Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

VI. Die Schule der Weisheit - Was uns not tut

Das Beste, was je über die Schule der Weisheit und meine Stellung zu und in ihr gesagt worden ist, enthält der Satz von Oscar A. H. Schmitz: In der Schule der Weisheit ist Keyserling der erste Schüler. Gegründet habe ich sie mit den gleichen Gefühlen, mit denen ein Kind in ein fremdes liebloses Internat einzieht, in das es die Eltern fortschickten und dem es sich nunmehr einordnen muß allen Neigungen und Gewohnheiten zum Trotz. Wie ich in ihr zu wirken begann, wußte ich über Lehrplan und alles sonstige Empirische nicht besser Bescheid, als ein durch Freiheit verwöhntes Landkind über die harte Ordnung eines Kadettenkorps. Und geschah in Darmstadt fortschreitend immer mehr das, was ich eigentlich und persönlich wollte, so war es, weil ich in der Schule der Weisheit von Monat zu Monat immer mehr zulernte, sodaß ich ihren Stil schließlich wirklich meisterte, gleich wie ein englischer Junge den von Eton. Ich weiß, so hat sich keiner Gründung und Fortentwicklung vorgestellt, auch unter meinen nächsten Schülern nicht. Es hat sogar wahrscheinlich keiner von denen, welche von Anfang an regelmäßig alle Darmstädter Veranstaltungen mitmachten, bemerkt, daß der Stil der Schule, welcher zugleich mein persönlicher Stil war, aus einem ursprünglich Ungeformten wie ein Naturprodukt erwuchs. Und doch war es nicht anders. Die bestimmte Darmstädter Periode meines Lebens, die von 1920 bis ungefähr 1927 reicht, ist das merkwürdigste Abenteuer, das meine Seele je bestanden hat. Ich limitiere die Periode mit der letzten großen Tagung, weil ich ab dann nicht mehr als Schüler meiner Schule, sondern als deren Absolvent hauptsächlich außerhalb Darmstadts fortgewirkt habe.

Die Möglichkeit, als Schüler eines von mir Herausgestellten mein eigener Schüler zu sein, ergab sich zunächst aus meiner Kosmopathie. Wer das diesbezügliche Kapitel des ersten Bandes vergessen hat, der rufe es sich, bevor er hier weiterliest, lieber wieder ins Gedächtnis, denn ohne die dort geschaffenen Grundvoraussetzungen wird er das Kommende kaum verstehen1. Wie konnte ich aber nun von dieser Einstellung aus die Verantwortung für die Rolle eines Lehrenden übernehmen? Dies ergab sich aus den folgenden meiner schon 1920 gefestigten Überzeugungen. Deren erste ist die, daß man von einem gewissen Alter ab lehren muß, um selber weiter zu lernen: so will es der Rhythmus des organischen Werdens; genau so wächst die Frau nur als erziehende Mutter zur allseitig gereiften Persönlichkeit heran. Deren zweite ist die, daß zwischen Lehren und Lernen, sofern sie richtig verstanden und ausgeübt werden das heißt auf Seinssteigerung abzielen, überhaupt nicht die Beziehung besteht, die ihr von jeher zuerkannt wird: das Eigentliche beim Lehrer-Schüler-Verhältnis ist die Polarisierung und Polarisierung kann nur gegenseitig sein2. Folglich lernt der Schüler vom Lehrer am meisten in Funktion von des letzteren eigenem Streben. Die dritte meiner hier in Frage kommenden Grundüberzeugungen war und ist die, daß alle entscheidende Einwirkung von Unbewußtem zu Unbewußtem verläuft, weshalb es nicht nur sinn- sondern auch zwecklos ist, anderen etwas vorzumachen. Es wirkt doch nur das wahre und wahrhaftige Sein. Ich wollte nun niemals Lehrer im Sinn von Wissensvermittlung sein, darum kamen damit zusammenhängende Erwägungen für mich niemals in Frage; wer immer nach Darmstadt kam, um anderes als Befruchtung und Seinssteigerung durch mich zu erfahren, den schickte ich so schnell als möglich anderswohin fort: an die Universität, in das geistliche Seminar, in die theosophische Gesellschaft, in eine politische Arbeitsgemeinschaft, je nachdem. Ich war ferner von vornherein der Überzeugung, daß ich anderen nur helfen könne, insofern ich an der Berührung mit ihnen selber wüchse und sie damit unwillkürlich hinaufhöbe, insofern also unsere Beziehung eine Bewegung im Sinn von Spannung und Rhythmus verkörperte. So kam es mir nicht nur auf die offizielle Etikette, sondern auch den realen Ausgangspunkt am wenigsten an: ich war dessen gewiß, daß, falls ich nur wahrhaftig war und ständig voranzukommen trachtete, die Gestaltungen schicksalsmäßig entstehen und die Wirkungen unvermeidlich eintreten würden, die meinem wahren Wesen und echtem Strebens ziel im Zusammenhang mit anderen Menschen entsprachen. So habe ich denn völlig unbefangen die Schule der Weisheit gegründet, ohne, bevor mein Wirken daselbst begann, auch nur im mindesten zu wissen, was ich in ihr sollte. Ich folgte dem bekannten Rezept des schnellsten Schwimmen-Lernens: man stürze sich in möglichst tiefes Wasser. Aus der Gefahr des Ertrinkens ergeben sich die rechten Schwimmbewegungen von selbst.

