Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

VII. C. G. Jung - Psychoanalyse

Der von meiner Rückerinnerung als unangenehmster gespiegelte Sommer meines Lebens war der des Jahres 1921, den ich in Vorarlberg, in Laterns und Tschengla verbrachte, welche Gegend ich darum heute noch mit Verlorenheit und Verdammnis assoziiere. Im Oktober 1920 waren wir nach Darmstadt gezogen, ohne Freude — denn meine Frau nicht weniger als ich war durch die Niederlassung in einer Kleinstadt (oder was wir also empfanden) aus ihrer gewohnten weiten Umwelt herausgerissen worden —, materiell nahezu mittellos, an Zukunftssorgen desto reicher; ich aber hatte dazu, im Rahmen einer Schule der Weisheit, deren Namen ich viel früher erfunden hatte, als ich genau wußte, wie ich mich in ihr betätigen sollte, eine meiner Natur überhaupt nicht liegende Lehrtätigkeit zu entfalten. Es war mir damals alles dermaßen schwer gewesen, daß ich nach den drei Vorträgen der ersten (Eröffnungs-) Tagung, welche wahrscheinlich alle anderen Anwesenden als Triumph empfanden, aus rein psychischen Gründen auf mehrere Wochen schwer krank ins Bett mußte. Bald hatte ich zwar Freude an den vielen ersten Schülern, meist wirklich interessanten und ernstlich interessierten Menschen, aber andererseits evozierte der in meinem ganzen früheren Leben gemiedene enge und häufige Kontakt mit Menschen in meinem Bewußtsein die Seiten meiner Natur, die ich am wenigsten mochte. Im ganzen lebte ich diesen ersten Winter in einem Zustand des halb-Träumens, halb frenetisch-Wachseins. Ich empfand mich selber oft als um mich schlagend, wie ein aufs Trockene geworfener Fisch. Dieses äußerte sich nicht selten nach außen zu, und schien dann einen Wutanfall zu bedeuten. Tatsächlich habe ich mich kaum je im Leben geärgert, so wie dies andere tun. Damals — und in allen ähnlichen späteren Fällen, wo der Anschein der gleiche war — suchte ich gleichsam mit Flügelschlagen mich bestürmende feindliche Vorstellungen zu verscheuchen. Da ich ursprünglich keinen Halt im Erdhaften habe, keinen Eigensinn kenne noch auch das Gefühl, im Recht zu sein, und darum auch nicht auf primitiv-selbstverständliche Weise wollen und für meine Wünsche eintreten oder mich verteidigen kann, so muß ich aus der frei schwebenden Psyche heraus, die an sich keinen materiellen Stoß aufzufangen in der Lage ist, durch Bewegung ersetzen, was bei anderen Stillstehen und Standhalten leistet. So geht es wohl allen entkörperten Seelen… Wie ich mich, im Frühjahr 1921, beim Besuch Rabindranath Tagores in Darmstadt, ganz in den Dienst dieser von mir damals höchstverehrten Persönlichkeit stellte — ich veranstaltete nicht allein eine Sondertagung für ihn, ich übernahm auch die Aufgabe seines Übersetzers, tat für ihn alles, was ich nur konnte — da schuf die Hingabe Beglückung; zum Teil auch wohl in dem psychologischen Zusammenhang, daß es mir Freude war, die dem Verfasser des Reisetagebuchs in jener Zeit vielfach überschwänglich und mißverständlich gezollte Verehrung an einen würdigeren Gegenstand weiterzugeben. Allein gerade als Folgen dieser Tagung begegneten mir die ersten wirklich häßlichen Widerstände und Anfeindungen in Deutschland; gerade wo ich mich wirklich selbstlos hingab, wurden mir öffentlich die häßlichsten Motive untergeschoben, was ich damals, an Anrüpelung überhaupt nicht gewohnt, als ungeheuerlichen Affront empfand. Andererseits aber wurde mir eben damals klar, daß ich in vielen Hinsichten ganz anders war, als ich mich selber vorstellte: die Ecken und Kanten und Schroffheiten meiner Natur hatte ich früher beinahe ignoriert, denn erstens war es mir in meinem bisherigen Leben möglich gewesen, ihnen keine Gelegenheit zur Äußerung zu geben, dann identifizierte ich mich damals ausschließlich mit dem Reisetagebuch-Menschen. So fühlte ich mich im Sommer nach den Tagore-Wochen zerrissen und unbefriedigt wie nie vorher. In den Untergründen meiner Natur spürte ich direkte Dämonenanstürme, welche mir desto unheimlicher waren, als sich damals nichts davon artikulierte, weder visuell noch sonst. Ich spürte es nur andauernd in mir rumoren, oder aber einen dumpfen Druck, wie bei einer Zahnwurzelentzündung.

