Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

II. Wandel der Reiche - Verwandlungsfähigkeit

Obige Meditation über Burgund schrieb ich während der Flitter­wochen­stimmung, welche Deutschland 1940 nach dem unverhofft schnellen und vollständigen Siege über Frankreich überkam. Ich drucke sie hier ab, weil sie eine gute Einführung in das Allgemeine darstellt, das dieser dritte Band der Reise durch die Zeit mit dem Gesamttitel Wandel der Reiche in den verschiedensten Abwandlungen behandeln soll. In ihr erscheint nämlich, wie mich dünkt, das ein Mal und nicht wieder, das Grundmotiv aller Geschichte, und zugleich das Selbstverständliche jenes Ungeheuerlichen, das jeder Wandel als solcher verkörpert, besonders anregend bildhaft konkretisiert. Metamorphosen sind dem Verstande vollkommen unverständlich, und ein absolutes Ende ist überhaupt nicht vorzustellen. Ich gelte recht weiten Kreisen von Jugend auf als Prophet, und mancherlei habe ich auch wirklich recht lange vorher richtig vorausgesagt. Aber erlebnismäßig bin ich auch, und, wo meine eigenen Voraussagen eintrafen, immer wieder, überrascht worden. Ein absolutes Ende kann meine Natur noch weniger als diejenige der meisten wahrhaben, weil mein Vorstellungsvermögen so plastisch, farbig und dauerhaft ist, daß nichts für mich je vorüber ist. Dann bedarf ich eines feststehenden äußeren Lebensrahmens, um mich innerlich frei zu fühlen, was meiner ganzen Mentalität zum Trotz, ja in paradoxalem, gelegentlich groteskem Widerspruch zu ihr einen ausgesprochenen physiologischen Konservatismus bedingt. Wie die zweite russische Revolution ausbrach, hatte ich gerade meine Schwester verheiratet und alles vorbereitet zu einer Ablenkungsreise nach der Krim und dem Kaukasus. Die Post blieb über zehn Tage in Rayküll aus. Wie dann das Gerücht des Aufstands der Matrosen zu mir drang, da war ich recht eigentlich skandalisiert, daß ich meine festgelegten Pläne umstoßen müßte, und fühlte nicht unähnlich dem Kaiser Ferdinand (dem Gütigen), der bei der Mitteilung vom Ausbruch der 48er Revolution nur verärgert ausrief: Ja, dürfen’s denn dees? Das berühmte noli turbare circulos meos des Archimedes bedeutete auch nichts anderes, und kleine Archimedesse habe ich unter Intellektuellen und Dichtern im Lauf der vielen Revolutionen, welche mitzuerleben mir beschieden war, eine ganze Menge gekannt. In solchem Archimedes-tum bin ich mehrere Male so weit gegangen, daß ich ehrlich die Fortdauer mich bedrückender Zustände wünschte, damit ja keine Veränderung meine gerade vorhandene Schaffensstimmung störte. Mein erster Impuls bei plötzlich über mich hereinbrechenden Katastrophen war in zwei Fällen sogar, mich ins Bett zu legen und in völliger innerer Abgeschiedenheit weiter zu schreiben oder zu lesen, wenn nicht gar Neues allem Praktischen Fernliegendes zu beginnen. Endlich hat mein Bewußtsein zum Unbewußten ursprünglich nur in der Form Zugang, daß aus diesem heraus in jenes ihm Unerwartetes einfällt. — Mir scheint nun: die allermeisten Menschen sind ähnlich organisiert wie ich, mit nur zwei typischen Ausnahmen, denen ich mich gleich zuwenden werde. Wären ausgesprochene Beamtenseelen gegen sich selbst ganz ehrlich, sie würden nicht skandalisiert tun von jenen, die 1920 in Panik darob gerieten, daß der Versailler Vertrag, in den sie sich endlich eingearbeitet hatten, revidiert werden könnte. Insgleichen würden bei größerer Wahrhaftigkeit außerordentlich viele ältere Frauen sich in der Königin Victoria von England wiedererkennen, die sich beim Tode ihres Gatten, wie mir Intime