Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

II. Wandel der Reiche - Meditation über Burgund

Es ist wohl richtig, daß das Tatsachenbewußtsein auch beim Europäer erst im achtzehnten Jahrhundert zu bestimmen begann; vorher bestimmten auch bei ihm innere Bilder zum allergrößten Teil das Sosein seiner äußeren Erfahrung. Alles starke Erleben setzt eben ein Bejahen und damit ein Glauben voraus; so muß man zuerst an Tatsachen als solche glauben, bevor sie einen tief ergreifen können. Aber so sehr weit ist es mit dem Tatsachenbewußtsein auch im zwanzigsten Jahrhundert noch nicht her; in einem sehr erheblichen Maße bedeutet es Tatsachenaberglauben, und der Aberglaube bezieht sich allemal auf einen vom Geiste frei gesetzten Zusammenhang. War der Amerikanerglaube an den Dollar in der Prosperity-Zeit im mindesten wirklichkeitsnäher, als der an irgendeinen Heidengott? Die psychologische Wirkung des großen Krachs von 1929 habe ich genau beobachtet: sie zeigte alle Symptome einer beginnenden Götterdämmerung.

Insofern Seelenbilder die meiste Geschichte regieren, haben auch die meisten Persönlichkeiten weit mehr als Mythen, das heißt Bilder, denn als Tatsächlichkeiten gewirkt. Daher vor allem der so unverhältnismäßig größere Einfluß, welchen Verstorbene im Vergleich zu Lebenden ausüben. Mir bedeutete zum ersten Male, schon da ich erst fünfundzwanzig Jahre alt war, mehr oder weniger taktvoll, ein damals berühmter Philosoph1, es sei bedauerlich, daß ich noch nicht tot sei (ich war, mit Namensvettern verwechselt, wieder einmal totgesagt worden): er hätte einen so schönen Nekrolog für mich bereit. Solang ich jedoch lebte… Gleiches oder Ähnliches ist mir seither mindestens zehnmal begegnet. Aber ich habe auch subtilere auf mich bezogene Äußerungen gehört, welche den gleichen Sinn hatten und besser noch verdeutlichen, wie sehr das Seelenbild gegenüber der Tatsache den Primat hat. Zweier sei an dieser Stelle gedacht.

Ich habe bisher nie über die geringste äußere Macht verfügt, und nie auch nur annähernd den Einfluß ausgeübt, welchen mir viele jahrelang zusprachen. Nichtsdestoweniger brachte ein West-Franzose anläßlich von Vorträgen in Straßburg, für die er mich gewinnen wollte, Mitte der zwanziger Jahre unter anderem das Argument vor, ich allein könne den Frieden machen (vous seul pouvez faire la paix). Innerlich lachte ich natürlich. Doch wie ich später über das Erlebnis nachzusinnen begann, da wurde mir klar, daß der an sich absurde Glaube, von der Seele und nicht den Tatsachen her geurteilt, einen Sinn hatte: jener Mann meinte implizite — ich drücke mich der Verdeutlichung halber grotesk aus — die tiefste Ursache des deutsch-französischen Zwiespalts sei nicht der Vertrag von Versailles, sondern der von Verdun. Hätte Karl der Große sein Reich damals nicht aufgeteilt, wäre es bei der deutsch-französischen Synthese geblieben, die bitteren Probleme der Nachweltkriegszeit hätten sich nie gestellt. Und mein persönliches Bewußtsein liegt wirklich ursprünglich oberhalb der die westliche Menschheit zerfleischenden Gegensätze. So habe ich denn auch nicht mehr gelacht, sondern mich gefreut, als ein hochgestellter Belgier im Jahre 1931 mit der Frage zu mir kam, ob ich nicht dazu verhelfen wolle, das alte Burgund wiederherzustellen. Ich erwiderte: ich verstehe sehr gut, was sie meinen, aber leider, leider geht es nicht mehr.

Leider? So verhängnisvoll der Vertrag von Verdun war, ein Gutes hat er ermöglicht: eine Zusammenfassung der romanisch-germanischen Grenzer, die nun einmal eine besondere und sehr eigenartige Menschenart darstellen, zu einer Synthese, die zu den seelisch reichsten und darum schöpferischesten gehört, welche je auf Europas Boden erwachsen sind. Zum ersten Mal wurde ich mir dessen 1903 in Paris bewußt, da ich sehr viel mit dem unheimlichen belgischen Maler Henry de Groux verkehrte (wenn ich mich recht erinnere, gedachte ich seiner in einem früheren Kapitel schon einmal). De Groux war als Mensch (nicht in seiner Kunst) ein Brueghel-, ja ein Höllen-Brueghel-Typ. Und das will sagen: ein Mensch so tiefgreifender und starker, ja konvulsivischer Spannungen, daß dieses aus sich heraus ein größeres Format ergab, als es Europäern sonst eignet. Warum wirkt der Russe so ungleich weiter als der Westler? Weil er viel größere Gegensätze in sich vereinigt: hier sind es unmittelbar Himmel und Hölle, oder Gott und Tier, unter Überspringung des bloß-Menschlichen (daher die instinktive Feindschaft des echten Russen gegen das bloße Wort Humanismus!). Ob es nun irgend jemand schon aufgefallen ist, daß der einzige dem Russen hier Vergleichbare der Burgunde, und nach Zerstörung dieser Synthese der Flame der großen Zeit war? Mir wurde das zuerst in Spanien klar, da ich zu meinem Erstaunen bemerkte, daß die bodenständigsten andalusischen Tänze und Gesänge die Bezeichnung flamenco führten: dem Tatsachen-Ursprung nach sind sie tartessisch-iberisch-berberisch-arabischen Geblüts, unter Dominanz der afrikanischen Elemente. Doch zur Zeit, da die Bezeichnung aufkam, war das Flämische dem Unbewußten so sehr Symbol des Reichtums, der Kraft und der Weite, daß das innere Bild die Tatsache unbefangen vergewaltigte.

