Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

IX. Victoria Ocampo - Durchschauen

Kurz vor Erscheinen der Südamerikanischen Meditationen teilte ich den Mitgliedern der Gesellschaft für Freie Philosophie im 20. Heft des Weg zur Vollendung als Einführung in dieses Werk, für das ich keine Vorrede schrieb, das Folgende mit:

Jahre bevor ich das Reisetagebuch schrieb, äußerte ich Freunden gegenüber, von einer Weltreise erwartete ich die entscheidende Anregung meines Lebens. In ähnlichem Sinne soll ich schon 1920 meinen Nächsten mehrfach gesagt haben: wenn überhaupt noch eine Welt mir Wesentliches bedeuten könnte, so würde dies Südamerika sein. Seither vergaß ich diese Ahnung. Und meine Reise nach jenem Kontinent kam ganz auf Initiative von dessen Bewohnern zustande. Doch die Ahnung war richtig. Sie war sogar in bedeutsamerem Sinne richtig als die, welche die Weltreise betraf. Letzteres ermöglichte mir, meinen besonderen Denkdialekt auszubilden und ihm in entsprechendem Rahmen Ausdruck zu verleihen. Die Vielfalt der Lebensformen im Zusammenhang gleichsinnigen Erdbewohnertums bewirkte von sich aus, daß mein Durchschauen nicht nur zu einer Durchleuchtung seiner jeweiligen Gegenstände, sondern zur Bestimmung eines einheitlichen Sinnes-Zentrums führte. Und so bestimmte ich mittels der Welt letztlich mich selbst. Daher das Motto des Buchs. (Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum). Was ich seither in Darmstadt betrieben habe, war praktische Auswirkung der gleichen Einstellung, nur jetzt nicht hinnehmend, sondern ausstrahlend. Den Niederschlag dieser Periode enthalten vor allem Schöpferische Erkenntnis und Wiedergeburt. Aber sie gibt auch noch dem Spektrum Europas und Amerika die Signatur. Grundsätzlich handelt es sich auch bei letzteren Büchern um Sinngebung und Neuverknüpfung von Seele und Geist, nur eben in der Anwendung nicht auf Individuen, sondern auf Völker und Erdteile. Insofern fügen sie den Geist der Schule der Weisheit, die sich an den Einzelnen wendet, jenem weiteren Erlebnisrahmen ein, in dem sich der Schreiber des Reisetagebuchs bewegte. Viele werden nun erwarten, die Südamerikanischen Meditationen gehörten der gleichen Reihe an, wie Spektrum und Amerika: das tun sie nicht. Sie sind in bezug auf diese ein mindestens ebenso Neues, wie es das Reisetagebuch verglichen mit meinen früheren Büchern war. Soweit ich urteilen kann, ist nur ein Vergleich mit Früherem nicht völlig falsch: es ist der mit meinem Erstlingswerk, dem Gefüge der Welt. Dieses war eine Welt-Dichtung. Eben dieses Wort bezeichnet am besten das Wesen der Meditationen.
