Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

III. Stalin - Böser Gott

Dieses Kapitel knüpft unmittelbar am zweiten dieses Bandes, Wandel der Reiche, an. Wie ich nachträglich sehe, habe ich im damaligen Zusammenhang wichtigste Motive und Momente, die ich wohl kurz berührte, nicht richtig behandeln können. In meinen philosophischen Schriften habe ich letzteres in mehreren Fällen freilich, auf den Sinn hin abstrahiert, getan. Aber hier ist es mir um Konkretisierung zu tun und um Darstellung der Totalität dessen, was ich früher nur auf den Sinn hin untersuchte. Jedes totale und total erlebte Geschehen enthält allezeit viel mehr, als seinen abstrahierten Sinngehalt allein; zumal aus jedem Geschehen viele Sinngehalte abstrahiert werden können. Meine abstrakten Bücher sind freilich auch nur zu einem geringen Teile das Ergebnis von Denkarbeit gewesen. Genau besehen, habe ich in meinem Leben weniger als die meisten nachgedacht, und tat ich’s, so kam weniger als bei den meisten dabei heraus, außer in terre-à-terre-Zusammenhängen. Mein Geist lebt ursprünglich in einer den meisten unmittelbar nicht zugänglichen Region, aus welcher meine Einsichten in glücklichen Momenten in die des Oberflächenbewußtseins einfallen, und dann meist von vornherein sinngerecht artikuliert, gleichwie jeder Organismus artikuliert geboren wird. Was später durch Denken geleistet wird, ist ein Nach-Denken in einem anderen Verstande als dem, in welchem das Wort gewöhnlich verwendet wird, und das ist nur der Schulung und Bildung, nicht der Geburt und nicht einmal dem Heranwachsen und -reifen vergleichbar. Zeitlebens habe ich es für mich so gehalten, daß ich mich von den Ereignissen in und außer mir so tief und stark als möglich ergreifen ließ, und daraus folgte dann irgendeinmal als Frucht die richtige Einsicht. So sehr war dies der Weg zu mir selbst, daß ich von mir aus kein Tun und kein Erleiden in seinem an sich gewertet habe, sondern einzig und allein auf das hin, was es in mir auslöste, wobei ich denn nicht selten das als besonders förderlich bejaht habe, was andere als besonderes Mißgeschick beklagten oder am schärfsten an mir kritisierten.

In der Türkei war es, wenn ich mich recht erinnere, im Frühjahr 1927, daß ich mir der schlechthinigen Einmaligkeit alles Geschehens auf der Ebene der Geschichte mit abschließender Deutlichkeit bewußt geworden bin. Jedenfalls konnte ich in Istanbul zuerst einen Vortrag auf dem Pathos des einmal, und niemals wieder aufbauen. Tief beeindruckt war ich dort von der restlosen Ablösung des Ottomanischen Großreichs durch die in allen Hinsichten anders eingestellte, ausschließlich zukunftsfreudige moderne Türkei, woselbst die Aussichtslosigkeit jeder Rückdrehung des Rades der Geschichte zwingend und bannend in die Augen sprang. Dort gewann das Bild noch besondere Plastik durch den Hintergrund der unzähligen gerade in der Levante wurlenden, für klug geltenden Menschen, welche unentwegt behaupten, es gäbe nichts Neues unter der Sonne und alles Leben sei nichts als Wiederholung. Für den scharf und tief Blickenden, ja schon für jeden wahrhaftig Erlebenden gibt es auf der Ebene des spezifisch Menschlichen von Augenblick zu Augenblick nur Neues unter der Sonne und wer den Wert der Geistigkeit eines Menschen danach beurteilt, wieviel Neues er an äußerlich wenig oder gar nicht Verändertem erlebt, wird selten ein Fehlurteil fällen. So hat auch der Wert der Liebe eines Liebenden seinen unfehlbaren Gradmesser daran, wieviel Neues er von Stunde zu Stunde im gleichen Gegenstande sieht. In diesem Einzigkeits-Schaffenden oder -Erlebenden offenbart sich die Treue, welche allein spirituellen Wert hat; Donjuanismus stammt immer von Phantasiearmut.

Das einmal und niemals wieder alles Geschehens, beruht nun zutiefst darauf, daß jedes, auch das geringste Ereignis den erlebnisfähigen Menschen — nur er zählt für die historische Bewegung wie für das innere Wachstum — noch so wenig für immer verwandelt. Schon von sich folgenden Zuständen, welche sich wenig von späteren unterscheiden, ist keiner je zurückzubeschwören, weil jeder, ob bewußt erinnert oder nicht, soweit ihm noch Leben innewohnt, als Bestandteil in einen neuen übergegangen ist; hier liegt die Erklärung dessen, daß nur ganz kurze Zeit zurückliegende Moden oder Sitten solchen, deren Aufmerksamkeit vornehmlich dieser Seite des Zwischenreiches gilt, wie sie sich gerne ausdrücken, unmöglich vorkommen. Insofern darf man sagen, daß gerade die treue Erinnerung fälscht, denn diese stellt als Nacheinander an sich beständiger Elemente dar, was in Wahrheit in steter Verwandlung eins ins andere hinüber- und hineinwächst. Darum darf man den Menschen, deren Gedächtnis photographisch akkurat ist, in bezug auf den wahren Gehalt des Geschehens weniger trauen als Phantasievollen, welche die Ereignisse anders erzählen, als sie tatsächlich verliefen, dafür aber deren Übergang ineinander sinngerecht nachdichten; daher schon das Greuliche, im tiefsten Sinne Taktlose derer, welche gute Geschichten zu korrigieren sich bemüßigen; daher vor allem die radikale Lebensfremdheit und in der praktischen Auswirkung Lebensfeindschaft und darum Ungerechtigkeit derer, welche die Treue als Festhalten am Buchstaben und Verhinderung von dessen Sterben verstehen, welche nicht einsehen können, daß alles Lebendige nur in der Verwandlung fortlebt, weswegen Festhalten an verstorbener Form in Wahrheit tiefste Untreue bedeutet. Von allem über den Tod hinaus fortbestehendem Leben gilt, was ein Römer auf seinen Grabstein, seine Seele meinend, meißeln ließ: eadern renata resurgo.

