Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

III. Stalin - Nihilismus

Damit gelange ich zur entscheidenden Problematik dieses Kapitels. Im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christo sah die Welt nicht sehr viel anders aus, als in der ersten Hälfte des zwanzigsten. Da erstand inmitten der Christenheit ein Sektenführer, welcher zeitweilig sehr mächtig war und von der Kirche später natürlich als Haeresiarch verdammt wurde: er wagte es, den Schöpfer dieser Welt, so wie sie augenscheinlich ist, böse zu heißen; sein Name war Marcion. Dieser (ich folge der Darstellung Adolf Harnacks in dessen letzter großer Arbeit Marcion, das Evangelium vom fremden Gott zum größten Teile bis zum Wortlaut) verkündete in Christus den neuen, den fremden Gott, der uns nicht aus der Fremde, in die wir uns verirrt hätten, in die Heimat ruft, sondern aus der grauenvollen Heimat, zu der wir gehören, in eine selige Fremde. Der fremde Gott sei Liebe, nichts als Liebe. In reinem Erbarmen nehme sie sich eines ihr gänzlich fremden Gebildes an und bringe diesem, indem sie alle Furcht austreibt, das neue ewige Leben. Nunmehr gibt es etwas in der Welt, was nicht von dieser Welt ist und über sie erhebt! Als unfaßliches Geschenk wird es durch das Evangelium verkündet und angedeutet… Der bekannte Gott dieser Welt ist ein verwerfliches Wesen. In seiner Schöpfung verschlingen sich zwei Reiche: dasjenige der Materie und des Fleisches und das des Geistes, der Moral und der Gesetzlichkeit. Vereint und verschlungen sind sie, obschon im Gegensatze zueinander stehend; das weist auf die jammervolle Schwäche dessen zurück, der für diese Schöpfung verantwortlich ist; er, obgleich Geist und moralische Kraft, war nicht imstande, etwas Besseres als diese entsetzliche Welt zu schaffen. In ihr steht der Mensch; aus fleischlicher Lust entstehend, mit dem Leib behaftet und an ihn gekettet, zieht es ihn hinab in das Treiben der Natur, und die große Menge der Menschen lebt in brutalem Egoismus, schlimm, schamlos und heidnisch. So will sie der Gott nicht, der sie erschuf; er will sie gerecht, hat ihnen einen Sinn für das Gerecht-Gute eingepflanzt und sucht sie zu diesem zu leiten. Aber was ist dieses Gerecht-Gute, was ist das höchste Ideal? Die Antwort auf diese Frage kann man aus der Welt und der Geschichte, aus dem Gesetz und der Moral selber ablesen: denn die Welt und das Gesetz sind ja nichts anderes als der Gott dieser Welt und der Gott des Gesetzes, und der objektive Befund zeigt ein widerspruchsvolles Durcheinander, welches jeder Rechtfertigung spottet. Einerseits gewahrt man eine strenge und peinliche Gerechtigkeit, die sich im Physischen und Moralischen durchzusetzen strebt, mit Verboten, Prämien und Strafen arbeitet. Aber mit diesem Gerechten ist Sinnloses, Härte und Grausamkeit und wiederum Schwanken, Schwächliches und Kleinliches so untrennbar verbunden, daß alles zu einem jämmerlichen Schauspiel wird. Und selbst damit ist noch nicht das Schlimmste gesagt: diese Gerechtigkeit selbst, und zwar gerade dort, wo sie am reinsten erscheint und das Naturhafte mehr oder weniger gebändigt hat, ist im tiefsten unsittlich; denn sie ist ohne Liebe, stellt alles unter Zwang, reizt eben dadurch erst zur Sünde und führt nicht aus der Welt heraus… Nicht das Böse ist im Grunde der Feind des Guten — sie sind inkommensurabel und das Böse ist heilbar —, sondern jene erzwungene, angelernte und selbstzufriedene Gerechtigkeit, welche von Liebe ebensowenig weiß wie von einer Erhebung ins Überweltliche, und die, zwischen Furcht und tugendstolzem Behagen abwechselnd, nie zur Freiheit kommt. Die furchtbare Tragik des Menschenschicksals ist damit gegeben. Das angepriesene Heilmittel, das heteronome Gesetz, ist in seinem Effekt schlimmer als das Grundübel. Es befreit wohl von diesem Übel, doch es führt ein schlimmeres herauf, die Verhärtung in einer unheilbaren selbstgerechten Lieblosigkeit und Mittelmäßigkeit. Daher — fort mit jeder Theodizee und mit jeder teleologischen Kosmologie! An dieser Welt samt ihren Idealen und ihrem Gott ist nichts zu rechtfertigen und ihre Gerechten sind Sklaven! Hier gilt nicht nur: Valet will ich Dir geben, Du arge falsche Welt, sondern noch viel mehr ein heiliger Trotz gegenüber den himmlischen Mächten, die in dieses Leben hineinführen, den Menschen schuldig werden lassen und ihn mit ihrer empörenden Gerechtigkeit beherrschen —: bis zum physischen Ekel vor allem, was die Menge Gott nennt und was doch Welt ist, soll man Widerwillen empfinden.

