Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

VIII. Besitzende und Besitzlose - Schenk-Ordnung

Solchen, bei welchen der Geist nicht den Primat hat, die nicht ursprünglich vom Geiste her erleben, mag es grotesk vorkommen, daß einer, wie ich, erst posthum gleichsam das realisiert, was den meisten elementarstes Erleben ist, und so erst in hohen Jahren auf die entsprechenden Gedanken kommt. Und ich fürchte, die besonderen Typen, welche bei meinen Lebzeiten das Monopol auf Geistigkeit beanspruchen, werden mich erst recht nicht verstehen, denn die haben gar kein Verhältnis zur Erde; sie sind buchstäblich verstanden wurzellos, was ich gar nicht bin, oder aber sie senken, gleich manchen tropischen Bäumen, von den Zweigen her lose Wurzeln in das Erdreich hinab. In Wahrheit ist meine Form des Erlebens die für den Vertreter substantiellen Geistes auf dieser Erde normale — wenn es auch nicht eben viele Geistbestimmte geben mag, die in Kompensierung dessen in gleich elementarem, ja primitivem Sinne erdhaft sind. Der Geistbestimmte kann nur vom geistigen Erleben her assimilieren; erst von diesem her realisiert er sogar seine eigenen Triebe, so stark diese im übrigen seien. Das Realisieren vom Geist her nun setzt Abstand voraus. Eben darum und darum allein wird der Nachwelt gegenüber der Mitwelt höhere Bedeutung und gerechteres Urteil zuerkannt. Auf den ersten Blick erscheint es recht eigentlich absurd, daß ein bedeutender Mensch selten früher richtig gesehen und gewürdigt wird, als frühestens ein Vierteljahrhundert wenn nicht nach seinem Tode, so doch nach vollbrachter größter Leistung, und daß die Geschichtsschreibung trotz aller Lückenhaftigkeit der Überlieferung desto mehr und desto exakter bestimmte Wahrheit feststellt, um je weiter zurückliegende Zeiten es sich handelt. Andererseits kann der Geist freilich vom Sinne her prophetisch vorausbestimmen: der Gegenwart wird er sehr schwer gerecht, weil er im Unterschiede von der Erlebnisart der erdbedingten Seele eben des Abstands bedarf. Sodaß man ohne Übertreibung sagen kann: möge der Gana, der Empfindung und dem Gefühl die Gegenwart am nächsten liegen, dem Geist liegt sie am fernsten. Insofern lebt er geradezu in umgekehrter Richtung, als der Erd-Teil des Menschen, weswegen ich die Behauptung gewisser Hellseher für nicht unwahrscheinlich halte, daß das Leben nach dem Tode eine gewisse Zeit lang rückwärts verläuft. Ich nun kann überhaupt nur vom Geiste her erleben; sogar im Fall der Liebe habe ich unterwegs zu ihrer Bewußtwerdung allemal den Umweg über die Phantasie machen müssen. Im übrigen aber stellt mein Leben mehr als dasjenige der meisten einen fortschreitenden Inkarnationsprozeß dar. Darum konnte ich erst mit 49 Jahren der Erde als eines Bestandteiles meines Wesens überhaupt bewußt werden, und der primären Sicherung auf ihr, des Besitzens und seiner Bedeutung, gar erst mit 63. Andererseits bedingt es für den Geist keinen Unterschied, ob etwas jetzt da ist, früher da war oder später da sein wird. Endlich ist es nicht allein für mich, sondern für den Menschen überhaupt normal, daß er im Fortschritt der Jahre nicht ein loseres, sondern ein engeres Verhältnis zum Materiellen gewinnt. Der Greis ist typischerweise der Materialist im Gegensatz zum idealistischen Jüngling; während dieser sich und das seine gern verschwendet, neigt jener zum Geiz. Aber das richtige Verhältnis zum Erdhaften gewinnt der ursprünglich Geistige nie; daher seine typische Hilflosigkeit in praktischen Dingen. Da er die Materie nicht unmittelbar erlebt, versteht er deren Gesetze einfach nicht. Vor allem kann er die Kauf-Verkauf-Ordnung nicht sinngerecht realisieren, da deren Normen nicht nur der nicht-geistigen, sondern der unorganischen Seite des Lebens zugehören. Indessen: die Bedeutung auch des Materiellsten ist allemal eine geistige; darum kann der Geistige, wenn er das Materielle einmal realisiert, dasselbe in seiner Bedeutung besser würdigen, als der Erdmensch. Und seine Auffassung ist allemal die letzt-richtige, denn beim Menschen entscheidet letztinstanzlich die Bedeutung über den Tatbestand. Noch einen Vorzug hat der ursprünglich Geistige: insofern er kein unmittelbares Erlebnis-Verhältnis zum nicht-Geistigen hat, muß er es für sich entdecken; er kann sich in den Erfahrungen und Darstellungen anderer nicht wieder erkennen, sie evozieren nichts in ihm; so erlebt er auch das ältest-Bekannte als neu; er ist der ewig Staunende. Darum sieht er letztlich auch das Materielle schärfer als der, der in der Materie selbstverständlich zu Hause ist.