Nun möchte dieser oder jener einwenden: dann könnte ja jeder alles anfangen. Anfangen vielleicht: doch unter keinen Umständen lange fortführen. Wer aus seinem schöpferischen Unbewußten heraus lebt, trägt unter allen Umständen in sich selber das Urbild seiner höchstmöglichen Manifestation, und daraus ergibt sich an der Berührung mit der Außenwelt zweierlei: entweder er findet die seinem Tiefsten gemäße Einstellung zu und in ihr direkt, oder aber indirekt, durch Elimination des Ungemäßen. In beiden Fällen nun ist es bei vorhandener innerer Wahrhaftigkeit unmöglich, etwas über eine begrenzte Zeitspanne hinaus fortzuführen, was einem gar nicht liegt. Zumal die Welt ihrerseits alles dazu tut, um einem zu richtiger Einstellung in ihr zu verhelfen. Letzteres meine ich durchaus nicht allein im Verstande der Zustimmung und Ablehnung, des Erfolges und des Mißerfolges, welche letztlich überall von ihr und nicht vom Einzelnen abhängen: im Gegenteil, das meiste echte Streben hatte lange, wenn nicht zeitlebens, gegen äußere Widerstände zu kämpfen. Ich meine es im Sinn vorherbestehender Korrelation zwischen den verschiedenen Menschentypen, welche sich allesamt, — ob in Freundschaft oder Feindschaft, gleichviel, ergänzen und voneinander abhängen. Jeder ist nun einmal zu einer bestimmten Rolle im Menschheitskosmos vorherbestimmt, ob er und andere diese erkennen oder nicht. Sie zu erkennen — eben dazu bedarf es der inneren Wahrhaftigkeit. Solche schließt Lebensführung im Sinn von Lebenslüge, zu welcher alle abstrakten Pläne mitgehören, sobald sie sich ihrer selbst bewußt wird, vollständig und durchaus aus. Ihrer selbst bewußt aber wird sich die innere Wahrhaftigkeit eben an der Berührung und am Zusammenprall mit der Welt.

Woher kommt es nun, daß allzu viele Leben trotzdem zum großen Teil Gestaltungen der Lebenslüge sind? Das kommt von jener negativen Abart der Tugend der Eitelkeit, welche Produkt der Angst ist. Grundsätzlich ist Eitelkeit nämlich, wie in Zeitgenossen von einem anderen Aspekt her bereits dargetan, als Tugend zu bewerten, und dies zwar nicht allein bei Frauen: wer gar nicht gefallen will, dem fehlt es an Delicadeza und wem es an dieser fehlt, der ist unfähig zu allem, was mit Kultur der Schönheit zusammenhängt3. Wer keinerlei Freude an sich selbst hat, ist niemals generös, und wer sich seiner freut, ist ipso facto auch selbstgefällig. Zur Untugend wird Eitelkeit, wie gesagt, erst dort, wo sie Angst-geboren ist: das heißt geboren aus der Angst nicht gut genug zu scheinen, wovon die Angst vor der öffentlichen Meinung der harmloseste, wenn auch subalternste Ausdruck ist. Diese Angst lähmt oder tötet die Wahrhaftigkeit, und wo diese fehlt, dort ist Entwicklung in Korrelation zur Welt unmöglich. In letzterem Zusammenhang ist nun die verderblichste Angst diejenige vor den eigenen Irr- und Umwegen. Es ist ganz und gar unmöglich, ohne Irr- und Umwege voranzukommen, es ist ausgeschlossen, ohne Schuld irgendwelcher Art und ohne auf-sich-Nahme derselben das Heil, sein Heil zu finden. Bei früheren Gelegenheiten erzählte ich von einer Insekt-Imago, welcher ein mitleidiger Beobachter das mühsame Auskriechen aus der Puppe erleichterte: dieses Exemplar erwies sich nachher als lebensunfähig, denn gerade die Mühsal der Überwindung der Geburtsschwierigkeit schafft bei diesem Tier das Kräftekapital, von dem es als freie Imago später lebt. In sehr viel höherem Grade gilt gleiches vom Menschen, welcher mehr werden will, als er von Hause aus war; nur liegen die Hauptschwierigkeiten, die es ohne Hilfe zu überwinden gilt, auf den Gebieten der Angst und der negativen Eitelkeit. In diesem Sinne habe ich schon mit 31 Jahren, im Buddha-Gaya-Kapitel des Reisetagebuchs, mit Recht behauptet, daß der Apostel Paulus der eigentliche Vater des Christentums ist: hätte dieser sündige und große Mensch nicht unablässig gestrebt — die Bewegung, die das Christentum noch heute im Gang erhält, wäre nie entstanden. Jesu Brüder waren ja schon emsig dabei, aus dem Christentum eine Art Gesellschaft mit beschränkter Haftung, deren Hauptaktionäre die Familienmitglieder waren, im Rahmen des Judentums zu bilden und gegen sie vor allem, viel weniger gegen die Heiden, mußte Paulus sich, anfangs sehr gegen seine eigene Neigung, durchsetzen.

