Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

II. Zeitgenossen - Liebe

Die Spannung zwischen Mann und Weib bezeichnet auf allen Ebenen das Prototyp fruchtbarer Polarisation, welcher Begriff die eine Form umschreibt, in welcher Menschen wirklich für einander bedeutsam werden können. Was genau ich darunter verstehe, habe ich im Weltfrömmigkeits-Kapitel des Buches vom persönlichen Leben und noch prägnanter vielleicht im Essai Du mystère de la Polarisation von Sur l’art de la Vie so deutlich gesagt, daß ich den Sinn polarer Spannung bei meinen Lesern als bekannt voraussetzen darf. Die zwischen Mann und Weib besteht gleich fruchtbar von der Jugend bis zum höchsten Alter, denn die sexuelle Spannung ist das spezialisierteste und wenigst bedeutsame an ihr. Doch der Akzent ist, seitdem es Menschen gibt, mit der meines Wissens einzigen Ausnahme der Troubadour-Zeit falsch gelegt worden. Selbstverständlich strebt Leidenschaft ihrer natürlichen Befriedigung zu, und freilich liegt es im natürlichen Gefälle jeder erotisch noch so leise getönten Freundschaft, mehr und anderes zu werden. Nichtsdestoweniger hat alle wesentliche Beziehung zwischen Mann und Weib ihr Zentrum im Seelischen. Wäre es anders, kein Mann suchte sein Glück in der Ehe, noch wäre es instinktive Forderung jeder normalen Frau, daß sie seelisch geliebt werde, wenn sie sich körperlich hingeben soll. Angesichts der komplizierten Vielfältigkeit der Menschennatur und der verhältnismäßigen Selbständigkeit von deren Schichten sind freilich die verschiedensten Kombinationen möglich, die als normal gelten müssen. So ist es normal, wenn der Jüngling den Gegenstand seiner ersten Liebe gar nicht begehrt, weil die Sinne bei ihm längst ein meist unschönes Eigenleben führten und er das plötzliche Aufblühen der Seele als ein von diesem Unabhängiges empfindet. Daß die Sinne beim Manne zeitlebens ein Sonderleben führen, liegt in der Natur seiner Physiologie, die dadurch noch bestärkt wird, daß die meisten Männer einen Hang zum unterweltlich-Häßlichen haben, welchen sie dort, wo ihre Seelen anklingen, nicht befriedigen können, noch auch meistens wollen. In diesem Sinne hat Gustave Flaubert für viele wahrgesprochen, da er schrieb: On peut adorer une femme et aller chaque soir chez des filles. Bei Frauen sind Körper und Seele desto mehr eins, um je südlichere Menschenarten es sich handelt; bei den besten Typen der Spanierin, Italienerin und Griechin entzündet nur glühende Leidenschaft die Sinne überhaupt; daher die typische Kälte dieser Art Frau, welche den Nordländer, der an den Mythos der feurigen Südländerin glaubt, so oft überrascht hat. Aus irgendeinem mir bisher nicht verständlichen Grunde dissoziiert sich die weibliche Natur desto mehr, je nördlicheren Rassen sie angehört. So ist es denn leicht zu verstehen, daß in der Nachweltkriegszeit, da alle Traditionen ihr Zwingendes verloren, von nördlichen Völkern in Form einer neuen Mode unter Mädchen eine Psychologie zur Herrschaft gelangte, welche derjenigen junger Männer glich. Doch die Urpsyche der Frau äußert sich bei dieser Generation dahin, daß sie, die von früh auf ein selbständiges Sinnenleben geführt haben, selten seelischer Liebe fähig waren.

