Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

In den Himalayas: Proteus

Nein, wesentlich bin ich kein Mensch; mein Menschentum ist Zufall… oder Notwendigkeit, wie man es nimmt, aber gewiß nicht mehr. In der Luft der Himalayas, die den Geist beschwingt, wie keine, wird mir die wunderliche Tragödie meines Daseins schmerzhaft deutlich.

Schon in meiner Kindheit wunderte ich mich darüber, daß ich als Person unveränderlich sei; ich fühlte mich so wenig identisch mit mir, wußte mich so grenzenlos wandlungsfähig, daß es mir natürlicher geschienen wäre, wenn mein Körper sich eben so verhalten hätte, wie meine Vorstellungen, die bald so, bald wieder anders aussahen, je nach meiner Stimmung. Und wie mir dann von Proteus vorgelesen wurde, da dachte ich: endlich ein Wesen, welches durchaus natürlich wirkt. So wie Proteus, müßte auch ich mich verwandeln können, denn eigentlich kann ich es ja. Wesentlich bin ich nicht mehr Hermann Keyserling, als ein Tier oder ein Baum oder irgendein anderer Mensch, und scheint es anders, so kann ich nichts dafür. Das Staunen meiner Kindheit hat mich nie verlassen; es ist nur immer tiefer geworden. Nie, mein ganzes Leben hindurch, habe ich mich mit meiner Person identisch gefühlt, nie Persönliches als wesentlich empfunden, nie mein Selbst in Mitleidenschaft gezogen durch das, was ich jeweilig schien, war und tat, was ich erlitt und was mir widerfuhr. Und jahrelang habe ich darnach gestrebt, die Fesseln bestimmten Daseins zu zersprengen, mich so darzustellen, wie ich wußte das ich war. Bald mußte ich einsehen, daß dieses so, wie ich’s meinte, nicht möglich sei: der Menschenleib ist nicht proteisch plastisch. Dann versuchte ich’s mit der Psyche, aber auch sie versagte. Der Schauspieler verwandelt nicht sich, indem er anders wird, sondern er stellt nur einen anderen dar; der Dichter verändert nur seinen Ausdruck, nicht seine Person. Ich wußte, daß dieses noch nicht das Äußerste ist, daß es möglich sein muß, sein wirkliches Dasein ebenso zu wechseln, wie der Schauspieler seine Rollen, der Poet seine imaginativen Verkörperungen; mir offenbarte mein unmittelbares Erleben, daß meine Person mit mir nicht identisch ist, daß sie mich einschränkt, daß ich viel mehr sein könnte, wenn es mir glückte, irgendwie aus ihren Grenzen auszubrechen. Ich mußte einsehen, daß dies hienieden unmöglich ist. Auf meinen tiefsten Herzenswunsch habe ich verzichten müssen.

Dieses Schicksal hat mich zur inneren Einkehr veranlaßt. Nachdem ich erkannt hatte, daß nicht allein der Körper versagt, daß auch die Psyche viel zu träge ist für meine Zwecke, gab ich das Streben nach außen zu auf und zog mich tiefer und tiefer in meinen Grund zurück, dort meine Freiheit zu realisieren. Und wie ich weiter erkannte, daß die innere Verwirklichung ihren äußeren Exponenten an der Vollendung hat, schwor ich dem Proteusideal im Letzten ab und strebte nur darnach, mich im Rahmen meiner Natur zu vollenden. Aber noch heute ist der Kummer darob nicht abgestorben, daß ich das, was ich eigentlich will, habe aufgeben müssen. Ich bin nicht ursprünglich dazu da, mich zu vollenden im allzu engen Rahmen des Menschentums, ich bin geboren frei zu wirken in freieren Sphären. Und zu den Stunden, da mein wandernder Glaube bei der Karma-Lehre stehen bleibt, will mich bedünken, daß mein diesmaliges Schicksal die Sühne bedeutet für eine Periode allzu schweiferischen Dämonentums.

So viel ist gewiß: ich verfolge eine Bahn, die meiner Natur im Grunde nicht liegt; das Ziel, das ich mir gesteckt habe, zu erreichen, wird mir schwerer fallen, als irgendeinem anderen. Ein Proteus, der nach bestimmter Vollendung strebt… Es hat etwas Tragikomisches. Wenn ich wenigstens ein Bhakta wäre, wenn mir die inneren Hilfsmittel zur Verfügung ständen, die eine emotionell-religiöse Grundstimmung bedingt: sie fehlen mir; ich spüre keine eigentliche Begierde nach dem Heil. Oder wenn ich des Autoritätenglaubens fähig wäre! Der Köhler hat es leicht, seine spezifische Vollendung zu erreichen. Er gibt sich überkommenen Vorstellungen hin, die er kraft seines Unverstandes nicht in Frage stellt, und sind jene nur einigermaßen vernünftig, so bilden sie die Seele entsprechend aus. Ich nun bin als Mensch ein extremer Ausdruck des Typus, dem sein größter Vorzug, seine Intellektualität, die Selbstverwirklichung erschwert. Ich bin nicht fähig, auf die Dauer blind zu glauben, ich muß verstanden haben, auf daß eine geistige Wirklichkeit mir wirklich würde, geschickt, mich innerlichst zu beeinflussen; meine eigenen Triebe muß ich verstanden haben, bevor sie mich ganz erfassen können. Mein Bewußtseinszentrum ruht in der Sphäre des Verstehens im gleichen Sinn, wie beim Tier in derjenigen der Sinne, beim Weibe in der des Gefühls. Dies verzögert denn meine Entwickelung. Der Verstand hinkt entweder nach oder aber er greift dem Erleben vor, dieses verkürzend, und der Seele die Erfahrungen verderbend, welche sie wecken könnten. Wie lange hat es gedauert, bis daß ich über den Zustand des radikalen Zweiflers hinausgelangte, damit die erste Spur von Unbefangenheit gewann! In meinen Jünglingstagen war ich keiner Sache gewiß, da mein Mensch noch nicht erwacht und mein Erkenntnisvermögen unausgewachsen war, und da mich die Wahrhaftigkeit verhinderte zu bekennen, was ich nicht wußte, so erschien ich charakterlos. Ich konnte mich für gar nichts entscheiden. Über dieses bittere Stadium bin ich hinaus. Aber noch weiß ich nicht annähernd so viel, wieviel ich wissen müßte, um vollkommen unbefangen zu sein. Noch einmal: wie leicht haben es innerliche Naturen von geringer Intelligenz! Die brauchen nicht verstanden zu haben, damit das in ihrer Seele Lebendige für ihr Bewußtsein wirklich würde. Unsereiner bleibt unsicher, bis daß er weiß, und er weiß so schwer. Und das Ende ereilt ihn meist lange bevor er sich zur Erkenntnis, die seine Erlösung ist, durchgerungen hat…

