Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

I. Bewußtseinslagen und Welthorizonte - Revolte der Erdkräfte

Das Vorhergehende schrieb ich zum größten Teil im Winter 1940/41, als sich das kriegführende Deutschland im ganzen noch ungefährdet fühlte und dies mit Recht, denn um Sein oder Nichtsein ging es damals wirklich noch nicht. Seit Kain ist es dermaßen normal, daß die jüngeren Männer unter Einsatz des Lebens an den Grenzen die Heimat, Weib und Kind verteidigen, daß der Krieg als solcher keine Störung des inneren Gleichgewichts verursacht. Was sich, je länger ein Krieg währt, immer schärfer ausprägt, ist dies: die Bewußtseinslagen und Welthorizonte von Front und Heimat werden voneinander immer verschiedener, so daß diese einander immer schlechter verstehen und sich immer mehr in ihrer sonderlichen Umwelt einspinnen. Oft geht das so weit, daß sich Urlauber daheim nicht mehr zurechtfinden und schleunigst nach der Front zurückstreben und die Daheimgebliebenen in den Kämpfern nur Verwilderte sehen; daran scheitern in Kriegszeiten und bald nachher so viele Ehen. Doch dieses Auseinanderwachsen ist im ganzen belanglos, denn seitdem es kriegführende Menschen gibt, erfolgte es während jedes längeren Krieges, Krieg und Frieden bedeuten aber dermaßen verschiedene, durch keinen Übergang vermittelte Zustände, welchen andererseits so bestimmte, als Erbanlagen vorgebildete Bereitschaften entsprechen, daß sich der eine Zustand, sobald er nicht der äußeren Lage entspricht, ohne weiteres und ohne Übergang in den anderen umwandelt, wobei der Schock des Unstetigkeitsmomentes durch Vergessen anästhesiert wird. Mir bedeutete es ein erschütterndes Erlebnis, als ich dieses Tatbestandes nach Ende des ersten Weltkriegs zum ersten Mal inne wurde, dazu noch in der Zuspitzung, daß sich das bis dahin siegesgewisse oder leichtfertige Deutschland auf einmal total geschlagen vorfand. Mit sehr wenigen Ausnahmen — viele wollten es schon wenige Jahre später, nachdem ihre Erfahrungen sich gesetzt hatten, nicht mehr wahr haben, aber so war es tatsächlich — fanden sich die Deutschen mit Windeseile in ihrer neuen Lage zurecht. An ihrer Spitze die Berufssoldaten, die unwillkürlich nur in Funktion militärischer Technik denken und denen Sieg oder Niederlage darum professionell nichts anderes bedeutet, als ein gewonnenes oder verlorenes Spiel und welche Geschlagensein innerlich kaum berührt, wenn sie sich sagen können, daß sie, rein soldatisch geurteilt, doch nicht besiegt wurden. Deren Welthorizont reicht eben über das Militärtechnische nicht hinaus. Die anderen aber entdeckten, sofern sie nicht zu den relativ wenigen vom Leben endgültig Besiegten oder aus der Bahn Geworfenen gehörten, sofort neue Lebensmöglichkeiten; phantastisch schnell fand eine allgemeine Umstellung statt und damit begann eine neue Lebensaufbauperiode im Zeichen jener Selbstverständlichkeit, die ich im Kapitel Besitzende und Besitzlose ausführlich behandelt habe.

Hätte ich das vorliegende Kapitel später zu schreiben begonnen als geschah, dann hätte ich eigentlich vom Letztgenannten ausgehen sollen bei Betrachtungen über die Plötzlichkeit aller Übergänge von Bewußtseinslage zu Bewußtseinslage. Jedenfalls bietet die psychologische Wasserscheide zwischen den vier Kriegsjahren und den Jahrzehnten darauf die bestdenkbare Illustration des früher Ausgeführten; nicht minder natürlich der neue plötzliche Umschlag, der mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus anhub und gleichfalls bald von den meisten als selbstverständliches Geschehen erlebt wurde. Das beeindruckendste Beispiel dieser immer wieder vorkommenden Ereignisfolge bietet freilich nicht Deutschland, sondern die Türkei. Aus der totalen Zerstörung des ottomanischen Großreichs erwuchs in wenigen Jahren schon, dank dem Genie nur eines großen Führers, ein völlig neues Gebilde, welches alles bisherige Geschehen ins Positive nicht allein umzudeuten, sondern real ins Positive umzusetzen erlaubte. Heute, 1943, steht die moderne Türkei als eins der gesichertsten und zukunftsstolzesten Staatswesen da.

