Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

VII. C. G. Jung - Wer darf seinen Mythos leben?

Seit langer Zeit schon hat sich der Horizont meiner Psyche nach innen zu so weit erweitert, daß ich in den Problemen des Analytikers keine persönlichen Probleme mehr sehe — obschon ich natürlich vom Analytiker-Standpunkt zeitlebens in irgendeiner Hinsicht, wie jeder, welcher von Spannungen und aus diesen heraus lebt, oder vielmehr in besonders vielen Hinsichten, ein analytischer Fall bleiben werde. (Inwiefern ich in der Auflösung von Komplexen an sich kein Ziel sehe und sie in manchen Fällen für verderblich halte, habe ich im Kapitel Heilkunst und Tiefenschau von Wiedergeburt auseinandergesetzt.) So wie der christliche Glaube ursprünglich vom Zweifel lebt, mit dessen Aufhören er erledigt wäre, und die Wissenschaft seit Sokrates, ihrem eigentlichen Inspirator, vom Nicht-Wissen, so lebt die Analyse, so wie sie in der Geschichte geboren und geworden ist, von der Diskrepanz zwischen Bewußtsein und Unbewußtem, zwischen Individuellem und dem, was Jung als Kollektiv deutet, und diese Diskrepanz besteht entweder für mich nicht mehr, oder aber sie ist mir kein Problem. Den meisten Menschenarten war und ist sie es ja nicht: es hat seinen guten Sinn, wenn Franzosen die Bedeutung der Analyse schwer einsehen, und das gleiche müßte von hochentwickelten Indern und Chinesen gelten — wogegen das japanische Volk wahrscheinlich einen einzigen riesengroßen analytischen Fall darstellt. Es ist nicht unnormaler, sondern normaler Weise so, daß sich Bewußtes und Unbewußtes, Individuelles und Kollektives als Fremdheiten (nicht notwendig gegensätzlich oder kompensatorisch, wie Jung dogmatisiert) zu einander verhalten, und Pathologisches tritt dann erst in die Erscheinung, wenn die sich hieraus ergebende polare Spannung nicht freibeweglich bleibt; so ist meiner Erfahrung nach sehr vieler Irrsinn am gegenständlichsten so zu beurteilen, daß die ressorts, die Federn der Seele irgendwo gebrochen sind, so daß sie in bestimmten Einstellungen, welche jeder als kurzen Zustand kennt, in Form eines extremen Pendelausschlags fixiert bleiben. Im Idealfall sollte jeder spielend leicht einmal extravertiert, ein andermal introvertiert erscheinen, mal vom Tagesbewußtsein, mal vom Unbewußten her leben können, mal vom ursprünglichen Geist her, mal auf die Welt hin.

Im Zustand der integralen Offenbarung wäre also weltumspannende Totalität, im Selbstbewußtsein zentriert, erreicht. Aber auch hier wäre das jeweilige Bild allemal eins gespannter Einseitigkeit, denn ganz unmöglich kann sich der Blick — und Bewußtsein ist wesentlich Blick — gleichzeitig allem zuwenden. Deswegen müßte der Mensch eigentlich so viele Augen haben wie ein indischer Gott. Jung nun haftete, obgleich er theoretisch oft darüber hinausgelangt schien, zu sehr an den Phänomenen als solchen, die er untereinander verglich, um zu erkennen, daß der Akzent anders zu legen ist, als er es tat, um das geistbestimmte Seelenleben, so wie es wirklich ist, im Verstehen wiederzugebären. Und die den Charakter seiner Lehre bestimmenden Phänomene sind dazu pathologischer Art. Wahrscheinlich bedeutet es das Hauptverhängnis der Tiefenpsychologie, daß sie überall von der kranken und nicht der gesunden Seele ausgegangen ist und daher unwillkürlich von jener her urteilt; dieser Umstand hat viele Perspektiven von vornherein gefälscht. Aus letzterem Umstand hauptsächlich erklärt sich Jungs Schematismus, sein Unterscheiden von ein für alle Male existierenden Schichten, Ablaufschemen, Urbildern und so fort. Nicht, daß solche nicht nachzuweisen wären, aber die Starrheit ist im Fall der Seele immer ein Zeichen pathologischer Festgefahrenheit und darum nicht symbolisch für das Wesen, und das Gleichbleiben oder die erweisbare Gleichsinnigkeit der Bilder beweist nie Wesen, sondern Erstarrtheit oder Rückentwicklung. Freilich beweist es auch das Dasein von Archetypen. Doch diese sind keine Hypostasen ähnlich dem, was Plato seine Ideen bedeuteten, — der Sinn dieser besonderen Form von Wirklichkeiten ist vielmehr der folgende: da sich alles Seelenleben in Form von Bilderfolgen abspielt und die Bedeutung aus sich heraus die Tatbestände schafft, so bedingt gleicher Sinn gleiche oder wenigstens sehr ähnliche Phänomene. Der Akzent ist also nicht auf diese zu legen, sondern auf jenen.