Es ist kein Zufall, daß Marcion nach langen Jahrhunderten des Vergessenseins in der ersten Hälfte des zwanzigsten zum ersten Male wieder bemerkt wird und daß innerhalb der Christenheit sogar Neu-Marcioniten erstehen. Und für letztere empfinde ich persönlich mehr Hochachtung, nicht allein geistige sondern vor allem moralische, als vor den vielen Rückwanderern in den Mutterschoß ihres Kinderglaubens, den sie überdies als Kinder meist gar nicht lebendig gehabt hatten. Von diesen gilt, wie sich für mich aus dem Studium ihrer Persönlichkeit nach ihrer Bekehrung eindeutig erweist, in allen Fällen außer denen der seltenen prädestinierten Christen, die gleich Paulus geborene Christen waren, dessen jedoch jahrzehntelang unbewußt blieben, dies, daß sie, unfähig aus den Gegensätzlichkeiten ihrer Zeit zu einer Synthese auf höherer Ebene aufzusteigen, in die nächstniedere hinabfielen; in diesen sehe ich feige Verräter ihrer Freiheit und ihrer Menschenwürde. Denn darüber besteht kein Zweifel, daß die Welt heutzutage augenscheinlich mehr böse als gut, ja sehr, sehr böse ist und daß es darum unehrlich ist, sich dieses nicht als Grundlage alles dessen einzugestehen, mit dem man sich als Gegebenheit abzufinden und was man zu leisten hat. Andererseits besteht auch kein Zweifel darüber, daß die tiefste Sehnsucht aller strebenden Menschen einem Zustand gilt, der für ihr Bewußtsein Äquivalentes bedeutet, wie für Marcion dessen fremder Gott. Neben den Neu-Marcioniten gibt es nun seit dem Aufstieg des Bolschewismus zu ungeheurer Macht auch viele Ernstzunehmende, denen die Offenbarung Johannis als letzte Weisheit einleuchtet und die von deren Voraussetzung aus ihre Zukunftsprognosen stellen und ihre Zukunftsaufgaben sehen. Es liegt nämlich wirklich nahe, diese Zeit apokalyptisch zu sehen, denn die Grundstimmung derselben entspricht tatsächlich der, welche die Offenbarung Johannis gebar, weit besser als irgendeine Zeit zwischendurch. Wie ist das zu verstehen? Nun, die Konflikte draußen und in den Seelen der Menschen, welche die Christen dem Marcion und dem Johannes von Patmos wieder zuführen, existierten schon zu deren Zeit. Die Bewußtseinsspaltung, die in der Geburt des Teufels, einer früher so nie dagewesenen Gestalt, als Gegenpol des Welteroberers ihren plastischsten Ausdruck fand, begann mit dem Einbruch des Christus-Impulses überhaupt; prophetische Geister konnten sich ihrer möglichen Fortentwicklung darum schon damals als eines Selbstverständlichen bewußt werden und eine wichtigste Etappe derselben ähnlich vorstellen, wie sie sich erst heute als massive Wirklichkeit darstellt, zumal die schöne Welt der Antike, welche vom Christentum zerstört wurde, in ähnlicher Weise den Hintergrund bildete für das grauenhafte Bild ihrer Zeit, wie die schöne Welt Goethes für die bolschewismus-bestimmte Gegenwart. Weltbilder gleich allen Bildern erscheinen in zwei Stadien am übersichtlichsten: als Skizzen und dann als vollendet ausgeführte Gemälde; zwischen diesen beiden Zuständen sind sie schwer richtig einzuschätzen. Über die Länge der Zeiträume, welche zur Entfaltung lebendiger Impulse erforderlich sind, wurde das Nötige schon früher ausgeführt. Daß aber die Visionen Marcions und des Johannes von Patmos erst heute ganz aktuell erscheinen, beruht darauf, daß wirklich jetzt erst die Probleme der Lösung entgegengehen, welche sich dem Frühchristentum aufdrängten. Eben darum aber kommen die Lösungen, welche frühere Zeiten ersannen, nicht mehr in Frage, denn der Grundsatz aller Geschichte ist Einmal und niemals wieder und kein inzwischen durchlebtes Stadium ist aus dem Gefüge der Gegenwart hinwegzudenken, ohne diese zu fälschen. Welche organische Metamorphosen habe ich nicht schon erlebt! Ich bin in das wissenschaftliche, in kein gläubiges Zeitalter hineingeboren worden, und so sieht es für den oberflächlichen Blick so aus, daß die Wissenschaft von erledigtem Irrtum über erledigten Irrtum zu immer größerer Annäherung an die endgültige Wahrheit fortgeschritten sei. Was ich erlebt habe, war ein ganz anderes: die Haeckelianer, Darwinisten, Materialisten, Energetiker, Vitalisten u.s.f. waren konkrete Menschen sonderlicher Art. Aus jedem früheren Gesamtzustande erwuchs ein späterer, ebenso lebendiger, so daß gerade die scheinbar widerlegten Vorfahren aus der späteren Gestalt ohne Mißverstehen nicht fortzudenken sind. Sonst gäbe es ja auch keine historische Immunisierung, als welche es zweifelsohne gibt: die französische Revolution hat sich in allen Ländern, die an ihr teilhatten, als nie wiederholbar erwiesen. Jeder heutige Geist trägt alle früheren Zeitgeister, die seine Entwicklung mitbedingt haben, als Mitererbtes organisch in sich, ob er es nun weiß oder nicht. In meiner Jugend antwortete mir ein kluger Italiener auf die Frage, ob er ein berühmtes Werk, das mich gerade lebhaft beschäftigte, gelesen hätte: Nein, aber mein Vater hat es