Aber der Mensch muß sich ja wohl plötzlich umstellen können, denn verhinderte die Plötzlichkeit nicht das Pedal der Erinnerung am Einsatz, so wäre Neuaufbau durch gleiche Menschen nach Zerstörungen sehr großen Ausmaßes ein Ding der Unmöglichkeit. In solchen Fällen erlebt der wandlungsfähige Einzelne in sich das Gleiche, was sonst als Folge von Generationen verschiedener und inkompatibler Gesinnung in die Erscheinung tritt. An kritischen Punkten muß Evolution offenbar durch Revolution im weitesten Verstand beschleunigt werden, und dies zwar gerade zwecks psychologischer Erleichterung des Übergangs; setzte nicht eine plötzliche Einschmelzung des Alten und Umbildung zu Neuem ein, so gewännen die zerstörenden Elemente über die im gegebenen Augenblick äußerlich immer noch mächtigen erhaltenden nicht rechtzeitig die überhand. Darum beweisen im rechten Augenblicke auftretende Revolutionäre desto mehr werbende Kraft, je radikaler sie sind. Es ist im theoretischen Verstande eigentlich unfaßbar, daß weniger als zehn Jahre nach einer Zeit, in welcher die Welt konsolidierter und im Ganzen befriedeter und in allgemeinerem Aufstieg begriffen erschien als je seit Menschengedenken — ich meine die Zeit vor Ausbruch des ersten Weltkriegs der allzerstörende Bolschewismus nicht nur für lange Dauer in Rußland siegte, sondern auf dem ganzen Erdball zu einer der werbendsten Kräfte aller Zeiten gedieh. Aber die Menschen hatten offenbar genug von der alten Sicherheit. Darum begrüßten die meisten in allen Ländern, was immer sie später behaupteten, den Ausbruch des ersten Weltkriegs. Schon lange gingen russische Aristokraten ins Volk, das heißt sie tauchten in der Masse unter, anstatt diese zu sich hinaufzuheben. Schon lange erschienen Briten alter Macht- und Reichtumstradition übersättigt, und nicht allein als Individuen, sondern auch als imperiale Nation. Schon um 1910 herum habe ich gerade unter Vertretern führender englischer Geschlechter unglaublich viele little Englanders angetroffen, deren geheime Wünsche der zweite Weltkrieg wohl erfüllen dürfte. Mir fiel neulich eine medizinische Parallele dazu ein, bei der es sich wahrscheinlich um mehr als eine Parallele handelt. Anaphylaxie heißt man Überempfindlichkeit gegenüber einem einmal genügend oder zu stark gebrauchten Fremdstoff, der einmal heilend wirkte, welche Überempfindlichkeit bis zur augenblicklichen Lebensgefährdung durch ihn gehen kann. Setzt bei Völkern nicht gegenüber Ideen, Verfassungen und Zuständen, die sehr lange wirkten und währten, unter Umständen Anaphylaxie ein? Der Haß seinerzeit gegen die aristokratische, neuerdings gegen die demokratische und plutokratische, ja vielerorts gegen die bloße Freiheits-Idee mag hier seinen physiologischen Grund haben.