Nur sind die Meditationen keine Dichtung des selbständigen Geists, sondern die Dichtung eines Geists, der nicht nur die Erde, sondern auch die Hölle in sich aufgenommen hat und insofern sagen darf: nihil humani a me alienum puto1. Solche Integration habe ich von jeher angestrebt. Dem jungen Menschen fehlte jeder bewußte Zusammenhang mit der Erde in ihm. Noch bis vor wenigen Jahren war mein Zustand in vielen Hinsichten dem des Kindes vergleichbar, das in seiner eigenen Welt lebt und jede Beziehung mit fremder als Konflikt empfindet. Eine Weile versuchte ich, den Kontakt und die Vermählung des Geistes mit der Erde mit psychoanalytischen Mitteln herzustellen: es glückte nicht. Dann führte mich mein Schicksal nach Südamerika. Und siehe da! Kaum war ich dort angelangt, da begann das Erdhafte in mein Bewußtsein aufzusteigen. Die krankheitsreichen Jahre seither waren ganz mit der Vollendung der von Südamerika ausgelösten inneren Umwälzung und Umstellung und Umlagerung erfüllt. In deren Anfangsstadien konnte ich nichts schreiben, so wenig wußte ich, wohin ich jetzt hinauswollte. Wie ich nun der Vollendung meiner inneren Umgestaltung näherkam, da erwachte auch der Schöpfungstrieb wieder und mit ihm die Ausdrucksfähigkeit. Und fortan vollendete sich die innere Wandlung im Schreiben. Noch nie habe ich mit einem Stoff auch nur annähernd so gerungen, wie mit dem der Meditationen. Alle Kapitel habe ich drei bis vier Male, mehrere bis zu zehn Malen vollkommen neu geschrieben. Denn da jedes ein Produkt des ganzen Menschen war, halfen die Kräfte des Geists für sich allein hier nichts: alle Bestandteile meines Wesens mußten zusammenarbeiten. — Jetzt habe ich das Gefühl, daß geschehen ist, was geschehen konnte. Damit behaupte ich keineswegs, daß das Werk vollkommen wäre. Bei Erlebnis-Werken ist nie mehr erzielbar, als ein vollkommen wahrhaftiger Ausdruck des Zustandes, dem es seinen Ursprung dankt, und je nach dessen Sonderart fordert die Echtheit größere und geringere Vollendung. Aber was ich zur Zeit sagen mußte und sagen konnte, das habe ich auf die meinen Zustand angemessene Weise gesagt. Dem entspricht es denn auch, wenn die beiden Schlußkapitel, die das Problem des Geists betreffen, kein letztes Wort für mich bedeuten, wogegen es sich bei dem in Gana, Delicadeza und emotionale Ordnung Gesagten wohl um letzte Worte handeln dürfte. Ich bin mit diesem Werk, an dem so viele nicht nur unverbrauchte, sondern ehedem mir selber unbekannte Seelenkräfte mitgeschaffen haben, wieder einmal jünger geworden. Vieles sehe ich ursprünglicher, als ich es mit zwanzig Jahren tat. Und so fühle ich mich meinem letzten Wort das Letzte betreffend ferner denn je.
Wie konnte nun der Kontakt mit der südamerikanischen Welt so Außerordentliches in mir bewirken? Er konnte es, weil sie beinahe mathematisch genau den Antipoden der Welt darstellt, die mir ursprünglich gemäß ist. Dort ruht aller Akzent nicht auf dem Geistigen, sondern dem Irdischen. Wäre ich nun selbst gar nicht Erde, so hätte ich mich in die neue Welt überhaupt nicht hineinfinden können. Aber ich bin es natürlich auch, und zwar in sehr hohem Grad, nur fehlte mir früher jede Bewußtseinsverknüpfung mit diesem Teil von mir. Die Verknüpfung schuf der Kontakt mit dem Kontinent des Dritten Schöpfungstages. Wie ein Psychoanalytiker zog er das in mir heraus, was ehedem verschüttet oder verdrängt oder unausgebildet war. Nur daß kein Seelenarzt Gleiches zu leisten vermocht hätte.
Dieses persönliche Erleben führte aber zu grundsätzlichem Ergebnis nicht nur deshalb, weil ich persönlich Typisches erlebte: es offenbarte mir, was das Irdische und Erdhafte im Menschen überhaupt ist und bedeutet. Und ich habe vieles wahrscheinlich schärfer sehen können, als meist geschieht, weil ich von sehr weit herkam. Die Welten der Gana, der Delicadeza und der Emotionalen Ordnung waren meinem Bewußtsein vorher völlig fremd gewesen. Völlig unbekannt war mir ehedem auch der Zustand der Traurigkeit der Kreatur. Wie ich dann aber, zum Schluß, in meine angeborene Geistigkeit heimkehrte, da konnte ich sie auf einmal von außen her beurteilen: eben von der Erde her. Die Meditationen Der Einbruch des Geistes und Divina Commedia konnte kein reiner Geist, sondern nur ein geistbewußt gewordener Erdenmensch schreiben.