gelesen, so brauche ich’s nicht noch einmal zu tun. Was jener Mann meinte, gilt für alle Lebenserscheinungen. So wird in jedem künftigen Menschen der Bolschewismus fortleben und zwar unter den Bekämpfern des Bolschewismus viel lebendiger als unter dessen gedankenlosen Bekennern, denn nichts schafft innigere Vermählung und Verschmelzung des Verschiedenen als Krieg; man könnte beinahe das Paradox wagen, daß die Feindesliebe das Prototyp der Liebe ist. Zu Beginn unserer Ära schien ein das erwünschte Ergebnis vorwegnehmender Glaube die Endlösung zu bringen. Daß er diese nicht gebracht hat, bewies von vornherein die früher so nie dagewesene seelische Zerrissenheit der Christenwelt; deren tief Pathologisches indes beweist endgültig das Ungeheuerliche des modernen Satanismus. Denn darüber besteht kein Zweifel: die Bolschewisten mit ihrem Proletkult sind die echten, wenn auch entarteten Erben des Seligpreisers der Mühseligen und Beladenen und ihre Verherrlichung des Häßlichen ist die direkte Folge der Bevorzugung des Sünders. Denn auch Enantiodromie bedeutet direkte Filiation. Außerhalb des christlichen Kosmos hätte der Bolschewismus nie entstehen können. Nichts könnte wirklichkeitsferner sein, als die weit vertretene Annahme seine Theorie und Praxis sei fremder Import aus Asien. Kaum war das Christentum vom Staate anerkannt, da begann die Inquisition eine entscheidende Rolle zu spielen und diese setzt die G.P.U. jetzt fort. Gleichsinnig begann mit dem Siege des Christentums die in der Heidenwelt unbekannte religiöse Intoleranz und der Streit um den Buchstaben im wissenschaftlichen Sinn, und auch hier setzt die Intoleranz des moskowitischen Dogmatismus allerchristlichste Tradition fort, nur eben in kontrapunktischer Einstellung zu früherer Entwicklung. Offen bekannter Haß ersetzt die geforderte Liebe, zynisches Bekenntnis zur Lüge den christlichen Wahrheitskult, Grausamkeit die einst gepredigte Milde, antihierarchischer Geist extrem hierarchischen, nie dagewesene Nichtachtung des Einzelnen die Lehre vom unendlichen Wert der Menschenseele. In diesem Zusammenhang übrigens ist es interessant, daß die ersten überzeugten Bekenner der Intoleranz Deutsche waren, das heißt die spanischen Westgoten; so kommt das heutige Wort bigott von Visigoth her. — Nun ist wohl klar, daß eine Lösung der Probleme, die sich schon dem Frühchristentum aufdrängten, nur vom heutigen Zustande her erfolgen kann. Vor allem hat das Palliativ der damaligen Zeit durch mythologische Vorstellung die Wirklichkeit zu überschichten und so als Problemlösung anzusehen, was nur symbolisches Vorbild sein konnte — ich denke hier zumal an die Vorstellung, der Tod sei schon jetzt überwunden, weil Christus ihn für uns überwunden habe, heute keinerlei Heilkraft mehr. Die Menschheit erwacht in unserer Zeit aus Traum und Vorspiegelung und Schwindel zu nüchternster Tatsachenschau. Dem entspricht es, daß der Teufel heute aus der Hölle auf die materielle Erde hinaufgestiegen ist und sich in der Geschichte objektiviert hat. Mit dem Teuflischen muß sich die Menschheit jetzt in realem Völkerkampfe auseinandersetzen und ebenso jeder Einzelne mit dem Teufel in seiner eigenen Seele. Im heutigen Zustand entspricht der, welcher persönliche Auseinandersetzung mit dem Bösen scheut, jenem Lauen, welchen Gott nach urchristlicher Vorstellung ausspeien würde.

C. G. Jung behauptet, daß Probleme, die sich früher auf der Objektstufe stellten, nunmehr allesamt auf die Subjektstufe erhoben werden müssen, und nur auf dieser ihre Lösung finden können. Dem steht entgegen, daß sich gerade heute das innerlich-Seelische objektivierter als je früher darstellt in Form von Volksgeistern, Zeitgeistern, Massenbewegungen und ähnlichen sehr realen großmächtigen Kollektiv-Wesenheiten, und daß der Drang der Menschen, sich in Projektionen auszuleben, nie größer war als jetzt, was ja auch der Primitivität des Normalzustands des vierten Stands entspricht. Sicher aber hat Jung damit recht, daß jeder sich heute persönlich mit allem auseinandersetzen muß. Nur ist dabei zu berücksichtigen, daß jedes Ich eines Du bedarf, mit dem es sich polarisiert, auf daß seine eigenen Kräfte erwachen und ihm selber bewußt werden. Unter diesen Umständen tut man heute recht daran, indem man bestimmte Impulse auf einzelne Geister zurückführt, welche die Mehrheiten im gleichen Sinne inspiriert hätten, wie dies nach griechischer Vorstellung die Götter taten. In diesem Sinne wage ich es im Folgenden eine kurze charakterisierte Ahnentafel für die heute lebenden und für die historische Bewegung repräsentativen Seelen aufzustellen, wobei sich erstaunliche Verwandtschaften herausstellen werden. Schon in Menschen als Sinnbilder und im Kapitel Geisteskindschaft von Wiedergeburt stellte ich die großen Geister als Menschheits-Gene hin im genau gleichen Verstand, wie es physisch nachweisbare Erbträger gleicher Benennung