In jenem Sommer nun, in Laterns, las ich Jungs gerade erschienene Psychologische Typen, auf die mich eine Besprechung kurz vor meiner Abreise aus Darmstadt aufmerksam gemacht hatte. Es war das erste psychoanalytische Buch, das ich überhaupt las, ob man mir’s glaube oder nicht, denn freilich enthält nicht allein das Reisetagebuch, sondern schon die Unsterblichkeit, ja sogar schon der Epilog zum Gefüge der Welt mancherlei, was allgemein als ausschließliches Gedankengut Freuds und seiner Nachfolger galt. Ich las Jungs Buch mit großer Mühe, erstens aus Gründen meiner damaligen chaotischen Zustände, dann aber auch, weil Jung in seinen ersten Schriften, im Gegensatz zu Freud, sehr große Schwierigkeit hatte, seine Intuitionen begrifflich scharf zu fassen; das heißt er verwendete wohl klar klingende Begriffe, doch sie entsprachen bei ihm selten genau dem, was er tatsächlich meinte im Sinn des Korrelationsgesetzes von Sinn und Ausdruck, und das durchschaute ich von vornherein. Nichtsdestoweniger wirkten die Psychologischen Typen bald als richtiger eye-opener auf mich: ich lernte meine Natur nicht allein, nein meine eigenen der analytischen Psychologie meiner Ansicht nach schon vorausgeeilten Einsichten besser und tiefer verstehen1. Mir ging es ähnlich wie Molières Monsieur Jourdain, der durch die Eröffnung verblüfft war, daß er von jeher Prosa geschrieben hätte. Darüber hinaus aber lehrte mich Jung im selben Sinn meinen Typus als Sonderausdruck eines Allgemeineren zu verstehen, wie vormals Chamberlain, da er mir meine Sensibilität und Emotivität zum ersten Male dadurch akzeptabel machte, daß er mir zeigte, daß es überhaupt so etwas wie impressionable Künstlernaturen als Verkörperer echter Werte gibt. Fördern aber tat mich Jung mehr noch als durch seine Typen durch sein großes Jugendwerk Wandlungen und Symbole der Libido, das ich im Winter darauf las. Denn aus ihm ersah ich beglückt, daß meine Art, primär Sinnbilder und nicht Tatsachen zu erleben, die ursprüngliche alles geistigen Erlebens ist; diese Art hat sich nur in der Zeit, da die großen Mythen entstanden, am gewaltigsten und überzeugendsten geäußert, mit der ganzen Urkraft erstmaligen Durchbruchs des Eigenen.

Es war seit Wien schon meine bewußt gelenkte Gepflogenheit, wenn irgend möglich die Autoren mich irgendwie ergreifender Bücher persönlich kennen zu lernen. Gelang mir dies nämlich, dann wurde ich in der Regel unmittelbar dessen gewahr, was hinter dem Werke stand, was diesem als Logos spermatikós oder fruchtbarer Mutterschoß zugrundelag; anders ausgedrückt: ich gewahrte innerlich, in simultaner Zusammenschau, die Gesamtheit der Möglichkeiten der betreffenden Geister und konnte mir nachher nicht selten die Lektüre ihrer Schriften sparen. So lernte ich bald nach meiner Begegnung mit den Psychologischen Typen nicht allein Jung, sondern auch Freud und Adler kennen, Georg Groddeck, Alphonse Maeder, Pfister, Hattingberg, Heinrich Meng, wozu in späteren Jahren noch die meisten anderen weiteren Kreisen Bekanntgewordenen kamen. 1923, wo ich in Darmstadt eine analytische Zwischentagung veranstaltete, ließ ich mich von Oscar A. H. Schmitz bis zu einem gewissen Punkt analysieren2.

In diesem Kapitel möchte ich zunächst und vor allem von anderen, schon zur Zeit, da ich dieses schreibe, den meisten meiner möglichen Leser nicht mehr persönlich Bekannten erzählen, im Stil der ursprünglich geplanten Zeitgenossen, denn was ich hier über mich selbst und über alles Individuelle hinausreichende Probleme zu sagen haben werde, wird am konkretesten wirken, wenn ich den Nachdruck auf die persönliche Psychologie der gemeinten markanten Persönlichkeiten lege. — Der intellektuell bedeutendste unter den Analytikern war zweifelsohne Freud, der vom Standpunkt des Durchschnitts-Mitmenschen (ich sage absichtlich Mitmensch, weil dieses Adlers liebster Ausdruck war) sympathischste Alfred Adler, ein sonst unkomplizierter, einseitiger und intellektuell sogar recht dürftiger Geist; seine ganze alles Menschenschicksal umspannen- und deutensollende Theorie war in Wahrheit die nicht ohne Ressentiment herausgestellte Beurteilung der Privat-Psychologie seines Meisters Sigmund Freud. Letzterer war nämlich persönlich gar kein Erotiker, in keiner Weise ein Knecht des Lustprinzips, und ich bezweifle, daß Liebe, geschweige denn Lust, in seinem Leben irgendeine erhebliche Rolle gespielt haben. Er war ein strenger, im echten Sinn des unübersetzbaren romanischen Worts austerer Geist, von kühlster Sachlichkeit und ausgesprochener Härte gegen sich selbst, die aber andererseits nichts Puritanisches, das heißt aus dem Geist der Verurteilung Geborenes hatte. Mir schien, daß er die Stellung des Juden als Menschen minderen Rechts in ähnlichem Sinne innerlich akzeptiert hatte, wie Aesop. Der Außenwelt im weitesten Verstand gegenüber eignete Freud die Zurückhaltung dessen, welcher ganz seiner inneren Aufgabe lebt, so sehr, daß er sich kaum ein Urteil über seiner Aufgabe Fremdes erlaubte und die Verurteilung seitens anderer trotz aller Sensitivität und allen Geltungswillens mit der Selbstgenügsamkeit und Ataraxie des antiken Stoikers trug. Dieser Zurückhaltung widerspricht nur scheinbar die Wahl seiner meist unschönen, ja oft obszönen termini technici, die offenbar dem Geist der Herausforderung entsprangen. Es war Unbestechlichkeit dem Zeitgeist gegenüber, in den er hineingeboren war und das Gefühl der Prophetenpflicht, die ihn hier provozieren ließ — eine Psychologie, die mir persönlich besonders vertraut ist. Und es ist ein wenig schönes Zeichen für die intellektuelle Rechtschaffenheit der Anderen, daß sie noch heute an diesem Anstößigen des Freudismus haften und dessen Wesentliches in seinem Pansexualismus sehen. Wie ich mich 1940 beim Wiederlesen der wichtigsten von Freuds Schriften überzeugen konnte, spielt die Sexualität auch nicht annähernd die Rolle in Freuds System, die ihr auch von Sachverständigen zugesprochen wird. Freilich führte Freud sehr vieles auf ursprünglich Sexuelles zurück, in dem er den Ursprung alles dem Wachstum und Mehrwerden des Lebens Dienenden sah: das entsprach seiner Forscherüberzeugung, und in sehr vielen Hinsichten teilen diese heute noch die meisten derer, welche Freud verunglimpfen. Aber ich war beim Wiederlesen tief ergriffen von der intellektuellen Ehrlichkeit, mit welcher Freud es vermied, die seiner Natur und Geschichte nächstliegende Erklärung dort anzuwenden oder beizubehalten, wo sein Forschergewissen anerkennen mußte, daß sie nicht anwendbar war. Nicht erst Jung, sondern schon Freud hat das Sinnbildliche und Vieldeutige aller psychischen Gegebenheiten erkannt; schon er hat andere als die erotischen Triebe richtig diagnostiziert, und was speziell das Moralische betrifft, so hat Freud mit seiner Theorie vom Über-Ich — gleichviel ob diese nun als letztlich geglückt zu betrachten sei oder nicht — mehr Verständnis für das Wesentliche des Moralischen bewiesen als irgend ein späterer Analytiker. Freud war, noch einmal, gar kein Erotiker, sondern ein Macht-Mensch; der Adlersche Fall par excellence, insofern er wesentlich gehemmt war durch seine Natur sowohl als durch sein Forscher- und Arztgewissen, und seine sehr große innere Unsicherheit niemals überwand. Er muß in diesem Zusammenhang sehr schwere Kindheitserlebnisse gehabt haben, an welchen er zeitlebens krankte. Als Macht-Mensch nun war Freud im ganzen lieblos oder wenigstens liebeleer.