Damals, 1932, umriß ich nur die Zusammenhänge meiner Zuständlichkeit von 1929 mit dem Werk, in dem diese sich schließlich erlöste. Im Vorhergehenden habe ich den Schleier über den persönlichen Erfahrungen, die jene Zuständlichkeiten bedingten oder auslösten, soweit gelüftet, als für andere bedeutsam werden kann. Vom Geiste her gesehen gibt es kein Privatleben, darf es keines geben; wo persönliches Schicksal wegweisend sein kann, gehört es der Welt an. Doch das Bedeutsamste bleibt noch zu sagen. Überaus häufig liegt das Glück und Heil eines Menschen in anderer Richtung, als er es sich vorstellte und wünschte. Bei mir ist dieses Zeit meines Lebens in außerordentlichem Maß der Fall gewesen. Da sieht es fast so aus, als sei mein absichtliches Wollen meinem Wesen feind, weswegen Nichterreichung eines Ziels mir meist zum Heil ward. Wenn ich je einen festen Plan hegte und männiglich kund gab, so war es der, niemals zu heiraten — und gerade in der Ehe habe ich wie wenige Erfüllung gefunden. Wenn ich einer Sache gewiß war, so war es die, daß mein Geschlecht mit mir aussterben müßte — und ich habe vielversprechende Söhne. Dagegen bin ich nicht nur niemals reich geworden, wie ich es bewußtermaßen anstrebte — ich habe nur für kurze Zeiten je ein Minimum an materieller Sicherheit erlangt. Keiner meiner Pläne, deren Verwirklichung — ohne daß ich selber je gerade nach Macht gestrebt hätte — de facto Machtstellung voraussetzte und die in meinem Bewußtsein jahrelang im Vordergrunde standen, ist mir ausgekommen. Und wo ich eigentlich alles selber machen möchte, so sehr, daß ich mich innerlich auf niemand verlasse und subalternste Arbeit am liebsten selbst übernehme, sogar dort gern mitentscheide, wo ich von einer Sache nichts verstehe, ist mir alles Entscheidende, meist in Form unvoraussehbarer Begegnungen geschehen. Der Nachdruck in meinem Oberbewußtsein liegt auf meiner Dynamik und dort hat mein Tätigkeitsdrang meinem tiefsten Streben immer nur im Wege gestanden; je mehr ich stillhielt, desto weiter gelangte ich. In eben diesem Sinn erwartete ich die gewaltige Förderung, zu der mir mein Erlebnis Südamerikas werden sollte, von einer Entfaltung meines Victoria-Erlebnisses im Zeichen höchsten Glücks. Statt dessen ist mir noch größere Förderung, als ich sie je erwartet hätte, im Zeichen der Qual zuteil geworden. Rückblickend kann ich die tiefsten Zusammenhänge, soweit sie mich betreffen, folgendermaßen fassen. In der Einstellung der Schule der Weisheit war ich festgefahren; von ihr her gab es 1929 ebensowenig weitere Fortentwicklungs­möglichkeit mehr für mich, wie 1911 von derjenigen des kritischen Philosophen. In letzterem Falle führte eine an sich ganz kleine, für mich selbst kaum merkliche Umstellung zu einer entscheidenden Umzentrierung meines ganzen Wesens, welche genügte, um mich auf ungeahnte Weise produktiv zu machen. 