Doch nun weiter. Die Verwandlung der jeweiligen Gegenwart in Zukunft hält allemal so lange eine einsinnige Richtung ein, welche stetige Tradition ermöglicht, bis daß die fragliche einer physischen Art vergleichbare Entelechie ihre Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft hat. Darum irrt die Voraussicht des einseitigen Verstandes so leicht. Metamorphosen kann dieser niemals voraussehen, oder aber es mag sich das, was er als unmittelbar bevorstehend weil logisch notwendig erklärte, Jahrhunderte später ereignen. Sind nun aber alle Möglichkeiten einer Entwicklung in bestimmter Richtung vollständig erschöpft oder haben sich die allgemeinen Verhältnisse so geändert, daß eine Lebensform existenzunfähig geworden ist — und meist ereignet sich beides, korrelativ zueinander, auf einmal — dann ist es mit einer Allgemeinerscheinung historisch aus. Dann nützt auch die Abschließung gegen äußere Einflüsse nichts mehr. Hier kenne ich kein eindrucksvolleres Beispiel als das des Kaukasus. Lange Jahrhunderte, möglicherweise Jahrtausende lang haben sich in dessen unzugänglichen Gebirgstälern sonst ausgestorbene Lebensformen erhalten, wie Brachiopoden des Silurs in der Tiefsee des Stillen Ozeans; so begegnete einem Vetter von mir während des ersten Weltkrieges seiner Erzählung nach ein Stamm, welcher die Rüstung von Kreuzrittern trug und auch sonst manche mittelalterlich-christliche Eigenheiten zeigte, nicht jedoch zu Christus, sondern zum — Bier betete. Noch das russische Kaiserreich wurde mit den Kaukasiern nicht fertig. Aber der alte Kaukasus hörte mit unheimlicher Geschwindigkeit zu bestehen auf, als der Weiten-Wind des Bolschewismus mit Orkan-Gewalt in seine Täler hineinblies. Wenige Junge entzogen sich da seiner verwandelnden Macht. Und es ist von symbolischer Bedeutung, daß Stalin Kaukasier ist und zwar ein echter, obschon nicht hochgeboren, wie alle bisherigen repräsentativen Typen dieser Landschaft. Zum Erweise dessen genügt die Lektüre seiner Lebensbeschreibung: selbst in Tausend und einer Nacht weiß ich von kaum einem Räuber, welchem so viel Unwahrscheinliches glückte, wie dem nüchternen späteren Haupt der Sowjetunion. Auch in der Geschichte kommen Übergangszeiten vor, die den gewaltigen Krisen gleichen, die in der Geologie eine Epoche von einer anderen abscheiden. Und auch jede historische Epoche wird durch bestimmte Leitfossilien gekennzeichnet. Bis 1920 etwa bestimmte im Kaukasus der Ritter weiter, seither gibt auch dort der Chauffeur, wie überall sonst in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts, den Ton an. Der Übergang zu neuer bestimmter Form erfolgt aber allemal, nach einem mehr oder weniger kurzen Zwischenzustand der Formlosigkeit, plötzlich, weil es sich um keine Entfaltung des Bewußtseins, sondern um den Einbruch von bisher Unbewußtem handelt. Dem Unbewußten ist eigentümlich, daß es als solches gar nicht bewußt werden kann, und daß es sich, wo überhaupt, mit der Unbefangenheit des Selbstverständlichen, in naiver Rücksichtslosigkeit gegenüber allen geltenden Normen des jeweiligen Zwischenreichs, offenbart; so finden es auch unglaublich viele Kaukasier einfach natürlich, Bolschewiken und nicht mehr Erben uralter Überlieferung zu sein. Gegen das Bewußtseinspeinliche hilft sich die Seele mit Vergessen oder Geschichtsfälschung oder moralischer Verurteilung. Das geschilderte Phänomen ist dem plötzlichen Einleuchten bisher ungeahnter Wahrheit vergleichbar, wie solches von den meisten auffallenden Bekehrungen berichtet wird. Und handelt es sich beim jeweiligen Umbruch um richtige Weltwenden, welche auf einmal Millionen verschiedensten Ursprungs im gleichen Sinn verwandeln, dann ist das gegenständlichste Bild, das man verwenden kann, das der Umstellung des Rundfunks auf eine neue Wellenlänge. Letzteres Bild dient so gut zur Aufhellung sonst dunkler Zusammenhänge, daß ich hier — trotzdem ich es schon im Kassner-Kapitel des ersten Bandes anwandte — wiederhole, was ich im Weg zur Vollendung Nr. 33 in meiner dort nur für den Kreis der Schule der Weisheit bestimmten Einführung in mein Hauptwerk Das Buch vom Ursprung schrieb:

Alle wahrhaft ursprünglichen Geister verkörpern und vertreten eine besondere und einzigartige Wellenlänge. Nur genau auf diese eingestellt, sind sie deutlich und unverfälscht zu vernehmen, und umgekehrt können sie selber nur auf ihrer eigensten Wellenlänge fremde Stimmen hören. Hieraus ergibt sich vielerlei. Werden bedeutende Geister Jahrzehnte lang gar nicht verstanden, so liegt das vor allem daran, daß auch die Bestgesinnten sie auf anderer als der ihnen allein entsprechenden Wellenlänge zu hören suchen. Werden bedeutende Zeitgenossen verschiedener Artung einander so gut wie nie gerecht, so ist das die eigentlich selbstverständliche Folge dessen, daß ähnlich starke, nah bei einander gelegene Wellenlängen einander nur stören. Werden bahnbrechende Geister meist von einfachen Gemütern zuerst richtig erkannt, so liegt das daran, daß diese, für das Hören gerade dieser Wellenlänge prädestiniert, von anderen nicht genügend stark beeindruckt sind, um durch sie abgelenkt oder beirrt zu werden. Finden plötzlich große Wandlungen des Zeitgeistes statt, wie bei der Christianisierung und Islamisierung ganzer Erdteile, so handelt es sich im gleichen Sinn um den Sieg neuer Wellenlängen.

1905, wo das russische und damit auch das baltische Herrentum ein dem Blattschuß Vergleichbares erhielt, nach welchem der getroffene Hirsch noch mehrere hundert Meter scheinbar unverwundet weiterstürmt, um dann plötzlich zusammenzubrechen, waren es erst 14 Jahre her, seit mein Großvater, dessen besondere Zeit ich im ersten Kapitel dieses Buchs geschildert habe, gestorben war. Noch zu Bismarcks Lebzeiten setzte der gänzlich unpreußische Wilhelm II. durch sein Beispiel die Axt an die Wurzel des Preußentums, mit dem Erfolg, daß es zur Zeit des zweiten Weltkriegs überhaupt keine Preußen im Sinne Bismarcks und Wilhelms I. mehr gab, außer in Form verstaubter Museumsstücke aus Generalitäts- oder Beamtenschaftskreisen; die Preußen waren ja nie ein Stamm, sondern ein geistgeborener Typus und darum nicht schwerer aus der Welt zu schaffen, als eine überholte wissenschaftliche Theorie (weniges beweist den Mangel an Beobachtungs- und Denkfähigkeit des heutigen Menschen schlagender, als daß Süddeutsche und Österreicher nach wie vor gegen die Preußen schimpfen, die es schon lange nicht mehr gibt!). Im Weltkrieg fiel das germanische Königtum, das allen europäischen Herrschern vom Einbruch der Germanen ab bis dazumal ihren Sondercharakter und ihr Prestige gegeben hatte. Die deutschnationalen Deutschen erschienen schon 1918 in allen Hinsichten verjährt und wenn der Nationalsozialismus dermaßen schnell weiteste Kreise und Schichten ergreifen konnte, so beweist das, daß seither auch Liberalismus, Demokratie und Sozialdemokratie im Unbewußten der jungen deutschen Generationen überwachsen waren. Diese so schnell aufeinander folgenden Erledigungen haben sich allesamt unter dem Zeichen des einmal und niemals wieder ereignet. Und sie alle gehen nur mittelbar oder in zweiter Linie auf äußere Notwendigkeiten oder die Reaktion auf Äußeres zurück: wesentlich entsprechen sie Mutationen von innen heraus. Solche Mutationen nun folgen Gesetzen, bei deren erstmaligem Gewahrwerden ich an jenes griechische Trauerspiel denken mußte, in welchem der Chor darüber wehklagt, daß nach Sturz des alten Gottes der neue pietätlos nach neuen Gesetzen regiere. Und doch erfolgt solch neue Gesetzgebung, auf die vergangene hin beurteilt, nie willkürlich: sie befolgt, wo überhaupt Vererbung vorliegt und kein vollständiges Verdrängen des Alten durch Neues, das von mir in der Schöpferischen Erkenntnis so benannte Gesetz des historischen Kontrapunkts.