Alles bisher Gesagte gilt nicht für diese Zeit allein, sondern für unzählige, grundsätzlich für alle Weltkrisen. Seit 1942 nun ist durch den Bombenterror aus der Luft in den Zerstörungsprozeß des Krieges ein Novum eingetreten, für das es überhaupt kein Vorbild und keine traditionelle Bereitschaft gibt. Ähnliches kannte man bisher nur von Naturkatastrophen allergrößten Ausmaßes, insonderheit von Vulkanausbrüchen her. Wenn je eine plötzliche Änderung der Bewußtseinslage vom Kosmos gefordert schien, so war es dieses Mal. Und diese fand auch wirklich überall statt, wo apokalyptische Zustände wirklich herrschten, nicht bloß befürchtet wurden; nur in einer ganz anderen Richtung, als von den jeweiligen Feinden erwartet wurde. Dermaßen elementare Gefahr ruft, wie wir heute wissen, nicht allein stärkste Abwehrkräfte, sondern die elementaren Bildekräfte des urtümlichen Lebens aus sonst unergründlichen Tiefen zur Betätigung auf. Angesichts so ungeheurer Gefährdung, für die es keinerlei zwischenreichliche Bereitschaft gibt, erwachen aus langem Schlaf die gleichen Kräfte, die das Leben in seinen Uranfängen gekennzeichnet haben müssen, wo der Ur-Hunger die Ur-Angst überwog. Sobald überhaupt Sicherheit in noch so minimalem Maße besteht, kehrt sich das Verhältnis um und diese Umkehrung bedeutet das für die Dauer Normale. Von der bestimmenden Ur-Angst her erobert die graue Sorge bald das Leben und bestimmt den Alltag. Was soll aber Ur-Angst, von Sorge zu schweigen, wenn es lachhaft scheint, überhaupt noch Sicherung anzustreben? Das Bewußtsein mag es weiter tun — das Unbewußte weiß Bescheid. So höre ich denn allenthalben von Menschen, ganz gewöhnlichen Menschen, welche der Art, natürlich nicht dem Format und dem Niveau nach, den Vergleich mit Hiob, ja mit Prometheus nahelegen. Und ich höre weiter, daß in schwer zerbombten Städten nicht nur nervöse, sondern auch sonstige Krankheiten abnehmen, anstatt zuzunehmen. Und daß überall nach kurzer Zeit frenetischer Aufbauwille vorzuherrschen beginnt. Die meisten Flüchtlinge kehren, wenn sie den ersten Schock und die auf diesen meist folgende Apathie überwunden haben, so schnell als möglich heim und leben lieber wie Ratten in Keller-Löchern ehemaliger eigener Häuser als in der Fremde, wo sie keine immediate Aufgabe haben. Dem Verlust von Hab und Gut wird phantastisch wenig nachgetrauert: ja bei unglaublich vielen, welche alles verloren und zwar gerade unter solchen, die vorher viel besessen und an ihrem Eigentum sehr gehangen hatten, habe ich ein Gefühl der Entlastung feststellen können. Viele begüterte Frauen freuen sich der Aussicht, keinen großen Haushalt, in welchem sie vormals aufgingen, betreuen zu müssen, wollen ganz neu anfangen, wie einstmals die Besiedler Amerikas, die Teilnehmer der alten Völkerwanderungen, wie die Robinsons aller Zeiten, unbelastet von ihrer Vergangenheit. Hier ist noch Tieferes, noch Elementareres im Spiel, als bei jener Revolte der Erdkräfte, die ich so oft behandelt habe, welche wirklich den Seinsgrund der Weltrevolution als Sammelbegriff für alle Revolutionen des XX. Jahrhunderts darstellt. Es handelt sich sogar um ein Tieferes als jene Krise, welche gleichzeitig den Untergang der antiken Kultur und den Aufstieg Europas einleitete. Denke ich seit dieser Erfahrung an jenen Nihilismus, welchen das Stalin-Kapitel dieses Bandes im einzelnen behandeln wird, mit dem ich mich aber schon mehrfach zu befassen Gelegenheit hatte, wenigstens im Hinblick auf seine geistigen Vertreter und Wegbereiter, dann erschaure ich ehrfürchtig vor der Einheitlichkeit alles planetarischen Geschehens, wo solches wirklich diesen Namen verdient. Im zweiten Vortrag der letzten großen Darmstädter Weisheitstagung Mensch und Erde, 1927, welcher den Titel Der sich wandelnde Planet als Einheit trug, führte ich aus — und verweise hiermit ein für allemal auf diese Ausführung, denn kürzer und besser wüßte ich das in diesem allgemeinen Zusammenhang zu Sagende nicht zu fassen — daß der Planet sich von Zustand zu Zustand, wovon die großen geologischen Formationen die großen Umrisse zeigen, als Ganzheit verwandelt; daß es nie möglich ist, irgendein Einzelschicksal losgelöst vom Planetarischen wirklich und ganz sinngerecht zu begreifen. Seitdem der Mensch nun Leitfossil ist, gilt dieses auch von geistig-seelischen Zuständen. Es ist nicht so, daß einerseits Ansicht auf Ansicht folgte, während andererseits reales Geschehen seinen vom Geiste unbeeinflußten Lauf nähme, oder daß ein allgemeiner Fortschritt von der Erkenntnis her oder auf sie hin statthätte, sondern: die verschiedenen Religionen, Weltanschauungen, Philosophien, Theorien, Ansichten und sonstigen Voraussetzungen des jeweiligen Menschen-Erlebens und -Tuns, ja die Vorurteile, Irrungen und glatten Lügen gehören mit zum Gesamtschicksal unserer Erde, und die Konsequenzen jener sind nach allen