Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

VII. C. G. Jung - Analytiker und Analysand

Ich bin mit Jung, wenn ich mich recht erinnere, 1921 oder 1922 persönlich bekannt geworden und seither in dauernder direkter oder indirekter Fühlung mit ihm geblieben. Mehrfach sprach er auf Darmstädter Tagungen; wir korrespondierten Jahre hindurch viel. Mein Kreis schloß sich auf die Dauer mehr oder weniger auch an seinen an und umgekehrt, und so ist anzunehmen, daß wir, so ziemlich alles von einander wissend, einander gegenseitig befruchtet oder angeregt oder berichtigt haben, so weit dies eben unter Zeitgenossen, in Anbetracht der Hemmungen, welche unabänderlich zwischen solchen bestehen (siehe das zweite Kapitel des ersten Bandes), möglich ist. Doch eine menschliche Beziehung zwischen Jung und mir stellte sich nie her. Dem Erdmenschen in ihm blieb der Flieger im Geist irgendwie unsympathisch, wenn nicht unheimlich, dem Schweizer die unbedenkliche Großzügigkeit des Edelmannes. Und was ihm nicht lag, oder wovor ihn die Situation des Lehrenden und Analysierenden nicht menschlich schützte, das störte ihn. Dieser äußerlich so starke, ja grobe, ungehobelte Mann war als Seele von supremer Sensitivität, weswegen er alles Persönliche möglichst ganz hinter dem Schutzwall seines sehr glücklichen Heims und seiner unbedingten Anhängerschaft auslebte oder es eben in der analytischen Situation für sich irrealisierte. So erschien er auch in Darmstadt allemal mit einer Art Leibgarde. Wurde Jung nun doch, wo er es nicht wollte, persönlich berührt, dann konnte er aus Selbstschutz außerordentlich lieblos, ja grausam sein. Ich erinnere mich eines Zermatter Gesprächs mit der amerikanischen Kinderpsychologin Wickes. Sie sagte:

Es bedrückte uns eine Zeitlang, daß häufig nach Jungscher Methode analysierte Patienten starben oder Selbstmord begingen. Jetzt sind wir beruhigt: nur auf Integration überhaupt, so haben wir jetzt eingesehen, kommt es an; und es ist nicht gesagt, daß diese just in diesem Leben erfolgen muß.

Aus dieser phantastischen Mißdeutung einer tatsachengläubigen und humorlosen Amerikanerin sprach unverkennbar echt Jungscher grimmiger Humor. Jung tat nämlich desto bärbeißiger, je tiefer er berührt war. Manchmal mußte ich, wenn ich Ähnliches von ihm hörte, an einen Bären denken, welchen ein Onkel von mir, während er über einen Graben kletterte, ins Rückgrat traf: nicht ganz begreifend, warum er nicht weiterkam, nur dumpfen Schmerz spürend, biß dieser sich verärgert in das eigene Hinterteil. So meinte Jung auch schnodderig, als wir uns vor dem Tode Richard Wilhelms, der ihm sehr nahe ging, in Frankfurt trafen, er solle jetzt nur ruhig sterben, mit dem Geheimnis der goldenen Blüte hätte er doch sein nec plus ultra gegeben. Aber ich zweifle nicht, daß Humorlose durch diese Art Jungs des öfteren geschädigt worden sind. Von einem Fall weiß ich’s sogar genau: es ist derjenige von Oscar A. H. Schmitz. Dieser fiel auf Jung auf schauerliche Weise herein. Die Popularitätswelle, welche Jung auf seine richtig erkannte Bedeutung hin in deutschen Landen zuerst emporhob und trug, verdankte dieser beinahe ganz dem wackeren Schmitz, der eine Apostelnatur war und von einer erstaunlichen Gabe des leichtverständlich-Machens von Schwierigem, ohne dessen Niveau dabei herabzudrücken. 1921 hatte Schmitz sein Verehrungsbedürfnis an mir ausleben wollen, was ich mir aber nicht gefallen ließ. Jung, dem er sich dann zuwandte, ließ es sich, Übertragungs-gewohnt, gefallen, was er für sich dadurch harmlos machte, daß er Dritten gegenüber über seinen Apostel weidlich Witze riß. Doch die Wirkung der Situation auf Schmitz war alles eher als harmlos: dieser wähnte sich dank seiner Analysiertheit durch Jung zur Weltüberlegenheit herangereift. Er sah sich selber mehr oder weniger als Arhat. Wie sich ihm alsdann der Tod in der schrecklichen Form eines Blasenkrebses nahte, da merkte er, daß die Integration in Jungschem Verstand, selbst wenn sie erreicht ist (was ich im Falle Schmitz bezweifle) keine Erklimmung der Arhat-Stufe bedeutet und verlor damit, stützungsbedürftig durch Glauben, wie er war, allen inneren Halt. Sein Sterben soll entsetzlich gewesen sein, ein schauerliches Rechten mit dem Schicksal bis zum letzten Augenblick. Damals glaube ich Schmitzens Frau seelisch gerettet zu haben, indem ich ihr den Sachverhalt dahin erklärte, daß ihr Mann seinen Halt verlor, weil er die analytische Psychologie als religiöse Heilslehre mißverstanden hatte; solches Mißverstehen muß sich rächen und beeinträchtigt in keiner Weise das Charakterbild des gutgläubig Verblendeten. Selbstverständlich traf hier Jung keine direkte Schuld. Aber offenbar hatte er seinen Analysanden, in seiner Angst vor zu nahem Kontakte, nicht genügend gewarnt. Und daß er sich dessen bewußt war, beweist der Umstand, daß er Schmitzens Frau wenig freundlich nach dessen Tode schrieb und ihn später nie, daß ich wüßte, wieder erwähnte. Im gleichen Sinne sagte und schrieb Jung gelegentlich, wie schon bemerkt, über Menschen, denen er bewußt gewiß nicht schaden wollte, ohne zu merken, was er tat, Dinge, die diese so treffsicher schädigten, wie nur je eine Grabwespe die Ganglien einer Raupe traf. Vom Standpunkt von Jungs eigener Wissenschaft ist das Interessanteste an dem hier kurz Angedeuteten — wozu ich viele weitere Beispiele anführen könnte — das Ergebnis, daß der Analytiker selber ein ungelöster analytischer Fall nicht nur in allen mir bekannten Fällen ist, sondern sein muß.

