Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

IV. Nach dem fernen Osten

Singapore

Die Pflanzenwelt bestimmt so sehr den Charakter der malayischen Natur, daß ich für anderes kein Auge habe; immer wieder fängt mein Blick sich in den Gewächsen. Seit Ceylon habe ich mich in diese Lebensform nicht mehr versenkt, so ist mein Interesse an ihr wie neu. Wieder erkenne ich’s: wer die Pflanze vollkommen verstünde, dem verschlösse das Leben kein Geheimnis mehr. Und sie gibt sich einem so freundlich hin. Niemand könnte aufrichtiger sein als sie, wahrhaftiger, echter; sie allein vielleicht von allen Wesen der Welt stellt sich ganz so dar wie sie ist. Wie wenige Menschen tun dies, es sei denn für Augenblicke! Sie mögen noch so wahr sein wollen — immer wieder tritt Unwesentliches, Zufälliges in des Bildes Vordergrund, und der Zusammenhang, welcher das Wesen ausmacht, erscheint verrückt. Noch von den höheren Tieren gilt dies; während die Pflanzen, die seligen, reinen, Verstimmungen nie unterworfen sind und immerdar den Grund ihres Wesens spiegeln. Auch phänomenologisch bieten sie nicht weniger, als beweglichere Wesen: die Mannigfaltigkeit ihrer Formen ist so groß, daß nur eine göttliche Phantasie sie zu bereichern wüßte. Wahrscheinlich hat der Aufschluß der psychischen Sphäre, die dem Menschen gegenüber dem Tier so viel Spielraum hinzugewonnen hat, zu keinerlei Neubildungen geführt, deren Geist auf ihrer Ebene die Pflanzen nicht auch verwirklicht hätten. Die Flora bezeichnet, auf bestimmtbelegener Fläche, nicht nur einen vollständigen Ausdruck des Geistes, sondern überdies bei weitem den vollkommensten, den dieser bisher gefunden hat. Vom Standpunkt der Vollendung her betrachtet und mit einer beliebigen Blume verglichen, wirken die höchsten Menschen als Mißgeburten. So stellt die Flora nicht nur, sie beantwortet sämtliche Probleme, die der Menschengeist aufwerfen mag.

Die Betrachtung der Gewächse hat mir heute wieder einmal den empirischen Sinn der Freiheit zum Bewußtsein gebracht. Was heißt man eine freie Tat? Ein spontanes Geschehen nach streng vorgezeichnetem Gesetz. Mit wunderbarer Plastizität werden die Elementarbegriffe obiger Definition vom Pflanzenleben illustriert. Etwas Nicht-Mechanischeres, als das Aufschießen eines Triebes in den Tropen kenne ich nicht; wenn etwas spontan genannt werden darf, dann ist es solch’ triumphierender Anstieg. Dennoch treten die Gesetze der Natur nirgends eindeutiger in die Erscheinung als hier. Ich betrachte eines jener bizarren Riesenblätter, die wie in mutwilliger Absicht verkehrt am Stengel hängen: wie gespannt ist diese Gestalt, wie vibrierend von innerem Leben I Und doch ist ihre Anlage ohne weiteres mathematisch-physikalisch zu verstehen, wäre von einem Techniker vielleicht zu entwerfen gewesen. — Sind wir praktisch überhaupt in irgendeinem andern Sinne frei als die Pflanzen? Schwerlich. Was dem empirischen Freiheitsbegriff zur Grundlage dient, ist die Möglichkeit der Willkür. Nun ist aber der Willkürhafte in Wahrheit der gebundenste; mag er die Welt noch so tyrannisch regieren, er ist Sklave seiner selbst, seiner Leidenschaften, der Elemente seiner Seele, nur durch das eine von der Pflanze unterschieden, daß seine Natur als solche beweglichflüssiger ist. Auch wer sich selbst beherrscht, ist noch nicht wahrhaft frei, sondern erst der von sich freie, welchen Selbstsucht in keiner Form beschränkt; dies aber bedeutet, in der Sprache der Mystik ausgedrückt, wer vollkommen gehorsam ist gegenüber Gott, oder wissenschaftlicher gefaßt, wessen persönlicher Wille eins ist mit der überpersönlichen Macht, die ihm den Platz anwies in der Erscheinungswelt — und dies will wiederum sagen: wer gleich der Lilie mit sich geschehen läßt. Pflanze und Mensch sind beide im letzten frei; das heißt, das Leben, das sie beseelt, ist wesentlich Freiheit. Das empirische Geschehen aber hat in beiden Fällen den gleichen Sinn; es ist ein gesetzmäßiges Auswirken. Ob dieses vermittelst unbewußter Triebe, blinder Instinkte, persönlichen Wollens, der bewußten Einwilligung oder der Initiative in dem geschieht, was seinen Zielen nach über die Person hinausweist, bedingt keinen Wesensunterschied; das Treiben der Pflanze, die Willkür, das Opfer des Menschen bedeuten gleiches. Könnte jene die Frage der Freiheit stellen, sie beantwortete sie nicht anders als wir.

