Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

IV. Polverschiebungen - Androgynität

Der unmitigierte Männergeist neigt immer zur Zerstörung, aber es kommt sehr selten vor, außer in bestimmten Berufen, daß er wirklich herrscht. Und dies zwar aus Gründen, von denen wir erst neuerdings so viel — wenn auch noch lange nicht genügend — wissen, daß wir gegenständlich darüber reden können. Wir wissen heute erstens, daß jeder Mensch als physiologisches Wesen, nur in verschiedener Gewichtsverschiebung, männliche und weibliche Komponenten in sich trägt; der reine Mann und die reine Frau sind darum Grenzbegriffe, die überhaupt nur in der Begriffssphäre als Wirklichkeiten existieren und nur als Ausgeburten der Welt der Künstlichkeit in die Natur herausgestellt werden können. Schon diese eine Erwägung erklärt, warum die Über-Männlichung den Mann nicht gesteigert, sondern geschwächt hat. Zweitens wissen wir, daß das Unbewußte des Mannes mehr oder weniger weiblich und dasjenige des Weibes mehr oder weniger männlich ist — Jung lehrt das in absoluter Form, aber ich traue seiner Animus-Anima-Theorie nicht ganz, darum mache ich die obige Einschränkung. Drittens inkarniert sich der Geist, das Männlichste am Manne, typischerweise in einem relativ weiblich gearteten Körper. Viertens erweist sich der allzumännlich herausdifferenzierte Mann geistig-seelisch als steril. Fünftens ist der substantielle Geist, obgleich er nur im Rahmen der Kategorie des Männlichen vom Verstande zu fassen ist, ein der Polarität der Geschlechter Überlegenes. Die letzt-behandelten Punkte beziehen sich nicht in gleichem Maße auf die Frau wie auf den Mann, doch das ändert nichts an der Lage des Problems, denn als Gebärerin steht die Frau ebenso oberhalb der Geschlechtspolarität, wie der Mann als Geist; parthenogenetische Fortpflanzung des Lebens ist die Ur-Form derselben, im Anfang war nicht der Mann, sondern das Weib und darum ist sie unter allen nicht entarteten Umständen ganz. Insofern kann man sagen, daß jeder Mensch als psychische Ganzheit, die sich als solche freilich nie manifestiert, androgyn ist. — Sechstens hört das ausschließlich Männliche und das ausschließlich Weibliche normalerweise zu bestimmen auf, sobald beide Geschlechter eine Dauerbeziehung und gar eine Schicksalsgemeinschaft mit einander eingehen. Da erlebt jeder Teil sein eigenes gegengeschlechtliches Unbewußtes im anderen und die Androgynität erscheint auf soziologischem Wege hergestellt. Daher die ungeheure Veränderung, welche bei Frau und Mann, besonders aber bei letzterem, im Fall einer echten Ehe Platz greift. Wie in einem früheren Kapitel ausgeführt wurde, gibt es keine der weiblichen Mütterlichkeit entsprechende Väterlichkeit; der letzteren Urform ist die Ritterlichkeit. Darum hat der Familienvater als solcher im Gegensatz zum rein-männlichen Erzeuger ausgesprochen weibliche Züge. Umgekehrt ist die Hausfrau das Urbild des — Herrschers; echte Herrscher gibt es nämlich nur in Zeiten des Friedens, der Fortsetzung der Überlieferung und des Aufbaus, nicht in Kriegs- und Revolutionsperioden; in letzteren bestimmen Führer, deren Ur-Bilder die Heer-Züge der Völkerwanderung darstellen, als welche ein qualitativ anderes sind als Herrscher. Hieraus erklärt es sich, daß es beinahe nur große Königinnen gegeben hat, aber sehr wenige große Könige. Der Herrscherberuf ist der Gipfel des Berufs der durch Menschenkenntnis und social intelligente, ordnenden und verwaltenden, durch Autorität im Gegensatz zu Gewalt herrschenden Hausfrau. Im übrigen gehorchen die Männer unwillkürlich einer als Autorität verehrten Frau, während sie zu jedem anderen Manne, der nicht ungeheures Prestige genießt, instinktiv kritisch oder kämpferisch stehen. Ich sehe darum in der weiblichen Spitze eines Reichs die bestmögliche Regierungsform; hier konvergieren die Menschen entschieden mit den Ameisen und den Bienen. Diese Auffassung wird meiner Überzeugung nach endgültig als richtig erwiesen durch die Erwägung, daß die herrschende Frau immer letztlich den lebenden Menschen und nicht die Sache berücksichtigt, und das Kapitel Fürsten und Staatsmänner1 lehrte uns ja, daß die Spitze eines Reiches in erster Linie menschlich zu sein hat; die Sachlichkeit als letzte Instanz ist eine Tugend nur bei Subalternbeamten. Überdies läßt sich eine ihrer Stellung sichere Frau viel eher durch die rechten Männer beraten als ein Mann, bei welchem sich, sofern der Minister ihm überlegen ist, beinahe zwangsläufig Eifersucht regt. Von jedem starken Mann gilt der ursprünglichen Neigung nach das Nietzsche-Wort Der Löwe jagt allein, während die Frau dazu neigt, durch andere zu wirken und von ihr Anerkannte zur Geltung zu bringen. Ein französischer König sagte einmal: In einem von einer Frau beherrschten Staat regieren Männer, in einem von einem Mann beherrschten Frauen. Ferner identifiziert sich kein Mann je so sehr mit der Rolle wie die Frau, die als solche ursprünglich vom Ansehen lebt. Man gedenke der phantastisch großen Rolle, welche die Königin Victoria, eine zweifellos nicht bedeutende Frau, in England gespielt hat — trotz der Geringfügigkeit ihrer offiziellen Macht hat sie für das ganze englische XIX. Jahrhundert den Ton angegeben, — was sich die Engländer von keinem männlichen Monarchen hätten gefallen lassen; noch traf ich keinen Angehörigen ihrer führenden Schicht, der nicht energisch bestritten hätte, daß Eduard VII. die Rolle in der Politik gespielt hätte, die der europäische Kontinent ihm zuerkennt. — Siebtens und endlich wird das rein männliche Prinzip mitigierte durch den echten, den substantiellen Geist, wo solcher lebendig verkörpert oder verantwortend vertreten erscheint. Geist ist an sich ein nur im Rahmen der Kategorie des Männlichen vom Verstande Begreifbares; er zeugt, inspiriert, zaubert, verändert, er erhält und bildet nicht. Freilich kann sich Geist ebenso gut als böser wie als guter Geist darstellen — man gedenke unserer früheren Betrachtungen über den Bösen Gott. Aber de facto sind sämtliche je als allgemeingültig anerkannten männlichen Ideale positiv und konstruktiv gewesen. Wo deren Bejahung Zerstörung und Verneinung mit einschließt, werden diese als Mittel zum Zweck des Aufbaus von Schönerem und Besserem aufgefaßt, oder aber es wird aller bewußte Nachdruck auf einzuhaltende Spielregeln gelegt, wie beim Duell als Mittel seine Ehre zu wahren, beim kriegsgerechten Kriegführen und beim sogenannten edlen Waidwerk. Vom echten Geist, ein wie männliches er auf seiner Ebene sei, gilt also nicht, daß das Zerstörerische in ihm überwiege, im Gegenteil. Darum haben sich nur ungeistige Völker von ausgesprochener Männlichkeit als wesentlich zerstörerisch erwiesen, oder aber entgeistete. Letzteres gilt von einem ungeheuer großen Teil der heutigen Europäer und Amerikaner. Ja, diese erweisen sich gerade darum als extrem geistfeindlich und daher zerstörerisch, weil die gesamte europäische Tradition, an der auch Amerika ursprünglich teilhat, eine eminent geistige ist. Der Entgeistete als Renegat beabsichtigt ihm selber unbewußt zuunterst Selbstzerstörung, auch wenn er fremdes Leben vernichtet. Und gerade dieses zuunterst gemeinte Ziel erreicht er am sichersten.