Die Ur-Paradoxie meiner Zentaurhaftigkeit schilderte ich zu Beginn dieses Kapitels und brauche darauf nicht mehr zurückzukommen. Trotz alles späten Realisierens ist mir die Stellung des Menschen zur und auf der Erde heute noch eine Angelegenheit steter Verwunderung. Der Beziehung meines eigenen Geistigen zum eigenen Erdhaften werde ich eigentlich noch heute gar nicht inne, weil ich sie nicht richtig vorstellen und von dort in mich hineinbeziehen kann. Es ist und bleibt mir erstaunlich, daß ich atmen, essen und trinken muß, am wenigsten staune ich über den Tod. Vollends staune ich darüber, daß der Mensch sein Brot verdienen muß, daß alles einen Preis haben, die Existenz auf bezahlter Arbeit beruhen soll. Dank dem extremen Spannungsverhältnisse des Geistigen und des Erdhaften in mir kann ich wirklich nur das Tier begreifen, welches niemals Handel treibt, und dann gleich den Gott, welcher schenkt und seinerseits beschenkt wird. Seitdem ich meinen Besitz verlor und mich verkaufen mußte, wie der Amerikaner das Verdienen aufrichtiger als der Europäer heißt, wobei mir niemals wohl war, ja wo mich wieder und wieder Ekel überkam, bin ich eigentlich allezeit in einer mir fremden Welt herumgestolpert und es bedeutet reines Glück, wenn ich nicht noch häufiger dabei anstieß und zu Fall kam, als geschehen ist — und es passierte oft genug. Immer wieder bin ich übervorteilt worden oder aber ich stellte selber maßlose Ansprüche; nie habe ich deutlich zwischen berechtigter Forderung und Erpressung unterschieden, nie in verbrieftem Recht eine letzte Instanz gesehen. Ich konnte und mußte dieses Kapitel gerade in den Band Abenteuer der Seele hineinnehmen, weil meine Existenz inmitten der Erwerbsordnung ein dauerndes Herumirren und Abenteuern in einer unverstandenen Welt gewesen ist. Dabei fiel mir einmal als Wunschbild ein, daß die Lösung des ökonomischen Problems, soweit solche denkbar ist, oder vielmehr die Erlösung von ihm, im Ersatz der heute gültigen Kauf-Ordnung durch eine Schenk-Ordnung bestehen könnte. Natürlich handelt es sich hier um ein Wunschbild, da das normale Zusammenleben der Erdmenschen nun einmal auf dem Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage beruht. Aber in weniger kommerziell gesinnten Zeiten ist mein Wunschbild in freilich niemals weitem Rahmen gelegentlich doch in recht großer Annäherung verwirklicht worden; nämlich von der Auffassung des Geschehens, mithin der Seele her — und darauf kommt alles an. Der echte Geistige steht ursprünglich und eigentlich von jeher anerkanntermaßen in der Schenk-Ordnung. Erst seit relativ kurzer Zeit kann er überhaupt an seinem Schaffen verdienen. Vorher schenkte er sein Bestes und diejenigen, welchen seine Geschenke etwas bedeuteten, fühlten das Bedürfnis, ihrerseits zu schenken. Es ist für einen, welchem Geist das Allerselbstverständlichste ist, sogar immer wieder Gegenstand freudigen Staunens, wie viele sich durch Geist beschenkt fühlen und wie diese nichts lieber tun, als dessen Vertreter mit vollen Händen mit Gaben zu überschütten. Das gegenseitige sich-Beschenken nun entspringt einer ganz anderen Wurzel, als der Umsatz im Geist des Kauf-Verkauf-Prinzips: es wurzelt in dem freien Ausstrahlen des Geistes, welcher geben will, ohne wiedernehmen zu wollen, dessen Urform die Liebe und