Von hier aus sind auch weitere Mißverständnisse, Mißdeutungen und Ungenauigkeiten Jungs zu berichtigen. Das z. B., was Jung primitiv heißt, ist normaliter nicht eine festliegende geologische Schicht, als welche es beim flüssigen oder gar gasartigen Charakter der Seele überhaupt nicht gibt, sondern das zeitlos fortlebende Ursprüngliche, das immer gleich lebendig jederzeit neue Differenzierungen aus sich gebären kann1, und welches andererseits den Jungbrunnen der Seele darstellt, in welchem erstarrte Krusten eingeschmolzen werden. Darum kann sich das gleiche Ursprüngliche genau so gut archaisch-einfach wie raffiniert-differenziert manifestieren. Ähnlich steht es endlich mit dem sogenannten kollektiven Unbewußten. Es ist nicht so, daß es ein kollektives Unbewußtes nach Art einer Erdschicht gäbe, das noch dazu in Engrammen im Gehirn fixiert wäre. Wenn Bergson und Driesch Endgültiges geleistet haben, so besteht es im Nachweis des ersteren, daß die Erinnerung nicht im Gehirn ist, und des letzteren, daß das Gehirn inbezug auf das Seelenleben nur die Rolle eines psychometrischen Objektes spielt2. In Wahrheit liegen die Dinge folgendermaßen: wie jeder Mensch der heutigen europäischen Bewußtseinsstufe nur als einziges Wesen existiert, dabei jedoch als Gestalt und Entwicklungsweg einem Typus angehört, so gibt es bei ihm Kollektives nur als generelle Form von einmaligem Einzelsein. Aber der Mensch war nicht immer individualisiert, und darum sieht es so aus, als hätte er früher aus einer Kollektivseele heraus gelebt. Das hat er aber nie getan, denn das Subjekt ist immer eine Einzigkeit, ob sich dessen Träger dessen bewußt sei oder nicht. In Wahrheit hat er einmal in hohem Grade von innen her gleichgeschaltet gelebt, wie denn frühe Menschen einander viel ähnlicher sind als moderne Europäer. Andererseits gab es aber von jeher Gleichschaltung von außen her, bei der Enge aller frühen Gemeinschaften spielte solche Gleichschaltung damals sogar eine überragende Rolle, und hier liegt die Ursache von vielem, was neuerdings als kollektives Unbewußtes mißverstanden wird. Die Gleichschaltung von außen her wirkt bekanntlich mittels des Suggestions­mechanismus, und dieser bewirkt allemal ein Unbewußtwerden der eigentlichen Motive des so-und-nicht-anders-Handelns.