Was ich hier ausführe, dessen war ich mir 1920 nur ganz dunkel bewußt. Aber dunkel bewußt war ich mir dessen eben doch: sonst wäre ich nie nach Darmstadt gezogen und hätte nie in meiner dortigen Tätigkeit verharrt, denn in den ersten Jahren nach der Gründung boten sich mir mehrere andere und sicherere Existenzmöglichkeiten, unter denen ich hier nur die Berufung zum ordentlichen Professor nach Wien nennen will. Es kam alles ganz anders, auf sehr viel zufälligere Weise zustande, als sich’s die allermeisten träumen. Zunächst fühlte ich mich, der ich zuletzt so fest wie wenige mit meiner Heimat (unter welcher ich erlebnismäßig nur meine Güter verstand) zusammengewachsen war, wie ich 1918 in die Verbannung nach Deutschland ziehen mußte, entwurzelt. Gerade entwurzelt oder besser noch von meinen Wurzeln abgeschnitten, wie eine gepflückte Blume; diese blüht noch lange weiter, und so mag sich ihr Blütenbewußtsein dabei ganz wohl fühlen — aber der Zusammenhang mit dem, woraus sie ihre Lebenskraft bezog, ist hin. Während der vier Kriegsjahre hatte ich mich von Rayküll und Könno kaum überhaupt entfernt und vier Jahre solcher Intimität hatten eine richtige Ehe zwischen mir und der väterlichen Scholle, wie man bei uns sagte, geschaffen; eine richtige Ehe steht und fällt nämlich mit dem Zusammengewachsensein vom Unbewußten her. Dann hatte ich, der bisherige überzeugte Ehefeind, aus unwiderstehlichem, als Schicksal empfundenem Drang, gerade wo ich alles verloren hatte, und höchstwahrscheinlich mit darum, eine Familie gegründet und wußte, da sich der Erfolg des im Dezember 1918 erschienenen Reisetagebuchs erst über ein Jahr später einzustellen begann, überhaupt nicht, wie ich sie ernähren sollte, denn auch meine Frau verlor alles durch die allgemeine Entwertung. In gar keine im Zwischenreich vorgesehene Stellung paßte ich hinein, vor jeder Einsperrung in eine Berufstätigkeit, jede Einspannung in einen vorherbestimmten Rahmen graute mir; wie mir Alfred Weber 1919 den Versuch nahelegte, mich in Heidelberg zu habilitieren, lehnte ich die bloße Zumutung eigentlich komisch entrüstet ab! Mein Rednertalent, von dem ich später hauptsächlich existieren sollte, hatte ich noch nicht entdeckt; ich ahnte nur, daß es da war: sonst hätte mir Johannes Müllers Erzählung davon, wie er sich als freier Redner seine besondere Existenz begründet hatte (auf welchen Plan ich von mir aus nie gekommen wäre), nicht dermaßen eingeleuchtet, daß ich auf das eine Gespräch in Elmau im Jahre 1919 hin die gleiche Möglichkeit für mich ins Auge faßte. Gegen das Vielschreiben des Berufsschriftstellers opponierten alle meine Instinkte; überdies wußte ich von gewissen Enttäuschungen der ersten Jahre nach der ersten russischen Revolution her, wo ich mich ruiniert glaubte, ohne es wirklich zu sein, daß mir jede Befähigung zum Journalisten fehlte; letzterer muß überzeugt für den Tag leben, gleichwie nur der erfolgreicher Geschäftsmann ist, der in seinen Dispositionen in erster Linie an heute nachmittag und morgen und nicht primär an übermorgen denkt — ich aber konnte nur im Rahmen ganz großer Zusammenhänge und von diesen her wahrhaftig sein. So war ich damals im genauen Wortsinn desorientiert, recht eigentlich richtungslos im Weltall schwebend. Dann hatte ich als Folge der zwei schweren Lungenentzündungen, welche mich beide, dicht hintereinander, 1918/19 an den Rand des Grabes brachten, auf über ein halbes Jahr alle Vitalität und alle Produktionsfähigkeit verloren. Aus eigenem Wollen und Drang machte ich überhaupt keine praktischen Pläne; hier wirkte eine Art Komplex mit, denn schon damals wußte ich, daß bewußte Planung in meinem Fall niemals zu gutem Ende führt — zu sehr fehlt mir dazu der bewußte Zusammenhang mit dem Äußerlichen der Menschenwelt, wie sie zumal dem extravertierten Empfindungstypus eignet. Ich war mir vollkommen klar darüber, daß ich auf alles Vergangene zu verzichten hatte und gleichzeitig innerlich überzeugt, daß mein eigentliches Leben jetzt erst anfing, denn mein Selbstbewußtsein war durch die Katastrophe überhaupt nicht erschüttert und ich wußte wohl, was das Reisetagebuch für mich bedeutete. Aber andererseits fehlte das mir ganz und gar, was am häufigsten Gottvertrauen geheißen wird, ich kannte auch