1929 bedurfte es einer Einschmelzung meines gesamten psychischen Organismus, um eine Verjüngung zu erzielen. Und eine solche war in meinem damaligen Alter nur unter Qualen möglich. Ich mußte aufgeschlossen werden, so wie ein Gestein durch Flußsäure aufgeschlossen wird, um die Ziele zu erreichen, die ich in diesem Leben noch anstreben durfte. Und gerade um den Einklang meines ganzen Wesens zu erreichen, jene Restauration der Einheit, die mit dem Sündenfall verlorenging, auf höherer Ebene, von der ich am Schluß des ersten Abschnittes dieses Kapitels schrieb, mußte ich zunächst eine äußerste Auseinanderlegung aller meiner Bestandteile und damit ein Äußerstes an innerer Gespanntheit durchleben. Alle Gegenkräfte des Geistes mußten erwachen, alle Versuchungen an mich herantreten, all mein Allzumenschliches mußte mir bis in die letzten Untergründe hinab bewußt werden. Ich mußte selber alle die Inkompatibilitäten in mir erleben, die zu den großen Scheidungen und Entscheidungen der Geschichte geführt haben. Und dies zwar nicht als Schauender, sondern als Tiefstergriffener. Alles dies ermöglichte mir das Erlebnis mit einer Frau. Ist es nun nicht dem Sinne nach ebenso bei jedem Menschen gewesen? Freilich gilt dies von denen allein, welche den Mut hatten zu sich selbst und ihrem besonderen Lebensgesetz. Wer nicht unbeirrt seine persönliche Linie einhält und damit allem, was ihm geschieht und was als Tatsache jedermann geschehen kann, einen besonderen rein-persönlichen Sinn gibt, dem passiert nichts Bedeutsames, und sei er Zeuge von Weltschöpfung und Götterdämmerung. Mit tiefstem Mitleid gedenke ich der Allzuvielen, die bei jedem Erlebnis überlegen lächelnd sagen: das ist ja nichts besonderes, das gleiche ist Hunderttausenden geschehen. Tatsächlich ist jeder für sich Mittelpunkt und Angel der Welt. Nur insofern er sich selbst so auffaßt, wird er der Wirklichkeit gerecht. Und sieht er Anderes als andere, erlebt er an oberflächlichen Menschen Tiefes und an Irrtümern höhere Wahrheit, so bedeutet das nicht Selbsttäuschung und -überhebung und nicht Verdrehung der Tatsachen, sondern Selbstverwirklichung. Als Jüngling lachte ich, so wie eben Jünglinge vorlaut lachen, über den freilich naiv klingenden Passus aus Brünhildens Todesgesang in Wagners Götterdämmerung, dessen Sinn der ist, daß das schreckliche Ende aller ihrer Lieben, aller Helden und zuletzt der Götter notwendig war, daß wissend werde ein Weib. Aber Brunhilde hatte recht. So wie sie empfand, hat jeder ein Recht sein Schicksal zu empfinden. Das gesamte kosmische Geschehen wirkt durch das kleinste Privaterleben mit. Und durch das Geringste hindurch ist Größtes zu erleben.

Auf die, welche mehr und tiefer sehen und erleben als in den Tatsachen als solchen liegt, kommt alles an. Denn von ihnen zehren alle die, denen die gleiche Fähigkeit fehlt. Sie erleben stellvertretend für alle. Ich bitte meine Leser sich hier der theoretischen Einführung dieses Kapitels zu erinnern: ist mein einmaliges Erlebnis nicht geeignet, die ganze Problematik des Verhältnisses von Natur und Geist jedermann als konkrete Anforderung an ihn selber deutlich zu machen? Abstrakte Einführung und konkrete Schilderung gehören zusammen, wie Bauplan und lebendige Gestalt. Um das Sinnbild, das allein ich meine, zu vollenden, habe ich nur noch dies zu tun: eine Untersuchung des Begriffs der Stellvertretung vorzunehmen, aus welcher vollends klar werden wird, inwiefern alles tiefe Erleben stellvertretend ist.