Dieses Verhältnis stellt in meinem Fall außerordentliche Anforderungen an die Geduld, weil ich mich nicht identisch fühle mit meiner Person; ich dulde recht eigentlich für einen anderen. Da tröstet mich denn das Bewußtsein des Pioniertums. Meine Bahn wird in der Tat mehr und mehr zur Bahn aller werden, denn der Intellektualisierungsprozeß schreitet unaufhaltsam vorwärts. Die Zeiten blinden Glaubens sind vorüber. Nicht minder die Zeiten vollendeten Ernstnehmens bestimmter Form. Ich denke zurück an Paul Dubois’ Ideen über Selbsterziehung; dieser entwickelt sehr richtig, daß es eine Frage der Erkenntnis sei, ob einer das Gute oder das Böse will, dann aber löst er das praktische Problem dahin, daß man sich binden solle durch gute Gewohnheiten — einen solchen Kristallisationsprozeß in sich einleiten, daß sich ein guter und tüchtiger Bürger niederschlägt. Dieses wäre nur eine neue, Freidenkerkreisen angepaßte Fassung des alten Mittels, den Menschen durch Dogmen zu binden. Keiner, der die Bewußtseinslage erreicht hat, wo das lebendige Zentrum im Verstehen ruht, wird es für seine Person mehr gut heißen können; der steht wirklich jenseits von Gut und Böse insofern, als keine besondere Gestaltung ihm ein Äußerstes bedeuten kann. Er strebt nach einer höheren Art Gewißheit: nicht in der Gebundenheit, sondern in der Freiheit. Er will nicht mehr das Gute als zweckmäßige Gewohnheit wollen, sondern über alle Gewohnheit hinaus. Er. will Wurzeln fassen im Urgrund seines Wesens, das alle Bindungen bedingend, selbst ungebunden ist, rein erkennen ohne Vorurteile, rein wollen ohne Absichten, rein sein ohne Daseinsbestimmtheit. Dieser höhere Zustand ist erreichbar. Nur führt er durch große Unsicherheit hindurch, durch viel Gefahren, an denen so manche scheitern mögen. Aber nie noch ward Wesentliches ohne Verlust erreicht. Das Persönlichkeitsideal ist nicht mehr das Höchste. Schon ist die Vorhut der Menschheit so weit, ein Höheres bekennen zu müssen, wenn sie nicht verderben will. Wo der Glaube an den absoluten Wert bestimmter Gestaltungen verging, Autorität nicht mehr bindet, Ritual nicht mehr nützt, wo nur noch Verstandenes ganz wirklich erscheint, stehen nur mehr zwei Möglichkeiten offen: die eine ist die des Untergangs. Wir werden an Selbstzersetzung zugrunde gehen, wofern wir nichts Neues entdecken, denn die alten Heilmittel wirken nicht mehr und ein Herabsteigen von einmal erklommener Naturstufe, wie sie uns immer wieder gepredigt wird, gelingt nur als Sturz. Die andere, positive Möglichkeit — und zwar die einzige — besteht darin, daß wir die neue Naturstufe anerkennen und von ihr aus ein höheres Ideal aufstellen. Von wie wenigen sie bis heute erreicht sei — diese wenigen entscheiden; von ihrem Beispiel wird es abhängen, ob die Masse in den Abgrund stürzen wird oder fortschreiten freieren Höhen zu. Die neue Naturstufe äußert sich darin, daß der Mensch nicht mehr glauben kann, ohne zu verstehen, daß er keine zufälligen Schranken mehr anerkennt, daß er unfähig scheint, Name und Form im bisherigen Sinne ernstzunehmen. Hieraus ergibt sich das entsprechende Ideal: wir müssen vollkommen verstehen, ganz frei werden von Dogma und Vorurteil. Und eine Synthese des Menschentums realisieren oberhalb der Persönlichkeit. Eine Synthese, in welcher der vollkommen verinnerlichte Mensch, im Geist und in der Wahrheit lebend, das Empirische nur mehr als Ausdrucksmittel nutzt.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
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