Ganz anders stand es mit Alfred Adler. Dieser war ohne Zweifel von echter und tiefer Menschenliebe beseelt; sein Bestes und Wesentlichstes was soziales Gewissen, wie denn sein überall-verstanden-Werden und seine Popularität vor allem auf seiner ausstrahlenden Herzenswärme beruhen; seine Theorie, die in noch so anfechtbarer Weise alles und jedes auf Minderwertigkeitsgefühle und Machtkomplexe zurückführte, ist überdies wirklich die beste Arbeitshypothese zur Behandlung Unterdrückter, als welche sich fast alle Proletarier fühlen, insonderheit verwahrloster Kinder. Und so hat Adler von allen Analytikern wohl quantitativ am meisten Gutes getan. Viele dei minorum gentium unter diesen, die mir begegneten, waren freilich ganz anderer Artung. Bei deren Anblick fiel mir nicht selten der Vergleich mit den Chimären ein, welche das Äußere gotischer Kathedralen zieren oder vielmehr verunzieren, und einmal fühlte ich mich sogar dazu gedrängt, im Weg zur Vollendung die symbolisch gemeinte Vermutung auszusprechen, die Seelen mittelalterlicher Folterknechte verkörperten sich heute, wenn es irgend geht, in Analytikerleibern wieder. Tatsächlich drängt es nicht allein schmutzig-Neugierige, Indiskrete und Verführer zu dieser Tätigkeit, sondern besonders auch seelische Sadisten; weit mehr so, als zum Beruf von Chirurgen, Untersuchungsrichtern und Tschekisten. Denn es ist die persönliche Freude am Wühlen im Intimen, die den geborenen Folterknecht macht; sachlich sind die raffiniertesten Foltern kaum zu rechtfertigen, da nur Auge und Ohr so scharf differenzieren, wie dies die Idee der Marter zu ihrer rationalen Grundlegung fordert. Darüber hinaus aber ist in diesem Zusammenhang das folgende Allgemeinere zu sagen. Es ist kein Zufall, daß die Psychoanalyse gerade um die Jahrhundertwende erfunden wurde, als Ausdruck unter anderen jenes Naturalismus, der nur das Häßliche wahr fand, des allgemeinstverstandenen Darwinismus, der darüber frohlockte, daß der Mensch nicht von Gott, sondern vom Affen abstamme, sowie der wenigst schönen Tendenz der mit Nietzsche bewußtseinsfähig gewordenen Gesinnung, deren allgemeinstes Motiv das von Nietzsche so gern zitierte Lateinerwort o pudenda origo verdichtet und versinnbildlicht. Die Psychoanalyse erwuchs und gedieh als Reaktionserscheinung unter anderen gegen den Wirklichkeit-ignorierenden Idealismus des Bildungszeitalters. Insofern hat sie freilich, ganz abgesehen von ihren Verdiensten als Wahrheitsentdeckerin und Heilmittel, eine positive Aufgabe zu erfüllen gehabt und auch erfüllt. Aber andererseits war es nach der jahrhundertelangen Unterdrückung und Verdrängung und verlogenen Maskierung alles für häßlich und sündhaft Geltenden im Menschen nur natürlich, daß vorzüglich hämische Naturen zu ihren Adepten wurden, ja daß hämische Züge auch bei solchen die Oberhand gewannen, deren Gesamtstruktur solche Akzentlegung eigentlich nicht entsprach. Die Welt liebt wirklich das Strahlende zu schwärzen; nichts freut den Durchschnittsmenschen mehr, als wenn ihm das Hohe aus niederen Motiven erklärt wird. Und gilt solche Zurückführung des Positiven auf Negatives überdies als Zeichen tieferer Einsicht, so gewinnt dadurch allein das immer in Bereitschaft stehende Übelwollende im Menschen die Oberhand. Das meinte ich, als ich schon vor dem ersten Weltkrieg, als ich von Freud nur vom Hörensagen wußte, doch mehreren Opfern der Analyse begegnete, auf eine Frage über den Wahrheitsgehalt des Freudismus in Paris einmal bemerkte: Cela n’est jamais vrai au début, mais cela finit fort souvent par être vrai. Keiner wird je die Psychoanalyse im Zusammenhang der Kulturgeschichte richtig sehen, der sie nicht mit Marxismus und Bolschewismus zusammenschaut und dem aufbegehrenden Ressentiment der lange Unterdrückten. Darum wunderte ich mich gar nicht, als ich erfuhr, daß Sowjetrußland zeitweilig daran dachte, den Religionsunterricht durch solchen in der Psychoanalyse zu ersetzen. Diese ist ein integrierender Bestandteil des Aufstiegs des vierten Standes, nur daß in ihr mehr die Mentalität des qualifizierten Handwerkers als die des Arbeiters zur Geltung kommt. Nichts ist nämlich charakteristischer für die Grundeinstellung aller Analytiker, ob diese es nun wahrhaben wollen oder nicht, als ihr Zusammenschauen von Physischem und Geistigem, von Materiellem und Spirituellem auf einer Ebene, welche grundsätzlich diejenige des materialisierenden und ausarbeitenden Handwerkers ist. (Ich weiß wohl, daß viele Therapeuten das, was ich hier Handwerk heiße, als hohe Kunst auffassen; sie meinen, durch ihre Behandlung das Urbild eines Menschen, wie er eigentlich sein sollte, herausarbeiten zu können, gleichwie Michelangelo seine Idealgestalten aus Marmorblöcken herausmeißelte. Aber aus dieser Auffassung spricht nicht nur Selbstüberschätzung, sondern direkter Größenwahn. Kein Arzt, welcher seinen Patienten geistig und seelisch nicht weit überlegen und überdies ein echter Magier von hoher Spiritualität ist, vermag das zu leisten, was heute so viele kleine Leute für sich beanspruchen. Wobei noch zu berücksichtigen ist, daß die ärztliche Einstellung als solche auf Normalisierung und damit im Falle geistiger Begabung auf Nivellierung nach unten zu aus ist und daß kein Mensch über seinen eigenen Horizont hinausblicken kann. Wenn jeder große Künstler auch ein guter Handwerker ist, so folgt daraus noch lange nicht, daß jeder wackere Handwerker ein großer Künstler sei.) Demgemäß entsprechen die meisten psychischen Heilmethoden dieser Zeit dem Geist des letzteren und sind darum auf wesentlich geistbestimmte Typen, von Herrennaturen zu schweigen, im Guten selten anwendbar. Ich sage im Guten, denn die Überwindung des Niederen durch Höheres geschieht ja gerade dadurch, daß bei jenem nicht verweilt wird. Gerade in letzterem aber sehen die zum Teil ausgezeichneten Klein- und Feinarbeiter, welche das Erbe der großen Pioniere fortsetzen, ihre Hauptaufgabe. Von meiner persönlichen Psychologie her geurteilt ist schlechthin unverständlich, wie ein Mann wie Gustav Heyer, dessen ganze Arbeitsart und sonstige Methodik im Verweilen, Insistieren bei und Ernstnehmen von dem liegt, was zu ignorieren und ignorieren-zu-lehren mir der beste Weg zur Heilung scheint — man flößt dem Patienten neue Impulse von einer höheren Ebene aus ein, hebt ihn zu dieser hinauf und überwindet damit Böses durch Gutes — mir persönlich ist unverständlich, wie ein Mann wie Heyer überhaupt heilen kann. Tatsächlich erzielt gerade er sehr gute Heilerfolge.