gibt. Alle diese Gene lebten auf beiden Ebenen als unveränderliche Wesenheiten fort und gingen im übrigen die logisch unwahrscheinlichsten Verbindungen ein. Unser Zeitgeist nun hat besonders viele disparate Ahnen, deren ich einige noch nicht betrachtete aufzählen möchte. Nietzsche bedeutet ein wichtiges Gen bei allen Bewegungen und Bewegern dieser Zeit, auch den seinem Geiste fremdesten, auch denen, welche seinen Namen nie gehört und von seiner Philosophie nie etwas vernommen haben. Die Grundeigenschaft des erkennenden Geistes ist die Übertragbarkeit seiner Herausstellungen, die aber erscheint seit einem halben Jahrhundert in ähnlichem Grad gesteigert, wie das Flugzeug schneller ist als das Ochsengefährt. Und ebenso wie das jedem verständliche Schlagwort heute die Esoterik früherer Geistesausdrücke ersetzt, welches Schlagwort unmöglich wahr sein kann, wirken Geister heute durch ihr Mißverstandenwerden — hindurch — was aber ihre Identität für die Dauer nicht beeinträchtigt. Darum stoße man sich nicht daran, wenn ich verschiedenen Geistern Hauptwirkungen in solchen Richtungen zuerkenne, in die sie persönlich nie bewußt gewiesen haben. Dies gilt zumal von Nietzsche. Weil ich selber einer späteren Epoche angehöre, einer Epoche, die noch kaum begonnen hat, hat mir Nietzsche in meinen Entwicklungsjahren nichts bedeutet. Das Richtige, das er vertrat, erschien mir selbstverständlich, seine zeitlichen Verdienste interessierten mich wenig, da sie mich innerlich nicht angingen, über seine Fehler war ich längst hinaus und seine Übertreibungen stießen mich bloß ab, da ich nichts in mir auf Nietzschesche Art überzukompensieren brauchte. Aber gerade Nietzsches Übertreibungen haben historisch gewirkt, weil die meisten Deutschen meiner Generation und späterer Ähnliches in sich zu überwinden hatten, wie Nietzsche. Für die durch Bildung und Humanität und Idealismus in eine psychische Sackgasse Geratenen bedeutete zumal Nietzsches Aufruf, wieder böse zu werden, eine sie tief revolutionierende Tat, weil sie ihnen einen Ausgang aus besagter Sackgasse wies. Ihre Ergriffenheit gerade durch ihn und was mit ihm zusammenhing ließen sie sich aber nicht merken; sie redeten nur von seiner psychologischen Kritik, seinem moralischen Genie, seinem heroisch Unzeitgemäßen und vor allem von seinem herrlichen Stil; sie irrealisierten ihn durch ihr öffentliches Lob, indem sie ihn auf das tote Geleis literarischer Bedeutung hinüberschoben. Aber gerade weil über ein Menschenalter lang das eigentlich als bedeutsam Gefühlte nicht verredet wurde, ergriff es die Menschen desto tiefer und brach später aus der bisherigen Latenz mit Vehemenz in das Licht des Sichtbaren und historisch Bestimmenden aus. Das Antichristliche und Amoralische der neuen Generationen und die Bereitschaft zum Nationalsozialismus — die durchaus nicht immer und nicht einmal hauptsächlich patriotische Gründe hatte — ist sicher Nietzschescher Provenienz. Vor allem aber die unbefangene Bereitschaft zum Bösen. Denn alle Gewalttätigkeit war ja vom Standpunkt des Humanitätszeitalters böse und damit war es alle Macht an sich. Nietzsche persönlich verherrlichte das Böse nur als Ausdruck von Machtvollkommenheit, ihm fehlte jede Sympathie mit dem häßlichen Teufel, er pries dagegen Dionysos. Aber unser Teufel ist ja selbst, wie wir sahen, seinem manifesten historischen Ursprung nach ein verwandelter Dionysos, und so konnte physiologischen Christen nichts näher liegen, wenn sie Nietzscheaner wurden, als dieselbe Verwandlung noch einmal vorzunehmen. Wir Europäer sind aber alle so sehr physiologisch Christen, ganz einerlei ob wir den Christenglauben bekennen oder nicht, daß es meines Wissens noch keinem von uns gelungen ist, einen neurezipierten Impuls nicht dem christlichen Erbe einzuordnen. Im hier behandelten Fall amalgamierte sich nun der Nietzsche-Impuls mit dem von Marx. Über das in den Kapiteln Besitzende und Besitzlose und Wandel der Reiche hierüber Mitgeteilte hinaus ist an dieser Stelle dies zu sagen. Mit Marxens Theorien von der Unberechtigtheit des Besitzes, der Unverdientheit des sogenannten Mehrwerts und seiner Aufforderung zum Klassenkampf wurde der Neid legitimiert, der Vater des meisten Häßlichen auf Erden. Dieser wurde darum so schnell zur Macht, weil er auch vom Christentum nie ausdrücklich verdammt worden war. Und da Marx überdies das Recht der Schlechtweggekommenen behauptete, den Erfolgreichen ihre Vorrechte zu nehmen, so wurde das schöne Böse, welches Nietzsche meinte, indem er das Raubtier verherrlichte, welches immer die Sehnsucht und die Ehrerbietung aller Schwachen gebannt hat, unmerklich zum häßlich-Bösen. Daher die spätere Verschmelzung in der Seele des modernen Massenmenschen von Neid und Gewalttätigkeit. (Der moderne Thersites schimpft nicht mehr, er schießt.) Daß die Gewalttätigkeit bei den Spaniern und den Russen ihren Höhepunkt erreichte, lag daran, daß