niemals das, was andere Menschen Hoffnung heißen und wovon so viele leben. Als Otto Reichl meine bei verschiedenen Verlegern verstreuten Bücher übernahm, alsdann nach Darmstadt zog und mir nahelegte, gleichfalls dorthin überzusiedeln, um eine Philosophenkolonie zu gründen, für welchen Plan er den Großherzog von Hessen zu gewinnen hoffte, da sagte ich grundsätzlich nur zu, weil ich überhaupt nicht aus noch ein wußte und einsah, daß ich schließlich irgendwann und irgendwo beginnen müsse; das weitere würde sich finden. Erst als Reichl mir telegraphierte Plan der Philosophenkolonie genehmigt wurde mein Inneres überhaupt zu aktiver Stellungnahme aufgerufen — natürlich zu einer negativen, denn daß die Idee einer Philosophenkolonie ein glatter Unsinn war, lag auf der Hand. Da fing ich denn an, darüber nachzudenken, was ich allein in Darmstadt tun könne. Damals weilte ich in Murnau am Staffelsee, von meinen zwei Lungenentzündungen noch immer kaum genesen. Ich setzte mich hin und begann zu planen. Weder früher noch später je ist mir Komposition gleich schwer gefallen. Ich konnte zunächst nur per Elimination vorgehen das heißt ausschalten, was keinesfalls für mich in Frage kam. Ich konnte das ungefähr herausschälen, was aus der Schau des Reisetagebuchs und meinem mir bereits bewußt gewordenen differentiellen Sein in aktive Impulsgebung umzusetzen war. Und so entstand unter unsäglichen Mühen und Geburtswehen, ohne jede Freude, die Programmschrift Was uns not tut, was ich will. Die Schrift ist mir vom Schicksal buchstäblich ab-erpreßt worden, denn nichts lag mir ferner, als mich als Lehrer zu betätigen; ich stand damals (und übrigens auch heute noch) innerlich genau so ablehnend zu absichtlichem und berufsmäßigem Lehrertum, wie ich’s im Zustand des Reisetagebuch-Schreibens von mir bekannte. Ich weiß, daß es ohne Erziehung leider nicht geht, aber mir liegt einzig und allein das Inspirieren; den Unterschied dieser beiden Betätigungen habe ich im Kapitel Inspiration und Erziehung der Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit genau bestimmt. Ich erkenne auch den Wert des Könnens vollkommen an — aber mich interessiert in erster Linie das Sein und von ihm allein her vermag ich selber zu wirken4. Nun aber kommt das im Zusammenhang der Gesamtbetrachtungen dieses Kapitels, zumal in dessen Zuspitzung auf das Problem der Wahrhaftigkeit, Entscheidende: daß mir das Schreiben jener Schrift dermaßen schwer fiel, lag daran, daß ich innerste Tendenzen an die Oberfläche heben mußte, die bisher abgekapselt lagen. Ich zwang mich zu nichts, wozu ich keine Vollmacht hatte: es hatte nur in meiner bisherigen Lebensorganisation keinen Platz gefunden. Was ich schließlich herausstellte, entsprach wirklich dem, was ich aus innerer Wahrhaftigkeit vertreten konnte und heute noch vertreten kann. Und über das mich persönlich Betreffende hinaus liegt das geistig-seelische Grundproblem dieser Zeit tatsächlich so, wie ich es in jener Programmschrift hinstellte. Gleiches gilt von den diese Schrift ergänzenden programmatischen Kundgebungen Worauf es ankommt und Die Kultur des sich-leicht-Machens, die jetzt zusammen mit Was uns not tut den zweiten Teil der Schöpferischen Erkenntnis bilden, obgleich diese ungefähr ein Jahr vorher ohne beabsichtigten Hinblick auf die Schule der Weisheit entstanden. Ich war also unter dem Druck der Anangke nicht abgebogen in eine mir eigentlich fremde Richtung-gerade unter deren Druck fand ich den Weg zu meinem Bewußtsein bis dahin fremdem ursprünglich-Eigenstem. Ich erlebte damals an mir selbst, was sonst nur im Fall der Entstehung geistig und moralisch großer Völker oder bei historischen Mutationen in die Augen springt. Seitdem es Menschen gibt, sind deren Gemeinschaften dann allein zu geistbestimmten Gestalten geworden, wenn sie sich in ihren letzten Tiefen so tief gefährdet fühlten, daß ihre tiefsten Bildekräfte aufgerufen wurden. Nur in diesem Fall findet so ausgesprochene Formung statt, wie sie in jeder körperlichen Gestalt in die Erscheinung tritt. Das meinte ich, wenn ich an einer früheren Stelle schrieb, die Völker seien nicht die Väter, sondern die Kinder ihrer Taten. Ich hätte nur schon damals hinzufügen sollen, daß sie auch die Kinder ihrer Leiden sein können.