Oft habe ich halb im Scherz behauptet, der Mensch vererbe nur das, was er selbst noch nicht ausgegeben hat und dies gelte nicht allein vom Gelde, sondern auch von Begabungen, Strebungen und Zielsetzungen. Auf dem Gebiete physischer Vererbung liegen die Dinge im allgemeinen so, daß das Individuum auf Kosten der Art lebt: es verbraucht Erbgut, weswegen große Einzelne selten gleichwertige Söhne haben und vollendet ausgestaltete Kulturen ohne direkte Nachkommen aussterben. Wo nun Geist und Seele entscheiden und damit die Überlieferung in hohem Maße die Rolle körperlicher Vererbung übernimmt, da tritt zum Geschilderten das Weitere hinzu, daß denen, welche eine bestimmte Bewegung nicht mehr mitmachen mögen, weil sie innerhalb ihrer keine Betätigungsmöglichkeit für sich mehr sehen, als erstes, wo sie nicht in zukunftsloser Reaktion ein Ausfallstor für ihre Energien suchen, die kontrapunktisch entsprechende Gegenbewegung einfällt. Hier läßt sich sogar der jeweils fällige historische Kontrapunkt leicht voraussehen und dies zwar desto sicherer, je einseitiger, stärker und gewaltsamer der Vorstoß einer bestimmten Dynamik war: in letzterem Fall erfolgt die nächstbedeutsame historische Bewegung totensicher den Gesetzen des strengsten musikalischen Kontrapunkts gemäß. Darum erweisen sich sogar die direkten Erben in der Regel als die dem Überlieferten gegenüber feindlichsten, weil sie, um neu zu werden, am meisten in sich zu überwinden haben. So wurden die Revolutionen von Unterschichten außerordentlich häufig von Bastarden der Oberschichten geführt. Doch es sind nicht notwendig nur Bastarde, welche gegen das Alte besonders heftig Sturm laufen, auch die legitimsten Erben können sich dazu veranlaßt fühlen. Deutschland bot ein drastisches Beispiel dessen dazumal, als Papen den Reichstag aufgelöst hatte und der Nationalsozialismus seine Kampagne gegen den Herrenklub begann, bei welcher böseste Invektiven gegen den Adel überhaupt zu den Hauptpropagandamitteln gehörten. Da machte ich eine Enquête unter jüngsten Trägern gerade großer Namen: eine theoretisch geurteilt unglaubwürdige Anzahl unter diesen nahm Adolf Hitler und seinen Gefolgsleuten die Verunglimpfung ihres Standes überhaupt nicht übel, ja sie bemerkte diese Seite der Kampagne nicht einmal. In England wollten viele Erben höchster Stellung und größten Reichtums schon um 1910 herum von ihren Privilegien nichts mehr wissen, sie fühlten sich übersättigt; die meisten Begabten vertraten linksradikale Gesinnung und nach 1930 gar bekannten sich unglaublich viele hochgeborene Junge zum Kommunismus oder sahen in Moskau sonst das Sinnbild besserer Zukunft. In Rußland waren schon seit dem Dekabristenaufstand, das heißt seit 1825, die Adeligen die Führer dessen, was später zu ihrer Vernichtung führen sollte; immer wieder waren es Edelleute, welche für ein neues Rußland eintraten; als wichtigste Initiatoren der Zerstörung des alten Rußland erweisen sich dem rückschauenden Blicke Fürst Kropotkin und Graf Tolstoi. Sogar Lenin war Dworjanin, das heißt kleiner Edelmann und dessen Außenminister, Tschitscherin, gehörte gar zu Rußlands ältestem Hochadel; überdies war seine Mutter eine baltische Baronin Meyendorf. Ähnlich ist es zu verstehen, daß so viele Mitglieder ehemals regierender Häuser in Deutschland zu aktiven Nationalsozialisten wurden. Unmöglich konnten diese ehrlich glauben, daß der Nationalsozialismus eine Restauration der Monarchie im Sinne habe, so viele von ihnen dies behaupteten, um ihr Verhalten zu erklären. Diese Fürstlichkeiten waren einfach vom Zeitgeist ergriffen und unbewußt bereit, ihre eigenen Totengräber zu werden. Und so weiter. Zu kritischen Zeiten war es immer und überall so und wird es immer und überall so bleiben.