diese Völker zu den wenigst zahmen Menschen-Tieren gehören; zumal beim Bolschewismus spielt die ungebrochene Wildheit des Russen eine große mitbestimmende Rolle. Bei den romanischen Völkern wiederum wurde das anarchische Motiv dominant und von dort aus überall in der Welt aufgenommen — hier bäumten sich jahrtausendelang gebändigte Instinkte gegen das römische Recht auf, welches ganz im Besitzrecht wurzelt und sich selber formalistisch auffaßt; Sorels Réflexions sur la Violence konnte nur ein Romane schreiben, denn instinktiv wendet der Mensch gegen Starres Gewalt an; hier gibt es keine mögliche Überredung und Bekehrung. Bei den Russen spielte noch das christliche Erbe der Bevorzugung des Niedrigen so wie die Kulturfeindlichkeit des Urchristentums eine wichtige Rolle, und im Gegensatz dazu bei den Spaniern entartete Eifersucht des Stolzen. Alle diese aufgezählten Impulse und Einflüsse verstärkten und bestärkten einander und steigerten damit die Macht des Neuerungsimpulses. Alle diese Flüsse und Bäche, um das Bild ein wenig zu ändern, wurden aber letztlich vom starken Gefälle eines lange vorher entsprungenen breiten Stromes zusammengefaßt getragen. Ich meine den Strom der kritischen Besinnung, der Seele aller Wissenschaft, welche kein Vorurteil gelten läßt. Indem diese das Wertgefühl, welches unabhängig von erwiesener Richtigkeit besteht, untergrub, schwächte sie — da das Wertgefühl aus anderer psychologischer Wurzel hervorwächst, als der Sinn für Wahrheit — den Sinn für Qualität und Niveau überhaupt, zumal die Wissenschaft immer mehr von Werten absehen wollte (was Max Weber spät in diesem Sinne formulierte, war schon lange die Seele der Wissenschaft des XIX. Jahrhunderts gewesen). Mit Freud begann dann nicht nur die Herausarbeitung, sondern die Legitimierung der niederen Triebe und die Sucht, alles Höhere auf Niedriges zurückzuführen (der Psychotherapeut darf ja nicht werten, wenn er helfen will), womit das Neidmotiv gegenüber dem des Hochmuts, wie ihn Nietzsche meinte, die übermacht gewann. Last not least ist des gewaltigen Einflusses des Geists der experimentellen Naturwissenschaft zu gedenken. Dieser verleugnet nicht nur jeden Autoritätsglauben, er leugnet auch jede Möglichkeit, aus der Autonomie des Geists heraus zur Einsicht zu gelangen: für sie entscheidet das Ergebnis des Experiments auf der Ebene des Objektivierten; was sich nicht objektiv und experimentell (was Wiederholbarkeit vorausgesetzt) als wirklich und gültig erweisen läßt, das gibt es nicht, darf es nicht geben. Solcher Geist konnte nicht umhin, nach und nach alle traditionelle Weisheit um ihre Autorität zu bringen.

Doch der Einfluß der experimentellen Naturwissenschaft wirkte sich auch nach einer anderen Richtung hin aus; er verstärkte überall den Willen zum Risiko, ließ von neuer Seite her das Mut-Motiv neu anklingen — dies erklärt den neuen Sinn für das Heldische und Kriegerische — und setzte die Freude am Zerstören frei; seither kam es den Menschen immer weniger darauf an, Werte zu verwirklichen gegenüber der Sucht, Neues zu erleben. Zumal bei den Deutschen wurde das Erlebnismotiv suprem, da sie ja ursprünglich ein Mut-Volk sind — wie oft ist mir geantwortet worden, wenn ich auf die Gefahren einer Entwicklung aufmerksam machte, die in diesem Stadium noch aufzuhalten war, da müssen wir eben hindurch! Bei den Russen bewirkte Ähnliches das leidenschaftliche psychologische Interesse sowie der Hang zum Positivismus, der nur Handgreifliches wahr haben will und andererseits vertritt, was sich mit Händen greifen läßt, dessen Existenz sei damit experimentell erwiesen. Aus der Verquickung und Verschmelzung aller dieser Einflüsse, Motive und Momente zusammen ist denn ein neuer sehr einheitlicher Zeitgeist entstanden, wahrscheinlich der einheitlichste, den es seit der Hoch-Zeit des Christenglaubens gab. Von hier aus sieht man klar, daß die Bewegungen und Gegenbewegungen dieser Zeit die gleiche Aszendenz haben; es war und ist nur in dem einen oder anderen Fall dieses oder jenes Gen dominant. Aus dem gleichen Zeitgeist heraus ist der Wille zur Veredelung und der zur Herabwürdigung zu verstehen. Der soziologische Grundzug dieses Zeitgeistes ist der, daß er auf dem gesamten Erdball im Zeichen des Aufstieges des vierten Standes steht; es ist kurzsichtig, diesen bloß als Aufstand der Massen zu verstehen, der nur das Vorspiel oder aber die negativste Sondererscheinung desselben bedeutet. Dieser Aufstieg erfolgt seinerseits überall unter dem Zeichen des Sozialismus. Wie ich im Kapitel gleichen Namens meines Amerikabuches nachgewiesen zu haben glaube, sind gerade die Amerikaner zutiefst Sozialisten, nur eben sonderlicher Art, und bekennen sie sich nicht minder als die Russen zum Kult des kleinen Manns, obgleich sie individuellen Reichtum bejahen und erstreben und die Russen ihn ablehnen. Daher die gegenseitige Sympathie dieser beiden Völker.