Auch Shakespeare, überhaupt der große elisabethanische Mensch war natürlich insofern ein flamenco; und freilich war er einem Rubens verwandter als irgendeinem späteren Engländer. Damals war eben die allgemeine, in sich ewige romanisch-germanische Spannung in einer Synthese verkörpert, deren einleuchtendster Vertreter der damalige Flame war. Aber dieser fand seine Erfüllung doch erst dank der zeitweiligen Zugehörigkeit zum großen Reich Burgund, welches dem romanisch-germanischen Grenzmenschen das seinen höchsten Möglichkeiten entsprechende Kraftfeld schuf. In ähnlichem Verstand vergeht heute ganz von selbst der ungeheuerliche Minderwertigkeitskomplex und darum Größenwahn des Portugiesen — oft im Fall des gleichen Individuums — im Brasilianer, dem Bewohner und unangefochtenen Beherrscher eines gewaltigen Reichs, einem der zukunftsreichsten unter den begabten Menschentypen, von denen ich im zwanzigsten Jahrhundert weiß. Man lese Huizingas Spätherbst des Mittelalters, welches eigentlich eine Monographie Burgunds ist: aus diesem Buch ist klar, daß der ganze spätere Reichtum der Zeit von Karl V. an in Burgund vorgebildet wurde, dem Reich der größten, wenn auch zuerst barbarischen Vitalität und des reichsten Begabungsspiegels der damaligen Zeit. Karl V. war selber in Burgund geboren und seiner Grundanlage nach auch wirklich Burgunde: recht eigentlich als Burgunde konnte er zum jedermann einleuchtenden Sinnbilde des Reiches werden, in welchem die Sonne nicht untergeht. Alles das, was später für spezifisch habsburgisch galt, aller Überreichtum des Barock wurzelt hier. Da sieht man, was die Schaffung richtiger Spannungsfelder bedeutet; wahrscheinlich sind alle großen Kulturen insofern geopolitisch bedingt. Nicht nur das Flämische, Wallonische, West-Französische, Elsaß-Lothringische und im engen Sinn Burgundische gehören als integrierende Bestandteile der altburgundischen Synthese an: gleiches galt auch von der Ausstrahlung vom Niederrhein in seiner großen künstlerischen Frühzeit, ja wenigstens im Sinn von Ablegertum noch vom Gebiet zwischen Genf und Lyon. Calvin, ein Sohn der Picardie, war, tief verstanden, ein Exponent burgundischen Geists in seinem möglichen asketischen Aspekt. Daher das Erdgewaltige, Erdbezwingende der von Calvin inaugurierten Abart des Protestantentums.

Ich bin nun viel mit Belgiern zusammengekommen und habe auch als Redner in Brüssel unvergeßliche und reiche Tage erlebt; was mir immer mehr auffiel, war der große, dem heutigen Franzosentum weit überlegene Reichtum, der auch im heutigen Belgiertum lebt. Die flämische Sprache beherrsche ich nicht, doch Rudolf Alexander Schröder, der sie kennt, behauptet — und er versteht sich darauf — unter Flamen gäbe es heute eine unverhältnismäßig große Anzahl bedeutender Dichter und Erzähler. Wie viele allgemein der französischen Kultur zugerechnete Geister Belgier von Geburt sind, ist allbekannt. Aber sogar der ganze Reichtum der letzteren — von den ersteren abgesehen, deren möglicher äußerer Wirkungskreis ganz eng ist — kann sich nicht seiner tiefsten und besten Art gemäß auswirken, eben weil in der heutigen Welt ein der romanisch-germanischen Grenzzone genau angemessenes Kraftfeld fehlt.

Dieses bot zuletzt das burgundische Reich. Insofern sehe ich in der Besiegung Karls des Kühnen durch die Schweizer eine der Kulturkatastrophen unseres Kontinents. Mochte das Burgundische später in Form des habsburgischen Barocks, ja des spanischen noch so weit ausstrahlen — dieses Ausstrahlen war letztlich eine Dispersion ähnlich derjenigen des Hellenentums dank den Makedoniern, welche Hellas unterjochten. Nur war es eine Dispersion weit geringerer Eigenkraft. Im heutigen Frankreich, in dessen Bahnen das Burgundische eigentlich hätte fortleben können, ist nichts von ihm zu spüren außer dem — Burgunderwein. Aber auch den vertragen heutige Franzosen schlechter als wir Nord- und Ostländer. Immerhin: was den Burgunder- vom Bordeauxwein unterscheidet, ist eben das, was den echt burgundischen Geist vom späteren französischen unterschied.

1Georg Simmel [Anmerkung des Keyserling-Archivs]
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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