Richtungen unermeßlich und unabsehbar. Seither ist es wirklich so, daß, wie dies die Mythen wahrscheinlich zu Unrecht behaupteten, Naturkatastrophen die Folgen moralischen oder erkenntnismäßigen Versagens wären. Wie lange schon eine glaubensstarke Menschheit anderes für den Gesamthaushalt der Erde bedeutet hat, als eine glaubenslose, so beeinflußt es jetzt das gesamte planetarische Geschehen, ob die menschlichen Zielsetzungen materialistisch oder spiritualistisch sind; die Gedanken der denkenden Menschen greifen real in die Naturprozesse ein, so daß gewisse Physiker heute behaupten, das physikalische Geschehen hänge an der äußersten Grenze des Erkennbaren real von den Voraussetzungen des Physikers ab. Nachdem die Entdeckung und Dienstbarmachung der elektrischen Energie den Menschen seiner bisherigen raum-zeitlichen Beschränkungen enthoben hat, vermag dieser in der heutigen Periode des bestimmenden Sprengstoffes in kürzester Zeit mehr vom Gesamtplaneten zu zerstören, als den unvermenschlichten Naturprozessen in Jahrmillionen gelang. Nun aber kommt die Hauptsache: der Ära des äußerlich vorherrschenden Sprengstoffs entspricht der Seelenzustand der heute bestimmenden Generationen. Schon Nietzsche war durchaus Sprengstoff-Mensch, von den russischen Pionieren der Welt-Zerstörung zu schweigen. Wie lächerlich wirkt heute die noch um die Jahrhundertwende übliche Bezeichnung Kants als des Allzermalmers! In Wahrheit war er ein milder und sehr vorsichtiger sicherungsbedürftiger Fortschrittler. Der Sprengstoff-Mentalität der aktiven Zerstörer — die ja auch ich in der im Shaw-Kapitel behandelten Phase mit vertreten habe — entspricht der Nihilismus derjenigen, die man nach dem Vorbild Chinas die Empfangenden als Korrelate der Schöpferischen heißen mag. Dieser Nihilismus entspringt ursprünglich der Verzweiflung und so war und ist er auch bei vielen letztinstanzlich die Weltanschauung der Hoffnungs- und Zukunftslosen. Aber andererseits bedeutet er Bereitschaft zur Leere und damit zum Sich-öffnen neuen positiven Kräften gegenüber. Am deutlichsten ist dies auf dem Gebiet zu spüren, auf welchem bis vor kurzem noch positive Religion das Unbewußte bestimmte. Dasjenige der jungen Generation bestimmte jene gar nicht mehr, aber auch nicht mehr Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Eine Weile gab wohl ein gewisser apathischer Fatalismus dem Zeitgeist die Signatur. Immer mehr aber verwandelt sich dieser an der Erfahrung der furchtbaren Kämpfe und Kampfesarten des zweiten Weltkrieges in ein dem spanischen Nadismus Verwandtes, von welchem der Schlußabschnitt des Unamuno-Kapitels handelt. Kein Zweifel: diese Generationen sind ohne irgendeinen bestimmten Glauben, ohne irgendeine Rückversicherung im Diesseits oder Jenseits eines ebenso heldischen Lebens fähig, und zwar sowohl im Sinn der aktiven Opferbereitschaft, als in dem der Tragfähigkeit der Seele, wie früher nur an Bestimmtes Glaubende. Diese Menschen halten sich einfach dem unbekannten Schicksal gegenüber offen und so werden sie von ihren unbewußten Tiefenkräften bestimmt, welche grandiose und dem tiefsten Welt-Sinn entsprechende Haltung ermöglichen, auch wo jede entsprechende Weltanschauung fehlt. Denn daß eine Weltanschauung, welche im Nutzen für die Gemeinschaft die Lösung des Problems des Einzelschicksals sieht, überhaupt keine Weltanschauung ist, liegt auf der Hand, so wenig sich deren Vertreter aus sichernder Verblendung heraus darüber klar sein mögen. Da sieht man denn, daß jeder bestimmte Glaube, vom tiefsten Selbst des Menschen her geurteilt, dem Sicherungsbedürfnis der Ur-Angst entspringt, und daß es das Höhere bedeutet, sich ohne Rücksicht auf diese dem Weltgeschehen offen und mutig und selbstbewußt zu stellen. An den Russen erlebte man dies zuerst, wo aus dem reinen Willen zur Zerstörung in nur zwei Jahrzehnten ohne Glauben an geistige Wirklichkeit überhaupt — der Glaube an die Materie ist als Glaube überhaupt nicht ernst zu nehmen — neue Haltung ermöglichte, aus welcher immer mehr neue Verwurzelung im Geiste spricht. Allgemach geschieht Gleichbedeutendes überall. Und je größer die Gefährdung Deutschlands wird, desto mehr gilt das Gesagte gerade für unser Land und Volk. Bei uns ist nämlich am meisten Zwischenreichsbildung zu durchstoßen, wenn der Ursprung neu freigelegt werden soll. Eben das fühlen die meisten begabten Jungen dumpf und dunkel. So erklärt es sich, daß viele das vollkommene Ende der Bücherstadt Leipzig begrüßen. Schon was bis jetzt, Januar 1944, daselbst geschehen ist, bedeutet ein wenig geringeres Unglück, als seinerzeit die Zerstörung der alexandrinischen Bibliothek. Viele junge, überbildeten Kreisen entstammende Menschen aber empfinden dieses Unglück als bloße Entlastung und als Weg zur Freiheit. So haben einstmals unzählige nicht nur zum Islam Bekehrte, sondern von ihm Besiegte empfunden.