dessen Wesen die Freiheit ist. Schenken und Beschenkt-werden allein nun ist dem Geist im Menschen gemäß; darum kann man sagen, daß nicht allein Vergeistigung, sondern schon Vermenschlichung im über-animalischen Sinne mit dem Überwiegen des Prinzips des Schenkens über den des Verdienens beginnt. Das ersieht man am deutlichsten daraus, wie schwer es nicht-Vergeistigten fällt, Geschenke anzunehmen — viel schwerer, als selber zu schenken, denn letzteres schafft Überlegenheitsgefühl und bei niedrigen Naturen sogar den Anspruch auf Verpflichtetheit des Beschenkten; solchen bedeutet Schenken nichts Besseres als getarnten Seelenkauf. Eben weil hier die Vergeistigung entscheidet, wird von dem spirituellen Leben Geweihten aller tief religiösen Völker und Zeiten erwartet, daß sie nicht verdienen, sondern von Geschenken leben. Ein Wissen um dieses Verhältnis klingt heute noch nach im Unterschied, welchen jeder einigermaßen Hellhörige zwischen den Worten Bezahlung und Honorierung spürt; nur geistige Arbeit und seelische sowie ärztliche Hilfe werden honoriert. In dieser Hinsicht ist es in frühen Zuständen überall besser gewesen als in vorgeschrittenen; sogar der Handel bestand in überwiegend menschlich fühlenden Zeiten in Tausch von Gaben und Gegengaben. Im alten Rußland wurde der wandernde Kaufmann Gostj, Gast geheißen, das heißt er benahm sich als gern gesehener Gast und wurde als solcher empfangen. Es ist, noch einmal, grundfalsch, in der urtümlichen Tauschordnung nur eine primitive Vorstufe des modernen Geschäfts zu sehen; echter Tausch geschieht aus der Gesinnung gegenseitigen Beschenkens heraus, demgegenüber es irrelevant ist, wer den größeren Vorteil dabei hat. Behaupten viele moderne Geschäftsleute, bei einem guten Geschäfte schneide jeder der Partner gleich gut ab, was offenbar nicht wahr ist, denn sonst könnte niemand durch Geschäfte reich werden, so bedeutet ihre Überzeugung, sofern sie ehrlich ist, einen Nachklang der ursprünglichen Schenk-Ordnung. Während meiner Weltreise begegnete ich in Japan — das war 1912 — einem schönen Kompromiß zwischen Schenk- und Verdienstordnung: die Wirte der ländlichen Gasthäuser, die ich besuchte, stellten keine Rechnungen aus; jeder Gast schätzte sich selber seinem Rang und der genossenen Behandlung gemäß ein und übergab von sich aus ein Geschenk, bei dessen Erhalt der Wirt der Sitte gemäß höchst erstaunt tat und mit kleinen Gegengaben antwortete; vor kurzem besaß ich noch eine Anzahl Miniatur-Handtücher aus dieser Quelle. Eben dort wurde ich mir zum ersten Mal der ganzen Menschenunwürdigkeit des reinen Geschäfts-Ethos des modernen Weißen bewußt. Erschreckend viele Reisende nutzten die schöne japanische Konvention aus, um viel zu wenig oder sogar nichts zu zahlen. Seither hat diese Gesinnung in Amerika ihren wohl absoluten Höhepunkt erreicht, auf welchen hoffentlich ihr baldiger Niedergang folgen wird. In den dreißiger und vierziger Jahren dieses Jahrhunderts galt es dort als menschenunwürdig, nicht bezahlte Arbeit zu leisten; sogar die Idee der Ehrenamtlichkeit wurde perhorresziert, so daß sich Milliardäre für Mitwirkung am New Deal wenigstens einen Dollar im Jahr pro forma zahlen ließen. Alles dort hatte seinen Preis und der Verkaufspreis entschied über jeden Wert. Damit schwand dort jedes Verständnis