Eins der Urphänomene alles Lebens ist die Korrelation (die Wechselbeziehung, gegenseitige Bedingtheit und Zusammenarbeit in der Arbeitsteilung) aller Teile innerhalb einheitlicher Ganzheiten; so sind nicht nur Darm und Hirn aufeinander bezogen, die Geschlechter sind es, alle in Symbiose lebenden Geschöpfe, Bienen und Klee, Raupen und Grabwespen, Fleisch- und Pflanzenfresser und unter Menschen die Berufstypen. Dieses wechselseitige Zusammengehören kann auch als Stellvertretung begriffen werden. Und auf der Ebene höheren geistig-seelischen Erlebens wird nur letzterer Begriff dem gleichverbliebenen Urphänomen gerecht. Um dieses einzusehen, gedenke man zunächst des Sinnbildlichen jeder psychischen Gestaltung. Nie, außer im Fall vorhergehender willkürlicher Einschränkung der Bedeutungsmöglichkeiten, wie sie die Wissenschaft für ihre Begriffe vornimmt, bedeutet da ein Ausdruck Bestimmtes allein. Jeder hat da — ich übernehme hier geläufige Begriffe aus der Praxis der Traumdeutung, da sie sich zwanglos auf weitere Zusammenhänge übertragen lassen — neben seinem manifesten Sinngehalt unzählige latente Bedeutungen, die als sous-entendu nicht nur vorhanden sein können, sondern ursprünglich da sind und wirken, ob sie erkannt und anerkannt werden oder nicht. Bei primordialen Sprachen manifestiert sich dies naiv darin, daß ein gleiches Wort oft die verschiedensten und unvereinbarsten Bedeutungen hat; auf der Höhe aller Sprachentwicklung darin, daß jedes Innerliches ausdrückende Wort, auf bestimmte Weise verwendet, eine bestimmte Klangfarbe gewinnt, die auf dem Mitklingen bei jedem angeschlagenen Ton bestimmter Unter-, Mittel und Obertöne beruht; solche Klangfarbe unterscheidet die Geige an der Posaune und überdies eine Meistergeige von einer geringeren. Dringt man nun von der Sprache zu dem an sich vor, was mittels ihrer an Innerlichem offenbart wird, so finden wir, daß — der gemeinte bestimmte Sinn überdies tiefergelegenen Sinnen um Körper dient, die durch Durchschauen realisiert werden können und daß jeder bestimmte Sinn darum im Fall entsprechender Fähigkeit mehr und anderes bedeuten kann, als er als Erscheinung darstellt. Hierauf beruht die Tatsache sowohl als die Möglichkeit alles symbolischen und darunter an erster Stelle alles mythischen Ausdrucks. Ein Totemtier ist da der Clan, der Fisch oder das Lamm ist Christus, die Hostie ist Jesu Fleisch und Blut. In der für den geistbestimmten Menschen wirklichsten aller Welten, nämlich der Welt des Sinnes, gilt dieses ganz real. Und hier liegen die Dinge beim Differenzierten und Zivilisierten grundsätzlich nicht anders als beim Primitiven. Nicht nur im Mittelalter, noch heute findet der Gläubige in der Bibel, in den Sutras, im Koran Stellen, die genau das ausdrücken und autoritativ beweisen, was er meint. Ja die Psychologie des Zitierens überhaupt ist die gleiche: allemal wird da ein Satz, der ursprünglich einem ganz anderen Zusammenhange angehört, dank der Tatsache, daß alle Sinne, die in irgendeinem Entsprechungsverhältnis stehen, einander spiegeln, zum Ausdrucksmittel oder zur Bestätigung von Selbsterfundenem. Da nun die zu solcher Verknüpfung erforderlichen Assoziationen gleichartig bei unzähligen Menschen und Völkern zustande kommen, so scheint mir unbestreitbar, daß es sich sogar hier um eine Abwandlung des alles Leben beherrschenden Korrelationsgesetzes handelt. Von konkretem Fall zu konkretem Fall jedoch handelt es sich, aus dem Blickpunkte jedes Erlebenden gesehen, um Stellvertretung. Wer dieses nun eingesehen hat, dem geht bald auf, eine wie ungeheure Rolle im Geistesleben die Stellvertretung im ganzen unabsehbar weiten Umfang dieses Begriffes spielt. Diese Rolle ist dermaßen groß, daß schlechthin alles Leben und Erleben nur als stellvertretend beurteilt in seiner ganzen Tiefe und Verantwortlichkeit verstanden wird.