ihres Kreises später erzählten, folgendermaßen verhielt: sie wollte ihre gewohnte Spazierfahrt im Windsor Park zur ein für alle Male festgelegten Stunde unternehmen. Ein Hofmann bedeutete ihr, Seiner Königlichen Hoheit ginge es sehr schlecht. Die Königin wies ihn hoheitsvoll zurecht: Sie irren, Seiner Königlichen Hoheit geht es sehr viel besser. Der Hofherr insistierte, sie antwortete noch hochfahrender mit den gleichen Worten. Da nahm sich jener ein Herz und sagte: Aber Seine Königliche Hoheit ist tot. Diese Störung ihrer Gewohnheiten brachte die Königin so völlig aus dem Gleichgewicht, daß sie zwar ihre gewohnte Spazierfahrt aufgab, jedoch nicht zum ehrlich geliebten Toten eilte, sondern Schloß Windsor fluchtartig verließ. Aus ähnlichen sehr primitiven Gründen, nicht aus einem Ethos irgendwelcher Art, bleiben mehr Menschen, als man denken sollte, ihrem Worte treu. Eine Cousine von mir hatte einen Engländer geheiratet und beide hatten sich in irgendeinem leichtfertigen Augenblick das Wort gegeben, daß, sollte einer von ihnen irre oder schwachsinnig werden, der andere ihn nicht Wiedersehen solle. Mein Vetter verfiel einige Monate vor seinem Tode geistiger Umnachtung. Da brachte es meine Cousine tatsächlich über sich — und glaubte ihm damit ihre Treue zu beweisen —, daß sie nie mehr zu ihm ging, seine Pflege Fremden überließ, und sich erst bei seiner Leiche wieder einfand. Ursprünglich anders organisiert als die Geschilderten sind meiner Erfahrung nach nur die Schieber- und Verräternaturen, denn sie allein bedürfen keiner sicheren und dauerhaften Umwelt: die ersteren sind im kosmischen Werden dergestalt eingestellt, daß sie vom äußeren Wandel als solchem leben. Man heißt diese meist Spekulanten, aber in Wahrheit spekulieren sie gar nicht, denn dazu fehlt es ihnen an Phantasie. Sie dürfen sogar keine haben, denn denken sie weiter als bis heute Nachmittag oder bis morgen, dann fallen sie meist herein. Was der sogenannte Spekulant tatsächlich tut, ist dies: er denkt in ganz kleinen Veränderungen, wie solche zum Beispiel die Arbitrage im Bankwesen gewinnreich machen, und zwar denkt er nicht nur so, sondern er macht die kleinen Veränderungen mit seinen ganzen Wesen mit. Dabei fällt er genau genommen von Stunde zu Stunde um, aber niemand macht das diesem Typus zum Vorwurf, denn solches sich-umstellen-Können ist eben die Voraussetzung des Geschäfts. Der Schieber nun ist der Extremausdruck des Geschäftsmanns, der dank Übersteigerung der Grundanlage desselben sogar in völlig ungesicherten und unklaren Zeiten prosperiert. — Der zweite Typus, welcher Veränderungen ursprünglich gewachsen erscheint, ist der geborene Verräter. Dieser ist auf die sich wandelnde Innenwelt ebenso ursprünglich eingestellt, wie der Schieber auf die sich wandelnde Außenwelt. Verräternaturen nehmen den tatsächlich stattgefundenen oder stattfindenden Wandel in sich ganz naiv zur Kenntnis und finden gar nichts dabei, wenn sie eine Sinnesänderung in sich feststellen, die Front zu wechseln, im Gegenteil: sie kommen sich vielmehr besonders wahrhaftig dabei vor. Geborene Verräter sind nun in irgendeiner Hinsicht und in irgendeinem Grade alle, die überhaupt wandlungsfähig sind. Von wem zum Beispiel gilt dies gar nicht in der Liebe? Gerade weil dem hier so ist, wird das Ideal der Treue gerade in ihrem Falle dermaßen überbetont. Es fühlt sich jeder Liebende, sofern er nur das ist, — für die Ehe gelten ursprünglich andere Normen — berechtigt, den Partner zu verlassen, wenn seine Liebe stirbt, und er ist meist stolz darauf, wenn er den