Die meisten derer, welche zum Analytiker gehen, sind eben auch Handwerkernaturen und überdies für rein-geistige Impulse unempfänglich. Bereitschaft für letztere kann in ihrem Fall, wenn überhaupt, nur durch sorgsamste Kleinarbeit geweckt werden und insofern sind die analytischen Handwerker unter den heutigen psychischen Umständen gelegentlich wirklich Wegbereiter des Geists gewesen. Nichtsdestoweniger gilt das Folgende beinahe ausnahmslos: in den Epigonen der Pioniere ist die Analyse zu einer grundsätzlich ungeistigen, ja anti-geistigen Angelegenheit geworden, und ich glaube nicht, daß hier ein Mißverständnis ihrerseits vorliegt. Die Analyse gelangt über die Erd-Natur des Menschen nicht hinaus, was ja gerade Jung, wie wir später genauer sehen werden, in seinen Bestrebungen, Metaphysisches tiefenpsychologisch zu erklären, besonders deutlich exemplifiziert. — Die häßlichsten Blüten hat die hier gemeinte allgemeine Tendenz zur Nivellierung nach unten zu übrigens nicht in der analytischen Psychologie, sondern in der Charakterologie getrieben. Daß sie es in jener von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weniger tat, lag an der ärztlichen Zielsetzung; wer heilen will, kann letztlich nicht verderben wollen, und wieviel das anfängliche Reduktionsverfahren verdarb, wurde allgemach den meisten Ärzten klar. Bei einer ungeheuren Anzahl Charakterologen hingegen, die durch keine Heilzwecke gehemmt waren, hat sich der hämische Wille zum Häßlichen und Herabziehenden auf scheußlichste Weise ausgewirkt. Diese meine Erfahrung ist so allgemein, daß ich bei einem Menschen, welcher Charakterologie zu seinem Beruf ergreift, bis zum Gegenbeweise die Vorherrschaft niederer Motive annehme. Der Charakter ist ja niemals letzte Instanz, sondern nur ein Ausdrucksmittel des substantiellen Geists. Es gibt überhaupt keine Triebfedern, welche von sich aus auf bestimmte Weise spirituell und moralisch qualifiziert wären. Sie alle sind nichts als Mittel der Selbstverwirklichung, und wer den Akzent auf die bloße Anlage legt und von dort her urteilt und verurteilt, wirkt auf seine Opfer unter allen Umständen verderbend.

