Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

I. Vorfahren - Wiedergeburt

Über den Segen des Schuldhaften werde ich in diesem Erinnerungsbuch gewiß noch häufig Gelegenheit finden, Betrachtungen anzustellen. Der Zusammenhang dieses ersten Kapitels fordert einzig und allein die Abgrenzung meiner persönlichen Bestimmung gegenüber der Vorfahrenwelt, in die ich hineingeboren war und die ich mit vielen Schichten meines Wesens noch heute verkörpere und auch nach dem historischen Ende des Baltentums in meinen Söhnen zu perpetuieren suche. So paradox es klinge: ich, den die meisten Balten meiner Generation als solchen nicht anerkennen wollen, weil ich in kritischer Zeit anders empfand und dachte und urteilte wie sie, bin heute wohl der letzte überlebende Balte von Vorfahrenart. Schneller als alle schnitt ich meine Wurzeln ab. Den rückwärts gewandten Vereinigungen der Emigranten trat ich nicht bei oder aber ich trat sehr bald aus ihnen aus. Andere Normen als die von mir selbst vertretenen durfte ich nicht mehr anerkennen. Insofern schied ich mich von der offiziell-sein-wollenden Baltenwelt in Deutschland — mit der in der Heimat ausharrenden blieb ich immer in Verbindung, vertrat sie zeitweilig sogar offiziell — äußerlich ab. Und dennoch habe ich als wahrscheinlich Einziger unter meinen Landsleuten nicht Selbstmord begangen, weil ich mich noch bei Lebzeiten zur Wiedergeburt als Balte auf neuem Boden, in neuer Weltkonstellation entschloß. Von höchster historischer Warte betrachtet, hat unsere Götterdämmerung einen viel tieferen Sinn als den, welcher mir selber 1918 und lange Jahre später bewußt war. Aber heute liegt alles das erwiesen zutage, was ich lange schon, freilich unter anderer Akzentlegung, wußte. Indem die Balten 1939 dem Ruf Hitlers nach Deutschland folgten, bewiesen sie, daß ihnen am Deutschtum mehr lag als an ihrem Baltentum. Aber schon wie sie 1917 die Politik begannen, an der sie schließlich starben, bewiesen sie, daß sie als Balten nicht mehr weiterleben wollten. Sie waren als Balten todesreif und wollten selber, wenn auch sich selber unbewußt, als Balten sterben. Darum sahen sie — damit siebenhundertjährige Geschichte verleugnend — im Aufgehen im Reichsdeutschentum ein Ideal; darum bekannten sie sich zuletzt beinahe insgesamt zu der einen politischen Idee, die unter den gegebenen raumzeitlichen Verhältnissen im Baltikum unmöglich eine politische Idee sein konnte; darum gewann, den Gesetzen der Symbolik der Geschichte (vgl. Schöpferische Erkenntnis) gemäß, der Geist derer, welchen unser Baltentum und Verantwortung im baltischen Raum nicht die Hauptsache war, die Oberhand. Ich sage absichtlich Verantwortung, nicht bloß Verwurzelung. Das historische Baltentum steht und fällt mit Herrentum — und gerade Herren wollten die meisten Balten bei unserer Götterdämmerung nicht mehr sein; rassisch waren sie ihrer Herrenstellung müde geworden. Das zeigte sich schon darin, daß im Bewußtsein der jüngeren Generationen der Nachdruck auf der Organisation und dem Gemeinschaftlichen lag, wo noch alle bedeutenden Vertreter der Generation meines Vaters sich an erster Stelle als Einzigkeiten fühlten und vom Einzigkeits­bewußtsein her den Normen des Gemeinschaftslebens Rechnung trugen. So handelte es sich beim Endschicksal des bodenständigen baltischen Herrenmenschen um richtigen Rassetod — nicht zwar im Sinn der Biologie, sondern in dem der historischer Gestaltung, welche bei der Artung des Menschen das Ausschlaggebende ist. Mit den Geschlechtern geht es wie mit den Tierarten. Bekanntlich starben alle Saurier mehr oder weniger auf einmal aus — nämlich als ihre Weltzeit um war; die akzidentellen Ursachen waren verschieden, der Seinsgrund war überall der gleiche. So gehen, sagt man, sämtliche Stecklinge eines Baums in dessen Todesstunde auf einmal aus. Nicht anders wollen die Geschlechter, deren Weltzeit um ist, gerade insofern sie instinktsicher sind, historisch sterben. Dies ist der wahre Grund, warum in Wendezeiten die letzten Vertreter alter Geschlechter bestimmter Tradition beinahe krampfhaft Mesalliancen schließen. Eben dies erklärt die eigentümliche Synchronizität zwischen Zwang der äußeren Umstände und freiem Wollen, das in solchen Fällen zu beobachten ist; denn auch aus äußeren Gründen konnte das baltische Herrentum nicht weiterleben.