Mut zur Wahrhaftigkeit aufbringt: handelte er anders, so müßte er ja betrügen. Aus diesem ethischen Dilemma gibt es überhaupt keinen Ausweg, weswegen man hier gut tut, die ethische Frage gar nicht zu stellen. Was nun von der Liebe gilt, gilt grundsätzlich von allem Wandel bei Einstellungen auf die elementare Innenwelt. Es ist hier sehr die Frage, ob Verrat überhaupt moralisch zu verurteilen sei — daß er in bestimmten Fällen aus praktischen Gründen drakonisch bestraft werden muß, liegt auf der Hand. Treue, wie sie in Worten jedermann fordert, hat Wert nur als innere Notwendigkeit, diese aber gibt es nur vom Geiste her durch das Mittel der moralischen Phantasie. Wenn diese nun aber fehlt? Seit dem ersten Weltkriege nimmt die Gewissenlosigkeit in Amerika und Europa in phantastischem Grade zu. Ich kann hier überhaupt nicht moralisch urteilen, weil die Schuld meiner Überzeugung nach ganz und gar an der unaufhaltsam zunehmenden Ent-Geistung liegt. In diese aber retten sich viele, die Anlage-gemäß auch anders könnten, einfach, weil sie geistig-seelisch das ungeheuerliche Tempo der neuesten Entwicklung nicht mitmachen können, wozu in manchen Ländern als mitbestimmende Ursache noch die Gedächtnis-schwächende und Konzentrations-erschwerende Unterernährung tritt. Seien wir ehrlich: Unbeständigkeit und Verrat müssen als normaler gelten als deren Gegenteil, wo immer Menschen die realen Veränderungen in sich und nicht ein herausgestelltes System starrer Normen letztlich ernst nehmen. In Übergangszeiten muß Verrat grassieren. In solchen kann Verrätertum sogar konservative Gesinnung und wesentliche Treue bedeuten. Hier denke ich an den erstaunlichen Talleyrand, der mehr Wandlungen vollzog und häufiger Verrat übte, als irgendein anderer und sich dennoch als treuester aller Franzosen erwies; er wurde recht eigentlich der Retter des ewigen Frankreich. Die erste Frau, welche ich geliebt habe, die Irin, meinte in diesem Sinn, die als unzuverlässig verschrieenen Iren seien besonders treu, weil sie der Wetterfahne glichen, die gerade dank ihrer Beweglichkeit ihren Halt niemals verliert und immer wieder in ihre Ausgangsstellung zurückkehrt.

Natürlich besteht die Möglichkeit, Veränderungen gar nicht wahrzunehmen und mitzumachen; dieser merkwürdige Fall wird im Kapitel Verhärtete und Verjüngte1 besonders behandelt werden. Aber so häufig die Sturen und Starren seien — physiologisch beurteilt sind sie pathologische Exzentriker. Normalerweise ändert sich jeder fortlaufend zusammen mit seiner Zeit. Von der Geburt bis zum Tode erlebt jeder grundverschiedene Stadien, zu denen er sich auch bekennen muß. Sture und Starre hingegen wollen irgend eines künstlich festhalten, und das ergibt in jedem Falle Mißgestalt. Wie greulich waren die hüpfenden jugendlichen Greise, welche ab 1918 die Tanzböden verunzierten! Wie widerwärtig ist der Dauerzustand erzwungener Jugend überhaupt! Damals kompensierte wohl krampfhaftes Festhalten-Wollen die Vernichtungsorgie des ersten Weltkrieges, was man als Entschuldigung hingehen lassen mag. In meiner Jugend lagen die Dinge umgekehrt, und dafür gab es gar keine entschuldigende Erklärung. Schon mit dreißig waren nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer gesetzt — welch ausgezeichneter Ausdruck! — und damals waren sie auch tatsächlich sehr viel älter, als es die gleichen Jahrgänge heute sind; sie schienen es nicht bloß zu sein. Das alles hängt nicht mit real physischen, sondern mit real psychischen Umständen zusammen, und hiermit gelange ich zum eigentlichen Thema dieses Kapitels.

