Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

IV. Nach dem fernen Osten

Hongkong

Die Landschaft von Hongkong gemahnt an die Riviera; ich bin aus den Tropen heraus. Die Spannung der Atmosphäre hat nachgelassen, die Sonnenstrahlen drücken nicht mehr, alle Übergänge sind sanfter geworden. Sonnenunter- und -aufgänge in den Tropen enttäuschen den, der ihnen mit hoher Erwartung entgegensah: einer zitternden feurigen Blase gleich steigt sie des Morgens vom Horizonte auf — und es wird Licht; wie ein schwerer Tropfen flüssigen Metalls fällt sie des Abends ins Meer zurück — und es wird Nacht; keine Farbensymphonien vor- noch nachher, es sei denn, daß dichte Wolkengebilde die Lichtbrechungsverhältnisse gemäßigter Zonen künstlich hergestellt hätten. An starken Kontrastwirkungen können diese mit den Tropen wohl nicht wetteifern; aber deren Möglichkeiten sind nicht reich, und starke Kontraste verschlingen alle Nuancen. So ist mir diesen Abend, wo ich vom Pik auf die Fläche des chinesischen Meers hinausblicke, als seien neue Kräfte in mir geboren: ich fasse Feinheiten und Abstufungen in Farben und Formen auf, die mir vor wenigen Tagen ganz entgingen. Und hierzu leitet die Natur des Fernen Ostens wie keine andere an: in ihr sind die Linien von einer Reinheit und die Übergänge von einer Reinlichkeit, wie sie bei uns nur künstlerisches Abstraktionsvermögen schafft; diese Natur hat schon Gott stilisiert. Viele der reizvollsten Eigentümlichkeiten chinesischer Malerei sind in jener schon vorgebildet. Wie ich zuerst auf die abendliche See hinausblickte, da schien sie mir von langen weißen Nebelstreifen überlagert. Wie erstaunte ich, als ich bald darauf über diesen Inseln schwimmen sah! Kein unmittelbares Sehen hätte mich lehren können, daß die Inseln nicht im Himmel lagen; dieser Natur gegenüber bedarf es einer gleichen Phantasie, um den perspektischen Zusammenhang zu erfassen, wie gegenüber ostasiatischen Gemälden.

Schon sehe ich’s: in China werde ich mich zum Augenmenschen umwandeln müssen; hier strotzt alle Erscheinung von Sinn. Mir ahnt eine Synthese von Wesen und Schein, wie sie mir noch niemals begegnet ist.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
IV. Nach dem fernen Osten
© 1998- Schule des Rades
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