herunter. Hätte ich dieses Satyrspiel nicht damals herausstellen können, ich fürchte, ich wäre erstickt oder zerplatzt. Diese Periode fand ihren Höhepunkt in meiner Herausforderung der Vereinigten Staaten Nordamerikas, womit ich weniger mein Buch über diesen Kontinent meine, welches, was immer Amerikaner darüber denken mögen, mild und jedenfalls wohlwollend und aufbauend ist, sondern meine Gespräche und Reden. Wo immer es ging, öffnete ich die Schleusen meiner Neigung zu Witz und Ironie, und es gibt kaum ein ernstes Thema, das ich dort nicht zum Teile lachend behandelt hätte, was dieses junge Volk, das sich selber, wie alle jungen Völker, phantastisch ernst nimmt, natürlich nicht nur schlecht vertrug, sondern auch kaum verstand. Und diese Periode hielt in langsamer Abschwächung an bis zum Jahre 1937, wo ich auf Wirken im bisherigen Stil verzichtete. In jenen Jahren habe ich bei jeder Gelegenheit herausgefordert, lächerlich gemacht, durch Paradoxie verwirrt und die Geister und Gemüter durchgeschüttelt. Damals erschien ich vielen wirklich als Verwandter Bernard Shaws, wie ich denn oft mit dem Titel der lachende Philosoph beehrt wurde. Dieselbe Periode nun war aber die, in der ich mich nicht mit Einzelnen, als welche ich als strebende Seelen immer ernst nahm, sondern mit Kollektivitäten, mit Kontinenten, Völkern und Zivilisationen befaßte. Das heißt: in jener Zeit war ich vornehmlich als Gesellschaftskritiker eingestellt. Es war dieselbe, in der ich mich, eine große Wende kommen fühlend, zum ersten Male andauernd auch mit politischen Problemen befaßte; selbstverständlich niemals als Politiker, der ich nicht sein kann; sondern als Impulsgeber zwecks Erneuerung vom Sinne her. Ich erinnere nur an meine vielen Vorträge jener Jahre in den verschiedensten Ländern über die Themen Die neuentstehende Welt, Europa am Abgrund, Das mechanische Zeitalter und was weiter?, Die Weltrevolution, Deutschlands Zukunft in weltgeschichtlicher Perspektive, Vom Geist der Erde, Individuum und Kollektivum, Rationale und emotionale Ordnung, Junge und alte Völker, Tradition und Fortschritt usw. Da nun alle soziale Form, vom metaphysischen Wesen her beurteilt, ein zufällig-Künstliches ist, so war es logisch genug, daß meine Uranlage, Gestaltungen nicht ernstzunehmen, die Grundanlage des Metaphysikers, so wie ich dessen Natur verstehe, sich mit meinem Sinn für Humor und meinem Zerstörerischen zu einer sonderlichen Wirkungseinheit zusammenschloß.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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