Axiom: große Verwandlungen, gar Wandel der Reiche, sind dann allein möglich, wenn die jeweiligen Bewußtseinslagen, -formen und -inhalte sich real verändert haben; wenn also, extrem ausgedrückt, Verrat Wahrhaftigkeit bedeutet. Von der Liebe her sind alle diese Dinge am leichtesten zu verstehen. Eigentlich übt das Mädchen doch Verrat, das um eines Mannes willen Vater und Mutter verläßt und gar ihren Namen und ihre Nationalität aufgibt. Nichtsdestoweniger ist jede Frau abnorm, welche solches nicht selbstverständlich findet. Aber ebenso kann innere Wahrhaftigkeit fordern, daß eine Frau einen Mann um den anderen verläßt oder gleichzeitig mehrere mit verschiedenen Nuancen liebt oder schließlich in frohem Witwentum ihre Erfüllung findet. Charakteristischerweise ist die Witwentracht bei allen mir bekannten Völkern diejenige, welche den meisten Frauen am besten steht und bei der sich am seltensten Geschmacksverirrungen feststellen lassen. Doch diese Wandlungsfähigkeit bezeichnet nur die eine Seite des problematischen Tatbestandes: gerade die Frau ist es andererseits, welche die ewigen Werte hochhält, und wo sie entthront wurden, immer wieder restauriert. Die Frau wird nämlich durch Wandel und Verrat in ihrem Wesen gar nicht tangiert und versteht darum auch schwer, warum Männer dergleichen dermaßen tragisch nehmen. Springen wir von hier aus ohne Übergang von der Betrachtung des Intimen zu der des Kollektiven über. Je weiblicher geartet Völker sind, desto leichter verraten sie und desto mehr bleiben sie andererseits sich selber treu. Hierher rührt Italiens merkwürdige Rolle in der Geschichte. Alfieri pflegte zu sagen, daß die Pflanze Mensch nirgends so gut gedeihe, wie in Italien. Seit Etruskertagen hat sich eben aus diesem Grunde an der intimen Struktur der Völker Italiens sehr wenig geändert. Aber dieser Konservativismus hat sich von jeher gleichsam musikalisch von Verrat zu Verrat manifestiert. Sehr lehrreich ist es, von hier aus die Renaissance zu beurteilen. Rein theoretisch geurteilt hätte die ungeheure Gebundenheit der hieratisch-statischen Ordnung des geistbestimmten Mittelalters schwer anders durchbrochen werden können — was dann die Emanzipierung des Individuums zur Folge hatte — als durch ein physiologisch verräterisches Volk. Geistzentrierte Völker waren zur Initiative dazu nicht fähig, weil Verleugnen geistiger Werte Verrat am tiefsten Selbst bedeutet und solcher den Menschen vor sich selber herabmindert. Die Italiener waren bei aller Begabung damals wie heute vollkommen ungeistig. Darum bedeutete es ihnen gar nichts, mittels einer Gesinnung, die seither als machiavellistisch gilt, die Axt an die Wurzeln der damaligen mittelalterlichen Geistigkeit zu setzen, deren tiefste die fides war. Sie blieben sich dabei einfach in neuer Form treu. Freilich ist das für Italien urtümlich-Natürliche mit seinen von mir erlebten Verräten zu einer Perversion geworden, wie ja auch das Natürlichste von der Welt, nämlich die Liebe, zugleich die Mutter des Lasters ist. Moralisch urteile ich hier überhaupt nicht. Nie waren die Italiener anders; schon Stendhal schrieb L’Italie trahira toujours; die alten Römer waren keine Italiener, sondern der lebendige Kontrapunkt zum Italienertum.