Doch wie dem auch im besonderen jeweils sei: alle wesentliche Beziehung zwischen Mann und Weib hat ihren bestimmenden Mittelpunkt im Seelischen. Ich nun hatte mich in meinen jüngsten Jahren nie verliebt, nie jedenfalls mir das Keimen einer Liebe eingestanden, denn mein sehr puritanisches Unbewußtes lehnte die bloße Möglichkeit des Verfallens an Sinnenhaftes als Schwäche ab. Ferner war das Bewußtsein der Generation baltischer Männer, die mir mehr oder weniger Zeitgenossen waren, noch ganz von der Spannung Sanktuarium — Laster und damit Venus-vulgivaga — Gebild aus Himmelshöhen bestimmt, was einerseits eine phantastische Idealisierung der sogenannten anständigen Frau bedingte und andererseits eine ebenso phantastische Entwertung jeder, welche dem Ideal zuwider lebte, was freies Liebesleben in Form der Schönheit ausschloß. So unsinnig strenge Begriffe herrschten hierüber noch in meiner Studentenzeit, daß ein älterer Gönner sich verpflichtet fühlte, einen Kommilitonen von mir auf Pistolen zu fordern, nur weil ihm hinterbracht wurde, daß er ein ihm unbekanntes und dabei bekannt zugängliches Mädchen sweiner Kreise geküßt hatte, worauf er dann erschossen wurde. Der gemeinte Erschießende war der gefährlichste Duellant unter meinen Dörptschen Zeitgenossen, der beinahe einem bretteur der Puschkinzeit vergleichbare spätere deutsche Rechtsgelehrte und Reichstagsabgeordnete Freiherr Axel von Freytagh-Loringhoven, der übrigens bis zum ersten Weltkrieg zu den russisch gesinnten Balten gehörte und dort jahrelang von den deutsch gesinnten scheel angesehen wurde. Gleichsinnig verlor eine geschiedene Frau ipso facto ihre Kaste. Meiner Natur war diese Spaltung von Hause aus zuwider. Da ich aber unter keinen Umständen früh heiraten wollte, so tötete ich, solange ich in dieser Umwelt lebte, jede keimende Neigung. In Paris begegnete ich endlich einer allgemeinen Lebensauffassung, die meinen Instinkten entsprach. Damit verging die Angst, ich gestand mir meine Neigungen unbefangen ein, Seele und Sinne begannen sich zur normalen Synthese zusammenzuschließen. Aber ich konnte aus dem fortwirkenden Geiste meiner Vergangenheit heraus keine Initiative ergreifen. Da ward ich durch eine erste Liebe überwältigt. Ich ward desto vollständiger überwältigt, weil mir nicht allein jede vorbereitende Erfahrung, sondern auch jede bewußte Bereitschaft zu ihr fehlte. Die Weckerin dieser Liebe war eine ungewöhnlich schöne Irin, blauäugig, schwarzhaarig, klug, mystisch, ekstatisch, visionär, eine vielversprechende Dichterin. Auf Bayreuther Grundlage lernten wir einander kennen. Völlig ahnungslos besuchte ich sie in ihrem Hotel. Und da flossen urplötzlich die Seelen ineinander über. Die Wirkung auf meine Entwicklung war phantastisch. In wenigen Tagen beherrschte ich das mir bis dahin kaum geläufige Englisch so gut, daß die ersten Liebesbriefe meines Lebens englische waren. Alle meine Gefühle differenzierten sich und entfalteten sich blumengleich. Mein ganzes Wesen schlug aus, wie Bäume im Frühjahr; ich wurde auf einmal meiner geistigen Zukunft völlig gewiß, denn ihre mystische Religiosität evozierte in mir eben die Tiefen, welche später in mir bestimmend wurden. Darauf reiste ich ihr nach Schottland nach und durchlebte an einem Fjord (Loch, wie es dort hieß), woselbst Hellseher das Kelpi, jenes sagenhafte Wasserpferd, das vielleicht das Urbild des Loch Ness-Ungeheuers darstellt, allnächtlich zu sehen behaupteten, die stimmungsvollsten Monde meines Lebens. Wie von jeher war ich damals ohne jede bewußte Beziehung zur normalen menschlichen Umwelt. Die Frau war verheiratet, von beobachtenden Freunden umringt: ich kümmerte mich nicht darum. Wie ich nun abreiste, da ereignete sich das Unvermeidliche: die Vertreter konventioneller Moral gewannen die Oberhand, verleumdeten mich durch Zwischenträgerei, und die Geliebte wurde mir, ohne daß ich es merkte, feind. Damals lebte ich in London, las im British Museum unwahrscheinlich viele Bücher und schrieb ihr von dort aus Brief auf Brief. Ich erhielt lange keinerlei Antwort, doch das bekümmerte mich wenig; mir genügte es, meine Liebe auszuströmen. Da schrieb mir die Pflegerin der Frau — diese war inzwischen, ohne daß ich davon gewußt hätte, schwer erkrankt — aus Frankreich, ich hätte ihre Herrin durch Härte und Lieblosigkeit beinahe getötet, sie hätte mit mir schon gebrochen gehabt und das verdiente ich auch.