Setzen wir zwecks schnellsten Einsichtsgewinns bei der schwerstverständlichen aller sanktionierten Stellvertretungen an, beim Mythus vom Sühnetode Christi und der durch diesen erfolgten Erlösung aller Menschen. Als unmittelbar einleuchtende Wahrheit erleben kann diesen Mythos der allein, dessen Seelenzustand dem urchristlichen einigermaßen gleicht; und da dies in Europa nur mehr von seltenen Einzelnen gilt — nur in Rußland und vielleicht auch auf dem Balkan ist das noch anders — so wird der Mythos im Allgemeinen, vom Bewußtsein her geurteilt, nur mehr blind geglaubt; was den Glauben von innen her speist, ist das, was im Unbewußten, in dem Bewußtsein kaum mehr zugänglicher Tiefe, von einem längst überlebten Zustand fortlebt. Entschließen wir uns aber nun zu dem Umweg, den jeder verstandesklare Europäer des XX. Jahrhunderts machen muß, um zu den Ursprüngen zurückzufinden, so können auch wir die Wahrheit des Urmythos einsehen. Worauf beruht die Bedeutung des rechten Wortes? Daß es in der Übertragung Anderen erlebbar macht, was zuerst Einem einfiel, von ihm zum ersten Male eingesehen wurde und auch in der Folge nur von den wenigen, in denen die Tradition des Einen fortlebt oder wiedergeboren ward, ganz verstanden wird. Ist ein Gedanke einmal angemessen ausgedrückt, dann ist er objektiv da, wenn nicht tatsächlicher so doch möglicher Besitz für jedermann. Vom Allgemeinbegriff der organischen Korrelation her beurteilt, hängt dies damit zusammen, daß Schöpfer und Versteher einander entsprechen. Für Menschenbegriffe gegenständlicher aber drücken wir das Wesentliche des Sachverhaltes so aus, daß einer für alle gedacht oder aber das, was viele dunkel ahnen, durch einmalige Tat deutlich gemacht und durch Objektivierung der Geschichte für immer eingebildet hat. Unter diesen Umständen gilt von jedem Wort, das dem Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck genau entsprechend formuliert ward, formell geurteilt gleiches, wie von Jesu stellvertretendem Tod. Gleiches gilt aber von jeder weithin sichtbaren Tat und in der Nahwirkung dank der Suggestivkraft, welche sie ausstrahlen, schon von Wille, Gefühl und Leidenschaft.

Nun verläuft der überwiegende Teil alles Lebens im Unbewußten und alles bewußt Gewesene sinkt irgend einmal ins Unbewußte hinab, wo es nicht etwa zu leben aufhört, sondern unterirdisch fortwirkt, als richtunggebende Ursache und mitbestimmender Beweggrund späteren Geschehens. Dies erklärt, wieso eine einmal gemachte Erfahrung, eine einmal getroffene Entscheidung, ein einmal durchgekämpfter Kampf und ein einmal tief durchlittenes Leid den Betroffenen oder Betreffenden anders hinterläßt als er war und im Höchstfall mutationsartig verwandelt. Auch hier nun handelt es sich, genau besehen, um Stellvertretung. Dadurch, daß ein Mensch in einem bestimmten, nie wiederkehrenden Zustand nie Wiederkehrendes erlebte, hat es Einer für alle gegenwärtigen und künftigen Zustände erlebt. Denn der Mensch ist nicht allein physisch sondern auch psychisch ein vielzelliges Wesen, dem Termitenhügel vergleichbarer als der einheitlich vorgestellten Monade. Es leben nicht nur in der Folge, sondern auch auf einmal viele Seelen in der (für die Dauer auch nur scheinbar) gleichen Brust, und für diese vielen hat eine die Erfahrung gemacht, welche alle verwandelt. Nun ist gewiß den meisten aufgefallen, daß bestimmte Gedanken und Gefühle zu bestimmter Zeit wie fällig sind, was sich erstens in allgemeiner Bereitschaft zu ihrer Aufnahme und Wiedergabe ausdrückt und zweitens darin, daß solche, welche die innere Vollmacht zu gerade diesem Ausdruck haben, tatsächlich geboren und überdies, und leben sie noch so verborgen, entdeckt werden, gleichwie