Doch lassen wir den Sonderfall Italiens. Als politischer Organismus ist kein Volk wesentlich anders als das italienische, denn die Politik gehört ganz und gar der Gana-Ebene an, und die Gana kennt keine Treue. Auch der Engländer fällt immer wieder um, und die moralische Verbrämung dessen täuscht niemand. Umgekehrt ist jede nicht in erster Linie der Gana Rechnung tragende Politik schlecht. Es ist ganz unmöglich, gute Politik zu treiben, ohne zu lügen und zu betrügen. Mussolini ließ die Katze aus dem Sack, als er in seinem Bühnenwerk Cavour den großen Staatsmann in einer kritischen Situation die höheren Mächte um die Inspiration einer Lüge anflehend zeigte. Aus dem Gesagten aber folgt, daß der Politiker von Hause aus entweder dem Schieber- oder aber dem Verrätertypus angehören muß, sofern er sich bewähren soll. Sehr merkwürdig, daß gerade dieser Berufstypus solches Prestige genießt; auch ich habe in meiner Jugend zum Diplomaten aufgeschaut. Die einzige vom Standpunkt des Geistes ernstzunehmende Erklärung dafür sehe ich im unbewußten Realisieren dessen, daß der Politiker auch eine sehr hohe und schwierige Aufgabe hat: nämlich die, verantwortlich den Übergang und die Synthese zu schaffen von geistbestimmtem Bewußtsein und den blinden Strebungen der Gana-Welt. Wer dies verstehend fertig bringt, muß ungeheure geistig-seelische Opfer bringen, und die sind freilich ehrwürdig. Es setzt eine ungeheure Tragfähigkeit der Seele voraus, wenn einer so viel Böses auf sich zu nehmen vermag, wie dies in kritischen Zeiten jeder Staatsmann muß, um letztendlich nur ganz wenig relativ Gutes zu erreichen, welches dazu noch allemal bald verdirbt. Wie schnell verdarb das friederizianische, das bismarckische Preußen… 1920 schrieb ich: Politik soll überflüssig werden, das ist das neue Menschheitspostulat. Wahrscheinlich war es das von je. Aber in alten Zeiten war man nicht konsequent, und darum war der geistig-seelische Gesamtzustand der Menschen besser als der heutige. Die Politik erfaßte früher immer nur einen geringen Teil des Lebens. Montesquieus damals als revolutionär geltende Forderung, daß es möglichst viele außerstaatliche Bezirke geben möge, war in Wahrheit die Forderung einer Restauration des Zustandes vor dem Siege des königlichen Absolutismus. Gleiches galt mutatis mutandis von der Forderung des Konfuzius, alle staatliche Ordnung moralisch zu fundieren.

Es macht mir Spaß, die grundsätzlichen Fragen, um die es sich hier handelt, vom Verrätertum aus zu stellen, weil es so besonders viele Zwischenreichsvorurteile auf einmal zu durchstoßen und zu zerstören gelingt. Auch bei der deutschen Treue liegen die Dinge ganz anders, als kollektive Vorurteile annehmen. Die Wahrheit sprach Richard Wagner, indem er Brünhild von Siegfried behaupten ließ, treuer wie er sei keiner gewesen, und doch trog keiner wie er. Die Deutschen als Volk des Werdens sind ganz besonders wandlungsfähig und neuerungsfreudig und darum potentia auch besonders verräterisch. Wenn sie in letzterem den alten Griechen erheblich nachstehen, so liegt das an ihrer sonderlichen Neigung, sich von außen her durch Normen bestimmen zu lassen; so friedigten sie ihre angeborene Untreue von jeher durch auf Treue begründete Normen ein. Warum nun wirken sie auf alle Ausländer besonders falsch? Aus drei Gründen: Erstens weil sie niemals naiv, sondern durchaus reflektiert sind; nie kann man von ihnen behaupten, sie wüßten nicht, was sie tun. Zweitens ist ihrem Bewußtsein ihr Unbewußtes besonders unzugänglich, so daß man nach ihren bewußten Gedanken (nicht allein Äußerungen) nie beurteilen kann, woran man bei ihnen ist; drittens und vor allem aber haben sie