Doch das Gesetz des historischen Kontrapunkts manifestiert sich noch deutlicher im Wandel dessen, was die Menschen als selbstverständliche Gesinnung vertreten. Ich denke an das ungeheure Aufsehen zurück, welches seinerzeit der Untergang der Titanic in der ganzen Menschheit erregte, worüber in einem späteren Kapitel mehr; die Hekatomben von Stalingrad haben nicht annähernd mehr den gleichen Eindruck gemacht. Der wichtigste historische Kontrapunkt, welcher dieses Zeitalter charakterisiert, ist in der Tat dessen Verleugnung des Humanitätsideals und eine Nichtachtung des Menschenlebens, dergleichen es meines Wissens noch nie in der Geschichte gab. Denn man vergesse nicht: alle früheren Zeiten, in denen äußerlich Ähnliches wie heute vorkam, waren tief religiös; entweder sie glaubten an persönliche Unsterblichkeit oder aber das Kollektive herrschte in ihrer Seele vor, und war dieses so sehr auf Ewiges rückbezogen, daß der individuelle Tod dem Bewußtsein kein Ende bedeutete. Noch heute ist es so bei den Japanern. Die Flieger, die sich als lebende Torpedos auf Schlachtschiffe stürzten, brachten, von ihrer Seele her geurteilt, nicht annähernd das gleiche Opfer, wie während des zweiten Weltkrieges die meisten jungen Europäer, welche wahrscheinlichem, nicht einmal sicherem Tode mutig ins Auge blickten. Für jene war der Tenno wirklich nicht nur die Seele ihres Landes, sondern ihr eigenes tiefstes Selbst; sie zweifelten nicht, daß sie durch ihren Freitod zu Göttern wurden, was ihnen Unsterblichkeit in angesehener Stellung sicherte und ihrem Geschlecht zur ewigen Ehre gereichte. Die meisten jungen Europäer glauben an keine persönliche Unsterblichkeit mehr, aber sie können auch nicht in der Fortdauer des Volks das sehen, wie etwa die alten Israeliten, bei denen das Volksbewußtsein gegenüber dem Persönlichkeitsbewußtsein den Primat hatte. So gingen denn die Europäer während des zweiten Weltkriegs mit einer gelassenen Hoffnungslosigkeit in den Tod, wie keine früheren Menschen, mit Ausnahme vielleicht der nordamerikanischen Indianer.1 Das gleiche Phänomen manifestiert sich in den Augen jedes Menschen, welcher die Zeit vor dem ersten Weltkrieg noch bewußt erlebt hat, noch eindrucksvoller in Rußland, dessen Bewohner früher wirklich die allerchristlichsten Christen waren und noch heute psychologisch in erster Linie Glaubende sind. Wahrlich, ein furchtbarerer Kontrapunkt zur Gesinnung des XIX. Jahrhunderts ließe sich nicht einmal a priori konstruieren. Das heutige Rußland vertritt wirklich den genauen Gegenpol des ehemaligen Heiligen Rußlands und des sich selbst als Gott-tragenden verstehenden Volks (Narod bogonóssiez). Und das Unheimliche dabei ist, daß diese kontrapunktische Einstellung, welche äußerlich nur Elend, Tod und Verderben zur Folge hat, lange Zeit hindurch das Volk, wie schon in vielen Hinsichten beschrieben, stärker und lebendiger und zukunftsfreudiger gemacht hat, und daß gerade dieses Rußland eine Werbekraft über die ganze Welt ausstrahlt, dergleichen nicht einmal der Islam in seiner größten Zeit besessen hat. Dies beweist über allen Zweifel erhaben, daß hier eine der ganz großen Mutationen im Werden ist, deren es in der bisherigen Geschichte nur ganz wenige gab; wahrscheinlich ist diese Mutation noch einschneidender, als seinerzeit die Bekehrung des Abendlands zum Christentum. Man bleibe nur ja nicht bei der Westeuropäern so naheliegenden Auffassung stehen, daß der Bolschewismus der Weltfeind ist und daß er bekämpft werden muß wie nur je der Hunnenansturm. Vor allem dieses Mißverständnis gereichte Deutschland zum Verhängnis und wer ihn aus inneren Gründen nur bekämpfen kann, der bedenke dies: Krieg schafft zwangsläufig nicht minder innige, ja oft viel viel innigere Vermählung als Liebe. Wer den Bolschewismus haßt, erweist sich auf die Dauer ergriffener von ihm, als wer bloß äußerlich mit ihm sympathisiert. Diese Probleme sind nur von ihren tiefsten Wurzeln her überhaupt zu erfassen. Wenn Millionen von Menschen während des zweiten Weltkriegs mit solcher Gleichgültigkeit und dennoch heldenmütig in den Tod gingen, so ohne Hoffnung für sich selbst und oft auch für ihr Volk und dabei noch ohne kriegerisch zu sein und ohne den Krieg zu wollen — dies galt damals, so weit ich urteilen kann, von allen Völkern, mit der einzigen Ausnahme des japanischen; man könnte beinahe sagen, dies sei ein Bürgerkrieg unter Pazifisten gewesen —, wenn sie trotzdem optimistisch eingestellt und überzeugt waren, für eine bessere Welt zu kämpfen, dann war und ist Umwälzendes, nicht groß genug zu Sehendes im Gang. Die Tiefenpsychologie hat lange schon festgestellt, daß im Menschen in jeder Minute auch Todestriebe wirken. Wir wissen ferner, daß aller geistige Fortschritt mit einer Zerstörung des bloß Vitalen zusammengeht, ja daß physiologischer Abbau Voraussetzung geistigen Aufbaus ist; dieser Abbau führt nur deshalb nicht zum Tode, weil sich der Körper im Schlaf immer wieder aus der Region des Geists heraus regeneriert. Von diesen Tatsachen her allein ist die Macht des Bolschewismus zu verstehen. Es besteht kein Zweifel, daß dieses System in sehr weiten Kreisen der ganzen Welt mehr Sympathien von jeher genoß und weiter genießt als irgend ein anderes; ein ungewöhnlich scharfsinniger Diplomat, welcher gut Bescheid wußte, taxierte zu Beginn des zweiten Weltkriegs, daß es in schlechthin jedem Lande bis zu zwanzig Prozent der Bevölkerung als Anhänger zählen müsse. Mochten oder mögen diese so oder anders zu den von der Mehrheit negativ Beurteilten gehören, so ändert das doch wenig an der Lage des Problems, denn das hier behandelte Phänomen ist eines Sinns mit dem, daß gerade diese Typen schon lange in der Weltliteratur und Kunst überhaupt mit besonderer Liebe behandelt werden. Es ist auch eines Sinnes mit der Tatsache, daß das frühe Christentum den Sünder seliger pries als den Gerechten und den Kranken als gottwohlgefälliger ansah, als den Gesunden; Krankheit ist normales Symptom jedes Übergangs, und die Bedeutsamkeit außer Gleichgewicht Geratener und aus der Art Geschlagener beweist in erster Instanz nichts anderes als dies, daß die Menschen aus der Art zu schlagen beginnen, um zu einer neuen Art zu mutieren.

Wir tun am besten, bis zum Urchristentum zurückzugehen, wenn wir die heutige Wende richtig sehen wollen. Tun wir das mit angemessener Konzentration der Aufmerksamkeit, dann erkennen wir, daß unsere unselige Zeit den genauen Kontrapunkt darstellt zum Anklingen des Christusmotivs. Heute bäumt sich die Materie gegen den Geist auf, das Tote gegen das Lebendige, die Quantität gegen die Qualität; heute revoltieren alle durch das Christentum verdrängten Erdkräfte, hofft Satan Christus als Heilbringer abzulösen. Ich sage Satan und nicht Antichrist. Den Antichristen sahen die gläubigen Russen, mit denen ich öfters über dieses Problem verhandelte, vor dem ersten Weltkrieg im Amerikaner mit seinem Prosperitätskult und seinem Glauben an irdisches Wohlergehen als letzte Instanz — und hatten vom ursprünglich-christlichen Standpunkt recht damit. Heute wimmelt die Welt von kleinen Antichristen; was das Frühchristentum gleichsam als Kanonenschuß vorstellte, ist zum Schrotschuß geworden, dazu mit einer Ladung feinsten Schrots. Aber nicht das Sinnbild des Antichristen hat heute wahre Werbekraft, sondern der aufrichtig satanische Geist, der am irdischen Zustand gar nichts bessert, der das Glück des Menschen für nichts achtet und trotzdem, alle metaphysische und spirituelle Wahrheit leugnend und verleugnend, im Irdischen und Fleischlichen die letzte Instanz sieht. Hier handelt es sich um eine In- oder Perversion der Idee der Askese, welche ursprünglich Erdüberwindung durch den Geist bezweckt und meint, vom Sinn zum Widersinn, um eine der ungeheuerlichsten Paradoxien der bisherigen Geschichte, recht eigentlich um eine Laizierung, Vulgarisierung, Banalisierung, Demokratisierung und Proletarisierung dessen, was der Schwarzen Messe und allem was mit ihr zusammenhängt als geistige Wurzel zugrunde liegt. Noch gibt es keine dem Bewußtsein moderner Europäer akzeptablen und geläufigen Begriffe, welche diese Art Phänomene zu fassen gestatten, wie dies vom römischen Eigenschaftsworte sacer galt, welches heilig und verrucht zugleich bedeutet. Am leichtesten realisiert unsereiner den Tatbestand, wenn auch nicht dessen vollen Sinn, von der Liebe her. Liebe kann das Höchste und Schönste bedeuten: in diesem Falle erscheint sie ganz und gar, auch in ihrem unterweltlichen Ausdruck, auf Metaphysisches zurückbezogen. Genau ebenso gut aber kann sie sich als schmutzigstes Laster darstellen, ausgestalten und differenzieren. In letzterem Falle wird sie zum Sinnbilde alles Geistfeindlichen und zu dessen Ausfallstor; weil sie das vor allem in der spätantiken Welt war, verurteilte das Frühchristentum, welches allen Geist als Liebe verstand, die körperliche Liebe überhaupt. Es gibt nun wohl keinen Mann, der nicht zugleich einen Hang zum Schmutzigen und zum Sublimen hätte. So hängen die Tendenzen zum Schmutze und zur Reinheit, zur rohesten Natur und zum Geist in irgendeiner Region zusammen, was angesichts der Tatsache, daß der Mensch bewußt in erster Linie von Bildern lebt, von denen jedes sich in jedes andere verwandeln kann, zu einer Heftung des für Spirituelles gültigen auf rein Materielles und umgekehrt führen kann. Oft erschreckt mich die Naivität, mit welcher viele den Bolschewismus zu widerlegen glauben, indem sie auf sein Wohlstandsfeindliches hinweisen. Gerade dieses Anti-Amerikanische hat die größte werbende Kraft und dies nicht zuletzt bei den Amerikanern selbst. So erklärt es sich, daß sie alles nur mögliche dazu tun, um dem Bolschewismus Gelegenheit zu bieten, sich überall in der Welt einzufiltrieren und ganze Reiche zu erobern. Es sind dies Fehlhandlungen, welche ihnen ihr Unbewußtes zielbewußt eingibt. Gemäß der Legende kommt der Teufel nie von der gleichen Seite wieder und immer von einer anderen, als erwartet wird. Auch kommt er jedesmal in anderer Gestalt oder Verkleidung. Solche Verkleidung bedeutet es, wenn Stalin immer häufiger als lieber guter Mensch, als Vater seines Volks mit viel Gemüt und mit einem ausgesprochenen Sinn für Humor geschildert wird. Der Teufelskult nun birgt offenbar mehr Gefahren in sich, als irgendein früherer Kult böser Götter, weil die Verehrer und Freunde des Sowjet-Staates ehrlich im Sinn des christlich Guten zu fühlen und zu handeln wähnen. Stellten sie Stalin als Bösen Gott vor, so vermöchten sie das nicht. Ich persönlich zweifle nicht daran, daß die angelsächsischen Geistlichen, die für den Sieg des Bolschewismus beten, an dessen Tugend glauben. Man tut sehr Unrecht daran, die Ehrlichkeit von Menschen so leicht in Zweifel zu ziehen. Die meisten Lügner und Betrüger sind subjektiv ehrlich; das Unbewußte weiß immer Wege, um sich dem jeweiligen Bewußtsein annehmbar zu machen. Auch die Vertreter des englischen cant sind mit seltenen Ausnahmen ehrlich und ebenso die amerikanischen Moralisten, die zeitlebens das Gegenteil dessen tun, was sie predigen. Zu geplanter Lüge ist ein sehr hoher Grad von Bewußtheit vonnöten, der in der heutigen Welt normalerweise vielleicht nur von Deutschen erreicht ist. Darum wird dieses an sich Wahrheits- und Offenheits-liebendste aller Völker Europas allgemein für besonders verlogen gehalten und war das von jeher in gewissen Zuständen auch wirklich. Wenn einmal ein Deutscher lügt, dann kann man in der Tat so gut wie sicher sein, daß er genau weiß, was er tut, und sich meist sogar eine seine Lüge als Lüge rechtfertigende Philosophie zurechtgelegt hat. Gedenken wir von hier aus der religiösen Kulte böser Götter, deren es von jeher auf dem Erdenrund unzählige gab und in vielen Ländern noch heute gibt.

