Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

VIII. Besitzende und Besitzlose - Freiheit

Unter allen Verhältnissen und Umständen wäre der Prozeß fortschreitender Inkarnation, als welchen mein Erdenleben darstellt, für mein Bewußtsein eine Folge von Abenteuern gewesen, da ich zum Irdischen in mir keinen unmittelbaren Zugang habe und erst am Fehlen merke, wie sehr es zu mir gehört und wie stark es ist. Aber wahrscheinlich wäre ich in anderer Zeit auf die Dauer in völlig gesichertem Rahmen reich und angesehen geworden und lebte ich lange genug, so hätte ich undiskutiertes Prestige genossen, wie jeder, welcher zur Ehrfurchtsmitte wird. Die Menschen brauchen nun einmal Gegenstände der Verehrung, um den in jedem lebenden Verehrungstrieb auszuleben, und so wäre auch ich wohl einer geworden. Das hat nicht einmal so viel, wie man annehmen möchte, mit der Begabung und Leistung zu tun. Neulich las ich einen englischen Roman, der nicht nur sehr amüsant, sondern stellenweise tief war: dessen Held, ein äußerst mittelmäßiger Schriftsteller, rechnete in aller Bescheidenheit bestimmt damit, einmal als Englands größter Geist zu gelten, sofern er nur etwas länger als üblich leben würde, denn dann würde es ja keinen anderen mehr geben, den man als alten Herren verehren könnte. Wie viele solcher großer Männer habe ich gekannt! Solange sie lebten, wurden sie in ihrem Kreise oder Winkel aufrichtiger verehrt, als sehr Bedeutenden außer in sehr seltenen Ausnahmefällen beschieden war, da sie keinerlei Ärgernis erregten und jeder ihrer Verehrer in seinem tiefsten Inneren fühlte, daß der Verehrte ihm nicht in unerträglichem Grade überlegen war. Mein Schicksal hat es so gewollt, daß ich in einer Zeit des historischen Kontrapunkts zur normalen Entwicklung hineingeboren bin. Und damit wurde mir mein angeborenes Verhältnis zum Besitz vollends zum Abenteuer der Seele. Seit dem ersten Weltkriege dominieren ganz offenbar auf allen Ebenen die Zerstörungstriebe über die Aufbautriebe, welches Vorherrschen bis zum augenscheinlichen Willen zum eigenen Tode geht. Seit dem zweiten Weltkriege gar herrscht kaum irgendwo mehr die Liebe zum Reichen und Überlegenen, sondern nur Haß und Neid. Ich bin bei weitem nicht mit allem in Spenglers Vermächtnis-Buch Jahre der Entscheidung einverstanden, aber das ist richtig: die Arbeiterschaft tut in allen Ländern, wo sie etwas zu sagen hat, schlechthin alles, was sie kann, um den Apparat, auf dessen Fortbestand und Verbesserung ihr möglicher fortschreitender Wohlstand beruht, zu vernichten, und sei es auch nur, indem sie willig der Kriegsmaschine dient. Die Gegenbewegungen gegenüber dieser allgemeinen Tendenz, die, solange Mussolini deren erfolgreiches Sinnbild war, auf dem ganzen Erdball faschistisch hießen, leuchteten von vornherein nur einem kleinen Teil der Menschheit ein. Die überwiegende Mehrzahl zog ihnen den Bolschewismus (auch diese Bezeichnung als Sinnbild verstanden) mit seiner All-Nivellierung und seiner Negierung aller Grenzen vor. Dies gilt sogar von einem sehr großen Prozentsatz der Erben reicher und erdverbundener Tradition. Die Vertreter des Alten aber erweisen sich bei jeder Gelegenheit in so phantastischem Grade dumm und stur, daß auch bei ihnen unbewußter Selbstzerstörungswille am Werk sein muß. Ich wüßte aus den letzten dreißig Jahren keinen konservativ Gesinnten von wirklichem Format und Überblick zu nennen, so daß jeder Restaurationsversuch, planetarisch beurteilt, aussichtslos erscheint.