für den Unterschied zwischen Mensch und Sache. Die Römer definierten richtig, wenn sie den Sklaven eine res, eine Sache, im Unterschied von einer Person hießen, die nur ein Freier sein könne. Die reine Geschäftsgesinnung ist eine Übersteigerung derjenigen des antiken Sklavenhaltertums; eine Übersteigerung, insofern es für sie überhaupt nur Sklaven gibt. Von hier aus realisiert man wohl am besten den Fluch des modernen Arbeitsethos überhaupt. Sicher beruht die von allen Völkern gleichsinnig empfundene seelische Häßlichkeit der Juden darauf, daß sie just im Arbeiten einen geistigen Wert sahen. Das Arbeiten gehört zur Selbstverständlichkeit in genau demselben Sinn, wie das Herz zu schlagen hat, wenn anders ein Mensch leben bleiben soll. Aber wer kam vormals schon darauf, an der Arbeit des Herzens den Wert des Lebens zu bemessen. Tatsächlich geschieht das heute allerseits, wo der weitverbreitete Geist des modernen Arbeitsethos gesiegt hat. Daher die Forderung, unter allen Umständen bezahlt zu werden, — wo bezahlt-Werden in allen großen Zeiten gegen Wert und Würde des Menschen verstieß. Ich war tief bestürzt, als eine Freundin, der ich das Kapitel in einer seiner Frühfassungen zu lesen gab, mir Folgendes erzählte. Sie hatte sich zu Beginn des zweiten Weltkriegs in einer ehrenamtlichen Tätigkeit buchstäblich aufgeopfert, wie dann der Totaleinsatz kam, mußte sie den Beamten dafür aufsuchen: er donnerte sie voller Verachtung an: ehrenamtliche Arbeit ist doch keine Arbeit, Sie haben kein Arbeitsbuch und werden für das, was Sie tun, nicht einmal bezahlt…

Eine menschenwürdige Ordnung kann nur auf Liebe beruhen. Liebe inspirierte die Gnade des Königs, die Gerechtigkeit des souveränen Richters — man erinnere sich der trefflichen Nietzsche’schen Definition, daß Gerechtigkeit ein positives Verhalten bedeute. Aus Liebe arbeitet jeder echte Landbesitzer. Den Grenzbegriff dessen stellt die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung dar. Der Fall aus dem Menschlichen ins Untermenschliche begann, als die Herren nicht mehr unbefangen herrschen, sondern dienen wollten, denn wer sich als Diener fühlt steht damit ipso facto in der Verdienstordnung. (Das tat notabene der mittelalterliche Vasalle nicht; sein Verhältnis zu seinem Herrn beruhte auf der fides, die ein viel Tieferes bedeutet als das, was heute unter Treue verstanden wird und ganz und gar der Schenk-Ordnung zugehört). Was bei Akzentuierung des Dienstgedankens herauskommt, hat wieder Nordamerika am deutlichsten gezeigt: dort wird jeder Ausbeutungsversuch als service frisiert, worauf die Käufer immer wieder hereinfallen, weil es ihnen schmeichelt, von freien und reichen Menschen bedient zu werden. Jeder nun, welcher schenkt, ohne Gegenleistung zu fordern, ist dadurch allein schon innerlich ein Herr; so hart und streng er sei, er handelt letztlich aus Liebe. Das Wesen der Liebe besteht eben im Geben ohne wieder nehmen zu wollen, und es gibt keine schönere Beziehung unter Menschen als die, wo alle Teile gerne geben, ohne die Frage des Verdienstes, in welchem Sinn auch immer zu stellen. Auch der menschenwürdige Beamte übt sein Amt letztlich aus Liebe aus. Den ganzen Zusammenhang versteht man am besten von der normalen Beziehung zwischen Mann und Frau her. Diese besteht ganz und gar