das Jesuskind durch die Könige aus dem Morgenland. Lange suchte ich mich mit mehr oder weniger rationalistischen Deutungen dieser Koinzidenzien zu beruhigen: heute ist mir gewiß, daß der ganze große Zusammenhang in Analogie dessen verstanden werden muß, was im Einzelnen vorgeht, wenn ihn ein neues Erlebnis tief bewegt. Vom Unbewußten her oder durch ihr Unbewußtes hängen offenbar alle Menschen zusammen. Nur so läßt sich die Einheitlichkeit des Geistes jeder neuen Generation im Verhältnis zu früheren über alle Landesgrenzen und Feindschaften hinaus überhaupt verstehen. So nun einer auf der Linie des Fälligen viel tiefer als andere erlebt, viel schärfer denkt, intensiver vorstellt oder mächtiger will, so wirkt er als Dominante der Menschengemeinschaft im gleichen Sinn, wie ein neuer richtunggebender Einfall oder ein erschütterndes Erlebnis in der Einzelseele; was er tut oder erleidet, berührt unmittelbar alle in den flutenden Tiefen ihres Unbewußten und es ist nur eine Frage der Zeit und der empirischen Umstände, wie früh oder wie spät sich dies in der historischen Erscheinung manifestiert. Die Dinge liegen demnach nicht so, wie die Milieutheoretiker wähnen, daß die Bereitschaft vieler das einmalige Phänomen beschwöre, (welche Deutung übrigens in keiner Weise einleuchtender ist, als die entgegengesetzte) sondern: wohl entstehen beide in Korrelation zueinander und insofern auf einmal, doch das Initiatorische und Bestimmende liegt beim Schaffenden und nicht beim Empfangenden. Von dieser Einsicht her läßt sich die übliche Vorsehungsidee besonders leicht richtigstellen, doch gehört diese Aufgabe nicht hierher. Das Ursinnbild dessen, inwiefern der Akzent auf dem Schöpferischen liegt, bietet der Heilige in seinem stillen Dasein, zumal dieser Typus des Genies als einziger von allen Völkern und Zeiten einigermaßen richtig gesehen worden ist. Des Heiligen Erleben und Wirken, ob auch unsichtbar und unverlautbart, durchkraftet wirklich den ganzen menschheitlichen Seelenraum. Und dank dem haben wirklich alle, die sich durch Verehrung und Aufnahmebereitschaft mit ihm in Verbindung setzen, im Höchstfall sogar die, welche nur unbewußt von ihnen berührt werden, an einem höheren Leben teil, daß sie ohne ihn nicht einmal ersehnen, geschweige denn ahnen könnten.

Ist hiermit der Wahrheitsgehalt von Christi stellvertretendem Opfer nicht bereits, ohne daß es weiterer Worte bedürfte, als wahr erwiesen? Hat Jesus wirklich auch nur einigermaßen das erlebt und gewirkt, was die Evangelien berichten, dann haben wirklich alle im selben Sinne objektiv daran teil, wie alle teilhaben an einer einmal objektivierten Wahrheit. Genau so aber, wie die objektiv daseiende Wahrheit für den allein fruchtbar wird, der sie für sich verstand, so erntet der allein die Früchte von Jesu Leben und Sterben, der dessen Sinn für sich realisiert. Nun aber kommt die Hauptsache: genau so heimst derjenige allein die Ernte seines eigenen Tuns und Leidens ein, der dessen Tatsächlichkeit mit seinem ganzen Wesen aufnahm, dessen Sinn ganz erfaßte und ihn sich eingestand. Auf diese persönliche Einstellung kommt alles an, im Raum der individuellen Seele nicht anders wie im Menschheitsraum. Auch um sein eigenes Höchstes zu assimilieren, muß man persönlich den ganzen Nachdruck darauf legen und sich dadurch ganz von ihm ergreifen lassen. Und genau so gewinnt man unmittelbar Kontakt mit einem anderen, im Grenzfall mit seinem Gott nur dann, wenn man sich ihm gläubig öffnet. Denn die Dimension des Geisteskosmos ist nicht die der Extension, sondern der Intensität. Dank dem kann Inbrunst das Höchste was sie vorzustellen fähig ist unmittelbar in die Erscheinung hineinbeschwören.