Meine vielen Briefe hätten sie aber nun doch erweicht und wahrscheinlich sei viel gutzumachen, wenn ich sofort nach Frankreich käme. Unter diesem Eindruck schmolz ich buchstäblich zusammen, so wie das spröde Blei beim Glücksgießen zusammenschmilzt, der ganze Panzer meiner bisherigen Ichheit zerging unter Tränen und furchtbaren Selbstvorwürfen. Damals erlebte ich aus konkretem Anlaß auf empirisch Bestimmtes hin das, was ich zeitlebens als den einen Weg zur Ich-Übersteigerung erahnt habe, und noch heute schaue ich diesen Weg unwillkürlich jedesmal, wo ich meine Aufmerksamkeit auf ihn konzentriere, im Sinnbilde jenes einmaligen Jugenderlebnisses und benutze es als Meditations-Symbol. Als Ergebnis dieser Krise aber fühlte ich mich innerlich frei wie nie vorher. Selbstverständlich reiste ich sofort nach Frankreich ab. Im Sturm eroberte ich die verloren Geglaubte wieder. Darauf folgte der schönste Lebens-Traum, den ich geträumt habe. Sie lebte in den Wäldern von Meudon. Jeden Morgen fuhr ich monatelang von Paris auf einem der kleinen Seine-Dampfer durch jene herrliche Winterlandschaft, welche Monet und Signac so einzig festgehalten haben, zu ihr hinunter. Dann feierten wir zusammen mystische Weihnachten in Chartres. In der dortigen Kathedrale hatte ich die ersten Anklänge eines religiösen Erlebnisses; alles, was ich später im Leben an Stimmung habe herausstellen können, keimte dort. Darauf fuhr sie nach Potsdam zu einer sehr hochgestellten Freundin, mir noch am Bahnhof ewige Verbundenheit schwörend vor Gott und allen Engeln. Am zweiten Abend ihres Dortseins lud Kaiser Wilhelm sie zum Essen ein — und siehe! Sie vergaffte sich in ihn. Am selbigen Tag war alles zwischen uns aus; sie war mir auf immer entfremdet. Noch einmal sah ich sie, doch dieses Wiedersehen war fürchterlich. Ach ja, das war damals… Einige Wochen wußte ich weder aus noch ein. Für solch plötzliche und von meinem Standpunkt aus sinnlose Katastrophe fehlte mir jede Bereitschaft; ich hatte mich ja jener Frau als einem höheren Wesen vollkommen überantwortet. Damals rettete mich Chamberlain: jetzt sei der Augenblick, mein erstes Buch zu beginnen. Am Tage des Empfanges seines Briefes begann das Gefüge der Welt zu entstehen. Dank diesem Schock wurde ich überhaupt produktiv. Bildete sich als Folge der großen Enttäuschung ein neuer Ich-Panzer um meine Seele, so blieben doch die Scheidewände, die mich von meinem schöpferischen Grunde abgesperrt hatten, für alle Zeit durchbrochen. Mein eigentliches Leben begann gleich unerwartet aus unsäglichem Leiden heraus, wie die meisten entscheidenden Wandlungen unerwartet zustande kommen.