Gedenken wir zumal der indischen Verehrung für die mörderische und menschenfressende Göttin Kali und vergegenwärtigen wir uns dabei, daß gerade Indiens mildester Heiliger, Ramakrishna, mit Vorliebe zu dieser furchtbaren Gottheit betete, die er als seine göttliche Mutter ansah. In keinem der hier gemeinten Fälle wurden oder werden die verehrten bösen Götter gut vorgestellt; nein, gerade ihr Schreckliches und Zerstörerisches wurde und wird bejaht. Zum Verständnis dessen genügt die Erklärung Rudolf Ottos, daß zu den Attributen des Göttlichen eben auch das tremendum gehört, mitnichten; auch nicht diejenige der Psychoanalyse, die mit dem Hinweis auf den den Menschen angeborenen Machtkult — und Macht wird in erster Linie als Vergewaltigen-Können und Mut und Neigung zur Vergewaltigung und damit als ursprünglich böse vorgestellt — zusammen mit dessen ebenso angeborenen Masochismus, welcher Wollustgefühl beim Leiden bedingt, alles gesagt zu haben wähnen. Hier ist vielmehr die Einsicht am Werk, daß das schlechthin Zerstörerische und Mörderische und mithin das Sterben und Töten, unablösbar zum Aufbau des Lebens mitgehört, und daß es insofern gleich ist, ob man zu schrecklichen oder zu liebenden Göttern betet. Tatsächlich wurden alle wahrhaft mächtigen Götter, hier wohl wirklich aus analytischen Gründen, in allen Frühzeiten furchtbar vorgestellt und daß unglaublich viele Christen noch heute an die Hölle und an die Gerechtigkeit eines zu ewiger Verdammnis verurteilenden Gottes glauben, beweist, daß das Primitive unsterblich auch dort fortlebt, wo ein Gott par définition nur gut sein darf. Das Ehrlichste was ich in dieser Hinsicht als Ausspruch eines Zeitgenossen gelesen habe, war ein Satz Johannes Müller-Elmaus’ in seiner Sylvesterpredigt 1942/43, der ungefähr folgendermaßen lautete:

Ich werde oft gefragt, wie Gott alle die Greuel, die wir erleben, zulassen könne. Das weiß ich auch nicht. Tatsächlich hat Gott Gleiches oder Ähnliches, soweit die Überlieferung zurückreicht, immer wieder zugelassen. Er wird schon wissen, warum und wozu er das tut.

Womit für ihn das Problem anscheinend erledigt war. Am tiefsten haben dasselbe auch in diesem Fall die Inder gesehen und gefaßt, indem sie der Gottheit sowohl die Attribute des Aufbauenden wie des Zerstörerischen, sowohl des Guten wie des Bösen zusprechen, eins ins andere verwandelbar vorstellen und in den verschiedenen personifizierten guten und bösen Göttern nur verschiedene Ausdrucksformen eines wesentlich ambivalenten Gleichen sehen. Nur zu Brahman, dem Weltschöpfer, beten die Inder nicht: der habe sein Werk getan.