In der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts ist nun der kritische Punkt erreicht worden, wo sich die verschiedenartigen Komponenten des Gleichen in Polarisation zueinander zu einem nec plus ultra an Gegensatzstellung herausdifferenziert haben; sie konstellieren einander in so nie dagewesener Spannung. Wo das Böse und Häßliche vorherrscht, übersteigert es sich überall, von der kalten Vernichtungstechnik der Kapitalisten und Plutokraten bis zur ebenso kalten Mordgier der Bolschewisten; in kontrapunktischem Verhältnis dazu übersteigert sich der heiße Blutopferglaube der Deutschen und Spanier, der ikarische Todeswille zum besten eines Höheren der Japaner und der indische Wille zum Martyrium. Hier geht uns lediglich die Herausdifferenzierung des Teufels an. Ein jenseits des Teufels ist für den Menschen in der gleichen Richtung nicht vorstellbar. Welche Fortentwicklung ist da nun möglich? Entweder es folgt auf den Teufelsglauben in der geistigen Sphäre gar nichts, das Reich des Nichts, oder aber es erfolgt aus horror vacui eine Apokatastasis des Gegenpols des Teufels. Die Konsequenz des Gar nichts haben alle Nihilisten gezogen, deren es mehr Typen gibt als man glaubt und welche heute die geistige Welt beherrschen. Die Positivsten unter diesen sind die spanischen Nadisten, deren Wesen ich im Unamuno-Kapitel schilderte, die sich leidenschaftlich und heldenhaft zu ihrem Nichtwissen bekennen und aus tiefstem eigenen Wirklichkeitsgefühl heraus sich frenetischen Muts mit dem geglaubten Nichts als Abenteurer auseinanderzusetzen wagen. Die zweitedelsten Nihilistentypen waren die nun ausgestorbenen russischen Nihilisten, die nicht nur tabula rasa mit allem äußerlich Bestehenden machen wollten, sondern auch ihre eigene Existenz rückhaltlos zum Opfer brachten. Diese beiden Typen stellen letztliche Abwandlungen des uralten Glaubens dar, daß nur der Tod des empirischen Ich zur Realisierung des Letztwirklichen führt. Die dem heutigen Zeitgeist am meisten entsprechenden Nihilisten aber sind die, die sich paradoxaler Weise zur Existenzialphilosophie bekennen. Diese ist nämlich, durchschaut, wie ich an anderen Stellen mehrfach auseinandergesetzt habe, ein Verzweiflung-geborenes Bekenntnis zur Leere. Hier schwebt der erkennende Geist über dem Nichts, steht der Mensch vor dem Nichts in der letzt-Einstellung des passiven Betrachters und scheidet aus allem möglichen Schicksal aus, da er dessen Sinn verneint. Vor der Einsicht in den wahren Charakter ihres Glaubens oder vielmehr Nicht-Glaubens bewahren sie sich durch Betonung der Existenz, und geschähe dies auch nur im Sinne oberflächlichsten Buchstabenglaubens. Zu diesen Nihilisten gehören, so oder anders, alle Attentisten des zweiten Weltkrieges; die plötzlich allgemein gewordene Bewunderung von Rilke, der auch als Metaphysiker Nihilist war, gehört hierher, auch der After-Schicksalsglaube Oswald Spenglers und die Geistfeindschaft von Ludwig Klages; denn die Seele, für welche er gegen den Geist eintritt, verstarb, so wie er sie meinte, in prähistorischer Zeit und von der Zukunft erwartet er nur sinnlosen Untergang. Auch der Amerikaner, welcher äußerlich so gar nicht danach aussieht, ist in seinen ihm unzugänglichen Tiefen Nihilist, da er sich, bei allem materiellen Fülle-Bedürfnis, zur geistig-seelischen Leere bekennt. Der hier in Stichworten geschilderte Nihilismus ist der Urgrund auch aller Zerstörungs- und Todesbereitschaft. Positiv zum Leben eingestellt sein kann in einem solchen Falle nur der Geist der stets verneint. Das aber ist bekanntlich der Teufel. An dieser Stelle realisieren wir denn ganz, wieso sich der Teufel gerade in unserer Zeit zu so massiver Gestalt objektivieren konnte. Die Erklärung liegt in dem Satz der altchinesischen Weisheit:

Wie die Menschen sind, so erscheint die Welt.

Doch bei der Leere als letztem Wort — und die Leere ist das unvermeidliche Endergebnis radikaler Verneinung — kann es nicht bleiben: sie konstelliert von sich aus zwangsläufig die Fülle, was in Deutschland übrigens schon die Wahl des Wortes Existenz als tiefste Tendenz beweist. Von hier aus sehen wir den Weg in eine bessere Zukunft deutlich vor uns. Ich habe neuerdings den Vorzug, mich als Geist nicht nur mit meinen Vorfahren und Zeitgenossen, sondern auch mit meinen Nachkommen polarisieren zu können; da ich nie anderes angestrebt habe, als meine Schüler selbständig zu machen, so entwickeln sich diese, je näher sie mir stehen, desto selbstverständlicher zu freien Mitschöpfern. So stellte denn mein Sohn Manfred, als er während schwerster Verwundung besonders viel Zeit zum Nachdenken hatte, die folgenden Fragen:

Bedeutet nicht die Verneinung aller Werte durch den Bolschewismus in der Menschheitsentwicklung das Gleiche, wie das sich-leer-Machen von Bewußtseinsinhalten des einzelnen Meditierenden? Können wir nicht fragen, ob der reine Geist sich vielleicht dann erst auf Erden verwirklichen kann, wenn das Bewußtsein der Menschheit genau so von allen früheren darin aufgestapelten Vorstellungen entleert ist, wie das Bewußtsein des östlichen Meditierenden? Weiter: bedeutet nicht das Aufgeben alles Bisherigen das Gleiche, wie Leerwerden von allem Bisherigen? Wird dann nicht auf Meditationswegen das gleiche erreicht, wie auf dem Weg der Kali-Liebe?