Nur wem die Lösung seiner Seelenkonflikte in sich selber nicht gelingt, der dabei aber die Gabe hat, derselben in der Projektion auf andere gewahr zu werden, fühlt das Bedürfnis, sich mit der Seele anderer so intensiv und minutiös zugleich abzugeben, wie dies die analytische Technik verlangt; und nur in dieser erwachsen und reifen die erforderlichen Fähigkeiten. So fühlt nur der den Drang, seine Ideen auf dem Papier zu materialisieren, der dieser anders nicht deutlich gewahr werden kann. Letzteres ist zu einem erheblichen Teil mein Fall, wie denn mein Schöpferdrang überhaupt in hohem Maße daher rührt, daß mein Tiefstes mir unbewußt ist und erst durch die herausgestellte Schöpfung mir selber zugänglich wird. Wäre ich mit Schauungen, Visionen und dergleichen begnadet gewesen, so hätte ich die tiefsten meiner Werke bestimmt nicht schreiben können, wie denn die wenigsten derer, welchen Offenbarungen zuteil wurden, überzeugend über sie berichtet haben. Da nun die meisten Analytiker heute selber Analysierte sind, so beweist dies, wie wenig Analysiertsein zu bedeuten braucht. In seinen letzten Schriften hat sich ja auch Jung selber zu meiner schon 1922 veröffentlichten Einsicht durchgerungen, daß das Lösen der Spannungen an sich kein ideales Ziel ist und nur das Schicksal und die Not das Wunder leisten, was heutzutage so viele Patienten in ihrem wieder erwachten primitiven Wunderglauben vom Arzt erwarten. Im übrigen bietet das wahre Verhältnis von Analytiker und Analysand eine Illustration mehr des allgemein-organischen Gesetzes der Korrelation: so wie Bienen und Klee aufeinander angewiesen sind, so sind es auch Ärzte und Patienten mit ihren respektiven Gebrechen. Und sehr bezeichnenderweise durchschauen in bezug auf Andere hellsichtigste Analytiker meiner Erfahrung nach sich selber nie. Hier setzt denn, in Ergänzung des Korrelationsgesetzes, dasjenige von der Produktivität des Unzulänglichen ein (siehe das betreffende Kapitel meiner Menschen als Sinnbilder). Ich glaube nicht, daß mit einer Kritik der Persönlichkeit Jungs (wie überhaupt aller großen Männer, und zu diesen gehört er) über dessen Bedeutung das allermindeste präjudiziert ist. Es ist dermaßen schwierig, ja eigentlich unmenschlich, Pionier zu sein, daß es fast allemal besonderer Schutzvorrichtungen in der Seele bedarf, die sonst nicht mit Unrecht als pathologisch gelten, um die schicksalsmäßige Einsamkeit und zugleich Exponiertheit des Pioniertums auszuhalten. Liest man unter diesem Gesichtspunkt die im Freiheitskapitel des Buchs vom persönlichen Leben zitierten Invektiven Jungs gegen mich wieder, in welchen er mir Aufgehen in der Gemeinschaft empfiehlt und gedenkt dabei seiner eigenen ungeheuren Einsamkeit, so erscheint manches in anderem Lichte, als in dem, in welches Jung selber mit Vorliebe seine persona stellt. Als mein Spektrum herauskam, weilte ich in Amerika. In Chikago erhielt ich einen bestürzten Brief von Jung. Ich kann diesen im Augenblick nicht wiederfinden, meine jedoch, daß sich mein Gedächtnis nicht zu sehr täuscht, wenn ich den Sinn seines Inhalts folgendermaßen wiedergebe.