Diese Frau — die ich gottlob nie wiedergesehen habe — gottlob, denn nichts ist schauerlicher als das Wiederbegegnen mit einem Menschen außerhalb des Zusammenhangs, der ihn bedeutsam machte — war die erste Zeitgenossin, die mir etwas bedeutet hat. Seither nun ist beinahe jede wichtige Lebensphase mit einer Frau verknüpft gewesen. Schon an der Schöpfung des Gefüges der Welt hatte eine Muse teil — eine Schönheit ganz anderer Art als meine erste Liebe, von slawisch weichen Zügen und entsprechendem Charakter. Mir war das Herz damals ausgebrannt, das ihre war nicht frei und unglücklich gebunden. Doch gerade darum fanden wir damals zueinander, denn liegen die Grundtöne fest, so hindert dies im Falle innerlich freier Menschen nie, daß aus Mittel- und Obertönen der Seele die verschiedensten Melodien entstehen, und müssen sich solche gerade bei Fortbestand der Grundtöne entfalten, wenn die Seelen sich durch Verkrampfung nicht verdürftigen sollen; und jene Frau war mir nahe verwandt, weil sie ebenso vorurteilslos und gegen sich selbst wahrhaftig war wie ich. Damals aber brauchte ich das Anklingen gerade schöner Seelenmelodien aus Mittel- und Obertönen, um trotz tief gefühlten Schmerzes unbefangen schaffen zu können. Ich besuchte sie heimlich — kein Mensch wußte von dieser Bekanntschaft — beinahe jeden zweiten Abend; köstlich war es, aus der Arbeitsatmosphäre meines ärmlichen Zimmers des Hotel garni, das ich bewohnte, ohne Übergang für einige Stunden in die verfeinerte Atmosphäre einer Grande dame zu gelangen, die darum in einem seltenen Grade Grande dame war, weil ihre im höchsten Sinn französische Kultur die vollendete Formung russischer weitherziger Seelenart war. Im Gedanken an jene Frau schrieb ich im Kapitel Udaipur des Reisetagebuches die Betrachtungen über die nahe Verwandtschaft von Grande dame und Kurtisane. Alle großen Kurtisanen waren sicher so wie sie, zumal Aspasia muß so gewesen sein, und nichts ist verständlicher, als daß geistvolle Männer die Anregung, derer ihre Seelen im Kontakt mit Weiblichkeit bedurften, so lange in Kurtisanenkreisen suchten, bis ein freierer Zeitgeist das volle Ausschlagen auch der verheirateten, der offiziellen Gesellschaft eingeordneten Frauen ermöglichte. Mir jedenfalls schuf jene Frau damals genau die Atmosphäre, deren ich bedurfte, um einerseits von meiner Arbeit auszuspannen, andererseits neuen Auftrieb für sie zu sammeln, denn ohne selbst viel zu sagen, regte sie mich zum Reden an, und ihre Vorurteilslosigkeit förderte das Entstehen neuer Gedanken. Einmal sagte sie mir lachend: eigentlich entspricht die Kurtisane dem Philosophen unter Männern: beide sind im gleichen Sinne weitherzig, allverstehend und vorurteilslos. Daran ist tatsächlich viel Wahres, nur muß es sich bei den fraglichen Kurtisanen um Priesterinnen der Schönheit handeln und nicht um Objekte für den Drang des Mannes zu unterweltlicher Häßlichkeit. Letzterer Drang hat mir zeitlebens ganz gefehlt; zeitlebens habe ich einen frauenhaften Abscheu vor dem Laster, welches wirklich Laster ist, empfunden. Besuchte ich Orte des Lasters, so evozierte das in mir meine Reinheit. Dies nun wiederum hat wieder und wieder Dienerinnen des Lasters ihre Reinheit bewußt gemacht, und so ist es gekommen, daß ich besonders in späteren Jahren, wenn ich eine solche Stätte aufsuchte, deren Insassinnen auf eine Anderen unerklärliche Weise angezogen habe. Mehr als irgendwelche andere Menschen nahm ich nämlich zeitlebens Händlerinnen der Liebe menschlich, und interessierte ich mich für ihre menschlichen Schicksale. Und selbstverständlich liegt das Interesse solcher Frauen, sofern sie keine Degenerierten sind, ausschließlich außerhalb der erotischen Sphäre; man denke an das ergreifende Drama La fille Elisa, die einen Soldaten, der sich in sie verliebt und der seinerseits ihre erste seelische Liebe weckt, tötet, weil er sie besitzen will. In meinem Leben hat nun diese Konstellation viele ergreifende und zugleich pittoreske Situationen herbeigeführt, von denen zwei verdienen, aufgezeichnet zu werden. Wie ich in Buenos Aires einmal heimkehrte, fand ich in meinem Hotelzimmer eine mir bekannte, einigermaßen verbraucht aussehende, aber vormals offenbar schön gewesene Frau sitzen.

Ja? — Ich war einmal die grande cocotte der Riviera. Nun möchte ich heiraten. Ein Sohn der ersten Familien dieser Stadt ist beinahe bereit dazu, doch noch nicht ganz. Dazu müssen Sie mir verhelfen, Sie sind ja Philosoph.

Natürlich begleitete ich sie und ließ mir alles erzählen. Doch ihren Amanten beeinflußte ich nachher freilich nicht in ihrem Sinn. — In der gleichen Zeit, wie ich in Buenos Aires Vorträge hielt, gastierte daselbst Josephine Baker und witzige Zeitungen behaupteten des öfteren, die zwei Attraktionen dieser Saison seien sie und ich. Wie ich nun in Montevideo Vorträge hielt und eines Nachmittags in mein Hotel heimkehrte, hielt mich eine Frau auf der Stiege mit offenen Armen auf:

Guten Tag, Bruder, wir müssen einander kennenlernen. Bruder? Ja, wir gehören doch zusammen. In allen Zeitungen werden wir zusammen genannt.