ihren ganzen inneren Halt an herausgestellten Vorstellungen, welche niemals zwingend wirken. Im Gegensatz zu Luther kann der normale Deutsche immer auch anders, was aber nicht, wie man oft sagt, Charakterlosigkeit tout court bedeutet, sondern Bestimmtheit durch Freibleibendes und Unverbindliches, das sich mittels des Tricks der Soll-Vorstellung als ewig gültige Regel tarnt. Auf Gana-Bindungen, solange solche von sich aus währen, auf Glauben und Gefühle ist Verlaß, auf Einsicht-geborene Vorstellungen hingegen nicht; die bringt der geringste Zweifel an ihre Richtigkeit ins Wanken, und Überzeugung von ihrer Nichtigkeit tötet sie, so wie die eingesehene Wahrheit den eingesehenen Irrtum automatisch tötet. Insofern erscheinen die Deutschen gewissermaßen als Nomaden der Überzeugung. Sie sind beständig nur im Intimen und Heimlichen, gleichwie auch der Beduine sein Zelt immer mit sich trägt. Aus diesem Umstande vor allem erklärt sich das deutsche politische Schicksal. Deutsche wollen nie wirklich erobern, so wie es die Engländer im höchsten Grade tun; sie wollen eigentlich nie Besitz ergreifen, sondern nur einer geistgeborenen Vorstellung einen Körper schaffen. Darum bedeutet ihnen Preisgeben sehr wenig. Ihrer eigenen Grundanlage doch ahnungsmäßig bewußt, organisierten sich die Deutschen von je gemäß dem heute so genannten Führerprinzip; das heißt, sie schützten sich selber davor, durch irrationale Neigung irregeleitet zu werden; Obrigkeit, welcher sie gehorchten, erhielt sie von jeher in Verfassung, sofern sie überhaupt in Verfassung waren. Zerfiel nun aber irgendeine Ordnung, dann grassierte in Deutschland auch Verrat, wie nur je in Italien. Immer aber handelte es sich beim deutschen Verrat um Verrat aus vermeintlich besserer Einsicht. Daher das ausgesprochen Verräterische aller Abwendung deutscher Jünger von ihren Meistern. Es ist selbstverständlich, daß Schüler, wenn sie sich selbständig machen, andere Wege als ihre Lehrer gehen. Aber bei anderen Völkern beeinträchtigt das weder die Liebe noch die Verehrung noch vor allem die Dankbarkeit als Grundton späterer Beziehung. Wer sich unter deutschen Geistigen selbständig macht, fühlt sich aus den geschilderten Gründen zutiefst als Verräter und benimmt sich dann auch demgemäß; dies aber verführt leichter zu Bösem und Häßlichem, als schlechtes Gewissen. Man denke nur an Nietzsche in seinem Verhältnis zu Schopenhauer und Wagner. Gleichsinnig verraten Deutsche sich selbst, wenn sie einmal ihre Überzeugung ändern, woraus sich die unangenehme Alternative entweder Sturheit oder Charakterlosigkeit ergibt und daraufhin jene große Unsicherheit, die eigentlich jedem typischen Deutschen eignet, und die bei ihm besonders ausgesprochene Sucht, das eigene unliebsame Unbewußte auf andere zu projizieren. Alle diese Nachteile sind aber zugleich Mit-Bedingungen des Reichtums des deutschen Geists. Nur wer durch Gana und Glauben und Gefühle so wenig gebunden ist wie er und dabei so verstehenshungrig, kann soviel für die Erkenntnis tun, als eben die Deutschen getan haben. Diese Grundanlage hat Deutschland zu dem Laboratorium der Welt gemacht, als welches vornehmlich ich es im Spektrum geschildert habe.