Alles in allem ist das sogenannte kollektive Unbewußte, soweit es einer Wirklichkeit entspricht, ein Interferenzprodukt, welchem Jung gerade erst einen Namen gegeben hat; dessen richtige Erforschung hat noch gar nicht begonnen. Wer sich nun damit befaßt, sollte sich dabei von vornherein das Folgende sagen: es gibt kaum eine religiöse oder metaphysische Vorstellung, welche so schwer zu fassen wäre und so wenig Unklares verdeutlicht, als gerade die des kollektiven Unbewußten, welche heutigen Menschen die schwerst zu verstehenden Phänomene plausibel machen soll… Hier nun ist des folgenden Grundproblems der Phänomenologie der Seele zu gedenken: auch der häufigst wiederkehrenden generellen Grundform fehlt das Merkmal der Unabänderlichkeit der physisch-organischen Gattung oder Art. Alles Psychische ist fluktuierend, alle Bilder sind wesentlich verwandelbar. Je niedriger das Niveau eines Menschen, sei es im Sinn von Unentwickeltheit oder pathologischer Rückbildung, desto mehr ähnelt freilich das Gefüge der inneren Bilder in Simultaneität und Sukzession der Stereotypie der Gattungstypen und Starrheit der tierischen Instinkt-Reaktionen (in Wiedergeburt verglich ich den festgelegten tierischen Instinkt mit den Komplexen des Menschen), wenn nicht gar der tierisch-pflanzlichen Reflexbögen. Doch das ist eben, weil hier das Psychische gleichsam gerinnt und damit seiner wichtigsten positiven Eigenschaften verlustig geht. Den Psychopathen erkennt man insofern am leichtesten an der Häufigkeit und Bedeutung seiner Zwangshandlungen. Je höher entwickelt eine Psyche, desto weniger ist sie ein für alle Male festgelegt. Und bedeutet gar der substantielle Geist in einem Menschen für sein Bewußtsein die letzte Instanz, dann ist die Bedeutung psychischen Geschehens ganz und gar das Werk der rein-persönlichen Sinngebung des Betreffenden. Dann stellen die Bilderfolgen (ich brauche das Wort im allgemeinsten Verstand) nur mehr den Körper dar für strikt persönliche Intention, wie mythische Vorwürfe für große Dichter. Allgemein aber ist dies zu sagen: der Sinn der jeweiligen psychischen Gestaltung ist niemals aus dieser als solcher zu ersehen; da führt ein Vergleich mit sonst feststellbaren Bedeutungen gleicher Bilder nur irre. Jung hat darum mit seiner vergleichenden Imaginologie kein Lehrbuch feststehender Bedeutungen geschaffen, sondern nur eine erste Grammatik und Syntax der Sprache des Seelenlebens entworfen, und dabei hat er recht eigentlich gestottert. Ich glaube nicht, daß viele seiner Begriffe eine verhältnismäßig kurze Zeit überleben werden. Rationale Sinneserfassung war niemals Jungs force, und je älter er wurde, desto mehr hielt er sich an festgefahrene Schemen. Auf die Dauer erweisen sich freilich solche Unzulänglichkeiten nie als Erkenntnis-hemmend, nämlich von dem Augenblicke an nicht mehr, wo durch die Schemen hindurchgesehen wird. Fast das gesamte chinesische Schrifttum hat mittels jener phrases toutes faites gearbeitet, welche Flaubert so sehr perhorreszierte, alle archaischen Sprachen sind ausdrucksarm. Aber dementsprechend sind ihre Worte und sonstigen Ausdrücke vieldeutig und werden sie auch entsprechend aufgenommen. Um die Wahrheiten, welche Jung zutiefst meint und auch wirklich intuiert, zu realisieren, muß man durch seine Begriffssprache hindurchlesen, wie durch die Sätze und Deutungen des I Ging, mittels derer seit Jahrtausenden immer wieder richtig prophezeit worden ist.