Ich redete eine Weile mit ihr und darauf fiel der Vorhang. So endete der erste Akt. Der zweite Akt spielte sich im Speisezimmer ab. Ich fand Josephine eines Abends allein speisend und fragte sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Zu meiner Bestürzung brach sie in haltloses Weinen aus. Wie sie endlich Worte fand, erklärte sie:

Sie können sich wohl nicht vorstellen, was es einer nordamerikanischen Negerin bedeutet, daß Sie, der große Denker, sich zu mir setzen, als sei ich Ihresgleichen. Intim habe ich nur allzu viele Männer gekannt, doch einen Mann wie Sie, der mich als gleichberechtigt behandelt und gar nichts von mir will, noch niemals. Fortan sind Sie mein Gott.

Daß sie es ernst meinte, beweist der dritte und letzte Akt dieses Schauspiels. Wie ich mit dem Nachtdampfer von Montevideo nach Buenos Aires zurückfuhr und mich gerade schlafen legen wollte, klopfte es an meine Kabinentür. Wie ich öffnete, trat Josephine Baker mit ernster Miene in offenbar feierlicher Stimmung ein, ein hochgehaltenes Paket in den Händen. Wie sie es auspackte, erwies es sich als eine massiv goldene Stehuhr. Mir kamen Tränen der Rührung. Ich verstand, daß sie vielleicht den ganzen Verdienst ihres Uruguayer Gastspiels verwandt hatte, ihrem Gott im Geiste ihrer schwarzen Vorfahren eine Weihegabe darzubringen.

Übrigens war Josephine durchaus nicht schwarz, sondern von Natur so weiß, wie die reinste nordische Arierin. Sie tönte sich künstlich dunkel, da das Vorurteil ihres Heimatlandes auch Quarteronen nur als Schwarze gelten läßt. Und wahrscheinlich ist es richtig, was mir Friseure in Frankreich gesagt haben, daß die ganze Mode der Hautbräunung und damit der Rückgängigmachung der Weißheit des Europäers auf das Beispiel Josephine Bakers zurückgeht. Man kann sich schwer vorstellen, welch ungeheures Prestige sie zeitweilig gerade unter Frauen genoß.

Als Muse der Unsterblichkeit, eines Buches, dessen Keim im Jahre 1906 die Vision des winterlichen Mittelmeeres am römischen Strande war, inspirierte mich die nächste Annäherung an eine Wasserjungfrau, die ich mir vorstellen kann: Russalka, eben Wassernixe hieß ich diese Russin. Äußerlich von herber Schönheit, war sie fluktuierend wie das Wasserelement, verfließend, unfaßbar. Sie war okkult veranlagt, gewissermaßen unirdisch, und insofern rief ihr Leben und Erleben weniger das Bild des Wassers hervor, als das des Ätherischen einander irrational ablösender Bilder in einem schillernden Traum. Im Zusammenhang mit ihr löste ich mich selber auf, und aus dieser Aufgelöstheit heraus wurde ich zum erstenmal einer allumfassenden Vision des Lebens, dieses ewig Flutenden, nie Festzuhaltenden, in seiner Ganzheit fähig.