Der Weg zu dem, was sich in Darmstadt schließlich vollendete, war allerdings alles eher als leicht für mich. Im Frühjahr 1920 hatte ich zwei Kapitel betitelt Natur und Geist und Das Reich der Freiheit entworfen, mit welchen ich die umzuarbeitenden Prolegomena zur Naturphilosophie in eine Metaphysik einmünden lassen wollte5. Aber das Herausstellen dieses noch Unreifen bedingte eine solche Überanstrengung, daß ich darüber mit meinen Nerven zusammenbrach. Trotzdem geht die Richtung meines ganzen späteren Wirkens auf die skizzierten Einsichten jener (nie veröffentlichten) Kapitel zurück. Von meinem heutigen Standpunkt aus kann ich genau diagnostizieren, worin damals die größte Schwierigkeit für mich lag: ich war gewohnt, nur auf Einfälle zu warten und diese dann aufzufangen; nichts lag meinem Bewußtsein ferner, als diese im Leben verwirklichen zu wollen. So hatte ich schon 1907 bei der ersten Fassung der Prolegomena für meine Hamburger Vorträge die Metaphysik ganz in meinem späteren Sinn als Leben in Form des Wissens bestimmt und schon 1910 in einem Aufruf Platz für persönliche Einwirkung freier Geister, Ähnliches als notwendig hingestellt, was später als Schule der Weisheit in Erscheinung trat6. Aber ich kam damals gar nicht darauf, diese Idee selber in die Tat umzusetzen. Es kam alles vielmehr so: mein Unbewußtes drängte den Einfällen nach, nutzte weiblich-schlau Gelegenheiten aus oder arrangierte von sich aus Zufälle, welche mich schließlich gegen meinen Willen in die Praxis hineinzwangen. Ein besserer Psycholog, als ich es in meiner Jugend war, hätte solche Zusammenschweißung ursprünglich divergierender Tendenzen als auf die Dauer unvermeidlich vorausgesehen; es war sozusagen meine Spezialität, daß ich zur Selbstfindung einer Weltkatastrophe bedurfte. Ich war immer auch extrem aktiv gewesen; galt es überhaupt zu arbeiten, so war ich unermüdlich und der Absicht nach auch peinlich genau. Aber mein Aktivismus hatte früher nie im Zusammenhang mit meinem eigentlichen Schaffen gestanden. Er erschöpfte sich in den Perioden, wo ich von keinem innerlichen Geschehen ergriffen war, von Berufsarbeit als Landwirt, von Korrekturlesen und ähnlicher unvermeidbarer mechanischer Arbeit abgesehen, in endlosen Spaziergängen oder Exzessen, die in Übermüdung ausklangen. Darum war ich, sonst übermäßig schnell, im praktischen Realisieren ein Nachhinker — sogar im Befolgen von Kleidermoden. — Insofern ich nun als Praktiker dem Schauer nachhinkte, kann man sagen, daß ich von Etappe zu Etappe immer wieder meinem eigenen Leben theoretisch vorgegriffen habe. Bei diesem Rhythmus ist es auch geblieben, bis daß nach der Zeit der großen Erfolge diejenige der großen Stille kam. Wie ich 1939 zur französischen Volksausgabe von Menschen als Sinnbilder (Figures Symboliques) eine Vorrede zu schreiben hatte, die meine darin enthaltene Biographie, die ursprünglich mit dem Jahre 1925 abschloß, bis zum Jahre 1939 weiterführte, da machte es sich ganz von selbst, daß ich diese im Sinn des vorhin vom Vorgreifen Gesagten Anticipation et Réalisation betitelte. Von dem, was in dieser Vorrede steht, drucke ich zur Erläuterung des bisher Gesagten das hier ab, was ich auf deutsch zuerst im Oktober 1938 im Weg zur Vollendung (Nr. 27) darüber verlautbarte:

Wer ich als Geist bis etwa 1914 war, steht in meinem Reisetagebuch so deutlich niedergelegt, daß ich darüber nichts Lehrreicheres zu sagen wüßte. Mein Selbstbewußtsein, wie es sich 1925 oder 1926 und von dort her auf die Vergangenheit zurückgreifend, darstellte, habe ich im Epilog zu Wiedergeburt, Mein Glaube, kurz geschildert. Im letzten Jahr nun ist es zu der Krise in mir gekommen, welche die meisten schon Ende der Vierziger erleben und welche C. G. Jung dahin bestimmt, daß sich das Bewußtsein von äußerlich greifbaren Zielen dem eigenen Unbewußten zuwendet, von welcher Wendung ab der eigene irdische Tod im selben Sinn naturgewolltes Ziel ist, wie vorher irdische Erfüllung. Und seither wird mir von Tag zu Tag klarer, was ich von jeher anstrebte, was meines Schicksals Sinn und meines Lebens letztes Ziel ist.
Wie in Wiedergeburt zu lesen steht, habe ich mich von Hause aus ursprünglich nur als Gast auf Erden gefühlt. Vollbewußten Kontakt mit der Erde gewann ich erst in Südamerika, 1929, aus welchem Kontakt dann die Südamerikanischen Meditationen entstanden. Aber mein Geist sehnte sich von jeher nach Verkörperung — nicht nach Entkörperung. Und zum Schreibenden wurde ich, der ich ursprünglich keinerlei Neigung zum Schriftsteller hatte, dadurch, daß ich angesichts meiner vorhandenen Begabung und vor allem Unbegabung nur den einen Weg des schriftlichen Ausdrucks vor mir sah, um mein Eigentliches überhaupt zu materialisieren. Bei meinem Schreiben nun fühlte ich mich von jeher nicht unähnlich einem Schreibmedium. Nie wußte ich im voraus, was ich sagen würde — ich spürte jeweils nur den Drang, eben jetzt in bestimmtem Rahmen oder über ein bestimmtes Thema etwas zu sagen; das Ergebnis kam allemal so schnell als überhaupt praktisch durchführbar zustande und bedeutete mir selber allemal eine Überraschung — und sei es auch nur die überrascht frohen Wiedererkennens des bewußt nur dunkel Geahnten. Wie ich in Darmstadt eine äußere Tätigkeit zu entwickeln hatte, an die ich früher niemals gedacht hatte und die mir von Hause aus gar nicht lag, da präzisierte sich dieses wunderliche Verhältnis dahin, daß mein Schaffen vom Zusammen-Einfallen eines bestimmten Titels mit einem bestimmten Datum gelenkt wurde: inzwischen brauchte ich gar nicht an das zu Leistende zu denken; nahte der Termin, dann verkörperte sich das Geahnte ganz von selbst.