Hier sind wir denn bei der grundsätzlichen Grenze aller bisher anerkannten analytischen Methodik angelangt — das zuerst hinsichtlich Jung allein Gesagte will ich nunmehr verallgemeinernd fassen, wobei natürlich etliche Wiederholungen unvermeidlich sein werden. Alle Analytiker deuten die Produkte des Unbewußten auf irgendeine bestimmte Art. Solche Deutung ist immer willkürlich. Es ist ganz gewiß nicht alles Sexualsymbol, noch hat irgend etwas eine andere ein für alle Male festliegende Bedeutung. Zumeist sind die produzierten Bilder — dies hat zuerst Walter Frederking festgestellt — als letzte Instanzen zu betrachten und zu behandeln, genau so wie nach Jung das vereinigende Symbol die letzte Instanz für eine bestimmte Epoche sein kann; auch hier gilt das Goethewort:

Man suche nur nichts hinter den Phänomenen: sie selbst sind die Lehre.

Genau so sind Gedichte letzte Instanzen und warten nicht zu ihrer Erfüllung auf den Kommentar. Darum wirkt nachweislich die verschiedenste Deutung des gleichen von Fall zu Fall heilend, was unmöglich wäre, wenn es eine einzige richtige und durch ihre Richtigkeit erlösende Deutung gäbe. Den Zusammenhang erkläre ich mir vorläufig — wahrscheinlich gibt es tiefer reichende Erklärungen, doch bin ich noch nicht auf sie gekommen — folgendermaßen: da jeder Sinn jeden anderen implizite spiegelt, so setzt jede nicht ganz falsche Deutung alle Saiten der Psyche in Schwingung, worauf es vor allem ankommt. Dann aber wirkt das Helfenwollen des Arztes als solches, sein Versuch zu verstehen, lösend und erlösend. Es ist merkwürdig, wie wenig diese doch allen offenbar sein sollende Tatsache bisher ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist: es ist in erster Linie primärer Heiltrieb, welcher den Arzt macht; wem dieser fehlt, wird nie ein großer Arzt werden, und wisse und könne er noch so viel. Aus eben dem Grunde aber sind die meisten Ärzte-Deutungen nichtärztlicher Probleme schief, weil sie unwillkürlich vom Primat des Heiltriebs ausgehen. Kein Staatsmann hat diesen gehabt, kein echter Heiland; wer aus dem Menschen mehr machen will, als er ursprünglich ist, ist wesentlich kein Heiler; unmöglich kann er in Gesundheit und Krankheit, in Wohl- oder Übelbefinden, Glück oder Unglück letzte Instanzen sehen. Letztlich aber spielt jede bestimmte Deutung die Rolle einer Sprache. Je undifferenzierter ein Mensch, mit desto weniger Worten kommt er aus — aber jedes seiner Worte ist dann nahezu unbegrenzt vieler Deutungen und Bedeutungen fähig. Schlägt Differentiation an einem bestimmten Punkte in Integration um, dann bedarf es wiederum sehr weniger Worte, um alles zu sagen. Als Beispiel genügt ein Hinweis auf Lao Tse. Das Sexuelle, auf das die meisten Analytiker andere Zusammenhänge reduzieren, scheint mir nun in besonders hohem Grade die Rolle einer Sprache zu spielen. Anstatt weiterer Erörterungen hierüber ein pittoreskes Beispiel aus der Zeit, da die Russen während des ersten Weltkriegs in Ostpreußen einbrachen; ich garantiere für dessen wortwörtliche Exaktheit, schicke nur voraus, daß der schlimmste Fluch des russischen Volkes, welchen sonst meines Wissens nur noch das chinesische verwendet Job twoju Matj (koitier’ mit deiner Mutter) ist. Ein heimgekehrter russischer Soldat wollte also schildern, wie schön und ordentlich und kultiviert alles in Ostpreußen wäre, und wie scheußlich in Rußland und äußerte dies, durch entsprechende Gebärden des Staunens und Ekels unterstützt, mit folgenden wenigen Worten, die aber von allen seinen Kameraden sofort verstanden wurden:

Ich komme nach Ostpreußen. — Ich blicke nach rechts: Liebe deine Mutter!! — Ich blicke nach links: Liebet Eure Mutter!!! — Ich kehre über die Grenze nach Rußland zurück. Ich blicke nach rechts — ich blicke nach links: nicht ein Genital!

