Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Canton: Mitgefühl

Heute war ich auf dem Platz, auf dem noch vor kurzem fast täglich Hinrichtungen stattfanden von grauenerregender Grausamkeit. Damit ist es auf einmal vorbei: die Folter ist abgeschafft worden und aller Wahrscheinlichkeit nach für immer. Diese Neuerung — für modern-europäische Begriffe ein Ereignis von ungeheuerer Bedeutung — scheint beschlossen und eingeführt worden zu sein, wie eine beliebige Steuerreform: ein Kommissionsglied hatte ausgerechnet, daß sich Menschlichkeit unter den gegebenen Verhältnissen besser rentiert. Niemand in China scheint an dieser Änderung des Justizverfahrens etwas Besonderes zu sehen, auch die am nächsten beteiligten, die Delinquenten nicht. Nur die Zunft der Henker soll murren, da deren Feinarbeiter nunmehr in eine mißliche Lage geraten sind.

Während ich auf dem Schauplatz so vieler Qualen weilte, beschäftigten sich meine Gedanken naturgemäß mit dem Sinne der Grausamkeit beim Töten, was mich zum Schluß führte, daß diese in der Idee recht gut begründet ist; nicht schlechter jedenfalls als das Raffinement beim Liebesgenuß. In beiden Fällen handelt es sich nicht um ein unmittelbares Steigern des Empfindens, sondern ein mittelbares: durch die Vorstellungen, die mit ihm verknüpft werden. Wo nun das Sterben die Menschen, wie überall im Osten, an sich nicht schreckt, dort liegt es nahe, es möglichst eindrucksvoll zu inszenieren, damit das Gericht seine abschreckende Wirkung nicht ganz verfehlt. Unter allen Umständen liegt der Sinn des Tötens unter Qualen nicht in dem, der es erleidet, sondern in dem, welcher ihm zuschaut oder es erleiden könnte — der es also nur vorstellt — begründet, wie denn der noch so furchtbar Gemarterte aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht annähernd so furchtbar leidet, wie der mitleidsvolle Zuschauer wähnt. Bei jenem nämlich tötet die absolute Größe des Schmerzes bald alles Vorstellungsvermögen und damit die Fähigkeit, die Empfindung eines Augenblicks mit der vergangenen und zu gewärtigenden zu verknüpfen; ist dieses aber geschehen, wird das Bewußtsein nur von der Gegenwart erfüllt, dann dürfte die schlimmste Tortur kaum schlimmer empfunden werden, als die Behandlung eines kranken Zahns durch einen rohen Arzt. Ich habe viel in der Sphäre der Schmerzempfindungen zu experimentieren Gelegenheit gehabt, und dabei gefunden, daß an sich kaum erträgliche Schmerzen durch Umzentrierung des Bewußtseins — also durch Ablenkung der Aufmerksamkeit als solcher oder durch Ausschaltung steigernder Einbildungen — ohne weiteres auf die Hälfte reduziert werden können; wozu sich der weitere mildernde Umstand gesellt, daß sich der Mensch auch an Schmerzen gewöhnt und solche über ein gewisses Maß hinaus zu empfinden außerstande ist: wo er nicht abfällt, dort stumpft er ab. Diese Erwägung wird durch alle Erfahrungen bestätigt, die bei Foltern gemacht worden sind. Erstens leiden rohe Menschen weniger als feinorganisierte, eben weil ihre Vorstellungsfähigkeit geringer ist; dann bekunden speziell gemarterte Chinesen ungeheure Gelassenheit, weil sie in der Tortur nichts Schreckliches sehen; endlich haben unstreitig feinfühlige Naturen im Mittelalter die Folter erstaunlich gut vertragen. Wenn diese sonach im Delinquenten ihren Sinn haben sollte, und nicht in dem, der ihr zusieht oder an sie denkt, dann hätte ihre Erfindung und Einführung auf einem Mißverständnisse beruht.