Doch genug der Völkerpsychologie. Kehren wir zu dem Ausgangspunkt unserer letzten Betrachtungen zurück, nämlich daß Verwandlungsfähigkeit Verräter- und Schieberanlage voraussetzt und daß es hier zwei Grundtypen gibt: solche, die sich unwillkürlich äußerer, und solche, die sich ebenso unwillkürlich innerer Veränderung anpassen. Hier nun muß das näher betrachtet werden, worauf ich zunächst nur in einem kurzen Satz als auf ein persönliches Charakteristikum hinwies: daß viele Menschen nur dadurch von ihrem Unterbewußten wissen, daß ihnen dem Bewußtsein Fremdes einfällt. Sind solche Menschen Dichter oder Denker, dann stellen sie den Inhalt ihres Unbewußten auf sonderlicher Ebene heraus, und es macht sie nicht zu Verrätern, wenn sie sich in ihrem sonstigen Leben anders darstellen, als in ihrem Dichten. Anders steht es, wenn sich das Unbewußte unmittelbar durch Äußerung innerhalb des normalen Lebens manifestiert. Im Kleinen kommt es da zu sogenannten Fehlhandlungen oder umgekehrt zu unvorbereitet auftretenden Äußerungen eines höheren Selbst. Im Großen aber ereignen sich auf eben diesem Wege die zerstörerischsten Revolutionen oder sonst irrationalen Massenbewegungen, die sich aller Einsicht zum Trotz ihrem blinden Gefälle entsprechend durchsetzen, so wie die großen Krisen, die zu Volkwerdung, Bekehrung oder Mutation Höherem zu führen. So und nicht anders sind jene scheinbaren Ansteckungen durch bestimmte Ideen zu verstehen, deren ich die unheimlichsten seit dem Islam in mehreren Fällen persönlich erlebt habe. Allemal erfolgte das später als notwendig Erweisbare völlig unerwartet. Irgendwo fand gleichsam ein Dammbruch statt, und dann entstand eine neue, von Hause aus wenigstens skizzenhaft organisierte Welt, so wie jedes neue Lebewesen organisiert geboren wird. Das Amerikanertum des Jahres 1943 gab es in meiner Jugend noch nicht; damals waren die Amerikaner noch koloniale Engländer. Aber aus der gleichmäßigen Einstellung verschiedener Rassen auf gleiche veränderte äußere Umstände von wenigen einfachen positiven Ideen her mit jenem optimistischen Schwung, welcher offenbar zum Teil vom nordamerikanischen Klima abhängt, bildete sich seither ein neues ganz unenglisches Unbewußtes, das, sobald es überhaupt da war, auf sonderliche Art artikuliert in die Erscheinung trat und sich seinem sonderlichen Gesetz gemäß fortentwickelte. Dieses neue Amerikanertum war von vornherein anti-europäisch, so daß der Verrat an Europa während des zweiten Weltkriegs eigentlich nur verspätete Ehrlichkeit bedeutet. — Und nun zur Verwandlung des zaristischen zum bolschewistischen Russen! Man hätte glauben sollen, daß das entsetzliche System bolschewistischer Unterdrückung in den Russen immer stärkere Neigung zu Abwehr aufgestaut oder aber sie entnervt hätte. Nichts davon ist geschehen. Unbewußt nämlich war der Russe von jeher Sowjetmensch. Betrachtet man die russische Geschichte von der heutigen Erfahrung her, so erkennt man, daß das vor-bolschewistische Rußland ein Kompromißgebilde darstellte zwischen russischer Urnatur, byzantinischer und tatarischer Tradition und endlich seit Mitte des XVIII. Jahrhunderts dem gesamteuropäischen Zeitgeist. Aber dieses Kompromißgebilde lebte nur in einer dünnen Oberschicht, und auch dort mit einem ausgesprochen schlechten Gewissen; nichts war typischer für den russischen Adeligen, als daß er ins Volk ging und seine Privilegien ablegte, anstatt das Volk zu sich heraufzuziehen. Seit 1917 nun brach die russische Elementarnatur immer freier durch, denn man kann nicht sagen, daß die marxistische Theorie sie wesentlich behindert hätte; sie stellte vielmehr ein gutes Einfallstor für das Ur-Russische dar. Und der furchtbare Druck des Systems, zuletzt der mörderische Krieg befreiten die tiefsten Volkskräfte, anstatt sie zu unterdrücken, und schweißte sie zu neuer kraftvoller Einheit zusammen, gleichwie gewisse chemische Substanzen unter dem Druck von tausend Atmosphären zustande kommen. So ist also der Bolschewismus recht eigentlich ins russische Bewußtsein eingefallen, so wie dem Dichter Einfälle kommen können, die tiefer wurzeln, als er bewußt denken kann.