Um das Jahr 2000 wird es kaum mehr einen geben, der als historische Gestalt an unsere stolze Ur-Art erinnerte. Die Wiedergeburt der Ausgewanderten geht den üblichen Weg der Metamorphose, wo zwischen zwei Verkörperungen Vergessen liegt. Diejenigen, welche keiner Wiedergeburt im Rahmen neuen Lebens fähig sind, müssen von der Bühne des praktischen Lebens abtreten. Das gilt sogar von den Begabtesten. Man gedenke des Rückzugs Shakespeares nach Stratford an Avon. Die letzten fünf seiner zweiundfünfzig Jahre blieb er tatenlos. Zwischen dem Sturm, welcher um 1610 entstand, und seinem Tode schrieb Shakespeare kaum mehr etwas. Aber verausgabt hatte er sich nicht. Shakespeares letzte Stücke enthalten nicht ein einziges Zeichen verfallender Kräfte oder versiegender Freude an seiner Kunst. Sein Schweigen hatte einen anderen Grund. Der aber war der folgende1. Mit Königin Elisabeths Tode im Jahre 1603 ging das gewaltigste Zeitalter englischer Geschichte zu Ende. Aus dem kleinen Eiland war ein Weltreich geworden. Den englischen Dichtern wie den englischen Seefahrern waren unerwartet weite Welten geöffnet worden. Mit jeder Erweiterung des Reiches war Shakespeare innerlich gewachsen. Es war eine Zeit der unbegrenzten Hoffnungen und der schrankenlosen Zuversicht. Doch mit der Thronbesteigung Jakobs I. verwandelte diese sich erst in tragischen Trübsinn, sodann in Bitterkeit und Enttäuschung. Der neue König war ein Schotte, ein Pedant, ein mißtrauischer Unterdrücker, ein Mann ohne Einbildungskraft, welcher Helden fürchtete. Er war ohne jedes Verständnis für Elisabeths Größe. Da Dichter zarte Wesen sind, so machte sich der Umschwung bald in der Literatur bemerkbar. Das Drama zumal verfiel. Shakespeare nun bewunderte die elisabethanischen Abenteurer über alles. Jakob beseitigte, so oder anders, alle Überlebenden unter ihnen. Shakespeare mußte dem allen zusehen, ohne es ändern zu können. Da nahm er Abschied von seiner Kunst. Die Worte des Prospero Das Fest ist jetzt zu Ende usw. waren des Dichters Schwanengesang. Er fühlte: meine Zeit ist unwiederbringlich um. Tun kann ich nichts gegen das, was ich als Gefahr so deutlich erkenne. Freiwillig abdankend, vertraute er nunmehr die neuen Aufgaben einer ihm fremden Jugend an.