Heute nun, 1938, bin ich über die Periode äußeren Herausstellen-Wollens (wenn auch schwerlich tatsächlichen Herausstellens: neunzig Prozent dessen, was ein Mensch tut, wird auch dem Geistigen von außen aufgezwungen) hinaus. Ich will nicht mehr dasselbe, wie in den ersten 57 Jahren meines Lebens. Als letztes Werk strebe ich eine persönliche Verkörperung, oder genauer, die Verkörperung des mich treibenden Geists in meiner Person an, die mir früher unerreichbar war, die ich aber jetzt als grundsätzlich erreichbar ahne. Und da bietet sich mir, von meinem neuen Standorte aus zurückblickend, ein merkwürdiges Bild: von Jugend auf, und im Lauf meines Lebens in immer neuen Etappen und Aspekten, habe ich in Form geistiger Forderung antizipiert, was mir nunmehr, aber wohlverstanden jetzt erst zu persönlichem Erlebnis wird; was ich früher herausstellte, fiel mir nur, gleichsam unverbindlich, ein. Kürzlich las ich den Epilog vom Gefüge der Welt wieder, den ich, glaube ich, mit vierundzwanzig Jahren konzipierte: eben diese Allbedingtheit des Menschen, welche doch zugleich schöpferische Freiheit allererst ermöglicht, und die ich im Buch vom persönlichen Leben so scharf gekennzeichnet habe, als es mir möglich ist, treibt gebieterischer Drang mich jetzt zu realisieren. Mit sechsundzwanzig Jahren, in der Unsterblichkeit, bestimmte ich, von außen her dem Inneren zustrebend, das ich aber damals noch gar nicht direkt erleben konnte, den tiefsten Kern des persönlichen Menschen als ein Überpersönliches: eben dieses Überpersönliche, das allen Begriffen entrinnt, wird mir jetzt immer mehr, in organischem Wachstumsprozeß, zur lebendigen Erfahrung. Die ganze Lehre der Schule der Weisheit, von welcher ich als wichtigste Punkte hier nur die Neuverknüpfung von Seele und Geist, die gegenseitige Durchdringung von Politik und Weisheit in der Weltüberlegenheit, Charakterbildung jenseits des Charakters, Verwandlung des realen Lebens durch Durchschauen und vor allem die Lehre, daß im Bereich des geistbestimmten Lebens der Sinn den Tatbestand schafft und nicht umgekehrt — diese ganze Lehre erweist sich mir heute als Antizipation vom Geiste her eines Worts, dessen ursprünglicher Sinn von jeher der war, Fleisch zu werden. Und so verstehe ich heute erst vollkommen und unterschreibe es zugleich mit jeder Fiber meines Organismus, was im Schlußabschnitt des Reisetagebuches steht.

Mit diesem Zitat greife ich eigentlich über den Rahmen dieses Kapitels hinaus — ganz abgesehen davon, daß der damals ausgesprochene Verzicht eine Voreiligkeit war. Im Unterschiede von den meisten kann ich eine schwierige Situation nur dann innerlich meistern, wenn ich sie als unabänderlich hinnehme und jede Hoffnung auf Besserung von mir weise: aus dieser Einstellung, die für meine Vorstellung aus jedem Fegefeuer eine ewige Hölle macht, sind mir alle Schicksals-überwindenden Kräfte erwachsen.

Ich habe also mit obigem Zitate vorgegriffen. Aber genau so, wie es sinngemäß ist, daß im Vorspiel eines Musikdramas die Leitmotive aller späteren Akte unausgeführt und gewissermaßen ohne Zusammenhang anklingen, so war es auch sinngemäß, gerade an dieser Stelle über die Periode meines Lebens, welche ganz im Zeichen der materialisierten Schule der Weisheit stand, hinauszuführen: erst vom vollendeten Leben her ist dessen Ablauf richtig zu übersehen. Dies gilt gerade von meinen tastenden ersten Anfängen im Aufbau einer neuen nach dem Zusammenbruch meiner traditionellen Existenz. Ich war wieder zu einem psychischen Embryo geworden (man erinnere sich dessen, was ich in Zeitgenossen über mein Embryonenhaftes überhaupt ausgeführt habe) und so stimmte in mir nichts zusammen, weil jede schon manifeste Gestaltung ein Übergangsprodukt darstellte, dazu noch aus Todgeweihtem und Zukunftsträchtigem zusammengekreuzt. Wohl sah ich jetzt geistig klar voraus, was allen nottat und was ich persönlich wollte (der Titel der Programmschrift, auf welche hin die Gründung der Schule der Weisheit erfolgte, ist symptomatisch), doch es fehlten alle Vermittlungen zwischen Idee und praktischer Tat. Und das bedeutete desto größere Schwierigkeit für mich, als ich nunmehr aktiv in das mir so fremde und unsympathische Zwischenreich einzugreifen und mit ihm zu rechnen hatte — wo ich dasselbe bis dahin von Jahr zu Jahr immer konsequenter ignoriert oder innerhalb seiner nur kurze Gastrollen gegeben hatte. Ich weiß nicht, wie es mit der Introspektionsfähigkeit anderer Menschen steht. Ich erlebe selten bewußt im Augenblicke das, was in mir vorgeht, und kenne mich insofern, so wie mich andere sehen, kaum. Ob anderen das gegenwärtig in ihnen Geschehende bewußter ist? Dagegen spricht die ungeheure Bedeutung des Ausgesprochenen sowie die Tatsache, daß