Nun aber gelangen wir zu dem in diesem Zusammenhang entscheidenden Punkt: die Vorstellung eines bösen Gottes ist nicht identisch mit der des Teufels. Letzteren gibt es meines Wissens ausschließlich in unserem Kulturkreis. Unser Teufel ist auch nicht identisch mit Ahriman, dem Gegenpol des lichten Gottes der Perser, welcher großartig und erhaben vorgestellt wurde, und schon gar nicht mit Luzifer, dem schönsten der Engel, der dazu vorherbestimmt war, Lichtbringer zu sein und nur aus vorwitzigem Hochmut fiel. Auch als Gefallener blieb dieser ja schöner Verführer, so wie er ursprünglich vorgestellt wurde; sein Wesen war das, was die russische noch antik-inspirierte Theologie préliestj heißt, welches Wort, etymologisch eigentlich überschmeichelhaft bedeutend, den Dreifachsinn größter Schönheit, zartesten Liebreizes und gefährlichster Verführung hat. Unser abscheulicher Teufel ist völlig anderer Art und anderen Ursprungs. Er ist weder ein Gott noch ein gefallener Engel. Er ist der vom Schönen zum Häßlichen metamorphisierte Dionysos oder Pan, ein Naturgeist, den das naturfeindliche ursprüngliche Christentum nur als ein Verabscheuenswürdiges vorstellen konnte. Damit wurde die Natur als solche zur Verführerin, woraus sich natur- und geistnotwendig nach und nach alles das ergab, was das Abendland zu seinem Nachteil von anderen von geistbestimmten Menschen bewohnten Landschaften unterscheidet. Das Abendland kennzeichnet eine anderweitig unbekannte Bewußtseinsspaltung. Bisher hat es sich unfähig erwiesen, kosmisch-umfassend zu denken und zu fühlen, so wie dies Indien tut; als geborener Praktiker von besonderer kinetischer Energie — im Reisetagebuch bezeichnete ich uns Abendländer als Gottes Hände — hat der Abendländer von der Zeit der Griechen an, die seiner Bewußtseinsart die dauerhafte Form gaben, nicht umhin gekonnt, überall Stellung zu nehmen und einseitig vorzustoßen. Der Abendländer kann Gut und Böse ursprünglich nicht auf der Ebene des sowohl als auch oder einerseits-andererseits realisieren, kann sich nicht ein beide Einschließendes vorstellen; er ist kein Einschließender sondern ein Ausschließender durch und durch. Seine Weltanschauung ist darum ursprünglich antithetisch und antinomisch; überall sieht er Antithesen und Antinomie, und dadurch werden sie zu Wirklichkeiten für ihn. Notwendigkeit und Gesetz oder Freiheit, Verdienst oder Gnade, Natur oder metaphysisch Wirkliches, Geist oder Fleisch. Bei der ausschließlich auf ein jenseits, das ein ausschließlich guter Gott beherrschte, eingestellten Spiritualität der Christenheit mußte dies zu einer Verfleischlichung der Idee des Bösen führen; auch in dieser Hinsicht wurde das Wort ihm zu Fleisch. Aus dem aufgezeigten Allgemeinen ergeben sich mit natürlicher wie logischer Notwendigkeit alle historisch bekannten Einzelheiten. Da es kein letztlich Böses, wie es der Böse Gott darstellt, geben durfte, verwandelte sich das Erhabene auf psychochemischen Wege in Niedriges, das Furchtbare in bloß Widerliches; zum supra-Natürlichen erwuchs ein infra-Natürliches als Gegenbild. So trat an die Stelle des Bösen Gotts der Teufel, dessen Bild seine letzte Gotthaftigkeit verlor, nachdem die Kirche befugt ward, ihn durch einfache magische Mittel wie Weihwasser oder bloße Bekreuzigung zu entmachten, wodurch die Vorstellung der christlichen Frühzeit, von der noch die frühmittelalterlichen Höllenbilder zeugen, deren Teufel dem Moloch oder der Kali sehr wohl vergleichbar war, ins Unbewußte verdrängt wurde. So leicht zu bannen war der Versucher Jesu noch nicht.

Luthers vielleicht folgenschwerste Leistung war nun die, daß er durch Verleugnung der Macht katholischer Magie den Teufel aus dem Gefängnis befreite. Daher seine Obsession durch dessen Bild. Darum begann das entsetzliche Zeitalter der Hexenprozesse mit der Rezeption des Lutherischen Impulses. Unter diesen Umständen konnte die Teufels-Obsession des protestantisch gewordenen Teils der weißen Menschheit — und lange schon sind die meisten Europäer zum mindesten in verborgener Tiefe protestantisch insofern, als sie an möglichen Fortschritt aus eigener Macht glauben und der freien Forschung gegenüber dem Autoritätsglauben in allen weltlichen Belangen den Vorrang zugestehen — nicht umhin, den Teufel in sich mehr und mehr zu verdrängen. Nichts ist wesentlicher für den modernen Abendländer, als daß er an den Teufel und die Hölle nicht mehr ehrlich glaubt. Die Verleugnung des Teufels allein erklärt psychologisch die Möglichkeit des Glaubens an unvermeidlichen Fortschritt, an die ursprüngliche Güte des Menschen und an die Vollkommenheit als gleichsam automatisch erreichbares Endziel. Das letzte Ergebnis dieser Selbstbelügung war die liberale Humanität des XIX. Jahrhunderts. Ich sage absichtlich liberale Humanität, weil das Ideal des laissez faire, laissez passer, welches vom freien Wettbewerbe alles Gute erwartete und überdies nur Gutes, ein Ausdruck unter anderen war des gleichen Geists, wie der Glaube an unvermeidliche Humanisierung. So nahm die Verdrängung des Teufels von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unaufhaltsam zu und damit die Bewußtseinsspaltung. Eben dank dem erkrafteten, ballten und gestalteten sich immer gefahrdrohender die Kräfte der Unterwelt. Die Psychoanalyse bedeutete den verzweifelten Versuch, die Humanität zu retten, indem sie das jüngste Gericht oder den Titanenkampf durch eine gutbezahlte Konsultation oder Behandlung, während welcher das Unbewußte ohne moralische Stellungnahme ins Bewußtsein gehoben würde, zu ersetzen suchte. Aber die Situation war gar nicht mehr zu retten. Satan in Person stand im kritischen Augenblicke von den Toten auf, objektivierte sich auf der Ebene historischer Erscheinung und dies in einer Größe und Machtvollkommenheit und mit einer Werbekraft, die er nie früher besessen hatte. Noch der sonst so prophetische Dostojewsky hatte den Teufel als widerlichen städtischen Intellektuellen mit einer Lakaienseele vorgestellt; tatsächlich gehört der Großteil der Massenmörder und Folterknechte diesem niedrigen Typus an. Aber diese sind nur die kleinen Gefolgsleute, deren Name Legion ist und die Willensvollstrecker von Teufeln größten Formats; von deren Sinn wird das Hitler-Kapitel handeln. Lenin war gewiß kein Teufel; ihm eigneten als großem Staatsmann, welcher er doch gewesen sein muß, sehr konstruktive Züge und die von ihm eingeleitete Nep-Politik beweist, daß Lenin, hätte er länger gelebt, zum mindesten versucht hätte, das Destruktive des Bolschewismus so früh als möglich in Konstruktives überzuleiten. Stalin ist nun wirklich ein Satan. Ihm eignet die ganze Kälte des Höllenfürsten. Sein Wesen ist, wie dies Grigol Robakidse in seiner Gemordeten Seele bisher am besten dargestellt hat, wesentlich reptilisch. Mit ihm ist die Macht des Bolschewismus, nun völlig aufrichtig und kompromißlos waltend, ins Riesenhafte angewachsen. In Rußland hat Stalin das Widerliche zum Entsetzlichen gesteigert und damit den Lakaien des XIX. Jahrhunderts zwar nicht zum Fürsten dieser Welt, wohl aber zum allmächtigen Kommissar gemacht. Seine Macht in der übrigen Welt aber beruht darauf, daß er das Sinnbild darstellt der möglichen Befreiung des Teufels in aller Seelen. Diese aber harren sehnsüchtig dieser Befreiung auf dem ganzen vom christlichen Abendlande inspirierten oder infizierten Erdenrund, weil die autoritätsfeindliche Wissenschaft überall den Glauben an die Urweisheit untergraben hat, die eine bestimmte Hierarchie der Werte behauptete, wodurch in allem Untersten der Drang erwachte, nach oben zu streben und womöglich das Unterste zu oberst zu kehren unter irgendeiner dem Bewußtsein akzeptablen Etikette wie soziale Gerechtigkeit, Glück aller Menschen u.s.f.