1908, wie ich, ganz auf klassische Schönheit eingestellt, aus Griechenland heimkehrte, begegnete mir in Rom ein Mädchen von atemberaubender Schönheit. Erst fünfundzwanzig, war sie doch schon weltberühmt, nicht nur wegen dieser, sondern auch um ihres Geistes willen. Die meisten bedeutenden Menschen, die ihr begegneten, verfielen ihr zeitweilig. Die Schöne, um derentwillen ich diese Erinnerung evoziere, war das Bildungsprodukt desselben Pariser Milieus, welches auch die schönen Rumäninnen und Dichterinnen Marthe Bibesco und Anna de Noailles geformt hatte, welche beide damals gleichfalls meinen Weg kreuzten, doch von Geburt Amerikanerin und als solche von früh an Selbstherrscherin ihres Lebens. Ich lernte sie zunächst näher kennen auf einem Fest, das die letzte Renaissancegestalt unter Italienern, die mir begegnet ist, Don Giovanni Borghese, ausdrücklich zur Huldigung vor der Schönheit und vor dem Geiste gab, und das zum edelsten Symposion gehört, an dem ich teilgenommen. Selber ein schöner und selten geistvoller Mann, war Don Giovanni auch ein großer Zecher, und so wußte er die Atmosphäre zu schaffen, die allein Kultur des Gastmahls für geistige Menschen möglich macht. An jenem ersten Abend zündete und sprang der Funke. Tagtäglich fuhr sie mich darauf in ihrem kleinen, von den Rossen des Parthenonfrieses nachstilisierten Zeltern gezogenen offenen Wagen in einen der herrlichen Gärten, zu denen sie freien Zutritt hatte, hinaus. Und der Anblick dieser Rosselenkerin war so phantastisch schön, daß Hunderte unterwegs den Kopf ihr zuwandten wie Blätter, die sich nach dem Winde drehen. Wochenlang verbrachten wir ganze Tage in diesen Gärten. Das war eine Zeit antikischen Erlebens, und der wunderbare Zusammenklang von Schönheit und Geist machte mir, der ich damals noch aller Absicht nach kritischer Philosoph war, zum erstenmal jenes Ideal allseitiger Vollendung bewußt, das ich im Reisetagebuch zuerst herausgestellt habe und das seither mein ganzes Streben bestimmt hat. Beim Abschied verlobten wir uns halb und halb. Dann aber ist, von meinem Unbewußten weise dirigiert, alles geschehen, was den bewußten Plan durchkreuzen konnte. Ich kam nicht wieder, stellte ihr dagegen Ultimaten, ein endgültiges von Rayküll aus, wo ich mich im Herbst dieses Jahres, meine Güter übernehmend, für dauernd niederließ. Selbstverständlich akzeptierte die verwöhnte Schöne dieses nicht — lud mich aber in einem Postskriptum allerdings ins Schloß ihrer Mutter ein. Dann brach ich ab und es begann die Zeit der vollkommenen Einsamkeit. Französische Dichter schufen aus dieser Tatsache später einen Mythos der Weltflucht aus unglücklicher Liebe um mich herum. In Wahrheit lagen die Verhältnisse ganz anders. Was mir zu erleben frommte, hatte ich erlebt. Nichts Häßliches war zwischen uns gekommen. Zwanzig Jahre später begegnete ich meiner soit disant Braut, welche seither einen englischen Herzog geheiratet hatte, wieder, und sie fragte mich lachend in großer Gesellschaft, ob ich mich meines Abschiedstelegramms entsönne: sie hätte sich jahrelang darüber geärgert. Ich verneinte und darauf wiederholte sie zum Gaudium vieler junger Frauen den Wortlaut: The picture is framed. All right. Good bye.

Von 1906 bis 1916 war meine einzige Korrespondentin, welcher ich regelmäßig mindestens einmal die Woche schrieb, die Marquise de Laguiche, die ich als Frau des französischen Militärattaches zuerst in Wien, dann in Berlin und zuletzt in Petersburg traf. Sie war weder schön noch übernormal begabt. Noch so leise anklingende erotische Bande zwischen ihr und einem ihrer vielen Freunde haben nie bestanden, denn diese Seite ihrer Natur lebte sich in einer überaus glücklichen Ehe vollkommen aus. Aber sie war Freundin vieler, und vor allem meine Freundin im höchsten Sinn des edelsten antiken Freundschaftsethos, das man noch heute unter Franzosen, und meiner Erfahrung nach nur noch unter ihnen, häufig findet. In diesem Sinne persönlicher Desinteressiertheit war ihr Gefühlsleben wunderbar tief und differenziert. Was nun mich — wie sehr viele andere — ursprünglich zu ihr hinzog, war der Umstand, daß sie ein schweres, dauernde furchtbare Schmerzen bedingendes Leiden, das ihr, seitdem ich sie kannte, nur wenige Stunden am Tage aufzustehen und Menschen zu sehen, kaum je jedoch zu schlafen und gar nicht zu gehen erlaubte, nicht allein stoisch-standhaft trug, ohne je andere damit zu belästigen, wie sie es nannte, jedes Mitleid als unbegründet von sich weisend, sondern aus ihrem Leiden eine wunderbare Selbstlosigkeit schöpfte. Sie lebte ganz in anderen, die weniger litten als sie und war rührend dankbar dafür, daß man sich um sie kümmerte. Solche leidende seelengroße Frauen ziehen Männer immer mächtig an; sie ziehen überdies das Edelste aus ihnen heraus. Hierauf beruht schon die unsterbliche Wirkung des Bildes der Kameliendame. Wo immer die Marquise de Laguiche weilte, hatte sie den interessantesten Salon, obgleich (oder vielleicht weil!) sie eigentlich nur dankbar zuhörte, wenig selber sagte. Während des Weltkrieges in Petersburg gaben sich Paléologue und Buchanan jeden Nachmittag um drei Uhr bei ihr Rendezvous, obgleich sie sich für Politik kaum interessierte und sich nur um ihre vielen kämpfenden Söhne sorgte, von denen dank einem Wunder trotz ihrer draufgängerischen Tapferkeit nicht einer im Weltkrieg gefallen ist. Wie ich nun nach dem Kriege, nachdem meine verehrte Freundin schon unter unsäglichen Schmerzen gestorben war, in meine Korrespondenz mit ihr, die ihre Kinder mir zugänglich machten, Einblick gewann, da staunte ich darob, was diese Frau in mir evoziert hatte. Zehn Jahre lang hatte ich mein ganzes literarisches Talent in den Dienst dessen gestellt, durch zartfühlende Freundschaftsäußerung und beschönigende Deutung die furchtbaren Ereignisse jener Zeit einer armen geplagten Frau erträglich zu machen. Die Marquise de Laguiche hat Saiten in mir zum Klingen gebracht, die nie früher angeklungen waren, die nun aber fortschwingen im Unisono meiner späteren Lebensmelodie.