Ganz zu Anfang der Existenz der Schule der Weisheit veröffentlichte ich in Politik, Wirtschaft, Weisheit einen Aufsatz Von der Bedeutung des Einzelnen, in welchem ich den Nachweis unternahm, daß auf der heutigen Bewußtheitsstufe jeder die gleiche Bedeutung für alle haben kann, wie vormals nur der seltene Begnadete. Und später, in meiner Studie Vom sinnbildlichen Leben (wieder abgedruckt im Buch vom persönlichen Leben) zeigte ich, wie heute jedermann sein Leben als reines Sinnbild leben nicht nur könnte, sondern sollte, wie dies von jeher alle geistlich Großen taten. Diese Gedankengänge bringt vorliegende Schlußbetrachtung zu einem gewissen Abschluß. Im Zusammenhang des ganzen Kapitels aber läßt sie überdies verstehen, inwiefern jeder ein Recht hat, sein Privatestes als alle angehend aufzufassen. Dem Dichter, dem, welchem ein Gott gab, zu sagen, wie er leidet, wird dieses Recht von jeher zugestanden. Und keiner fände Steigerung an der Darstellung fremden sinnvollen Schicksals in Drama und Roman, der nicht durch dasselbe hindurch Eigenes erlebte. Ist es unter diesen Umständen nicht ungeheuerlich, daß die meisten von ihrem eigenen einmaligen Leben so gut wie gar nichts haben, weil sie es weniger ernst nehmen, als das von Romanfiguren und sich unter der Etikette des déjà vu um ihr Einzigkeitserleben bringen und damit die Möglichkeit von Selbstverwirklichung und Sinnerfüllung überhaupt verwirken? Auch ich hätte das steigerndste Erlebnis meines späteren Mannesalters, mein Victoria-Erlebnis eskamotieren können, indem ich es bagatellisierte und darauf achtete, wie andere das gleiche von außen ansahen. Ich weiß es wohl: so groß wie ich hat keiner Victoria Ocampo gesehen. Wenige derer, welche sie gut gekannt haben, darunter vielleicht sie selbst, werden meine Schilderung möglicherweise ohne Kopfschütteln lesen. Aber wer hat wirklich etwas von ihr gehabt, jene oder ich? Wer ist ihr in tieferem oder höherem Sinn gerecht geworden, ich, der Übersteigerer, oder der sinnfremde Tatsachenregistrator? Mir hat eine Frau wirklich eine mir bis dahin unbekannte Welt, in mir wie außer mir, erschlossen und damit zu entscheidender Verwandlung den Anstoß gegeben. Es ist müßig zu behaupten, ich hätte mein Schicksal auch auf andere Weise erfüllt: tatsächlich erfüllte es sich auf diese und keine andere Weise. Jedem bieten sich in seinem kurzen Erdendasein nur wenige bestimmte Gelegenheiten; sie hat er sich zu Nutze zu machen. Weniges hat ihm stellvertretend Alles zu bedeuten und zu offenbaren. Verpaßt er diese wenigen Gelegenheiten, die allemal im Zusammentreffen bestimmter äußerer Zufälle mit entsprechenden inneren Bereitschaften bestehen, wacht und betet er insofern nicht, so bleibt sein Leben armselig und täten sich alle Mächte des Himmels zusammen, um es zu füllen. Wer dieses Buch der Erinnerungen liest, mag leicht den Eindruck gewinnen, ich hätte ein äußerlich besonders reiches Leben gehabt. Tatsächlich habe ich äußerlich viel weniger erlebt, als sehr viele meiner unbegabten Bekannten. Nur wenige Menschen habe ich näher gekannt, sehr wenige künstlerische Darbietungen je besucht; vom großen Zeitgeschehen bin ich äußerlich und direkt weniger berührt worden als sehr viele andere, und vor Sehenswürdigkeiten habe ich zeitlebens einen solchen Horror gehabt, vor bloßen Tatsachen überhaupt, die meine Intuition immer nur beirren, daß ich sogar während meiner Weltreise so wenig besichtigt habe, als irgend angängig war. Ich habe Xavier de Maistres Voyage autour de ma chambre nicht gelesen und weiß daher nicht, ob darin verwirklicht steht, was ich in den Titel hineinlese. Aber sicher ist es möglich sogar an einem einzigen Zimmer — wo jedes Atom ein Abbild des Sonnensystems ist — das Weltall zu erleben und an der Begegnung und im Zusammenprall mit einer Frau die ganze Schöpfungsgeschichte2.

1Ich glaube, nichts menschliches ist mir fremd
2Vollendet Schönhausen, 19. 1. 1941.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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