in, gegenseitigem Beschenken; verdiente oder gar verdienende Liebe ist dem bloßen Begriffe nach eine Blasphemie. Goethe wollte eine Frau preisen, da er von ihr irgendwo schrieb: Ihre Gunst blieb immer Gnade. Dem halte man den Schauerbegriff der ehelichen Pflicht entgegen — und man übersieht und ermißt mit einem Blick die ganze Scheußlichkeit jeder Ordnung, die ihre letzte Instanz in Sollen und Verdienen hat und die Bezahlung jeglicher Arbeit selbstverständlich findet. Von hier aus ermißt man auch von einer neuen Seite die Würde des legitimen Erbes, das in jedem nicht Entarteten edlere Gefühle weckt, als jedes verdiente Gut. Was man von seinen Vätern ererbt hat, haben diese einem geschenkt, woraufhin der Erbe sich durch liebendes Verhalten ihrer würdig erweisen will. Nur in Fällen offenkundiger Entartung kommt es vor, daß einer Ererbtes als unpersönliche Sache behandelt. Die Rückbeziehung auf die Vorfahren allein schafft Vermenschlichung und damit ein Liebesband.

So wie die Beziehung zwischen Liebenden sollten alle Beziehungen auf Erden sein. Daß alle Geistbewußten dies in unserem Kulturkreise schon lange ahnen, beweist der Siegeszug des Christentums oder genauer der christlichen Grundgesinnung, welche sich heute, wo sich der weiße Mann zeitweilig entchristlicht, desto lebendiger im so lange vom weißen Manne ausgebeuteten Osten neu verkörpert. Es sind ja nach einer Weile immer neue und fremde Menschen, welche ein Geisteserbe fortsetzen, weswegen kein Volk und keine bestimmte Überlieferung jemals ein Dauermonopol auf dasselbe hat. Unter allen Umständen liegt die Erlösung von der kapitalistischen Unmenschlichkeit nicht im Sozialismus, welcher zwangsläufig den Einzelnen und Einzigen einer Mehrheit aufopfert und darum keine Freiheit anerkennen kann, sondern nur in einer Apokatastasis des Geists der Schenk-Ordnung, welche zu realisieren immer wieder versucht worden ist und die auch zu aller Zeit noch so dunkel als die höhere anerkannt worden ist. Die Gunst und Gnade des Königs, gar diejenige Gottes steht anerkanntermaßen als letzte Instanz oberhalb aller ausgleichenden Gerechtigkeit. Gleiches Recht stellt nämlich das Minimum sinngemäßer Beziehung unter Menschen dar. Immer und überall hat der Wertvollere Vor-Rechte zu genießen. Herrschte die Schenk-Ordnung, dann würden ganz von selbst die Edleren und Generöseren wieder an die erste Stelle rücken und gewänne das Sein gegenüber dem Können und der Leistung den ihm zukommenden Primat wieder. Und über dem Schenken und Beschenktwerden stände auf keiner Ebene mehr das Verdienen, sondern das sakral verstandene Opfer; darunter verstehe ich das Opfer nicht aus irgendeinem Soll heraus, als welches spirituell geurteilt wertlos ist, sondern aus freiem Willen. In gewisser Hinsicht herrscht die Schenkordnung heute am reinsten im Kriege wo jeder Leben und Gut selbstverständlich opfert. Aber andererseits brauchte es innerhalb einer seitens vieler Völker anerkannten Schenk-Ordnung kaum mehr Kriege zu geben. Denn dort bestände keiner mehr ausschließlich auf seinem Recht, strebte kein Volk in letzter Instanz nach Macht und Vergewaltigung; solche würde vielmehr als das Böseste vom Bösen verurteilt werden.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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