Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

I. Nach den Tropen

Im Indischen Ozean: Macht des Milieus

Ich habe nachgezählt: unter den Reisenden sind wirklich dreiundzwanzig verschiedene Nationalitäten nachweisbar. Man sollte also meinen, daß die Besatzung einen äußerst uneinheitlichen Eindruck machen würde. Das Gegenteil davon ist der Fall: die Leute unterscheiden sich kaum voneinander, wenn ich vom Äußerlichen absehe und der innerst-seelischen Welt und mich an den greifbaren Charakter halte.

Dies ist der Erfolg eines bloß vierzehntägigen Zusammenseins im nicht einmal engen Raume eines Ozeandampfers. Wird zwischen Noah, Löwe und Schaf gegen Ende der Sintflut überhaupt ein Unterschied bestanden haben? — Jeder ist als Erscheinung immer nur so viel, als er zur Geltung bringen kann, und wird mehr oder weniger, so oder anders je nach den Zügen, die von seiner Umgebung aufgefaßt werden: dies erklärt die ungeheure Macht des Milieus. Das von Paris z. B. steigert jeden Geist, dem es einigermaßen kongenial ist. Man versteht auch, was einem selbst nie eingefallen wäre, und das Verständnis löst neue Einfälle aus: in Paris, dessen gebildete Kreise die geistig behendesten der Welt sind, findet diese Fortentwicklung mit solcher Geschwindigkeit statt, daß das Denken überhaupt nicht zum Stillstand gelangt und von einem Standpunkt oft mit einem Ruck zu einem so viel höheren hinaufgetrieben wird, wie es ihn in anderer Umgebung nie erklommen hätte. Deswegen sind Geister, die in Hauptstädten ausgebildet wurden — wie dem alten Athen, Florenz, Alexandrien, Rom, Paris —, provinziellen immer überlegen. — Genau im gleichen Verstand bewirkt langwieriges Zusammengepferchtsein auf einem Dampfer eine solche Banalisierung, daß zuletzt der Unterschied zwischen Mensch und Tier verschwimmt. In dieser Welt kommen nur die allerbanalsten Züge (eben die, welche der wertvollere Mensch aus Taktgefühl bei sich und anderen ignoriert) zur Geltung, und deren Spiegelbild, das ihm die nächste Umgebung dauernd vorhält, macht sie ihm schließlich dermaßen bewußt, daß er so wird, wie seine Umgebung ihn auffaßt. — Das Milieu eines Ozeandampfers bezeichnet die beste mir bekannte Karikatur der Welt, dieses mächtigen Verdürftigungsmittels. Ich bin alles eher als weltfeindlich gesinnt; jeder, wer es auch sei, muß mit seinen Mitmenschen Fühlung behalten, wenn er nicht innerlich verkrüppeln soll, und der Verkehr in der vornehmen Gesellschaft ist der vielleicht fördersamste Weg hierzu. Hier zwingt einen die Sitte, auf den zu achten, über den man sonst wahrscheinlich hinwegsähe, hier herrscht das durchschnittlich, d. h. allgemein Menschliche vor und äußert sich zugleich in einer Form, die es annehmbar erscheinen läßt. Gerade der innerlich Einsame, der Philosoph, muß Weltmann sein, wenn er verderblichen Rückbildungen vorbeugen will. Aber es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Besuchen der Welt und dem Aufgehen in ihr. Dieses wirkt immer und auf jeden verdürftigend. Auf jeden, bis auf den, dessen Typus ich den repräsentativen heißen möchte. Es gibt Männer, es gibt vor allem Frauen, die ihr Leben auf die sinnloseste Weise vertun und daran nicht verkümmern, sondern wachsen. Seine Vollendung hat dieser Typus im 18. Jahrhundert gefunden. Was läßt sich Leereres erdenken als das Leben der großen Damen von dazumal? Keine echte Liebe kannten sie, kein ernstes Interesse; ihr Dasein ging ganz in Gerede und Getändel auf. Und doch waren viele unter ihnen tief, und ihre Tiefe fand an ihrer Existenz kein Hemmnis, sondern ein Ausdrucksmittel: sie beseelte ihren esprit, ihre Lebenskunst. Daher kommt es, daß die Frivolität jener Zeit mitunter einen Eindruck von Ernst und Tiefe hervorbringt, der einen befremdet und träumen macht…

