Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

V. Bernard Shaw - Erleuchtet

Die letzten Betrachtungen haben implizite auch gezeigt, was jenes Prometheische im Gegensatz zum Epimetheischen bedeutet, das die Aktion der Schule der Weisheit im weitesten Verstand von jeher ausgezeichnet hat. Man überfliege im Geiste die Thematik und Instrumentierung der Darmstädter Tagungen, deren schriftlicher Niederschlag als Ganzes in den Leuchter-Bänden 1920-27 veröffentlicht steht, und von denen die Chronik im Weg zur Vollendung berichtet hat und weiter berichtet. Man gedenke meiner Reden und Vortragszyklen außerhalb Darmstadts, und nicht zuletzt der fortlaufenden Bücherschau im Weg zur Vollendung alles und jedes war hier darauf angelegt, nicht zu erkennen was ist, nicht Vergangenes zu beleuchten, sondern neues geistbedingtes Leben zu begründen. Eben zu dem Ende habe ich in Spektrum und Amerika mitunter karikiert, in anderen Büchern künstlerisch vereinfacht, und in allen Gesprächen, die ich als zu meiner Sendung gehörig anerkannte, soviel Paradoxa als nur irgend möglich losgeschossen, durch soviel Ironie, Humor und Witz, als ich nur aufbringen konnte, das Schwere zu zerstreuen und das Träge zu beschwingen versucht. Vom eigentlichen Problem der Schule der Weisheit wird das nächste Kapitel handeln. Zum Abschluß dieses dürfte ein Hinweis auf ein vereinigendes Symbol am Platze sein, aus welchem endgültig einleuchtet, wie Exzentrizität, spermatische Wirkung, Humor und Witz zutiefst zusammenhängen.

Das gemeinte vereinigende Symbol bietet der Ferne Osten. Zunächst mit seiner Zen-Lehre, von der ich das Wesentliche hier in Parallele zu meinen im Vordergrund stehenden Bestrebungen während der Blütezeit der Schule der Weisheit kurz zusammenfassen werde1. Das Wesentliche an Buddha ist, daß er erleuchtet ward. Ward er erleuchtet, so müssen es auch andere werden können. Können sie es werden, so ist das faktische Erleuchtet-Werden das einzige Ziel. Kann dieses Ziel erreicht werden, so muß es auf ebenso direktem Wege gelingen, wie es dem Buddha gelang. Gelang es aber dem Buddha, dann bedarf es eigentlich nicht allein des Buddhismus, sondern auch des Buddha nicht. — Ich will nun mein Streben und Bestreben während der Hoch-Zeit der Schule der Weisheit, wie ich es in der Rückschau zusammenfassend sehe, in Form von Parallelsätzen zu denen, in welchen ich die Grundideen des Zen zusammenfaßte, niederlegen. Ist Sinn das Tiefstwirkliche im Menschen, so muß er in seiner ganzen Tiefe erfaßt und in diesem Leben verwirklicht werden können. Kann er erfaßt und verwirklicht werden, so muß dieser reale Vorgang unabhängig sein von der Richtigkeit jeder bestimmten Interpretation. Kommt es also auf Interpretation nicht an, so wird jede Akzentlegung und Festlegung auf bestimmte Vorstellungen das Erreichen des Zieles hindern. Hindert Festlegen das Erreichen des Ziels, dann gilt es die Haltung schöpferischer Indifferenz zu erringen. Ist schöpferische Indifferenz die einzige geistgemäße Einstellung, weil sie allein den Geist zu realisieren erlaubt, dann kommt es auf die Art der Betätigung überhaupt nicht an. Kommt es auf die Art der Betätigung nicht an, dann entscheidet allein das Sein, welches sich selbsttätig auswirkt. Wirkt das Sein sich selbsttätig aus, dann gilt es alles zu lassen, was dieses hindern könnte. Ist also alles Vorläufige und Äußerliche vom Innenmenschen gelassen, dann fließt in die also geschaffene Leere die Fülle des letzt-Wirklichen unaufhaltsam ein. Fließt es also unaufhaltsam ein, dann entsteht die dieser Weltenstunde gemäße Form der Erscheinung, sonach die Kairós-gerechte integrale Offenbarung, als unvermeidliche Folge.