Ich wiederhole, daß ich Näheres über den Verlauf dieses Prozesses nicht angeben kann, weil die Weltrevolution vermutlich Jahrhunderte zu ihrer Vollendung und damit Erledigung benötigen wird, im Laufe welcher es ohne Irrwege und Rückschläge auch auf dem Wege der Neu-Durchgeistung schwerlich abgehen wird. Die erste Etappe der Emporweiblichung der Frau — ich bilde dieses Wort Willy Schlüters Empormenschlichung nach — dürfte schnell erreicht sein. Sobald die Hypnotisiertheit der Frau durch die vorgespielten Ideale der Übermännlichkeit aufgehört haben wird — Suggestion wirkt nie sehr lange nach — werden sich die Urinstinkte der Frau, gerade wegen ihrer langen Vergewaltigung machtvoller als jemals früher manifestieren. Selbstverständlich nicht in der Öffentlichkeit, doch desto sicherer und stärker in der Intimität. Spanische Frauen freuen sich dessen, wenn die Männer auf der Plaza palabrieren — dort kommen sie ihnen nicht in den Weg und im übrigen scheint es ihnen ziemlich irrelevant, was sie in der Öffentlichkeit beschließen. Auch ich habe von jeher darüber gelacht, daß das öffentliche Leben gegenüber dem privaten und intimen so phantastisch überwertet wird; ich fand das von jeher genau so lächerlich, wie die Sitte einiger Länder, ausgerechnet die Schlafzimmer, wo die Menschen doch die längste Zeit ihres Privatlebens verbringen, nicht schön einzurichten, zumal keine wirklich bequemen Betten hineinzustellen. Sogar alle wichtigen Entscheidungen seitens maßgebender Männer kommen in der Intimität zustande. In der kommenden Weltphase nun wird mehr denn jemals früher alles darauf ankommen, was in der Intimität geschehen kann. Nach der beispiellosen Veröffentlichung des Lebens während der letzten Jahrzehnte, gepaart mit einer lauten Propaganda, wie sie kein früheres Geschlecht gekannt hat, wird das öffentliche Leben weniger als jemals früher bedeuten. Zumal nach dem ungeheuerlichen Zerstörungswerk des zweiten Weltkrieges andere als intime Freuden kaum mehr erreichbar sein werden und jeder sich unwillkürlich auf die Restauration seiner privaten Existenz konzentrieren wird. Daß es so kommen werde, wußte ich schon 1932, als ich die Vie Intime schrieb, die ich im Jahre 1933 veröffentlichte, welchem kleinen Brevier ich drei Jahre später das ausführlichere und wegen der Zuspitzung auf die kollektivierten deutschen Verhältnisse eindringlichere Buch vom persönlichen Leben folgen ließ. Aber erst nach der Zerstörung von Zehntausenden von Heimen, wo ich jahrelang selber zusammen mit meiner Frau in einem winzigen Zimmer, in dem ich mich kaum bewegen konnte, leben mußte, habe ich das, was ich theoretisch längst wußte, ganz realisiert. Mehr als die meisten hatte ich als extrem Weitsichtiger das Nächstliegende, Geringe und Kleine, dessen nur der Kurzsichtige scharf gewahr wird, kaum überhaupt bemerkt.