Endlich sei an dieser Stelle Nietzsches gedacht, der in meiner Studentenzeit noch gar keine Rolle spielte. Ihre eigentliche Revolution haben die Deutschen — wenn man von ihrer weit zurückliegenden Christianisierung absieht (Wilhelm Eibl hat meinet Ansicht nach endgültig erwiesen, daß die Bekehrung zum Christentum einer tiefen Notwendigkeit entsprach; ihre heidnischen Götter wurden allesamt endlich vorgestellt, die Götterdämmerung war für ihr Bewußtsein schon da, als die Germanen mit der Römerwelt in Berührung kamen, so mußten sie den Impuls aus dem Orient rezipieren, um sich weiter entwickeln zu können) — ihre eigentliche Revolution haben die Deutschen mit der Reformation erlebt. In bezug auf seine tiefste Natur war der Deutsche, solange das freie Denken in ihm nicht dominierte, in falscher Verfassung; erst die Reformation hat ihn ganz echt gemacht, und zwar sowohl den katholischen wie den protestantischen Deutschen, denn liest man zum Beispiel heutige führende Jesuiten und versetzt sich in die Mentalität vor Luther zurück, so möchte man sie für hundertprozentige Protestanten halten. Wie echt die Reformation war, ersieht man schon daraus, daß sie des Deutschen Tiefstes, seine Musikalität und sein Philosophentum, freigesetzt hat. Es ist genau das gleiche Phänomen wie jene von so wenigen Deutschen verstandene Tatsache, daß die bolschewistischen Russen sich als viel klüger, erfindungsreicher und sogar wissenschaftlich produktiver erweisen, als die zaristischen, obgleich es an Bildungsstätten in erschreckendem Maße fehlt. Seit Luther fand nun langsam eine neue Überschichtung der deutschen Echtheit statt: durch immer mehr sich häufende Geistesbildung. Diese drohte alle Spontaneität zu ersticken. Da erstand Nietzsche als Vorkämpfer der langverdrängten Erdkräfte, die zum Auf- und Ausbruch reifgeworden waren und nur eines Ausfallstores harrten. Die nationalsozialistische Revolution war absolut echt als Vollstreckerin dessen, was Nietzsche ideïert hatte in seinem krampfhaften Streben aus dem Bildungsphilistertum heraus. Ja, Nietzsche war unbewußt auch Vorkämpfer der von ihm so sehr gehaßten Amerikanisierung. Amerika ist nämlich durch und durch voluntaristisch. Indem nun Nietzsche den Willen über den Verstand setzte und den Willen zum Risiko über die Gewissenhaftigkeit, öffnete er das deutsche Bewußtsein dem Geist des amerikanischen Zeitalters und bereitete damit die Impfung vor, dank der Deutschland zeitweilig zu einem Meta-Amerika wurde — hier beziehe ich mich auf eine alte Witzformel von mir: die Engländer haben die Physik begründet, die Deutschen die Metaphysik; die Engländer Amerika, die Deutschen Meta-Amerika.

Von hier aus erkennt man denn die wahre geschichtliche Rolle der sensitiven Geister. Ich brauche hier das Wort sensitiv an Stelle des üblichen schöpferisch, weil es sich hier in erster Linie um das Erleben eines Vorhandenen handelt und nicht die Herausstellung eines Niedagewesenen. Schon lange ist bemerkt worden, daß Künstler dem Zeitgeiste vorauseilen; ihre Schöpfungen erscheinen zuerst unverständlich, dann aber werden sie zu Vorbildern und Organen eines neuen Lebensgefühls. Künstler leben eben vor allem aus dem Unbewußten heraus, welches niemals bloß individuell ist; so können sie gar nicht umhin, Zukunft vorzuleben. Werden prophetische Geister zuerst typischerweise bekämpft, so handelt es sich um ein ähnliches Phänomen, wie bei dem Kampf der Frau mit einer ihr noch nicht klar bewußt gewordenen Liebe, vor deren Macht sie sich um ihrer Identität willen fürchtet. Hat die Liebe sie aber überwältigt, dann fühlt sie sich beseligt durch die eigene Niederlage und wirft sich dem Sieger in die Arme. Daher die Begeisterung für alle Geister, welche anfangs bekämpft wurden, und das allgemeine Mißtrauen denen gegenüber, welche gleich Erfolg hatten. Immer wieder komme ich auf die Liebe in ihrer verratgeborenen Treue und ihrem treuegeborenen Verrätertum als auf das Urbild alles wesentlichen Wandels überhaupt zurück. Die Kollektivpsyche ist rein weiblicher Artung. Sind Änderungen fällig, so weiß sie meist lange nichts davon, wo sie in ihr schon im Gange sind. Kaum ist aber der Richtige da, dann läßt sie sich von ihm verführen. Die Verführung fälscht aber nicht ihre Identität, sie setzt Neues, Echtes frei, und ein neues Leben beginnt.

1Eins der Kapitel, die im nächsten Band folgen werden [Anmerkung des Keyserling-Archivs]
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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