Sind Sie stark genug, sich allein so der Welt entgegenzustellen? Mir bangt um Sie. Auch ich war einmal ein Himmelsstürmer. Aber da kam es mir zu dicke. Ich kaufte mir ein Landhaus und errichtete im Garten einen Altar, der — des lateinischen Texts entsinne ich mich leider gar nicht, so mag mein Zitat nur dreißig Prozent exakt sein — die Inschrift trug: An Baucis, das Opfer des Philemon.

Diese persönlichen Reminiszenzen möge meine letzte Erinnerung an Sigmund Freud abschließen. Wie beinahe alle Menschen, welche vor allem nach Macht gieren — hätte er das nicht getan, nie wäre er zu so einem phantastisch intoleranten Kirchenvater geworden — war Freud von Hause aus seelisch schwächlich, gegen unangenehme Eindrücke physiologisch schlecht gewappnet, suprem schüchtern und dementsprechend zurückhaltend, höflich und förmlich im Verkehr. Wie er achtundsechzig Jahre alt war, begann ein anscheinend bösartiges Geschwür in seinem Gaumen zu wuchern, und Freud ließ sich dann das, was er für Krebs hielt, so gründlich operieren, daß sein ganzes späteres Mundwerk mehr oder weniger künstlich war. Tatsächlich handelte es sich aber nicht um Krebs — deswegen gab es auch keine Rezidive — und Groddeck sah wohl richtig, als er mir in jener Zeit das Folgende erzählte: seit Jahrzehnten wäre ihm aufgefallen, daß die Zahl 68 eine besondere Rolle in Freuds Vorstellungswelt spielte. Dieses hätte er, Groddeck, immer so gedeutet, daß sich Freud in diesem Alter zur Ruhe zu setzen beabsichtigte. So hätte er sich zu diesem Jahre, um sein Ziel zu erreichen, den Krebs imaginiert, welcher in seinem Falle rein psychogen sei. Da aber seine Lebensuhr nicht wirklich abgelaufen war, so lebte Freud trotz der schauerlichen Operation weiter. — Tatsächlich hing Freud sehr an seinem Leben, wie er ja auch sehr alt geworden ist, und damit hängt mein zu schilderndes Erlebnis zusammen. Ich besuchte Freud nach Jahren einmal wieder. Da sah ich hinter der vorstehenden Wand seines Zimmers — ich kam durch ein anderes, im rechten Winkel zu diesem gelegenen herein — Freuds Beine über dem Tische wippen. Ich war baß erstaunt, denn diese Auslage sah dem schüchternen und korrekten Mann so gar nicht ähnlich. Wie ich dann Freuds Antlitz gewahrte, da blickte dieses mir geradezu frech entgegen. Und er, der sonst Überhöfliche, begann mich zu invektivieren. Ich schwieg. Ich verstand, daß er mit seinem Entschluß zu sterben seine Schüchternheit äußerlich überwunden hatte. Wie er dann aber darüber zu perorieren begann, er fürchte den Tod nicht, sei jeden Augenblick zu sterben bereit, da sagte ich ihm ruhig:

Das stimmt nicht. Und fragte alsdann ohne Übergang: Sagen Sie, Meister, haben Sie je einen Menschen geliebt? Da war der Alte wie gelähmt. Ja, ein Mal, eigentlich nur ein Mal. Das war einer meiner Söhne, den habe ich leidenschaftlich geliebt, und gerade der mußte früh sterben.

Fortan war Freud wie verwandelt. Wie ich in die kalte Winternacht hinaustrat, hielt er mir die Hand, bis ihn der Schneesturm in sein Haus zurücktrieb.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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