Heute gilt es, durch das Zwischenreich zum Ursprung durchzustoßen; nur vom persönlichen Ursprung und ursprünglich Erlebten her kann neues Heil kommen, von keiner Überlieferung, keinerlei Bildung mehr. Man denke hier zumal an alle Fortsetzer und Neubeleber esoterischer Tradition: ich traue keinem, welcher heute über Trinität und Tetraktys, Himmlische Hierarchien und ähnliches doziert, denn seit dem Aufkommen jener Vorstellungen, welche einmal ursprünglichen Einsichten zu Organen dienten, hat sich die Psyche des Abendländers dermaßen verändert, daß er durch Traditionelles hindurch keiner Erleuchtung mehr teilhaftig werden kann. Er muß einen neuen eigenen Weg zur ewigen Wahrheit finden, um sie wahrhaftig zu erleben. Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, um die nahe Verwandtschaft meines Zieles mit dem des Zen deutlich zu machen. — Nicht geringere Ähnlichkeit besteht, mutatis mutandis, zwischen der Art des Wirkens der Zen-Meister und der meinen. In beiden Fällen ist Durchstoßung aller intellektualistischen und moralistischen Überbauten, und darum Erschütterung des vorgefundenen Gleichgewichts methodische Grundforderung. In beiden Fällen bedingt dies Vorliebe für Herausforderung, Paradoxie, karikierende Übertreibung und Ablehnung alles Erklärens, welches den Schüler oder Leser der Selbstanstrengung entheben könnte; in beiden Fällen die Forderung schnellster Reaktion, wie solche für den Fechter gilt. In beiden Fällen kommt alles Belehren letztlich auf Polarisierung von Sein mit Sein heraus, woraufhin denn der Belehrte nicht abhängig, sondern selbständiger wird, als er vorher war.

Der Zen-Meister wirkt hauptsächlich durch Schroffheit und Humor. Anstatt zu antworten, bricht er seinem Schüler mal ein Bein, mal haut er ihm eine Ohrfeige herunter. Er ist eine ausgesprochen groteske Figur und wird auch in den Zen-Bildnissen also dargestellt. Überdies ist er durch und durch exzentrisch. Aber noch exzentrischer ist das Bild des Lo Han. Der Lo Han bedeutet den chinesischen Buddhisten dasselbe wie den indischen der Arhat. Doch welch’ ein Unterschied! Letzterer entspricht dem Europäer-Archetypus des weltüberlegenen, schönen und milden Weisen. Der Lo Han hingegen ist eine groteske Erscheinung durch und durch. Meist werden in China fünfhundert Lo Hans auf einmal dargestellt: jede Figur ist irgendwie exzentrisch, grotesk, skurril oder einfach komisch. Um mir lange Auseinandersetzungen zu sparen, setze ich einige Sätze Erwin Rousselles aus dem zweiten Heft des Jahrgangs 1933 von Sinica (S. 65/66) her, die den chinesischen Begriff der Erleuchtetheit erläutern:

Der Erleuchtetheit entspricht eine völlige Freiheit von allem Vorstellungszwang des gewöhnlichen Menschen. Das sind die acht Freiheiten (sa. vimoksa, chin. Gie To) nämlich:
  1. Befreiung von der Auffassung, daß Wahrnehmungen entsprechende subjektive und objektive Wirklichkeiten hätten,
  2. Befreiung von der Vorstellung, daß Wahrnehmungen zwar keine subjektiven, aber objektive Entsprechungen in der Wirklichkeit hätten,
  3. Befreiung von der Vorstellung irgendwelcher Realitäten — subjektiver oder objektiver Art — überhaupt,
  4. Freiheit durch die Anerkennung und Erfahrung der Tatsache, daß das Unwirkliche unbegrenzt ist,
  5. Freiheit durch die Anerkennung und Erfahrung der Tatsache, daß die Erkenntnis unbegrenzt ist,
  6. Freiheit durch die Anerkennung und Erfahrung des absoluten Nicht-Daseins,
  7. Freiheit durch einen Geisteszustand, der weder als bewußt noch als nicht bewußt zu bezeichnen ist, und
  8. Freiheit mit Hilfe eines Geisteszustandes, in welchem das endgültige Erlöschen der Wahrnehmung und des Bewußtseins vorhanden ist.
Behaust im Unbehausten sind diese freien Geister! Die drei ersten Freiheiten entsprechen den Dhyana-Himmeln über den niederen Göttern, die vier folgenden erheben sie zu den vier formfreien Welten, und die letzte Freiheit läßt sie ins Nirvana eintreten. Der Riesenbau des Universums hat keine Geheimnisse mehr für den Geist. Denn der Aufbau des Alls ist ja selber nichts anderes als eine Schichtenfolge von Meditations- und Erleuchtungsebenen. Das gerade aber ist das ureigene Element der buddhistischen Heiligen.
Dem erleuchteten Heiligen, dessen Geist alle Schleier sechsfach durchdringt, der sich der absoluten achtfachen Freiheit erfreut und völlig von den Wesen, von der Welt — und zwar von dieser und jener! — gelöst ist, der ist nur noch in der Bewegung des eigenen Geistes und seiner metaphysischen Abgründigkeit zu Hause. Hier ist nun jener gefährliche Punkt erreicht, wo das Göttliche und das Dämonische in pantagruelischer Weise ineinander überzugehen scheinen, wo der Mensch entweder ironischer Zyniker wird, nicht ohne das Zwielicht satanischer Färbung, wo das überhöhte Selbstbewußtsein in eigensinniger Askese sich abschließt und in der selbstgewollten Einsamkeit seine Befriedigung und Rechtfertigung findet, oder andererseits, wo der Mensch voll sonnigen Lachens und erfüllt von einem unbändigen Humor vom Abgrund der Welt heimkehrend sich freundlich und anspruchslos wieder allem zuwendet. In beiden Fällen ist das Skurrile, das Groteske die einzige Möglichkeit des Lebensstils.