Die Antwort auf diese seine Fragen wird Manfred einmal auf seine Art in seinem eigensten Sinne geben. Mir verhelfen sie besonders gut zum Übergehen vom Nihilismus zu einer neuen Positivität. Der Glaube ans Nichts und die Bereitschaft zum Nichts konstelliert wirklich am machtvollsten die tiefste Wirklichkeit. Und der Wille zur Zerstörung und zur Tötung bedeutet immer zugleich Willen zum erneuerten Leben. Insofern, allerdings nur insofern, stellt der Teufel wirklich einen Teilaspekt jener Macht dar, welche stets das Böse will und stets das Gute schafft. Allerdings aber nur einen Teilaspekt, denn, wie früher erklärt, der Teufel ist nicht der Böse Gott; er gehört zutiefst der vergänglichen Welt des Materiellen an. Darum kann er nie direkt Gutes schaffen: er kann nur das Böse ad absurdum führen. Eben dies geschieht durch den entsetzlichsten Ausdruck des Nihilismus dieser Zeit, den Bolschewismus. Und nun sieht man auch, von wie langer Hand und auf wie vielen Wegen dieser vorbereitet war. Auf der Ebene des Geistes begann er nicht erst mit dem Nihilismus, als welcher ja schönster Ausdrucksformen fähig ist, sondern mit dem Häßlichkeitskult der naturalistischen Literatur und bildenden Kunst des XIX. Jahrhunderts; nur das Häßliche galt deren Vertretern als wahr. Gleiches galt später von den Psychoanalytikern, gleiches von allen Materialisten überhaupt, als welche die selbständige Wirklichkeit des Geistes leugneten. Der Teufel ist nun nichts anderes als der zum Dämon erhöhte Materialist. Wer die Selbständigkeit der geistigen Werte leugnet, muß, was immer sein Bewußtsein ihm vorspiegele, das Häßliche wollen. Gerade das Häßliche und das Niedrige, nicht das erhabene Böse. Von hier aus offenbart sich einem ein neuer Aspekt des Sinns der Konvergenz Amerikas mit Rußland: Amerika will bewußt nichts Böses und verabscheut die Gewalt. Doch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt bevorzugt es immer mehr das Niedrige gegenüber dem Hohen. Wenn nun der Mensch wirklich zutiefst Geist ist und die von jeher als höchste anerkannten Werte seinem wahren Wesen entsprechen, dann muß gerade die massive Herausarbeitung des Teuflischen, wo einmal der Verstand, der selber der materiellen Seite des Menschen zugehört, zur Hauptmacht innerhalb des Bewußtseins geworden ist, den kürzesten Weg darstellen, den substantiellen Geist zu realisieren von der neu erreichten Wachheitsstufe her. Indem sich der Mensch dem Teufel in und außer sich selber vorurteilslos stellt, gewinnt er eine so niedagewesene Möglichkeit, eine Existenzebene zu erreichen, die im positiven Sinne jenseits von Gut und Böse liegt.

An dieser Stelle sieht man auf eindrucksvolle Art, wozu gerade der Teufel gut ist. Von Jugend auf habe ich es immer wieder erlebt, daß ich für den Teufel in Person gehalten wurde. Lange Zeit befremdete mich dies, denn ich war und bin mir keiner einzigen teuflischen Neigung bewußt. Endlich kam ich darauf, daß gemäß unserem Schöpfungsmythos das bloße Essen vom Baume der Erkenntnis das Paradies zerstörte, und daß es die Schlange war, welche Eva den Wunsch danach eingegeben haben soll. Erkenntnis zersetzt das früher falsch Gesehene. Ich habe nun wirklich eine unüberwindliche Neigung, allen bestimmten Glauben, der meiner Kritik nicht standhält, zu zersetzen. Ich neige sogar dazu, alles Sicherheitsgefühl, wo immer ich ihm begegne, zu zerstören, denn die Menschenwürde steht und fällt für mich mit der Bereitschaft zum Risiko. Der Teufel nun gilt ursprünglich als der Zersetzer und naiven Gemütern der Zersetzer darum als teuflisch. Wenn aber, was der Kritik nicht standhält, zersetzt wird, wird gerade die Wahrheit, das Bleibende und Echte freigelegt. Der moderne Nihilismus mit seiner Aufgipfelung zum Bolschewismus zersetzt nun wirklich alle früheren Bindungen. Gewiß unter anderem auch die, welche ewige Werte dem Erdenleben einbilden. Aber wenn der Mensch nun einmal so weit ist, über sein Schicksal, so weit es von seiner Wahl abhängt, frei entscheiden zu müssen, da gibt es auch nur den einen Weg zur verkannten Wahrheit zurück, daß diese aus dem Zerstörten neu aufersteht. So ist gerade die Häßlichkeit dieser Welt der mögliche Mutterschoß neuer Schönheit, die heutige Niedrigkeit die Vorstufe möglicher Erhöhung und die Apotheose der Lüge der kürzeste Weg zur Wahrhaftigkeit zurück.