Was bedeutet das? Mit den Hinweisen auf das Hochkommen des Untermenschen, den Aufstand der Massen, den Neid der besitzlosen Klasse, vom Untergang des Abendlandes zu schweigen, sind allenfalls die Oberflächenspannungen dieser Zeit erklärt. Ganz gewiß wollen nur wenige letztinstanzlich und ehrlich Nivellierung nach unten zu, Verarmung und Versklavung, Massenmord und die Vernichtung alles Liebenswerten und Schönen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Negative dieser Zeit der Erstausdruck zweier positiv zu beurteilender Strebungen. Deren erste ist Freiheitsdrang. Individuelle Freiheit kann es ohne Lockerung traditioneller äußerer Bindungen nicht geben. Zutiefst ist der geistbestimmte Mensch aber frei, Freiheit bedeutet ihm darum unter allen Umständen das Höchste und so setzt Zerstörungswille beinahe automatisch bei ihm ein, wo sich einmal dominant gewordener Freiheitsdrang gehemmt fühlt. Dieser Freiheitsdrang ist schon seit dem Hoch-Mittelalter der tiefste Motor der abendländischen Geschichte gewesen. Nur konnte er sich lange Jahrhunderte entlang nur schwach und unvollkommen äußern, zumal er sich seiner selbst nur dumpf bewußt war. Auf die Bahn des großen Erfolges gelangte er erstmalig mit der amerikanischen und der französischen Revolution. Und es ist von hoher symptomatischer Bedeutung, daß deren Ergebnisse trotz aller nachweisbaren Nachteile seither von so gut wie jedermann im tiefsten Inneren bejaht werden. Seither gibt es unstreitig mehr Freiheitsmöglichkeit, gerade auch im gegnerischen Lager, gleichwie Luthers Reformatorentum der katholischen Kirche am meisten zugute gekommen ist. Das XIX. Jahrhundert nun war ein stetiges Weitertasten auf der Ebene weiterer individueller Befreiung; daß eben in diesem Jahrhundert die stärksten rückläufigen Bewegungen und die Ansätze zu neuer Bindung sich zu manifestieren begannen, beweist nur die Stärke der Grundtendenz. Hierbei denke ich gerade an den sogenannten Aufstand der Massen. Diese wollen sich in erster Linie von der Vorherrschaft der Eliten befreien, die sie als dieses Namens würdig nicht mehr anerkennen; daß dies zu extremer Bindung in Form individualitätsfeindlichen Kollektivismus führt, beruht darauf, daß der sogenannte vierte Stand von Einsamkeit und Einzigkeit keinen Begriff hat. Bei dieser im Ganzen einheitlichen Bewegung wirken die verschiedensten Motive und Kausalreihen auf den verschiedensten Ebenen zusammen. Im zwanzigsten Jahrhundert nun erscheint ein kritischer Punkt erreicht: die ihrer selbst immer bewußter werdende Ur-Tendenz geht dahin, alle Zwischenreiche zu durchstoßen und das Menschenleben direkt auf den Ursprung zurückzubeziehen und auf diesem neu zu begründen, also unabhängig von aller Zwischenreichs-Tradition. Was ich damit meine, habe ich in dem Buch, das ich für mein eigentliches Lebenswerk halte und das den Titel Das Buch vom Ursprung führt, mit der letzten mir erreichbaren Deutlichkeit auseinandergesetzt.