Was soll ich hier noch hinzufügen? Freilich ist der Erleuchtete exzentrischer Art ein sonderbarer Heiliger. Er ist wesentlich amoralisch. Das ist jeder bedeutende Geist des Ostens. Ihm fehlt jeder Sinn für unsere Begriffe von Sünde und Schuld; unbefangen lebt er auch sein Dämonisches aus. Dank dem hat der Osten Herrscher eines Formats hervorgebracht, wie sie der Westen niemals gekannt hat. Erreicht nun ein also Eingestellter höchste Erleuchtung, dann gewinnt er Teil am Tremendum der Gottheit. Es macht ihm nichts aus, in gegebenen Weltsituationen lachend Bodhisattvas des Untergangs zu sein; als welcher die Welt in Brocken zerbricht, sodann in Krumen zerreibt, dann immer weiter zerkrümelt, bis daß sie zu Staub und dieser zu nichts geworden ist. Und freilich droht solchen Erleuchteten mehr als anderen die Gefahr, gleich Luzifer abzustürzen. Aber der Erleuchtete braucht nicht abzustürzen. Daß der Luzifer unserer Überlieferung abstürzte, spricht vielleicht nur westlicher Unzulänglichkeit das Urteil. Auf alle Fälle war es Luzifer auch bei uns, welcher das Licht brachte. Und auch bei uns ging aller Fortschritt auf Erden von Kains Frevel und nicht von Abels Frömmigkeit aus. Aber wenn der Erleuchtete Lo Han’scher Artung so gefährdet ist und so schrecklich erscheinen kann, so kann er andererseits lachen wie kein anderes Erdenwesen. Er kann durch die bloße Erschütterung seines Lachens alle Fesseln lösen. Sein Lachen kann wie nichts anderes befreien. Und insofern sein Lebensstil ein skurriler und grotesker ist, heiligt er die Groteske, die das Menschenleben als Ganzes darstellt, und dieses groteske Wesen, den Menschen überhaupt, der wahrscheinlich nicht vom Affen abstammt, aber ihn in so vielem Lächerlichen übertrifft. Es war ein furchtbarer Irrtum unserer Westwelt, den Erleuchteten mißvergnügt und weltverächterisch vorzustellen, dem Erfreulichen dieses Lebens abgekehrt. Nur im Zeichen der Freude ist der Mensch zu erlösen und nur in dem des Frohsinns zu befreien. So erwuchs die hellenische Philosophie aus dem Geist des Gastmahls. Der berauschende Soma-Trank war der Inspirationsquell des Mahabharatam. Wann immer ich in der Periode meines spermatischen Wirkens geistige Menschen zu mir lud, gab ich ein Gelage: nur die Stimmung des Festes entbindet Geist und Seele von der Alltagsschwere, die ganz und gar dieser dunklen Erde zugehörig ist. Und wo immer ich in Form des Lachens sagen konnte, was ich ernst meinte, da lachte ich. Aber freilich wurde auch mein damaliger Stil oft als skurril und grotesk empfunden. Er war es wohl auch. Wie ein Hellseher 1921 meine Aura betrachtete, sagte er mir befremdet: Merkwürdig, anstatt wie ein Heiligenschein auszusehen, sitzt sie Ihnen schief auf dem Kopf. Da freute ich mich2.

1Diese vergleichenden Betrachtungen habe ich schon früher einmal öffentlich angestellt, doch muß ich sie an dieser Stelle wiederholen, da sie in den vorliegenden Zusammenhang notwendig hineingehören.
2Vollendet Aurach 4. 12. 1944
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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