Mein persönlicher Fall aber lag anders. Er glich dem des mythischen Aeneas, der die homerische Welt nach Italien hinüberzuretten versuchte. Ich blieb nicht allein als soziologische Figur der baltische und nur-baltische Herr, als welcher ich im Stil meiner Vorfahren in Rayküll gelebt hatte — ich wurde in meiner persönlichen Gestaltung immer baltischer. Ich stilisierte immer mehr und immer bewußter in zeitlos gültiger Form, was historisch verstorben war. Nirgends fand zuletzt mein traditionelles Herrentum weniger Verständnis, als bei meinen Landsleuten. Aber es gibt andererseits Länder auf mehreren Kontinenten, in denen mein Ethos, wenn auch den meisten unbemerkt, wirksames Ferment ist. Das aber ist nicht nur Hermann-Keyserlingisch, es ist baltisch im Sinne meiner Vorfahrenwelt. Im Verfolge dieses Erinnerungswerkes wird man sehen, wie mein langes Leben an vielen kritischen Punkten durch Unstetigkeitsmomente hindurch verlief, welche schließlich zu einer richtigen Wiedergeburt in diesem Leben führten. Genau in diesem Sinne bin ich als traditioneller Balte in der Zeit gestorben, um als geistiger Neuerer wiedergeboren zu werden. Meine ganze kompromißlose, nur unbedingte innere Selbständigkeit als Wert anerkennende Haltung ist baltisches Erbe. Ebenso meine Unabhängigkeit, mein mir-selber-treu-Bleiben durch Erfolg und Mißerfolg, durch Reichtum und Armut hindurch. Schaue ich mich heute selber im Bilde, dann erinnere ich mich selber immer mehr an ferne Vorfahren. Von uralter Wurzel aus lebe ich für ferne Zukunft. Würde ich einmal zu meinen Vätern, zumal denen des 17. und 18. Jahrhunderts, versammelt, ich fühlte mich sicher mehr zu Hause unter ihnen als in der modernen Massenwelt und würde gewiß auch als einer der ihrigen willkommen geheißen.

Fernste Vergangenheit und Zukunft verschmelzen damit zu eins. Ich sehe ein Sinnbild darin, daß es der letzte Ritterschaftshauptmann von Estland war, dank dem das Reisetagebuch eines Philosophen die Bolschewikenzeit überlebte und damit zur Grundlage meines neuen Lebens werden konnte. Als der Weltkrieg ausbrach, lagen die Korrekturen des ersten Bandes druckfertig beim Verlag (damals J. F. Lehmann’s, München), die zum zweiten bei mir in Rayküll, also auf russischer Seite. Bis zur Besetzung Estlands durch deutsche Truppen, 1918, war jede Verbindung zwischen mir und dem Verleger unterbrochen. Als ich die russische Revolution nahen fühlte, bangte ich um das Kostbarste, was ich für mein Gefühl damals besaß. Ich kaufte mir eine eiserne Kassette, verbarg darin Korrekturen und Manuskript und beinahe ein Jahr lang ruhte das Reisetagebuch unter einem neugepflanzten Baum im Rayküller Park. Als nun die Bolschewiken die Übermacht gewannen und ich allen Anlaß hatte, meinem Tode als naheliegender Möglichkeit ins Auge zu sehen, befürchtete ich, da ich allein mit einem treuen, seinerseits gefährdeten Gutsbeamten um das Begrabene wußte und die Stelle kannte, mein Werk möchte unbekannt unter der Erde liegenbleiben. So grub ich es in einer dunklen Winternacht unter der meterhohen Schneedecke, die es zur Zeit bedeckte, wieder aus und brachte es nach Reval, wo ich es meinem Freunde, dem Ritterschaftshauptmann von Estland, Baron Eduard Dellingshausen, zu treuen Händen überantwortete. Er, so meinte ich, würde selbst im schlimmsten Falle Mittel und Wege finden, das Reisetagebuch zu retten. Mein Vertrauen wurde nicht getäuscht. Als der Bolschewismus in Reval lostobte und Haussuchung auf Haussuchung erfolgte, da versteckte die Familie Dellingshausen Manuskript und Korrektur hinter einem vorspringenden Brette unter dem Speisetisch. Trotz peinlichster Durchsuchung wurde dieses Versteck nicht entdeckt. So verdankt das Reisetagebuch eines Philosophen seine Rettung recht eigentlich dem letzten Ritterschaftshauptmann von Estland.

1Hier folge ich Professor Bowra, Oxford, vgl. seinen Aufsatz in der Frankfurter Zeitung vom 18.11.1936.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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