Die drei großen Begründer der analytischen Psychologie meine ich in diesem Zusammenhang, wie ich nochmals ausdrücklich feststellen möchte, nicht, wogegen ich die berühmteren Charakterologen soweit meine Kenntnis ihrer reicht, aus dem über die Charakterologie gefällten Gesamturteil nicht auszunehmen in der Lage bin. Freud nun war vor allem desinteressierter Forscher, so sehr, daß er einmal, da ihm ein Kollege von seinen erzielten Heilungen durch Psychoanalyse sprach, beinahe erstaunt aufblickend gesagt haben soll: Ach ja, man kann ja durch Analyse auch heilen. Sein Ärztliches war zu einem großen Teil, wie bei so vielen Doktoren, das sekundäre Ergebnis halb-zufällig zustandegekommener Berufswahl. Alfred Adler war vor allem sozialer Arbeiter, mit einer angeborenen Vorliebe für die Mühseligen und Beladenen. Jung nun war recht eigentlich ein Bergmann; ein Pionier, der mit Brachialgewalt Schächte in die Erde einbohrte, diese aufschloß und Blöcke herauswarf. Seine seiner Natur am tiefsten entsprechende Einstellung kennzeichnete ich früher einmal sinngemäß als die eines Paläontologen der Seele. Ein geborener Heiler war Jung ebensowenig wie Freud, obgleich er besonders in seinen jungen Jahren ein sehr guter Psychiater gewesen zu sein scheint. Dafür ist jener über sein Forschertum hinaus Pionier der Wiedergeburt im Verstand religiöser Mysterien von der Bewußtseinslage des modernen Menschen her. Man kann das gegenseitige Verhältnis der drei Bahnbrecher auf dem Gebiet der Tiefenpsychologie mit folgendem für die Zwecke dieser Schilderung genügend scharf charakterisieren. Freud suchte alle seelischen Komplexe auf Urtriebe zurückzuführen, welche der physiologischen Ebene angehören. Adler erkannte, daß jeder Mensch eine geistige Leitlinie hat, welcher gemäß er leben muß, falls er nicht der Lebenslüge verfallen will. Aber in dieser Leitlinie, so wie Adler sie verstand, lag es nicht, den Menschen voranzubringen: deren Herausarbeitung nach Adlerscher Methode normalisierte nur und nivellierte darum im Fall von ursprünglich höherem Niveau nach unten zu. Jung nun trachtete, je älter er wurde, desto mehr, die prospektive das heißt zukunftschaffende und aufwärtsgerichtete Tendenz der Seele in den Mittelpunkt des Bewußtseins zu rücken und damit das Triebhafte — grundsätzlich nicht anders, wie dieses einstmals die Hierophanten taten — in den Dienst dessen zu stellen, was in der Geschichte typischerweise als religiöse Erhebung gilt. Hier nun aber äußerte sich das sonderlich-Paradoxale in der Stellung Jungs. Selber durchaus Erdmensch, suchte er das, was seinem Wesen nach geistige Entwicklung ist, auf Erdmotive zurückzuführen. In seinem Libido-Buche zumal bezog er alle Sinneszusammenhänge auf Erdbeziehungen (Phallus, Mutter) zurück, wie er denn noch ganz spät (1938) das Schicksal der Seele nach Verlust ihrer Körperlichkeit, wie es das Tibetanische Totenbuch schildert, auf für meine Begriffe phantastische Weise mit Freuds Regressionstendenzen (Inzest, Ödipuskomplex) in Beziehung setzte. Ganz wohl war Jung bei derartigen Deutungen allerdings wohl nie. Nicht nur psychologisch, mythologisch und theologisch, auch geistesgeschichtlich war Jung wahrscheinlich der gebildetste Mann seiner Zeit — ich sage gebildet und nicht gelehrt, weil ich ausdrücken möchte, daß ihm sein Wissen jederzeit als Werkzeug für schöpferisches Tun zur Hand war. Er wußte früh, was ihre Erlebnisse den religiösen Schauern bedeuteten und dem Psychologen in ihm war selbstverständlich klar, daß im Seelenleben eben die Bedeutung über die Wirklichkeit entscheidet. Aber andererseits war Jung ebenso wesentlich, wie er Psycholog war, auch vergleichender Forscher, insonderheit Religionsforscher und wer überhaupt von Vergleichen Wesentliches erwartet, dem muß, solang er in dieser Vorstellung verweilt, der Sinn für das schlechthin Einzige, welches andererseits der einzige Exponent des unbedingt Universellen hier auf Erden ist, abgeblendet bleiben. Es ist eins der größten, wenn nicht das größte Hindernis auf dem Weg zur Wesenserkenntnis, wo letztere angestrebt wird, von Vergleichen Einsicht zu erwarten. Vergleiche sind möglich nur auf der Ebene des Äußerlichen und dort sind sie freilich sinnvoll; so sind z. B. alle Einzelmenschen zweifelsohne Menschen überhaupt. Doch was ist durch solche Fragestellung für die Erkenntnis der Wirklichkeit der Seele gewonnen, welche in jedem Fall an erster und letzter Stelle einzig ist? Seit Jahrzehnten predige ich es anscheinend tauben Ohren: der empirische Exponent des Universellen ist das Einzige und nicht das Allgemeine. Und beinahe ebenso irreführend wie die Frage nach der Ähnlichkeit oder Vergleichbarkeit ist die nach der Ursache. Wird unter letzterer die raison d’être, die ratio essendi verstanden, dann mag die Frage hingehen, wenn es auch immer einsichtsfördernder ist, zunächst auf alle und jede kausale Fragestellung zu verzichten und einfach das Sosein, die haecceitas der Scholastiker innerlichst zu assimilieren. Doch die meisten suchen empirische Ursachen, wo sie überhaupt nach