Es ist die inhärente Tragödie jedes Wissenschaftlers, daß er verallgemeinern und herausstellen muß, wo alles darauf ankommt, der jeweiligen Einzigkeit als solcher innezuwerden. 1939 schickte ich Jung die neue, meine Autobiographie bis zu diesem Jahre fortführende Vorrede Anticipation et Réalisation zur zweiten Ausgabe von Menschen als Sinnbilder (Figures Symboliques), in welcher ich mein eigenes jüngstes Erleben dahin schilderte, daß der Sohn des Lichts jetzt nicht mehr den Kopf der Schlange zertritt, sondern daß die Schlange sich selber in einen Heilbringer verwandelt. (Gleichzeitig kam mir wieder und wieder, im Wachen wie im Traum, das Bild, daß der reißende und brüllende Tiger, welcher mich früher (wie ich Kind war, als Löwe) von hinten überfiel, nun von vorn auf mich losstürzte, aber mitten im Sprung schwebend sich aufrichtete und zum Buddha wurde.) Jung schrieb mir in seiner Antwort, auch Ignatius von Loyola hätte einmal die Vision der illuminierten Schlange gehabt, diese aber alsdann als Versuchung des Teufels erkannt und mit dem Stock vertrieben. Und dann fuhr er fort (ich zitiere aus dem Gedächtnis):

Sie haben Ihren eigenen Mythos gut beschrieben. Da aber stellt sich die Frage: darf man — wer darf seinen Mythos leben?

Meine Antwort auf diesen Brief enthält alles, was ich im Augenblick auf diese Frage zu antworten habe. Und da sie zugleich die bisherigen Betrachtungen über die Vieldeutigkeit der Symbole bis zu einem gewissen Punkte abschließt und überdies die Antwort auf die weitere Frage enthält, wie ein Erinnerungsbuch wie das vorliegende überhaupt möglich ist, so sei meine Antwort an Jung vom 24. Juli 1939 als Schluß dieses Abschnitts abgedruckt3:

Mit Ihrer Frage Darf man — wer darf sich mit seinem Mythos identifizieren? berühren Sie das Grundproblem menschlicher Existenz. Die theoretische Antwort glaube ich schon im Kapitel Divina Commedia der Südamerikanischen Meditationen gegeben zu haben. Seither ist die Richtigkeit der Antizipation von der Einsicht her für mich zur erlebten Wahrheit geworden. Nur kann ich heute noch mehr sagen und ich schreibe es Ihnen, weil ich bei unserer letzten Begegnung gespürt habe, daß Sie jetzt nicht mehr als nur betrachtender Psycholog, sondern auch als lebendiger Mensch mit diesen letzten und wichtigsten Fragen ringen.
Freilich sind die Urbilder als solche gattungsmäßige Phänomene. Aber genau so wenig wie es Gattungen als Dinge an sich gibt, sondern nur lebendige und einzige Einzelwesen, die nach einem Gattungsschema gestaltet in die Erscheinung hinein-manifestiert werden, genau so ist es meiner Überzeugung nach methodisch falsch, eine individuelle Erscheinung auf Kollektives zu reduzieren. Dieses bedeutet immer nur Verkörperungsmaterial, und es fragt sich bloß jeweils, genau wie beim materialmäßig nachbildenden Künstler, wieweit der Einzige dem Kollektiven einen Sinn zu geben vermag. Mißversteht der Einzige das Kollektive als Substanz und identifiziert er sich mit diesem, dann ist er natürlich auf dem Weg zum Wahnsinn. Gleichsinnig ist der ein Betrogener, welcher glaubt, nur er erlebe bestimmte Bilder und diese seien transzendent wirklich fremde Sonderwesen. Beim richtig Eingestellten liegen die Dinge folgendermaßen: jede Wandlung bedeutet zunächst Artwandlung: daher die ausschlaggebende Rolle der Archetypen bei jeder Mutation. Aber die Frage liegt überhaupt nicht so, daß oder ob dieser und jener sich nun mit diesem oder jenem Bilde identifiziere, sondern welches Bild ihm in welcher Situation was bedeutet, was allemal von der freien (ob auch unbewußten) Sinngebung des Einzigen abhängt. Vertrieb z. B. Ignatius von Loyola dieselbe illuminierte Schlange, welche mir ganz anderes bedeutet, so beweist das nur das Allbekannte, daß Ignatius der Initiator einer Restaurationsbewegung war, während ich Pionier bin einer als kollektive Wirklichkeit noch ungeborenen Zukunft. Das Bindeglied nun zwischen dem rein Persönlichen und dem bloß Kollektiven schafft die im Kapitel Traurigkeit der Kreatur der Meditationen erstmalig herausgestellte Erkenntnis, daß die Primärausdrücke des substantiellen Geistes der Mut und der Glaube sind. Nur der, welcher aus innerer Vollmacht für sich selbstverständlich bejaht, was Sie meiner Ansicht nach fälschlich Identifizierung heißen — es handelt sich hier um wesentlich anderes — und das Risiko des Irrtums oder der Sünde auf sich nimmt, nur der ist Sinnesverwirklicher. Rund hundert Prozent aller derer, welche seit Geburt des Menschen­geschlechts neuen Sinn dem Leben eingebildet haben, können als Kronzeugen dieser Wahrheit aufgerufen werden. Gleiches bedeutet die Tatsache, daß nur also Mutige und Gläubige überhaupt als Geist-Einbilder wirken. Sogar Gelehrte wirken lebendig nur durch das wenige, was sie mit innerer Vollmacht glauben oder aber (was häufiger ist) dank dem, daß anderen die Erkenntnisse jener zu Glaubensinhalten werden.
Insofern ist die Ebene des Mythos die wahre das heißt reale Ebene des spezifisch menschlichen Lebens überhaupt, denn das, was ich Sinn heiße, ist des Geistes-Lebens substantieller Kern. Sie erhalten beziehungsweise erhielten schon die neue französische Ausgabe von Menschen als Sinnbilder, von der Sie das neue Vorwort bereits kennen: lesen Sie doch die ersten fünf Seiten von Kant wieder, auf welchen ich schon 1925 nachwies, daß man besser daran täte, die Chronik am Mythos, als den Mythos an der Chronik zu berichtigen. Dieses geistige Leben, das natürlich in Bilderfolgen besteht und freilich als Mythos bezeichnet werden darf, ist eben das Wirklichste, was an einem Geist — ganz einerlei, wie er mit sonstiger Wirklichkeit auskommt — festzustellen ist. Unwirklich ist einer hingegen umgekehrt proportional seinem Glauben und seinem Mut (die meiste Identifizierung mit nicht echt-eigenen Bildern beruht nicht auf Dummheit sondern auf Feigheit) und direkt proportional seiner Unwahrhaftigkeit und Anlage zum Schwindel. Sie werden nun, wenn Sie die Geschichte vorurteilslos betrachten, finden, daß rund hundert Prozent aller derer, welche geistige Impulse dem Leben eingebildet haben, genau im selben Sinne ihren Mythos lebten, wie ich es tue.