Den Sinn des Unsterblichkeitsinstinkts hätte ich mit geringerer Mühe ergründet, wenn ich, anstatt mein Selbstgefühl zu analysieren, tief ins Grüne hineingeblickt hätte. Alle Unsterblichkeitsvorstellungen sind Wucherungen des Wurzelbewußtseins, daß die Person das letzte nicht ist, daß der Sinn des Lebens tiefer liegt. Diese Wahrheit wird einem von der Flora ad oculos, vordemonstriert. Die Pflanzen wissen nichts vom Individuum, wissen nur ausnahmsweise vom Sterben. Der Akzent jedes, auch des speziellsten Einzeldaseins ruht auf dem, was den Tod überdauert.

Und die Schönheit? Angesichts der Gewächse springt einem ihr Sinn in die Augen. Jede Erscheinung wirkt schön, in der die vorhandenen Möglichkeiten vollendeten Ausdruck fanden; deshalb sind Pflanzen immer schön, wo nichts Äußerliches ihr Wachstum beeinträchtigt hat. Überdies aber tragen sie ein Festgewand, wenn die Zeit der Verewigung kommt; dann prangen sie in herrlichstem Blütenschmuck. Gelehrte haben das aus Nützlichkeitserwägungen zu erklären versucht: wie blind ist der Verstand! Die Schönheit ist überall Selbstzweck; sie ist der äußerste Ausdruck des Möglichen. Die ganze Schöpfung wird schön zur Zeit der Liebe, weil dann unendliche, überindividuelle Möglichkeiten für eine Weile im Individuellen in die Erscheinung treten, weil der Geist der Ewigkeit dann das Sterbliche verklärt. Beim Menschen bringt er die Seele zum Blühen; deren Herrlichkeit verschönt, so lange die Blüte währt, das unscheinbarste Antlitz. Bei den Pflanzen, die in der Leiblichkeit aufgehen, treibt der Geist leibliche Blüten hervor.

Auch über das dunkelste, tragischste Problem gibt einem die Anschauung der Pflanzenwelt Aufschluß: die Einseitigkeit jeder Entwicklungsrichtung. Ein Wesen ist entweder eine Monade oder ein Element; als Monade ist es dem Tode geweiht, als Element zwar unsterblich aber unpersönlich. Ein Baum ist vollendet im Blühen oder als Früchteträger, als Hochstamm oder als Schattenspender, schnellwüchsig oder fest im Holz. Alles auf einmal kann er nicht sein. Das Äußerste, was seinem Streben offen steht, ist, in der Folge seiner Lebensperioden nacheinander viele Vollendungsmöglichkeiten zu erfüllen: erst schnell zu wachsen, sich dann zu festigen; erst der Blüte, dann der Frucht zu leben; erst aufzuschießen, dann sich auszubreiten. Aber wenige sind innerlich so reich, daß sie in mehr als einem Sinn vollkommen werden können.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
IV. Nach dem fernen Osten
© 1998- Schule des Rades
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