Von hier aus ist sehr vieles, wenn nicht alles sonst Unverständliche an der Verbösung der Menschheit seit dem ersten Weltkriege zu verstehen. Bezüglich Rußlands: da alle Lebenserscheinungen tatsächlich ambivalent sind, so mußte so einseitig-starke Betonung des Bösen auch das Positive im Russen konstellieren. Daher der neu-russische Patriotismus, welcher denjenigen, welcher Napoleon verjagte, an Qualität und Kraft übertrifft. Daher der russische so nie dagewesene Todesmut. Daher der neue Erfindungsreichtum der Russen und ihre früher nie dagewesene Leistungsfähigkeit in der Wissenschaft und Technik; daher die Tatsache, daß der Sowjetrusse, wo er keiner minderbegabten Rasse angehört, viel klüger, besonders lebensklüger erscheint, als der zaristische; die Vernichtung der alten Bildungsschichten hat den Begabungsstandard offenbar gehoben. Von jeher wird der Teufel klug vorgestellt; auch Faust wurde erst dank Mephistos Einfluß intelligent. Gilt der Teufel der Überlieferung andererseits als dumm, so betrifft dieses Urteil, so weit es richtig ist, seine Kurzsichtigkeit. Der Kurzsichtige hat freilich keinen weiten Horizont, aber in der Nähe sieht er schärfer als der Weitsichtige. Wobei zu bedenken ist, daß zu den Kurzsichtigen schon der Wissenschaftler als solcher gehört. Wer, ohne ein gottgleicher Geist zu sein, in einem System alles umfassen will, wer seine Lebensaufgabe in der Erforschung eines winzigen Spezialgebietes sieht, wen nur ein Problem interessiert und wer womöglich kein höheres Ideal kennt, als für einen einzigen Gedanken, welcher ihm einmal einfiel, Beweise aufzuhäufen, ist offenbar nicht weitsichtig. Kurzsichtig ist nun Stalin im höchsten Grad; Lenin hielt ihn für ausgesprochen beschränkt und wollte ihn darum auf keinen Fall zum Nachfolger haben. Aber gerade dank seiner Kurzsichtigkeit, welche äußersten Scharfblick in der Nähe ermöglicht, hat Stalin zu der historischen Gestalt heranwachsen können, die er während des zweiten Weltkrieges wurde. Dank seiner Kurzsichtigkeit hatte er schon im Partisanenkrieg die militärisch organisierten weißen Russen besiegt, welchen der strategisch hochbegabte Leo Trotzki nicht gewachsen war, rechnete er seither bei allen seinen Maßnahmen mit buchstäblich teuflischer Klugheit mit den destruktiven Elementarkräften der Menschennatur, um seinen Willen durchzusetzen. Eben dank seiner Kurzsichtigkeit, welche ihm sicheres Visualisieren nächstliegender Ziele ermöglichte, hat er sich im zweiten Weltkrieg Amerika und England diplomatisch überlegen erwiesen und vom Standpunkt von Rußlands traditionellen imperialen Bestrebungen mehr erreicht, als je ein Zar. Was freilich mit dadurch bedingt ist, daß die vom Geist des vierten Standes beherrschte Welt eine terre-à-terre Welt ist. So vollkommen hat der Teufel in und mit Stalin gesiegt, daß die meisten russischen Gefangenen, die ich sprach, vom Bösen des Sowjetstaats kaum etwas gemerkt zu haben schienen. Und nicht zwar deshalb, weil sie böse geworden wären — im Gegensatz zu vielen deutschen Beobachtern, die aber den Russen schwer durchschauen, habe ich sie im Ganzen unverändert gefunden in ihrer Grundanlage; nur das byzantinische Motiv und Element fehlt den heutigen. Sie haben sich einfach, so wie sie sind, einer einmal bestehenden bösen Welt eingefügt. So können sie loyale Bolschewisten und dennoch häufiger als man meinen sollte, gläubige Christen sein. Ja wahrscheinlich sind viele echte Bolschewisten ehrlichere Christen als Millionen von Abendländern, da sie, alles nicht- und wider-Göttliche unbefangen im Diesseits auslebend, das Metaphysische reiner schauen können als solche, die den Teufel als jenseitiges Wesen vorstellen oder ihn aber in sich verdrängen. Darum ist eine Rückbekehrung von Bolschewisten zum Christentum, selbst im größten Umfang, psychologisch viel wahrscheinlicher, weil leichter zu bewerkstelligen, als im Fall entchristlichter Deutscher, welche, das Natürliche allein bejahend, dieses durchaus schön sehen. Diejenigen irrten sehr, welche vom Rasse-gläubigen Deutschtum her einen Weg zur hellenischen Kalokagathie suchten und zu finden glaubten: die Hellenen sahen im Fleisch verkörperten Geist; sie kannten noch nicht die christliche Spaltung. Der deutsche Naturist aber ist genau so einseitig wie vor ihm der Christ. Und da er das Fleisch unbedingt positiv sieht, so hat er es schwerer als der Bolschewist den Weg zum metaphysisch-Wirklichen und damit zum Geist zurückzufinden. Beim heutigen Deutschen liegen die Dinge nicht viel anders wie bei seinen germanischen Vorfahren, als sie den Drang spürten, sich zum Christentum zu bekehren. Diese sahen damals keine Möglichkeit, wo sie fühlten, daß die Götterdämmerung angebrochen war, die bisherige Lebenslinie weiter zu verfolgen. So gab es für sie zur Erneuerung und Verjüngung nur den einen Weg der Katastrophe.

Im großen und ganzen also sind die Russen durch den Bolschewismus weniger verändert worden, als man denken möchte. Sie sind nur noch positivistischer und lebensklüger geworden. Ja es möchte mir scheinen, daß sie dank dem zweiten Weltkrieg und während dessen vielfach stolzer und vornehmer geworden sind, als sie (vom hohen Adel abgesehen) früher waren. Der Krieg hat sie aus dem grauen Elend pseudo-friedlicher Sowjetexistenz emporgehoben und ihrem Leben ein Pathos gegeben, das sie vor sich selbst gehoben und als Folge dessen wirklich aristokratische Züge in ihnen gezeitigt hat. Eben dank diesem Fortschrittlichen werden die mit Sowjetrußland Verbündeten für sie selbst unmerklich bolschewisiert. Keiner hat es je gemerkt, wenn er vom Teufel selber verführt wurde; nur der nicht zum Teufel gewordene Verführer wird durchschaut. Seitdem sich die Feinde Deutschlands mit Rußland verbündet haben, stehen sie seinem Geiste nicht viel anders gegenüber als der Vogel der Schlange. So erleben wir denn das grandiose Schauspiel des Eintretens des Teufels in Person in das hellichte Tageslicht der Weltgeschichte. Kein Wunder, daß damit ungeheure Energien frei geworden sind; die Unterweltskräfte sind ja die irdisch mächtigsten, der Lichtgeist ist von sich aus irdisch machtlos. Kein Wunder, daß sich sonst frenetisch an ihrer Unabhängigkeit hängende Völker wie das spanische in ihrem roten Teil willig der Selbständigkeit begeben; und jedes heutige Volk schließt einen sehr erheblichen roten Bestandteil ein. Die Verführung durch den Teufel ist, wo sie gelingt, total. Und so fällt es ihm leicht sich dort als Antichrist, wie dieser ursprünglich vorgestellt wurde, zu tarnen, wo der Antichrist Werbekraft besitzt und der authentische Teufel nicht. Hier habe ich besonders Amerika im Auge. Dort will man einfach nicht wahrhaben, daß der Bolschewismus destruktiv ist: er wird, allem Augenschein und aller Erfahrung zum Trotz, als Wegbereiter des allgemeinen Wohlstands, der Gerechtigkeit und des glücklichen Lebens im demokratischen Verstande vorgestellt. Gleiches gilt von den sehr zahlreichen Europäern, welche die bolschewistischen Greueltaten, so sicher sie ihnen nachgewiesen werden, konsequent nicht glauben. An diesen ungeheuerlichen Erscheinungen ermißt man ganz, wie viel massive seelische Realität die christliche oder christlich-beeinflußte Menschheit mittels des Fortschrittsglaubens in sich verdrängt hatte. Das Freiwerden dieser gestauten Kräfte bedeutet denen, bei denen es geschieht, eine solche Befreiung, daß es den Betroffenen ehrlich schwer fällt, im Bösen nicht ein Gutes zu sehen.