alle, welche ich kenne, in Form von Dichtung Herausgestelltes bewußter erleben als das, was sie direkt affiziert; im letzteren Falle verdrängt das Bewußtsein leicht alles Allzuschmerzliche. Bei mir ist letzteres im höchsten Grad der Fall und habe ich mehr als gegen alle natürlichen Neigungen gegen diese ankämpfen müssen, die mich immer wieder gegenüber augenscheinlichen Geschehnissen blind gemacht hat. So stand ich, wie der Plan meiner Übersiedlung nach Darmstadt reif wurde, vor einem schwer zu lösenden Dilemma. Ich selber hatte alle Fundamente zu dem zu errichtenden Bau gelegt. Als Geist wollte ich ihn auch errichten. Doch meine Gana war gegen jede Festlegung anderer als angestammter Art und sabotierte, wo sie nicht rebellieren konnte. Dies tat sie oft in Form völlig sinnloser Fehlhandlungen, plötzlicher Blindheits- oder scheinbarer Wutanfälle, welch’ letztere in Wahrheit nie gegen andere gerichtet, sondern als Aufkochen zu verstehen waren. Damals befand ich mich andauernd in dem Zustand, welchen Hegel denjenigen des unglücklichen Bewußtseins hieß.

1s. Band I, S. 285.
2Vgl. hierzu die ausführlichen Auseinandersetzungen über das Problem der Polarisation im Weltfrömmigkeitskapitel des Buchs vom persönlichen Leben, im Kapitel Du mystère de la polarisation von Sur Part de la vie und in mehreren Essays der Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit.
3Vgl. das Kapitel Delicadeza der Südamerikanischen Meditationen und meinen Florentiner Vortrag Culture de la beauté, abgedruckt in Sur l’art de la Vie.
4s. den Eröffnungsvortrag Seins- und Könnenskultur bei der Gründung der Schule der Weisheit am 23.11.1920, abgedruckt in Schöpferische Erkenntnis.
5s. Kritik des Denkens, Verlag der Palme, 1948 (Anmerk. d. Keyserling-Archivs).
6
Dieser in Dammerts Kultur-Beiträgen am 26. Mai 1910 erschienene Aufsatz hatte folgenden Wortlaut:
Es ist keine Frage, daß die Universitäten die universelle Kulturbedeutung, die sie einstmals besaßen, eingebüßt haben. Das liegt nicht an den Elementen als solchen, die heute die Hochschulen beherrschen, es liegt an allgemeinen Verhältnissen. Als die Universitäten gegründet wurden, entsprachen sie wie kaum eine staatliche Institution den Anforderungen ihrer Zeit. Sie boten die beste und beinahe einzige Gelegenheit, sich den Bildungsstoff anzueignen, denn Bücher waren selten und teuer —, der Vortrag vermittelte alles das, was überhaupt gelernt werden konnte und der tote Wissensstoff war noch so weit gering, daß die Lehrer bei aller Gelehrtheit lebendige Geister blieben. So zog es denn auch alle lebendigen Geister zu den Hochschulen hin. Auch in späteren Zeiten, noch bis in das letzte Drittel des verflossenen Jahrhunderts hinein, als die Belehrungsmöglichkeiten schon unendlich vielseitige geworden waren, blieben jene doch Sammelpunkte der geistigen Größen, da ein Lehrstuhl immer noch die beste Gelegenheit bot, sich geistig auszuleben und auf sein Zeitalter einzuwirken. Immer noch war es möglich, zugleich bloßes Wissen zu vermitteln und geistiges Leben einzuimpfen. Heute hat sich das von Grund aus geändert. Nur die Laboratorien und Seminarien sind noch von wirklichem Nutzen; das Kolleg spielt keine nennenswerte Rolle mehr, da jeder Student sich den Wissensstoff auf schnellere, gründlichere, fruchtbarere und billigere Weise aus Büchern einsammeln kann. Und doch sind die Lehrkräfte verpflichtet, nahezu auf die gleiche Weise zu lesen, wie in früheren Epochen. Natürlich verkümmern sie dabei. Erdrückt von der Last des toten Stoffes, den sie frei beherrschen müssen, kommen sie zu keinem selbsttätigen Schaffen mehr. Da ihnen die Unfruchtbarkeit ihres Dozierens immerhin halb bewußt ist, verlieren sie die Freude daran und das Niveau ihres Vortrags sinkt; endlich können sie, da die Themen, über die sie zu lesen haben, kaum je mehr ihr lebendigstes, weil schöpferischstes Interesse besitzen, trotz allen persönlichen Kontaktes nicht mehr lebendig wirken. Damit hat die traditionelle deutsche Universität ihren tiefsten Sinn verloren. So ist es denn kein Wunder, daß die Professoren, die ganz in ihrem Beruf aufgehen und Befriedigung finden, von geringerem Kaliber sind als frühere — denn die bedeutendsten Menschen gehen nicht mehr zur Universität; kein Wunder ferner, daß bedeutende Menschen, die heute noch Professoren sind, ihr Feld wirklich lebendigen Wirkens außerhalb ihres Berufsrahmens suchen — als Schriftsteller, Essayisten oder freie Wanderredner. (Wir erleben sogar das Erstaunliche und überaus Bedeutsame, daß deutsche Professoren, einst der selbstbewußteste Stand, in vielen Fällen am liebsten als Künstler angesehen werden wollen.) Denn für die lebendige Einwirkung ist der Rahmen des Ordinariates nicht mehr oder kaum mehr geeignet.