Dieses dient zur Erklärung des Umstandes, daß sonst hochgebildete Nationen so lange an grausamen Hinrichtungsarten festgehalten haben; wo die Theorie, daß Strafe vor allem abschrecken soll, überhaupt gilt — und wo gälte sie nicht? — erscheint Tortur im Prinzip als gerechtfertigt und es hängt mehr von Zweckmäßigkeits- als von Menschlichkeitsgründen ab, ob und wann sie abgeschafft wird. Deswegen besteht zwischen uns, die vor über hundert Jahren diesen Schritt unternahmen, und den Chinesen, die erst in der vergangenen Woche unserem Beispiel folgten, wahrscheinlich kein großer innerer Unterschied, welche Erwägung deren Verhalten zu dieser Reform, auf das ich zu Beginn dieser Betrachtung hinwies, einen guten Teil seines paradoxalen Charakters nimmt. Auch in Europa sind mehr die Systeme als die Menschen humanisiert. Die Fortschrittsgläubigen wissen zwischen diesen zwei Faktoren nicht so reinlich zu scheiden, als geboten wäre: vom System auf den Menschen, der ihm gemäß handelt, ist nur in seltenen Fällen zu schließen erlaubt. Ein Richter, der im Mittelalter die Anwendung außerordentlicher Torturen verordnete, braucht kein schlechterer Mensch gewesen zu sein, als ein menschlicher zu unserer Zeit, während umgekehrt des letzteren Humanität nicht das mindeste in bezug auf sein Wesen zu bedeuten braucht; sogar Henker sind nicht selten gutmütig. Was er gewohnt ist, das findet der Durchschnittsmensch fast immer billig; der Mann, der zuerst auf die Unmenschlichkeit der Folter hingewiesen hat, braucht nicht notwendig ein Engel gewesen zu sein, aber sicher war es ein Original. Marc Aurel hatte gar nichts dagegen, an grausamen Zirkuskämpfen teilzunehmen, im modernen Sinne human empfand noch Luther nicht; die heilige Theresa, eine der herrlichsten Seelen, die jemals gelebt, fand am Justizverfahren Philipps II. nichts auszusetzen und sah nur Edelmut am Werk in jenem Vernichtungskriege gegen die Azteken, den wir heute zum schändlichsten zählen, was Menschen verübt. — Eines ist aber wohl richtig: allen Asiaten, und unter diesen an erster Stelle den Chinesen, fehlt es auffallend an der Fähigkeit des Mitgefühls. Schon Buddhas Mitleid war nicht Mitgefühl in unserem Sinne; es enthielt keinen Ansporn zum Helfen; kein heutiger Inder, soweit er nicht westlichen Geistes ist, scheint jene Phantasie des Herzens zu besitzen, die ein untätiges Mitansehen fremden Leidens zur Qual macht; und kein Chinese vor allem ist im christlichen Sinne sympathiefähig. Handelt es sich hier um physiologische Differenzen? Wohl nur insofern, als das Selbstbewußtsein im Orient weniger als bei uns seinen Mittelpunkt im Individuum hat, weswegen individuelles Leiden verhältnismäßig gleichgültig erscheint; der Hauptsache nach ist der Unterschied psychisch begründet. Er beruht darauf, daß die Erkenntnis der Solidarität alles Lebens, die sie als solche in hohem Grad besitzen, weniger als bei uns das Empfinden ergriffen hat, daß das tat tvam asi, in keinen Geboten, Gesetzen und Einrichtungen verkörpert, die unwillkürlichen Impulse ihrer Seele weniger bestimmt. Von Natur sind alle Menschen teilnahmslos gegenüber allem, was ihre Person nicht angeht, liegt zumal Männern Grausamkeit näher als Menschlichkeit. Jene beruht auf dem animalischen Urinstinkt der Schadenfreude, welche ihrerseits die erste abgeleitete Funktion der Zustimmung zum Daseinskampfe ist. Jedes Wesen lebt objektiv auf Kosten anderer; schon auf der Bewußtseinsstufe des Hundes bedingt dies subjektiv ein Gefühl der Lebenssteigerung, wo es anderen schlechter ergeht als einem selbst; von hier bis zur absichtlichen Peinigung ist der Weg nicht weit. Deshalb ereignen sich Greuel auch seitens humaner Völker regelmäßig, so oft, wie im Kriege, das Tier in ihnen die Oberhand gewinnt. Wird der Hang zum Grausamsein je überwunden werden? Ich wage keine Prognose. Von allen Europäern ist allein der Engländer schon häufig so weit, daß er einen natürlichen Abscheu davor empfindet, andere leiden zu machen oder zu sehen — doch auch er nur, wo die Umstände seinen Nerven günstig sind; im tropischen Afrika verroht auch er. Im allgemeinen scheint der Hang zur Grausamkeit unter uns mehr verdrängt als ausgewachsen. Aber einmal mag es doch dahin kommen, daß das Menschenbewußtsein sich von dem Plan, auf dem ein Wesen auf Kosten anderer lebt, endgültig auf den höheren umzentriert, wo Eines Leid allen widerfährt, wo Eines Gewinn allen zugute kommt. Dann, aber erst dann, wird die Bestie niedergerungen sein.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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