einem Warum fragen, und da ist die Fragestellung unter allen Umständen futil, da kein bestimmtes Phänomen weniger als Milliarden von Ursachen hat, die alle zusammen erst sein So- und nicht-anders-Sein bedingen, und es darum allemal einen Willkürakt bedeutet, eine einzige davon ausschließlich zu betonen. Von diesen beiden professionellen Gebrechen des Forschers ist Jung nie freigeworden. So ist er auch über ein Schwanken hinsichtlich der letzten Deutung nie hinausgekommen. Am sichersten wirkte er eigentlich in Libido, da er noch in hohem Grade an seinen ersten Lehrer glaubte. In den Typen rettete er seine Sicherheit gewissermaßen durch Einstellung auf das, was die Erkenntnistheorie inbezug auf behauptende Metaphysik bedeutet; so rettete sich Kant. In seinen späteren Schriften nun rang er sich immer mehr zu einer ähnlichen Grundeinstellung durch, wie ich sie von der Schöpferischen Erkenntnis (1922) ab methodisch vertreten habe und damit wurde es ihm möglich, die Autonomie der Seele anzuerkennen und von Jahr zu Jahr immer mehr Einblicke ins Metaphysisch-Wirkliche zu gewinnen. Aber auch hier wurde ihm nie wirklich wohl; darum betonte er mehr und mehr die Unmöglichkeit, genau zu wissen, bekannte er sich immer ausschließlicher zu seinem Forschertum. Aber tatsächlich strebte er anderes an, was von außen her nicht zu sehen und zu beurteilen, nur innerlich zu realisieren ist. In seinen letzten Arbeiten, welche Arcana wie Alchemie, Kabbalistik, Paracelsica und ähnliches betreffen und die rein historisch zu sein vorgeben, sehe ich schon lange Tarnungen einer tiefen Beziehung zum Mysteriösen, die der Erkenntniskritiker und Forscher nicht wahrhaben will. Insofern halte ich nicht für völlig ausgeschlossen, was in allen Landen viele einander zuflüstern, daß Jung jahrelang insgeheim zum Gott Abraxas gebetet hätte, dieser eigentümlichen Zwittergestalt des gnostischen Zeitalters. Sein letztes Buch, Psychologie und Alchemie, das ich nach der sonstigen Vollendung dieses Kapitels in die Hände bekam, erbringt den offenkundigen Beweis der Richtigkeit meiner Diagnose. Hier erweist sich Jung recht eigentlich als zeitgemäße Wiedergeburt des antiken Alchemisten, welcher am Stofflichen Seelenvorgänge erlebte und indem er Materielles sublimierte, in Wahrheit seine Seele höherentwickelte. Auch jene Alchemisten waren strenge Empiriker. Aber mittels ihres empirischen Forschens strebten sie Gott zu. In der Projektion auf den Stoff erlebten sie mystische Wandlungsvorgänge — wobei ich für meine Person im Unterschied zu Jung nicht ausschließen möchte, daß überdies Wechselwirkungen und Polarisationen zwischen den Seelen der Alchemisten und der von ihnen behandelten Stoffe stattfanden, was jene sozusagen Stoff-offener machte; vielleicht erklärt sich daraus der Hochflug der Chemie nach deren Auskriechen aus dem Ei der Alchemie. Ich will hier nicht ausgiebig zitieren, weise darum auf Jungs besonders aufklärende Darstellungen auf den Seiten 314 und 336 besagten Buches hin. Aus diesen geht für mich einleuchtend hervor, daß der damalige, ich meine der für die Bestrebungen und Methoden der Alchemie innerlich bereite Mensch, dessen Psychologie eine von der unseren sehr verschiedene war, am Stoff, mit der er im übrigen wie ein moderner Chemiker hantierte, unmittelbar Seelisches erlebte und das bloß-Stoffliche kaum bemerkte; die Eigenarten der Materie, über welche wir Moderne so genau Bescheid wissen, waren ihm völlig unbekannt und aus inneren Gründen sogar unzugänglich. So geschah ihm Ähnliches, indem er chemisch experimentierte, wie dem Mystiker, welcher mit höchster Konzentration über das Unbekannte, die Leere oder das Nichts meditiert: die Leere wurde von innen her durch seelische Wirklichkeiten gefüllt, das innere Licht projizierte sich auf das äußere Dunkel als auffangenden Hintergrund. — Genau im gleichen Verstande sucht Jung nach dem Metaphysischen, indem er sich auf rein empirisch-psychologische Vorgänge konzentriert, welche an sich nichts Metaphysisches haben. Hier scheint mir überhaupt der Schlüssel zum Rätsel von Jungs persönlicher Stellung zu liegen, die gegen Ende seines Lebens immer mehr reine Ärzte von ihm abrücken ließ. Jung ist eben sehr viel mehr als ein bloßer Arzt. Er kann in der Nachwelt als Wegweiser des modernen Naturisten zur metaphysischen Wirklichkeit fortleben und dieses zwar, obschon er letztere nur scheinbar paradoxaler Weise selber immer wieder naturistisch mißversteht. Man muß nur hoffen, daß es Jungs Nachfolgern nicht ebenso ergeht, wie denen der großen Alchemisten. Diese kamen nämlich in der beabsichtigten Richtung schließlich gar nicht mehr weiter. So wurde aus der Alchemie die Chemie, die Lehre von den Verwandlungen des Stoffes an sich. Und freilich besteht die Gefahr, daß es Jungs Schule, sofern sie den Weg seiner Sehnsucht weiter beschreitet, ebenso ergeht, denn von der Psychologie her gibt es ebenso wenig einen direkten Weg zur Religion, wie von der reinen Chemie zu Gott. Was der letztere Satz besagt, habe ich in den Betrachtungen genauer ausgeführt.