Alles nun, was im Menschenleben unterhalb des Mythos liegt (schon der Sinn des Lebens, den z. B. jede Mutter in ihren Kindern findet, gehört der Mythos-Ebene an), liegt auf der Ebene des Untermenschlichen. Wer keinerlei Mythos hat, von dem gilt das Wort der Phorkyas:
Wer keinen Namen sich erwarb,
noch Edles will
gehört den Elementen an……
Tatsächlich aber hat keiner ein buchstäblich unmythisches Leben, auf irgendeinen Sinn bezieht jeder sein Empirisches und den Trost für die, welche keinen persönlichen Mythos der Welt einbilden können, faßt dieselbe Phorkyas also zusammen: Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person. Die meisten wollen ja nur Elemente sein und suchen nach dem Mythos im Rahmen dessen sie die Rolle von Elementen spielen können. Daher das Urphänomen der Bereitschaft zum Folgen. Aber andererseits: welche Katastrophe, wenn zu Elementen Vorherbestimmte nichts und niemand finden, dem sie sich also zuordnen können! Diese kurzen Sätze erklären, so weit ich sehe, die ganze Sonderart des heutigen Geschichtsbildes und gestatten auch sehr sichere Zukunfts-Prognosen.
Sehen Sie, mein lieber Doktor, ich bin jetzt so weit, durch alles hindurch vollkommen furchtlos und gläubig meinen Mythos leben zu können. Darum habe ich Jahre der Höllenqual und überdies die noch heute bestehende Aussichtslosigkeit, bei Lebzeiten je wieder meinen Neigungen gemäß leben zu können (wahrscheinlich werde ich nie mehr meinen angeborenen, und durch Zurückhaltung noch stärker gewordenen Dynamismus nach außen kehren können), Jahre, unter deren Druck wahrscheinlich die meisten zerbrochen wären, nicht allein ausgehalten: ich bin stärker, gesunder und — glücklicher an ihnen geworden, denn mein eigenes Leben hat das Supremat echten Mythos über die Empirie unzweideutig bewiesen.
Lesen Sie doch Mein Glaube in Wiedergeburt oder im Buch vom persönlichen Leben wieder: ich bin vollständig dagegen gefeit, etwas zu glauben, was ich nicht im Sinn sowohl experimenteller als kritischer Gewißheit wüßte. So weiß ich heute auch noch nichts von dem, was die meisten zu glauben behaupten. Gesichte habe ich genug gehabt, aber keins verführt mich; jedes nahm ich dankbar hin als Sinn- und Leitbild eines Werdenden, doch den letzten die Endgestalt bedingenden Sinn gebe ich und auf dem Gebiet des Lebens schafft der Sinn den Tatbestand und nicht umgekehrt (die Grunderkenntnis meiner Philosophie). Eben darum können Sie gewiß sein, daß, wenn ich einmal zu meiner Erleuchtung gelange, ein alle angehender Mutationsprozeß seine Erfüllung gefunden haben wird. Bis dahin jedoch stähle ich alle meine Kräfte täglich und stündlich, in ständigen Meditationen und im Gebet, durch Hölle und Himmel hindurch vollkommen wahrhaftig und weltoffen nach allen Richtungen zu bleiben und mich nie nie nie bei einem bloßen Begriffe zu beruhigen. Heute nämlich spielt die Wissenschaft mit ihren beruhigenden Festlegungen genau die gleiche Fortschritts-feindliche Rolle, wie ehemals die Theologie. Augenblicklich sind die meisten in 59 Lebensjahren auskristallisierten Krusten in mir geschmolzen; ich bin zart wie ein Ei ohne Haut und leide dementsprechend an jeglichem Kontakt wie niemals früher. Doch ich leide gern, weil ich des guten Endes gewiß bin; ob ich es nun äußerlich erlebe oder nicht.
1Vgl. hierzu das im Kapitel Selbstverwirklichung meiner Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit über das ewige Kind im Menschen Ausgeführte.
2Vgl. Bergson Matière et Mémoire und Driesch Alltagsrätsel des Seelenlebens.
3Der Brief ist mit freundlicher Genehmigung von Bollingen Foundation, New York, und Routledge & Kegan Paul Ltd., London, den Verlegern der amerikanischen, resp. englischen Gesamtausgabe der Werke Prof. C. G. Jungs, abgedruckt.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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