Der Welthorizont der Pioniere der heute Platz greifenden ungeheuren planetarischen Veränderungen ist vorläufig natürlich eng. Nur zugespitzte Instrumente durchstoßen feste und dicke Mauern. Aber der Wille zur Leere beschwört, wie jeder Meditierende aus persönlicher Erfahrung lernen kann, auf die Dauer größte nie geahnte Fülle. Und eine neue Fülle hat schon, wie mein Sohn Manfred mir aus der Erfahrung seiner Generation erzählt, in dem Sinne zu entstehen begonnen, daß der neue Mensch, aller äußeren Sekurität verlustig gegangen, seine Sicherung wieder in der Innenwelt sucht und findet. Und zwar in seiner eigenen, rein persönlichen. Grundsätzlich ähnelt dieser neue Zustand demjenigen der großen religiösen Zeiten und ist doch etwas ganz anderes, sehr Neues, dem neuen nie dagewesenen Zustande rein persönlicher Verantwortlichkeit und Selbstbestimmung Entsprechendes. Damit dringt ein Positiveres in die Welt ein, als seit langen Jahrhunderten. Es setzt das Zeitalter des Individualismus, der Renaissance, der Emanzipation des Verstandes und der Freiheit der Forschung fort, gibt aber all diesen Erreichnissen die Tiefendimension, insofern nunmehr auf Sein zurückbezogen wird, was vormals nur Schau und Wissen und Urteil war. Nach außen zu und im großen spürt man noch wenig von dieser ungeheuren Wandlung, wird man wohl lange noch wenig von ihr spüren. Aber wenn je, so kann man heute die Wahrheit der chinesischen Staatsweisheit einsehen, als welche lehrt, daß jedes entscheidende historische Geschehen um fünfundzwanzig Jahre vorauszudatieren sei. Diese Rechnung stimmt, wie ich seit Jahrzehnten feststellen konnte, ausnahmslos. So gilt heute, wo ich diesen letzten Absatz des vorliegenden Kapitels schreibe, im Januar 1944, in der Tiefe der Menschen das meiste dessen nicht mehr, was überall noch die Oberfläche beherrscht. Wahrscheinlich führen die Völker schon heute in ihren Tiefen nicht mehr miteinander Krieg, woraufhin sich plötzlich ein Wunder ereignen könnte. Wahrscheinlich ist die Ära nicht nur der Demokratie und Plutokratie und des Materialismus, sondern auch die des Nationalismus und Sozialismus bereits um. — Ich begrüße es als Gnade, daß ich diesen ungeheuren, den größten geologischen Verschiebungen vergleichbaren Wandlungsvorgang miterleben darf. Im ersten Kapitel der Südamerikanischen Meditationen erzählte ich, wie mein Erleben der Puna in den Anden mir den Prozeß der Umschmelzung der Organismen von einem in einen anderen Typus dank übermächtigen Umwelteinflüssen verständlich machte. Neuerdings erlebe ich eine der größten Zeiten planetarischer Zerstörung mit und ich finde es sinnvoll, daß heute Menschen, welche wissen was sie tun, dieses Zerstörungswerk in die Hand genommen haben. Wir verantworten fortan für die Schöpfung. Wir sind, wie ich es schon im Reisetagebuch ausdrückte, Gottes Hände. Alle großen Götter aber waren in bestimmten Perioden furchtbare, gewissen- und treulose Zerstörer.1

1Vollendet Bad Tölz, 28. 12. 1943
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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