So wirkt Jung, alles in allem, dank der Mischung von Archaischem und Modernem in ihm und dank einer eigentümlichen Ungeschlachtheit gepaart mit sehr großem Fein- und Spürsinn, als paradoxal ergreifende Geistesgestalt. Diese fand in seiner Leiblichkeit eine selten getreue Verkörperung. Jung war als Körper ein Bär, plump und stark und behende zugleich, ohne Grazie; seine Bewegungen entsprachen seiner seltsam ungepflegten, ja ungehobelten Ausdrucksweise; doch dieser moles war ein Kopf mit einer der feinsten Nasen aufgesetzt, welche ich gesehen, und die kleinen Augen hatten einen nicht nur scharfen, sondern raffinierten Ausdruck. Ins Mythisch-Bildliche übertragen war Jung als psychophysische Gestalt ursprünglich eben, wie schon gesagt, ein Bergmann, welcher Steinbrüche sprengt und Blöcke zunächst nur grob behaut. Aus dem einen oder anderen meißelte er aber dann doch einen vielversprechenden, im Einzelnen gelegentlich sogar fein ausgeführten Torso heraus, und zwar hatte er hierbei verschiedene Stile, welche sich eigentlich ausschlossen; eine vereinigende Synthese oberhalb dieser gelang ihm nie. So war Jung in verschiedenen, von einander nahezu unabhängigen Einstellungen praktischer Diagnostiker, Arzt, Naturforscher im Sinn des 19. Jahrhunderts, Erkenntnistheoretiker, Geisteswissenschaftler, vergleichender Mythenforscher, Mystagoge im Sinn der Alchemie, reiner Historiker, Bahnbrecher und Wegbereiter einer neuen Seelenkunde und Aspirant zu eigenem religiösen Erleben. Doch es dominierte in ihm von seinen Fähigkeiten, nicht seiner Sehnsucht her geurteilt, letztlich in allen Einstellungen der Empiriker und der vergleichende Forscher. Es dominierte vor allem der Chthoniker — dies erkennend, gab ich Jung auf der großen Weisheitstagung Mensch und Erde des Jahres 1927 im Rahmen der Gesamtorchestrierung das Thema Die erdbedingte Psyche und dieser Vortrag von ihm wirkt echter und deshalb bedeutender, als das meiste von dem, was Jung verlautbart hat, weil eben diese Einstellung seinem Wesen haargenau entspricht. Daher Jungs beinahe komplexhafte Abneigung gegen das Wort Geist und sein Mißtrauen gegen solche, welche ausgesprochenerweise vom Geist her leben. In seiner Einführung zum posthumen Werke Heinrich Zimmers über Sri Rāmana Maharshi pries er einen kleinen bescheidenen Jünger des großen Weisen, weil dieser

