Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

IV. Nach dem fernen Osten

Rangoon: Der buddhistische Canon

Wie soll man es umgehen, bei einiger künstlerischen Veranlagung, Land und Leute von Birma zu idealisieren? Was man hier sieht und erlebt, ruft einem wieder und wieder den Mythos vom Goldenen Zeitalter ins Bewußtsein. Damals gab es keine Sorgen noch Bedürfnisse; alle Menschen hatten sich lieb, waren unbekannt mit Krieg und Hader; das Leben floß selig dahin wie das von Kindern im Spiegel des Erwachsenen-Bewußtseins. Gerade so scheint das Birmanerleben dahinzufließen. Dieser Zustand ist das Verdienst des Buddhismus. Dessen ungeheure Gestaltungskraft in tropischer Umwelt tritt in Birma noch eindrucksvoller als auf Ceylon an den Tag, weil hier die Kirche weit mehr Bedeutung besitzt als dort und die etwaigen Vorzüge des Bildes dem Rahmen gegenüber kaum in Betracht kommen. Der Birmaner steht als Mensch in keiner Hinsicht hoch; weder ist er tief, noch begabt, noch von echter Herzensgüte. Diese Tugenden sind bei Kindern nie ausgebildet. Sogar die Mönche, so würdig sie sich ausnehmen, können als durch den Buddhismus innerlich Geformte kaum betrachtet werden, wie so manche unter den Bhikkhus von Ceylon: sie sind von außen her geformt, gleichwie der Durchschnitt katholischer Mönche. Die Weisheit katholischer Ordensregeln ist groß, aber sie erweist ihre Wirksamkeit nur unter besonderen, abnorm zu nennenden Bedingungen. Der buddhistische Canon in seiner grandiosen Einfachheit ist eine Form, die fast jedem Tropenbewohner gemäß ist und ihn notwendig zur Vollendung führt.

Wie dürftig und kindisch sind die Vorstellungen, die das Birmanerbewußtsein mit der Religion verknüpft! Religion bedeutet ihm einerseits eine Lebensroutine, eine angestammte Form psychophysischer Hygiene, und dann ein leichtes und billiges Mittel, sich für das Jenseits oder das nächste Erdendasein zu versorgen. Es genügt eine Pagode zu bauen, einen Brunnen oder ein Rasthaus zu stiften, den Armen das Überflüssige zu geben und an den religiösen Feiern, die unseren lustigsten Kirmessen gleichen, teilzunehmen, um soviel Verdienst aufzuhäufen, daß die Zukunft gesichert erscheint. Das ist eben der Typus der Religiosität, der im Volk Süd-Italiens und Spaniens vorherrscht, — vielleicht der niederste von allen denkbaren. Aber mit dieser Feststellung ist das Problem doch nicht erledigt. Darf man von oberflächlichen Kinderseelen eine tiefere Religiosität erwarten? Nein; dazu sind sie nicht selbständig genug. Ihnen kann Religion nur ein äußerer Rahmen sein, dessen Wert sich darnach ermißt, bis zu welchem Grade er sie bildet. Dies nun hat der Buddhismus in Birma in so hohem Grade vermocht, daß unter diesen unverantwortlichen Kindern tatsächlich ein dem Goldenen Zeitalter vergleichbarer Zustand herrscht; unter Voraussetzung ihrer gegebenen Naturanlagen könnten sie nicht mehr sein und nicht besser, als sie dank dem Buddhismus geworden sind. Und dieses liegt gewiß nicht an der äußeren Form an und für sich, sondern an der immanenten Tiefe des Buddhismus. Dessen Gestalt ist der unmittelbare Ausdruck seines Gehaltes, und weil dieser von wunderbarer Wahrheit ist, hat jene auch dort, wo ihr Sinn nicht verstanden wird, Wunder gewirkt. Es ist eben nicht unbedingt notwendig in Fragen des praktischen Lebens, daß einer sich der Weisheit der Regeln, die er befolgt, bewußt sei; sind sie weise, so beweisen sie ihre magische Kraft auch wo sie unverstanden bleiben. Im uralten Glauben an Zauberformeln steckt mehr Wahrheit als unsere Zeit wahrhaben will: Worten und Satzungen wohnen Tugenden inne, die sich auch demjenigen mitteilen, dessen Geist nur den Buchstaben faßt.

Die Gestade des Irrawaddy sind von mehr Denkmälern der Frömmigkeit bestanden, als die des Ganges. Pagode auf Pagode schmückt die Höhen, Kloster auf Kloster, von blühenden Bäumen überschattet, von grünenden Gärten umringt, belebt die Sandflächen. Aber der Irrawaddy ist kein heiliger Strom; er ist ohne tiefere Symbolik, ohne andere als quantitative Größe. Und der Ernst birmanischer Pilger wirkt nicht ernsthafter, als der von Schulkindern, die ohne Rücksicht auf etwaige Ermüdung alle möglichen Freuden eines Sonntagsausflugs bis zur Neige auskosten wollen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
IV. Nach dem fernen Osten
© 1998- Schule des Rades
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