Gäbe es andere und bessere Rahmen dafür, so wäre das weiter kein Unglück. Aber es gibt heute überhaupt keine Institutionen für persönlichlebendige Wirksamkeit, daher müssen gerade die, welche am meisten zu einer solchen berufen wären, in den meisten Fällen auf sie verzichten. Die Universitäten als staatliche Lehranstalten werden früher oder später den neuen Erfordernissen entsprechend reformiert werden, darum ist mir nicht bang; sie werden sich zu spezialisierten Instituten entwickeln, in welchen das Traditionelle aber heute Überflüssige durch wahrhaft Wesentliches ersetzt erscheint. Was aber ernstlich zu befürchten steht, ist die dauernde Einbuße des wichtigsten aller Kulturelemente, nämlich der persönlichen Einwirkung freier selbständiger Geister auf ihre Zeit. Heute wirken diese mit verschwindenden Ausnahmen nur mehr schriftlich, und wie nachhaltig schriftliche Wirkungen immer sein mögen, für die Gegenwart kommen sie wenig in Betracht, da bedeutendere Schriften zunächst meist mißverstanden werden. Der persönliche Einfluß überragender Persönlichkeiten ist aber unwiderstehlich und unmißverständlich, der setzt sich trotz alles Unverständnisses durch, und deshalb ist es von äußerster Wichtigkeit für unsere wie für jede Zeit, daß sie sich gerade dieses Kulturmittel nicht entgehen lasse. Es ist eins der dringlichsten Probleme unserer Tage lebendigen Geistern wieder die Möglichkeit zu bieten, lebendig mitzuwirken, so wie es einst die großen jetzt ausgestorbenen Hochschullehrer taten. Da die heutige Universität nicht mehr den Rahmen dafür bietet, muß Neues geschaffen werden. Die freien Hochschulen zu Hamburg und Frankfurt am Main mit ihren Berufungen auf kurze Zeit boten gute Ansätze; aber leider entspricht die Fortentwicklung den guten Anfängen nicht, da die Stadtväter, im kurzsichtigen Ehrgeiz es den wirklichen Universitäten gleichzutun, bei ihren Berufungen neuerdings in wachsendem Maß auf die akademische Stellung und nicht auf die Bedeutung der Dozenten das Schwergewicht legen. Es sollte allgemein begriffen werden, worauf es in Wahrheit ankommt: lebendigen Geistern Gelegenheit zu geben, lebendig einzuwirken. Es gibt solcher sicher mehr als es scheint: so mancher Professor sogar, der in einem wöchentlich vierstündigen Kolleg mit halbvorgeschriebenem Thema nur seichtes Zeug zu verzapfen weiß, könnte vier Stunden im Jahr mit Problemen, die ihn innerlich angehen, auf lehrreiche Weise ausfüllen.
Das ganze Jahr hindurch vermag kein Mensch originell zu sein, einmal im Leben ist es jeder. Mit den Einzelvorträgen, die von Vereinen und Konzertbureaus veranstaltet werden, ist es freilich nicht getan; die dienen meist Parteitendenzen oder gar publizistischer Reklame und entsprechen der Würde der Sache nicht. Es müßten feste lectureships geschaffen werden, wie es deren in England und Amerika unzählige gibt, zu welchen bedeutende Männer alljährlich gegen entsprechend hohe Retribution berufen würden mit keiner anderen Vorschrift als der, ein Problem, das sie innerlich angeht, nach bestem Vermögen zu behandeln. Der weite Gesichtspunkt bei der Wahl des Redners garantierte das lebendige Interesse, die Ständigkeit der Organisation sicherte dauernde Wirkung. Gewiß wäre es auch Sache des Staates bedeutende Männer unter Ausnahmebedingungen das heißt ohne lähmende Verpflichtungen dauernd anzustellen, sowie dies an Frankreichs Universitäten geschieht und an der kaiserlich russischen Akademie. Aber am fruchtbarsten erwiese sich hier wie überall die private Initiative. Hier wäre eine schöne Gelegenheit zu wahrhaft fruchtbaren Stiftungen, die allen Mäzenen in jeder deutschen Stadt nicht genug empfohlen werden kann. Es ist kein Zweifel, daß die ersten deutschen Geister heutzutage persönlich gar nicht wirken, jedenfalls nicht auf die einzig wirksame Art, das heißt dauernd oder periodisch, und das ist ein unermeßlicher Schaden. Eine Schande aber ist es, daß solche Geister wohl oder übel gezwungen sind, in fremden Ländern die Wirkung auszuüben, die sie der Heimat widmen sollten. So hat Hans Driesch, mit Uexküll wohl der bedeutendste lebende Biologe, seine Ideen wohl in Schottland vorgetragen, in Deutschland aber noch nie ein weiteres Publikum belehrt.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
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