Das Milieu … da ich gerade dabei bin, möchte ich doch einen Gedankengang niederschreiben, der von Zeit zu Zeit, so kurios er ist, immer wieder in meinem Bewußtsein auftaucht. Je nach der Umwelt, in der man sich befindet, gewinnen andere Züge die Oberhand: sollte das nicht auch im Fall der inneren Umwelt wahr sein, im Falle dessen, was die meisten mit sich identifizieren? Ich kann in den Charakterunterschieden zwischen Kind, Mann und Greis nur eine Reflexwirkung des Milieus erblicken. Ein tiefbewußtes Kind nimmt die Weisheit des Greises vorweg, und der innerlich freie Greis kann jung bleiben bis zur Stunde seines Todes: dieses deute ich mir manchmal dahin, daß sich je nach der physischen Konjunktur andere Eigenschaften manifestieren. Die Nerven des Greises können nicht kindlich reagieren und umgekehrt. Ein Gleiches gilt sicher wohl auch von Mann und Weib, wenn ich deren Unterschiede vom metaphysischen Selbst her betrachte. Die Tatsachen der Vererbung legen die Deutung nahe, daß in jedem Individuum sämtliche Eigenschaften der Voreltern latent enthalten sind; welche sich jeweilig ausprägen, hängt von den Umständen ab. Tritt sonach ein Individuum — an sich selbst der Träger sämtlicher Vererbungsfaktoren — als Weib in die Erscheinung, so können sich die männlichen Züge nicht äußern und umgekehrt. Von hier aus sieht man, wie töricht es ist, vom Mann weibliche Tugenden zu verlangen und dem Weibe seine Unzulänglichkeit auf der männlichen Linie zum Vorwurf zu machen. Möglicherweise hätte die Entität, die als Mann den Cesare Borgia ergab, als Weib in einer Krankenschwester ihren entsprechenden Ausdruck gefunden … Warum soll ich nicht noch weiteren Möglichkeiten nachsinnen? — In dieser feuchten Hitze entspannen sich alle Hemmungen; ich beginne sehr gleichgültig zu werden gegenüber der Erkenntniskritik; ich spüre Lust, im Reich unbegrenzter Möglichkeiten zu verfließen. — Gesetzt, es gäbe so etwas wie ein Himmelreich, wie ein seliges Leben nach dem Tode. Diese Existenzform, wie sie von der Mythologie aller Völker einsinnig dargestellt wird, scheint schlechterdings undenkbar, solange man voraussetzt, daß die Menschen nach dem Tode das bleiben, was sie vorher waren. Aber könnte es nicht sein, daß unter Himmel ein inneres Milieu verstanden wird, in dem das Negative, das Schlechte, das Verderbliche im selben Sinn nicht zur Äußerung gelangt, wie die weiblichen Potenzen im männlichen Organismus? Dagegen läßt sich a priori nichts sagen. Nur kann das Leben im Himmel dann freilich kein Schlußstadium bedeuten … Wieder einmal durchfährt das Schiff eine Herde rosenroter Quallen, deren Schirme nun im aufgeregten Wasser direktionslos hin und her klappen. Wie wäre es, wenn sich mein Selbst durch einen Medusenkörper auszudrücken hätte? Das meiste dessen, was eine Menschenseele ausmacht, fiele dann fort; nur ein geringer Bruchteil meines Wesens träte in die Erscheinung. Aber dieser Bruchteil wäre vermutlich einer, der im Menschen keine Äußerungsmöglichkeit findet.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
I. Nach den Tropen
© 1998- Schule des Rades
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