Es ist freilich entsetzlich, daß es ohne apokalyptische Kämpfe, ohne Schrecken und Grauen ohnegleichen einen weiteren Fortschritt nicht mehr gibt. Andererseits kann der Teufel so wirklich überwunden werden. Der Teufel ist ja kein göttlicher Geist. Er ist keine ewige Gestalt. Gleich den irdischen Göttern ist er diesseits der Schöpfung entstanden. In der Zeit geboren, kann er in der Zeit wieder verschwinden. Zusammen mit dem Pseudogeist des Materialismus muß er schließlich fallen. Er wird fallen, sobald sich die Menschheit bis zum letzten mit ihm auseinandergesetzt haben wird. Von hier aus gewinnt denn der Bolschewismus gewaltige historische Bedeutung. Ja mehr als historische: übergeschichtliche und letztlich ewige. Die reptilische Gestalt des Kurzsichtigen aber in seiner Kurzsichtigkeit phantastisch scharfblickenden Stalin wird so zu einem Sinnbild viel größerer Bedeutung als es dasjenige des Anti-Christ ist. Von letzterem sagte ich bereits, daß die ursprünglich groß und einmalig vorgestellte Gestalt sich in eine Legion kleiner Anti-Christen verkrümelt hat; darum ist der Mythos vom Anti-Christ heute erledigt; eine große Rolle kann dieser nicht mehr spielen. Wohl aber tut dies der Teufel, der unter anderem die Höchstverkörperung des nur-irdischen Verstandes darstellt, des Schöpfers des Reichs der Künstlichkeit, welcher keinen irrationalen Wert realisieren kann und vom substantiellen Geiste überhaupt nichts weiß. Er ist aber andererseits vollkommen rational und darum kann er durchschaut und durch Durchschauen erledigt werden. Solches indessen gelingt nicht durch bloße Betrachtung, es gelingt einzig und allein durch Durchleben. Dies gibt denn den objektiven Auseinandersetzungen zwischen Menschentum und Teufelei in Kriegen und Hinrichtungen und Versklavungen und Unterdrückungen ohne gleichen einen tiefen Sinn. Es ist möglich, einzusehen, daß es ohne all dies Grauenhafte keinen Aufstieg mehr gäbe. Und diese Auseinandersetzung ist eine viel umfassendere als die, welche der Christusimpuls einleitete. Es muß sich alles viel mehr als dazumal auf der Ebene des fleischgewordenen Wortes abspielen. Das aber bedeutet im besonderen: um den Sinn des Bösen ganz zu realisieren, genügt es nicht mehr, das Böse zu erleiden: man muß es getan haben. Daß schuldloses Leiden das Böse nicht besiegt, hat die Geschichte eindeutig bewiesen; kein Lamm hat je den Wolf überwunden. Aber der Wolf als solcher ist überhaupt nicht zu besiegen, solange er nicht erkannt ist. Und das kann er erst durch persönliche Erfahrung werden. Freilich kann nicht jeder alles tun, noch soll er es. Aber alles Leben und Erleben ist stellvertretend. Und nunmehr wird uns ein sehr überraschendes aber dabei Grandioses klar. Auf der heutigen Bewußtheitsstufe bringt das bolschewistische Rußland ein ähnliches stellvertretendes Opfer wie seinerzeit der gekreuzigte Jesus. Seine Greuel entheben die übrige Menschheit der Notwendigkeit ähnliche Greuel zu verüben. Und es bereitet sich gerade dank ihm in den Seelen die neue höhere Existenzebene vor, nach welcher alle höheren Geister seit Jahrtausenden streben. Mit dem Sündenfall, der mit dem Erkennen überhaupt, in Sonderheit des Unterschiedes zwischen Gut und Böse zusammenfiel, verging das Paradies. Der Christusimpuls offenbarte, daß das geistige Wachstum mit Leiden zusammenhängt und daß Weltgewaltigkeit von Übel sein kann. Doch die christliche Schau war so einseitig, daß sie auf die Dauer ihren Gegenpol konstellieren mußte; gegen Ende der christlichen Periode wurde so gerade in der Christenwelt der Teufel suprem. Dieser offenbart nun immer mehr sein wahres Wesen. Immer mehr erweist er sich nicht allein als After-, sondern als Ungeist. Damit verlassen ihn alle die göttlichen Kräfte, die ihm so lange angedichtet wurden. Es verläßt ihn Ahriman, es verläßt ihn vor allem Luzifer. Bald wird er gar nicht mehr vorhanden sein. Das aber bedeutet nicht, daß nun das Gute endgültig gesiegt haben wird, sondern daß aus dem Teufel der erhabene Böse Gott herausgeboren werden wird. Der Böse Gott als Teilaspekt jenes Allumfassenden, dessen einer Aspekt der personifizierte gute Gott ist. Damit wird die größte Verwandlung vollzogen worden sein, die es wenigstens im Abendlande jemals gab. Die Worte Gut und Böse im bisherigen Verstand werden ihren verständlichen Sinn verlieren. Ein neuer höherer Allgemeinzustand wird entstehen. Der Zustand höchster Fülle. Dieser aber wird die Entleerung durch Nihilismus und Bolschewismus als seine Voraussetzungen nicht verkennen und nicht verleugnen können. Es wird ein Jenseits von Gut und Böse ganz anderer und höherer Art erreicht sein, als es Nietzsche vorschwebte. Ein Jenseits nicht im Sinne des ironischen Darüberstehens, sondern des selbstverständlichen Einschließens beider. Bisher war es wohl so, wie mein Sohn Manfred mir einmal als möglich vorstellte, daß jede Zeit etwas anderes als böse ansieht, welches alsdann verdrängt wird, um die Harmonie des ganzen nicht zu stören. In der darauffolgenden Zeit bräche es dann aus der Verdrängung hervor und stehe an beherrschender Stelle des neuen Weltbilds. So würde der böse Gott immer zum guten Gott. Jede Zeit würde von innen her überwunden, von den als böse verdrängten Inhalten her, welche dann, nachdem sie ans Tageslicht gekommen, der neuen Zeit einen positiven Stempel aufdrücken. Doch bei diesem Nacheinander und Hin und Her handelt es sich um das Vorläufige des Differenzierungsprozesses. Das neue Zeitalter ist aber eins der Integration. Und dessen Positives wurde ermöglicht durch Offenbarwerden all des Negativen, das sich im Lauf der christlichen Ära aufgehäuft hat und nun in seiner letzten Auswirkung verendet.1

1Vollendet Aurach, 14. 11. 1943
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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