Nun aber zum Abschluß ein gleichfalls produktives Erlebnis, das aber in einer harmlosen Groteske endete. Wie ich auf meiner Weltreise nach Honolulu kam, da fühlte ich, daß der Zusammenhang meines geplanten Werks ein Kapitel der Verliebtheits-Schilderung eben an dieser Stelle forderte, die ja tatsächlich eben dort (vgl. An der Bai von Waikiki) zu finden ist. Doch meine ganze Reise über war ich so detachiert, so menschenfern eingestellt gewesen, daß guter Rat teuer war: wie sollte ich die erforderliche Stimmung hervorzaubern? Glücklicherweise wohnte im gleichen Hotel mit mir eine schöne Amerikanerin, der ich schon vorher in den Himalayas begegnet war, ohne mich jedoch besonders für sie zu interessieren. Nun stellte ich mich ganz auf sie ein, und dank der Möglichkeit jener Anmutung, welche die katholische Kirche so weise anzuwenden weiß, erwachte wirklich das, in mir, was die Leser des Reisetagebuches kennen. Doch der Dame war es ernster als mir; she meant business. Auf der Weiterfahrt nach Amerika brachte sie es schnell dahin, daß ich ihr, ohne zu wissen, was ich tat, einen Heiratsantrag machte, was sie mit den Worten quittierte: now I understand you better. Nun war guter Rat erst recht teuer. Mir wurde äußerst unbehaglich zu Mute, obschon die angemutete Verliebtheit noch mehrere Wochen nachklang. Durch Amerika floh ich recht eigentlich vor ihr, nicht ohne ihr, jedesmal wo ich dort abreiste, wohin sie nach mir kommen mußte, wie ich leider zugeben muß, anregende Briefe zu hinterlassen, die ich zutiefst nicht meinte, die ich aber irgendwie abreagieren mußte. Doch in Gedanken resignierte ich mich dahin, nun dennoch endgültig eingefangen zu sein, und ich tröstete mich mit dem Beispiel meines Großvaters. Da, kurz bevor ich in New York Amerika europawärts verließ, erreichte mich ein langer Brief von ihr, welcher heftigste Vorwürfe wegen meines — geistigen Strebens enthielt. Ich dürfe mich selber nicht so ernst nehmen, das sei egoistisch und darum schlecht. Wenn Gott wolle, daß ich etwas Besonderes würde — sie bezweifele durchaus nicht diese Möglichkeit — dann würde ich es unvermeidlicherweise werden; daran zu denken brauchte ich nicht und dürfte ich nicht. Und dann fuhr sie fort — ich sehe den Brief noch im Wortlaut vor mir —

Ich habe einen wirklich großen Mann gekannt, das war mein Stiefvater. Er war bei weitem der erste auf seinem Gebiet in unserer Stadt und dabei so einfach; er kannte keinerlei Aspirationen wie Sie sie haben. Er war ein Zahnarzt…