seinen Meister dadurch überragt, daß er, über alle Klugheit und Heiligkeit hinaus, auch die Welt gegessen hatte und fuhr dann fort: Der Nur-Weise und Nur-Heilige interessiert mich ungefähr so viel wie ein seltenes Saurierskelett, das mich aber nicht zu Tränen rührt… Am peinlichsten wohl ist das Erlebnis der Heiligkeit.

Wurde Jung hier durch irgendjemand herausgefordert, dann bekannte er sich sogleich zu einem extremen Chtonismus, zu einer reinen Erdreligion (vgl. z. B. seinen Wotan), die er aber doch nicht wirklich meinte. Deswegen ärgerte er sich maßlos, wenn ihm Verwandtschaft z. B. mit Alfred Rosenberg vorgehalten wurde. Man gedenke auch seiner Invektiven gegen mich, die ich im Freiheitskapitel des Buchs vom persönlichen Leben zu einem erheblichen Teil zitiert habe, und auf die hin Heinrich Zimmer mir gegenüber einmal witzig bemerkte:

Jung betrachtet Sie, wie der Fuchs von seinem Bau aus mißbilligend dem Fluge des Vogels folgt.

Später wurde mir klar, daß der Tiefenpsycholog ungeistig, ja anti-geistig und sogar geistesblind sein muß, um seine Aufgabe zu erfüllen. Er muß gerade bei dem verweilen und darauf den Nachdruck legen, was vom Blick oder Erleben durchstoßen, durchdrungen werden und insofern unberücksichtigt bleiben muß, damit der substantielle Geist seiner selbst bewußt werde. Daher das schicksalsmäßige Versagen jedes Psychotherapeuten, der nicht den Heiler, sondern den Heiland spielen will — er kann nur verloren gegangenes normales Gleichgewicht wieder herstellen. Wogegen der, in welchem der substantielle Geist zur Dominante ward, ohne alle ärztliche Technik und ohne irgendwelche Berücksichtigung empirischer Verhältnisse den, der sich seinem Einfluß hingibt, im Höchstfall augenblicklich über sein bisheriges Niveau hinausheben und damit als meistens unbeabsichtigte Folge, wo nötig, natürlich auch heilen kann. Eben daher das Widersinnige aller Analytiker-Versuche, indische oder chinesische oder tibetanische Weisheit, deren Wurzel durchaus im Spirituellen liegt, von der Tiefenpsychologie her zu verstehen oder zu erklären. Entweder es gibt substantiellen Geist oder es gibt ihn nicht. Mit dieser Frage steht und fällt die Wirklichkeitsgemäßheit von Religion und Metaphysik überhaupt. Gibt es ihn indes, so braucht ein Mensch darum seiner nicht bewußt geworden zu sein und viele Betätigungen fordern geradezu sein Unbewußt-Verbleiben.

Doch das Angeführte erschöpft noch nicht den ganzen Reichtum von Jungs Möglichkeiten. Im allgemeinen schrieb er ausgesprochen schlecht. Doch in seinen Studien über Joyce und Picasso offenbarte sich paradoxaler Weise ein literarischer Kritiker großen Formats. Wahrscheinlich nun hat Jung persönlich nie nach fester innerer Gestalt, welche er andererseits unter dem Namen Integration als Ziel preist und zu welcher er anderen zu verhelfen sucht, gestrebt, weil sein Beruf ein Losebleiben des Gefüges der Seele erforderte. Wer den unzusammenhängenden Einfällen anderer folgen und dann durch seine unzusammenhängenden Einfälle lenken, wer sich vollends in Träume versenken muß, darf seelisch in keiner Hinsicht festgelegt sein. Eben daher die typische menschliche Unzuverlässigkeit der Analytiker zusammen mit ihrer Unfähigkeit, derselben inne zu werden. Mit seinen Invektiven des Jahres 1934 sprach Jung mit Grabwespen-artiger Sicherheit genau das (im Übrigen völlig Irreführende) aus, was mir in der damaligen Situation am meisten schaden mußte und niemals hat er eingesehen, was er damit tat, sodaß ich ihm schließlich einfach lachend verzieh; denn ganz bestimmt wollte er mich bewußt nicht schädigen. Letztlich hängt die typische menschliche Unzuverlässigkeit der Analytiker natürlich damit zusammen, daß sie sich unwillkürlich nur für die Motive ihrer Handlungen interessieren und nicht für deren Wirkungen und Folgen. Sie sind es besten Gewissens zufrieden, wenn sie bei sich Fehlleistungen diagnostizieren oder aber einen psychischen Grund für ihr Versagen feststellen können — was immer für Unheil aus ihrem Tun oder Lassen erwachsen sei. Und gleichsinnig sind sie anderen gegenüber letztlich gewissenlos. Ihrer Anlage nach sind sie nur psychischer Wirklichkeit unmittelbar offen, weder geistiger noch körperlicher; dieses Psychische aber ist das, was ich den Umsatz der Seele heißen möchte, das hin und her und auf und ab, das Fluktuierende, das als solches keine Ziele hat und keine Werte kennt. Wer nun also eingestellt ist, dem wird jede Lebenslage zur analytischen Situation, die Ehe, der Brautstand, der Krieg; mit dem Erfolg, daß der Umsatz, als solcher bewußt geworden, zu keiner Formung, sondern zur Lösung und im Grenzfall zur Auflösung führt. Am deutlichsten erkennt man dies am mangelnden Sinn des typischen Analytikers für Haltung. Haltung bedeutet Geformtheit durch den Geist, sie entspricht im realen Leben der künstlerischen Form und sie ist der Primärausdruck Geist-bestimmten Lebens. Der Analytiker sieht in ihr unwillkürlich Verdrängung, Krampf oder Erstarrtheit; ihm juckt es sozusagen in den Fingern, jede Haltung durch Herausschälung ihrer Motive und Komponenten aufzulösen. Daß er damit den Menschen zu entgeisten anstrebt, kann er bei seiner Natur nicht einsehen. Köhler-Gläubige sehen schon in solchen Zersetzer, welche verstehen wollen. Das sind sie auch, aber in keinem schlechten Sinn, denn Glaube an ein Äußerliches ist immer ein Vorläufiges. Analytiker nun sind wirkliche Zersetzer, weil sie dem Menschen seine Eigenform nehmen. Das ist oft heilsam, dort nämlich, wo sie einem Menschen nicht entspricht. Es wird aber lebensgefährlich, wenn es die Geistverwurzeltheit eines Menschen gefährdet. Hier ist es nun, wo der bekannte Widerstand gegen die Analyse sehr berechtigt sein kann. — Doch zurück zu Jung. Das zuletzt über ihn Gesagte tut freilich dem geistigen Werte seines Werkes Eintrag, wenn es als Vollendetes beurteilt werden soll. Aber das darf es gar nicht. Je älter Jung wird, desto mehr verwahrt er sich selber dagegen. Sein Werk ist vor allem ein gewaltiger geologischer Aufschluß, auf dem Gebiete der Seelenkunde wohl einer der großartigsten aller bisherigen Geschichte.

1Als Illustration und Erweis des hiermit Gesagten empfehle ich die Lektüre des Vortrags Was wir wollen auf der Weisheitstagung des Herbstes des gleichen Jahres (abgedruckt in Schöpferische Erkenntnis).
2Zu welchen medizinischen und therapeutischen Einsichten ich damals gelangte, steht in mehreren Aufsätzen von Wiedergeburt und in letzter Fassung im Kapitel Gesundheit des Buchs vom persönlichen Leben niedergelegt.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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