Aus allen diesen Gründen konnte sich das Gesetz des historischen Kontrapunkts in früher nie dagewesener Reinheit manifestieren. Es wurde auf einmal das Christentum verleugnet, alle spiritualistische zu Gunsten materialistischer Zielsetzung, die Erdkräfte allein wurden bejaht, der Wert des seit Jahrtausenden für gut Geltenden in Zweifel gezogen; die Freiheit, um welche frühere Menschen seit Jahrtausenden gerungen hatten, mit Begeisterung preisgegeben, nicht zuletzt gerade die Gewissensfreiheit; freiwillig ließ sich der emanzipierte Mensch erneut von starren Dogmen fesseln. Zuguterletzt wurde die Lüge zum ersten Mal in der Geschichte für gut erklärt, sofern sie nützlich ist. Diese Entwicklung entspricht so sehr dem ganzen Zeitgeist, daß alle sonstigen Strebungen, so anders gerichtet sie ursprünglich waren, bei dieser Entwicklung mitgewirkt haben: die Aufklärung überhaupt, die Kritik, die Traditionsfeindschaft des emanzipierten Verstandes, die Übertragung des Mittelpunkts im Geistbewußtsein des Menschen vom Glauben auf das Verstehen: wo Verständnis nicht tief ist, dort muß die Autorität der sogenannten wissenschaftlichen Wahrheit zur Verdunkelung oder zur Verblendung führen, denn wo nur persönliche Einsicht entscheidet, kann die höhere Weisheit von Ehrfurchtsmitten (Eugen Diesel) den Einsichtsmangel der Mehrheit nicht korrigieren. Der Zeitgeist bekämpft ja auch die Ehrfurcht überhaupt; der Mann auf der Straße, schon vor einem halben Jahrhundert die letzte Instanz Amerikas, hat den Maßstab, welchen er darstellte, allgemach weit bedenklicheren Typen weitergegeben. Man lasse sich durch die affichierte Ehrfurcht, welche Filmstars und Dirigenten gezollt wird, nicht beirren; daß Darsteller mehr als Schöpfer gepriesen werden, hat dies zum tiefsten Grund, daß das wirklich Bedeutende seiner Bedeutung entkleidet werden muß, um für das Bewußtsein annehmbar zu werden. Wer Alexander den Großen spielt, wird gerne anerkannt, weil er ihn eben nur spielt, und gilt vielen für größer, als der Makedonierkönig in Person je gegolten hat. Schon sind mir junge Menschen begegnet, welche im Schöpfer des Bismarckfilms den eigentlichen Schöpfer Bismarcks und damit des zweiten Reichs erblickten. Vor allem aber hat der Aufstand des vierten Standes überhaupt zum zeitweiligen Siege des Teufels beigetragen. Jener ist nämlich ohne eigene geistige und kulturelle Tradition; das, was er bisher glaubte, war ihm von ihn bedrückenden Oberschichten gelehrt worden. Nichts konnte ihm daher näher liegen, als auch die geistige Tradition zusammen mit den Oberschichten zu bekämpfen. Nichts konnte ihm ferner leichter einleuchten, als eine simplistische materialistische Weltanschauung.

Dem armen Teufel muß an erster Stelle daran liegen, sobald er eine Änderung seines Zustandes überhaupt als möglich erkennt, besser zu leben. Die Vorzüge der Technik leuchten gerade dem Primitiven augenblicklich ein. Verspricht man ihm nun Technisierung ohne Ausbeutung durch fremdartige Menschenschichten oder fremdes Kapital, und tut dies in simplistischer Form, so muß ihm dieses Evangelium einleuchten. Sementowski-Kurilo, glaube ich, war es, der im Einzelnen beschrieben hat, wie der primitive Nord- und Zentralasiate einfach unfähig ist, bolschewistischer Propaganda länger als wenige Tage zu widerstehen. Hier könnte freilich, rein theoretisch geurteilt, wirklich aus Bösem Gutes entstehen, denn die Besserung des Zustandes der Massen ist ein eminent Positives und ohne die Entrechtung früher Bevorrechteter ist sie undenkbar. Aber zu solchem Positiven, an dessen baldigen Sieg zum Beispiel der edle Kropotkin im Fall des Sturzes des Zarenreiches glaubte, kam es aus folgenden Gründen in ähnlichen Fällen noch nie: in unterdrückten Schichten, deren Lebensraum sich plötzlich erweitert, wird immer zuerst Häßliches frei, und dies gänzlich unabhängig von der geltenden Weltanschauung. Der traditionelle Muschik verdiente wirklich den Lobpreis, welchen ihm Rußlands große adelige Schriftsteller zollten, solange er Muschik blieb. Erlebte er aber schnellen sozialen Aufstieg, dann verdarb er. Sogar die früher so einmütig zusammenlebenden Christen wurden zu widerlichen Zänkern, sobald Konstantin der Große sie zu Trägern des Staates emporgehoben hatte. Die schlimmste aus anderer Richtung her mitwirkende Kraft aber ist die Ideologie von Marx, welche Neid und Mißgunst als Grundbeziehung zwischen Arbeitern und Besitzenden statuierte. Was bei ihm Fiktion war und bis zum Ende des ersten Weltkriegs als theoretische Unwahrheit mit Erfolg bekämpft werden konnte, ist seither zu furchtbarer Wirklichkeit erwachsen. Diese ganze Entwicklung krönte schließlich der Teufel, indem er unmerklich am Aufstieg des vierten Standes den des fünften, nämlich den der Verbrecher, teilnehmen ließ. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde dem Verbrecher vorurteilslos die Bahn freigegeben. Grundsätzlich hatte dies schon das Christentum vorbereitet, indem es dem Sünder vor dem Gerechten den Vortritt ließ. Die große russische Literatur hatte sich des Verbrechers von vornherein liebevoll angenommen, nur den Unglücklichen in ihm gesehen. Darauf kam Nietzsche mit seiner Verherrlichung des großen Verbrechers. Nach dem ersten Weltkriege wurde der Gangster zum anerkannten Helden und wenige entziehen sich seither dem Prestige des Detektivs, des Helden der einflußreichsten Literaturgattung der jüngsten Zeit, nämlich des Kriminalromans. Der erfolgreiche Detektiv ist aber ein invertierter Verbrecher, und so bedeutet die Bewunderung seiner zutiefst eine Tarnung der Bejahung des Verbrechers. So bereitete sich denn von langer Hand eine weltumfassende Bereitschaft vor, die ganz üblen und teuflischen Verbrecher, welche in Rußland zur Macht gelangten, als Werte zu bejahen. Lenin und Stalin wurden und werden von Millionen so total bewundert, daß diese deren Greueltaten nicht einmal wahrzunehmen im Stande waren und sind.

1Den letzten Abschnitt änderte der Autor selber 1945 von der Gegenwart in die Vergangenheit und fügte die Worte während des letzten Weltkriegs ein. [Anmerkung des Keyserling-Archivs]
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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