Wie ich das las, da fühlte ich mich auf einmal frei und sah auch einen Weg ins Freie. Und wie sie mir dann im gleichen Briefe erklärte, sie sei — was sie mir früher versehentlich mitzuteilen vergessen hätte — noch gar nicht geschieden und in Anbetracht meiner Charakterfehler wisse sie nicht, ob sie sich dazu entschließen würde, da schrieb ich ihr am gleichen Tage freudig und überaus freundlich ab. Sie hatte ja keinerlei Macht über mich. Doch um nichts in der Welt möchte ich diese Erinnerung missen. Überdies aber war sie außerordentlich produktiv für meine Erkenntnis der Seele der Frau überhaupt und besonders der Amerikanerin und darüber hinaus für meine Unterscheidung zwischen empirischem Ich und metaphysischem Wesen. Mir wurde damals endgültig klar, wie entwicklungshemmend es ist, seine persönlichen Gefühle und Ansichten — Ansichten beruhen immer auf Vorurteilen, nur Einsichten sollten und dürften zählen — ernst zu nehmen. Dies nun tut kein Menschentypus so sehr, wie die angelsächsische Frau, zumal die Amerikanerin. Weniger als irgendeine andere Menschenart erkennt sie Niveauunterschiede und damit eine Rangordnung der Werte an. Ihr letztes Argument ist: Meine Ansicht ist genau so gut wie Ihre. Und sie fühlt sich innerlich berechtigt, eine wesentlich tiefe Beziehung, wie solche die Ehe ist, zu zerstören, wenn der Mann nur einen schwierigen Charakter oder ihr nicht gefällige Gewohnheiten hat. Daher vor allem die phantastische Unbelastetheit, mit welcher Amerikanerinnen einen Mann um eines anderen willen verlassen. Daher das außer in sehr seltenen Ausnahmefällen niedrige Niveau vielgelesener amerikanischer Bücher und der Geister, die in Amerika höchste Anerkennung genießen (zum Beispiel Emil Ludwig!) — denn den Geschmack und damit den Absatz bestimmt jenseits des großen Wassers die Frau, und nach amerikanischer Anschauung hat das kaufende Publikum immer recht; ein Wert, der nicht gute Einnahmen sichert, kann kein Wert sein. Daher die typischamerikanische Religion der Christian Science mit ihren New Thought genannten milderen Abarten. Ein möglicher Weg inneren Fortschritts bei Anerkennung der Existenzberechtigung der Schwierigkeiten, die ihnen entgegentreten, auf deren eigenen Ebene anzuerkennen, widerstrebt allen Instinkten der Amerikanerin. So bleibt ihr, falls sie nicht Pharisäerin und mit sich selbst hoffnungslos zufrieden ist, nur der eine Ausweg offen, das Übel und die Unvollkommenheit glatt zu leugnen. Das Bemerkenswerte und schwer Erklärliche ist nun, daß die spezifische Yoga, die diese Religionen, die alles eher als Christentum sind, fordern, Menschen des betrachteten Typus tatsächlich oft voranbringt.

Die Frauen, deren Erinnerung ich hier evoziert habe, waren alles echte Zeitgenossinnen, obschon manche unter ihnen den Jahren nach älter waren als ich. Doch das bedeutet nichts, denn entgegen dem üblichen Vorurteil reifen Frauen als geistige Wesen später als Männer und jede wesentliche Beziehung in meinem Leben war wesentlich geistbestimmt. In keinen Körper als solchen habe ich mich je verliebt, noch bin ich von irgendeiner noch so schönen Seele angezogen worden, die nicht für Geist und dessen ausschlaggebenden Wert zum mindesten empfänglich war. Weibliche Zeitgenossen nun haben mir auch, als ich reif wurde und zu altern begann, das gleiche bedeutet wie in jungen Jahren. Da meine ursprüngliche Intuition, aus der heraus ich vorzüglich lebe, auf das Wesen geht, welches vom Alterwerden gar nicht tangiert wird, so wenig, daß ich in meiner Kindheit und Jugend, als ich der Tatsächlichkeit der Welt kaum überhaupt gewahr wurde, kaum einen Unterschied zwischen Zwanzig- und lebendig verbliebenen Siebzigjährigen bemerkte, so gilt der übliche Rhythmus für mich nicht, gemäß welchem sich alte Männer nur für jüngste Frauen interessieren. Freilich interessierte ich mich in meiner Kindheit und Jugend von Hause aus mehr für ältere Frauen, aber nicht aus dem üblicherweise wirkenden Motiv, sondern weil nur verwirklichter Sinn mir einleuchtete und in diesem Zusammenhang alles Vorläufige mir embryonenhaft häßlich vorkam. Lieben konnte ich Zeitgenossinnen, auch da ich selber Embryo war, weil die spezifische Spannung zwischen Mann und Weib die, welche mein Interesse forderte, ersetzte. In höherem Alter nun bedeuten mir Altersgenossinnen in allen Hinsichten den Umgang, den ich am liebsten habe. Nicht um der Erinnerung an gemeinsam erlebte frühere Zustände willen, sondern weil der Zusammenklang von Verwirklichtheit zu Verwirklichtheit reiner ist als der zwischen Vorläufigkeiten. Nichts leuchtet mir mehr ein als die Möglichkeit, daß zwischen alten Leuten tiefe Liebe erwache. Tiefe Liebe bindet ja immer Seele an Seele, und die nicht verkrustete Seele altert nie.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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