Wirkliches Frei-Werden ist aber unmöglich ohne innere Ent-Haftung. Die Grundverhaftung des Menschen ist die an die Erde überhaupt und damit an den Besitz. So mußte es an diesem kritischen Punkte der Geschichte dahin kommen, daß der Wille zur Enthaftung vom Unbewußten her ganze Völker überkam, wie von jeher den der Vergeistigung zustrebenden Einzelnen. Man muß die Tatsachen der Geschichte immer symbolisch nehmen, darf sie niemals als letzte Instanzen beurteilen, sonst mißversteht man sie. Es war offenbarer Wille zur Vergeistigung, der den fortschreitenden Menschen immer mehr Eingebungen schenkte, dank welchen die Materie in ähnlichem Sinne zu einem Sonderausdruck von unsichtbarer Kraft wurde, wie die modernste Physik nur noch mit Kraftzentren rechnet. Das elektrische Zeitalter bedeutete einen weiten Schritt voran auf dem Wege der Entmaterialisierung. Der Siegeszug des Flugwesens, der eine weitere Negierung aller Raumgrenzen zeitigen muß, wird die gleiche Entwicklung sprunghaft vorantreiben. Lange vorher schon galt Gleiches von der immer ausschlaggebenderen Bedeutung des Kredits gegenüber dem augenscheinlichen Besitz. So entspricht es durchaus der Tatsache, daß diese Entwicklung eben jetzt einen kritischen Punkt erreicht hat, daß Besitzrecht seitens des Bolschewismus radikal negiert wird und daß Millionen innerhalb aller Völker und Länder, auch unter Besitzenden, mit ihm sympathisieren. Gleiches gilt von der Entlastung, welche viele aufrichtig beim Verlust von Hab und Gut durch Luftterror-Angriffe fühlen. Insofern könnte man das entsetzliche Geschehen dieser Zeit geradezu als rituelle Handlung beurteilen: es bedeutet anderes als es ist. Wieder muß ich von mir selber reden. Auch ich empfand mein Besitzertum als Fessel, solange mir mein Eigenstes nicht so deutlich bewußt worden war, daß ich meine innere Freiheit ausleben konnte, ohne durch äußere Bindungen gestört zu werden. Zur Zeit der bolschewistischen Revolution war das noch nicht der Fall, so sehr ich andererseits in den letzten Jahren vorher mit meinen Gütern verwachsen war. Darum jauchzte auch in mir etwas auf, als ich die lapidaren Dekrete Lenins las, in denen nichts Geringeres als eine Ent-Schöpfung der Menschenwelt, in die ich hineingeboren war, zum Ausdruck kam. In meiner Jugend empfand ich meine Gebundenheit an Rayküll nicht viel anders, wie der Bauer seine glebae adscriptio und bedeutete mir, gleich dem modernen Arbeiter, Freizügigkeit höchstes Glück. Unter Arbeitern möchte ich hier besonders der Vertreter des Kellner-Berufs gedenken, für welche ich mich von jeher interessiere, weil ich innerhalb seiner besonders viel große Begabungen angetroffen habe; zweifelsohne gehört mehr geistige Befähigung dazu, um ein großer Oberkellner als ein normaler Minister zu sein. Kein Kellner hat meines Wissens je aus seinem Beruf herausgestrebt: grundsätzlich gibt es eigentlich keinen freieren. Von den Nachteilen der Entwurzelung brauche ich hier nicht zu handeln: geht sie zu weit, dann rächt sich die Erde furchtbar an dem sich von ihr lösenden Menschen. Aber andererseits ist der Mensch von Natur aus keine festsitzende Pflanze, sondern ein freibewegliches Tier und als Geist ursprünglich enthaftet. So muß die innere Enthaftung im Fortschritt der Vergeistigung immer weitergehen.

Die innere, aber nicht die äußere. Darum sehe ich als Endergebnis dieser Krise eine neue liebende Zuwendung zur Erde voraus. Und zwar gerade im Sinne des von mir verherrlichten Grundherrentums. Sehr wahrscheinlicherweise sind die Tage des privaten Großgrundbesitzes gezählt. Schon heute trägt er nicht mehr so viel, daß er ein freies Herrendasein gewährleistet, worin sein ganzer ursprünglicher Sinn liegt: wer heute durch Landwirtschaft reich werden will, muß mehr schuften und hat weniger Muße als irgend ein anderer Berufstypus. So wird denn die Wiedergeburt des Grundherrentums, an die ich persönlich fest glaube, in bisher ungeahnter Form erfolgen. Ich halte für gewiß, daß die Probleme der Notdurft und Nahrung schon in recht naher Zeit überhaupt keine Probleme mehr bedeuten werden. Die Dienstbarmachung so vieler kosmischer Energien steht nahe vor dem Ziel, daß das materielle Leben phantastisch billig werden muß. Dementsprechend werden viele materielle Werte ihren Marktwert einbüßen. Aber gerade darum wird es auf die Dauer mehr Menschen als jemals früher möglich werden, die in diesem Kapitel geschilderte einzig sinngerechte Beziehung des Menschen zur Erde einzugehen oder wiederzufinden. Im Geist der Freiheit und nicht mehr der Verhaftetheit, der Liebe und nicht mehr des Gewinnstrebens. So mag sich die Enteignungspolitik der Weltrevolution zuguterletzt als Vorstufe einer Liebesheirat des Menschen mit der Erde erweisen, dergleichen es früher nur in Ausnahmefällen gab1.

1Vollendet Aurach, den 25. 8. 1944.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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