Nunmehr verschob sich mir die Perspektive, und da ich von der Bedeutsamkeit alltäglicher Kleinigkeiten vorher nichts geahnt hatte, so brachte mir die Beengung Bereicherung. So dürfte es sehr vielen tieferen Erlebens fähigen Männern, die aber von Hause aus auf große Zusammenhänge ausgerichtet sind, ergangen sein. Auch dieses Kommende, wie so manches andere, hatte Nordamerika lange vor Europa mit seinem Privatismus, freilich in verzerrter Form, antizipiert — in verzerrter, insofern nur das private Geschäftsinteresse gegenüber dem Forum den Primat hatte, während gerade das Menschliche zum Hauptbetätigungsfeld öffentlichen Interesses wurde. Man gedenke der phantastischen Indiskretion der amerikanischen Presse und des schamlosen Exhibitionismus der Frauen bei Ehescheidungsprozessen. — Sobald nun auf dem Privaten und Intimen aller Nachdruck liegt, ist die große Chance der Frau gekommen und da. Kürzlich las ich Lin Yutangs großen Roman, der nach amerikanischem Muster die Schicksale einer Familie durch mehrere Generationen verfolgt, in diesem Fall vom Boxer-Aufstand bis zum Kriege zwischen Tschunking- und Nanking-China: so patriarchalisch der Aufbau der chinesischen Großfamilie heute noch sei — keiner weißen Frau eignet, nach dieser sicher lebenswahren Schilderung zu urteilen, in ihrem Heime eine gleiche Machtstellung, wie nicht nur der jeweils mächtigsten Frau des gleichen chinesischen Heims, sondern auch der hierarchisierten Frauengemeinschaft. Die als weibliche Persönlichkeit erkannte und anerkannte Frau erweist sich also sogar innerhalb ausgesprochen patriarchalischer Lebensordnung in der Intimität als das stärkere Geschlecht. Nach den furchtbaren Erlebnissen der letzten Jahrzehnte wird dies unter weißen Menschen in nie dagewesenem Maße der Fall sein, neben den vielerlei angeführten Gründen auch darum, weil der Mann durch jahrzehntelanges Leben in übermännlichter Öffentlichkeit sein meistes Können in der Sphäre des intimen Lebens vergessen haben wird; nicht so bald wird er innerhalb dieses wieder zur Autorität gelangen. Vor allem aber wird es alle geistbestimmten Männer, welche diese apokalyptische Weltphase überleben, mehr denn je früher in die Abgeschiedenheit ziehen, dies aber heute nicht als zölibatäres Mönchtum verstanden, sondern als Seelengemeinschaft mit der Frau. Schon heute, da ich dieses schreibe, suchen die meisten durch die Leiden des Krieges vertieften und dem Geist geöffneten jungen Männer nach ihrem Zustand und ihrer Sehnsucht entsprechenden, also dem Geist geöffneten seelenvollen Frauen — freilich vorläufig nur zu oft, wie Diogenes mit seiner Laterne nach Menschen.

1Eins der Kapitel, die im folgenden Band gedruckt werden. [Anmerkung des Keyserling-Archivs]
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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