Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Canton: Selbstbeherrschung

Goethe schreibt einmal von der bedeutenden Förderung, die er durch ein einziges geistreiches Wort erfahren hätte. Mir ist heute ähnliches begegnet: das zufällige Bekanntwerden mit einer scheinbar gleichgültigen Tatsache hat mich im Verständnis des Chinesentums ein gutes Stück Weges vorwärts gebracht. Was mich mehr und mehr beunruhigte, war die Impassibilität dieses Volks, seine unheimliche Gleichmütigkeit. Die Ruhe der Inder wundert mich nicht, auch nicht die der vornehmen Türken: jenen fehlt es an Vitalität und Energie, und diese sind phlegmatischen Temperamentes. Aber die Chinesen sind gar nicht phlegmatisch, so ruhig sie sich gebärden, und sie sind bis an die Fingerspitzen vital. Wie kann da ihre Masse einen so serenen Eindruck geben? — Nun höre ich von unbändigen Wutausbrüchen, die gewaltsamer sein sollen, als alles was von skandinavischen Berserkern berichtet wird. Von Zeit zu Zeit komme es vor, daß einer in Wut gerät, und dies dann so nachhaltig, daß es Tage währe, bis er seinen Gleichmut wiedergewinnt; unterdessen sei er wütend, wie Stiere wütend sind, ganz unabhängig vom Gegenstand. Die Chinesen erklärten dies Phänomen durch Stauung des Wutstoffes, Ch’i; viele Krankheiten würden auf sie zurückgeführt, und die europäischen Ärzte bestätigten, daß die Theorie in ihren allgemeinen Umrissen richtig ist: wirklich beruhten viele Störungen im Chinesenorganismus, darunter solche, welche tödlich verlaufen, auf verhaltener Wut. Jetzt ist mir die Seelenruhe der Masse kein unerklärliches Rätsel mehr. Allen ist bekannt, daß die Giganten der Tat, wie Cäsar, Napoleon, Mohammed, Alexander, Peter der Große, sogar Bismarck mehr oder weniger periodisch auftretenden Nervenkrisen unterworfen waren, die den Charakter bald von Epilepsie, bald von Wutausbrüchen, bald von Kollapsen oder Weinkrämpfen trugen, doch von jeher als Abreaktione richtig beurteilt worden sind.

Naturen von vulkanischer Energie, die sich dauernd zusammennehmen müssen, bedürfen in bestimmten Intervallen des Öffnens eines Sicherheitsventils, wenn sie nicht platzen sollen; aus diesen strömt dann der Dampf desto gewaltsamer aus, je kondensierter er war. Was von den Helden der Tat gilt, besteht innerhalb gewisser Grenzen bei den Chinesen als Volk zurecht. Sie sind einerseits außerordentlich lebendig, andrerseits von allen Völkern das, welches die größte Selbstbeherrschung übt. Daher war a priori, zu erwarten, wenn anders die Natur noch Natur sein soll, daß gelegentliche Wutausbrüche zum Nationalcharakter der Chinesen gehören müssen und zwar Wutausbrüche viel gewaltsamerer Art, als solche den Völkern Südeuropas eignen, die sich gewohnheitsmäßig gehen lassen. Nun verhält es sich tatsächlich so, wie der Verstand postuliert; so fühle ich mich geistig beruhigt. Der Ch’i sollte nur eingehender von Psychologen studiert werden. Heute steht die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist im Mittelpunkt des Interesses: nirgends wäre diese besser zu studieren, als im Fernen Osten, der es in der Selbstzucht bisher am weitesten gebracht hat, und wo deren notwendige Grenzen — die Grenzen, welche die Natur der Bildung setzt — daher am deutlichsten zutage treten. Vor allem möchte ich, daß die folgende Hypothese an den Tatsachen geprüft würde: die Chinesen besitzen, wenn ich nicht sehr irre, von allen Menschen die größte physische Vitalität. Weder als Individuen noch als Nation scheinen sie zu erschöpfen; sie überstehen Krankheiten, an denen jeder andere stürbe, vertragen ein Übermaß von Arbeit (auch geistiger Arbeit) ohne an den Nerven Schaden zu nehmen, und die schlimmsten Ausschweifungen schaden ihnen unverhältnismäßig wenig. Die Nation wiederum scheint weder durch Überkultur, noch durch Inzucht, noch durch das Opium oder die Syphilis — kurz durch alles, was andere Völker zugrunde richtet — in erheblichem Grade deterioriert. Die einzige allgemeine Entartungserscheinung, die sich bei den gebildeten Klassen feststellen läßt, ist wachsende Philostrosität — und die wird in Europa, aus guten Gründen, überhaupt nicht als Pathologisches beurteilt. Sollte nun diese wunderbare physische Vitalität nicht die Folge psychischer Kultur sein? Es steht fest, daß der Gebildete im Kriege Strapazen besser aushält, als der Ungebildete, daß der Mutige schwerer erkrankt und Schaden nimmt, als der Furchtsame, daß die Nerven des Mannes von Selbstzucht besser standhalten als die dessen, der sich gehen läßt, kurz daß man sich durch psychisches Verhalten gegen physische Gefahren feien kann; und die Tendenz ganzer Schulen unserer Zeit geht ja dahin, durch Kultur der Seele den Körper zu kräftigen. Sollte die ererbte Lebenskraft der Chinesen nicht hierher stammen? Sie haben, durch äußere Verhältnisse dazu gezwungen, durch ein weises Moralsystem hierin bestärkt, Jahrtausende entlang Selbstbeherrschung geübt: sollte damit das nicht zum Erbgut geworden sein, was unter uns nur Bevorzugte sich persönlich erringen? — Freilich darf nicht vergessen werden, daß in China die natürliche Auslese wie nirgend anderswo bei der Rassenbildung mitgewirkt hat und allein schon vieles erklärt; schwache Naturen sind in China kaum lebensfähig.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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