Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Macau: Fan-Tan

Zur Zeit der Siesta unterhalte ich mich damit, im Liao-tschaitschi-i, den seltsamen Geschichten aus dem Studierzimmer Zuflucht des Pu Sung-ling, des letzten der Unsterblichen Chinas, zu lesen. Die Qualität des Humors, die in diesem Werk zutage tritt, ist exquisit; wirkliche oder mögliche Vorgänge erscheinen vollkommen kühl und sachlich, ja mit einer gewissen Trockenheit dargestellt, ohne jede bemerkbare Absicht, aber die Erzählungen sind so geführt, daß sie nicht umhin können, komisch zu wirken. An innerem Wert ist wohl Gogols Humor dem chinesischen gleich, aber wozu in der europäischen Literatur, seit den Griechen wenigstens, kein Äquivalent zu finden sein dürfte, ist die literarische Meisterschaft, dank welcher es gelingt, aus der reinen Form heraus, fast ohne sachliche Effekte zu Hilfe zu rufen, humoristische Wirkungen zu erzielen. Auf den ersten Blick scheint ja das Komische in allzu strenger Form nicht darstellbar. China beweist die Irrtümlichkeit dieser Meinung.

Meinen Eindruck gewinne ich aus einer vermutlich schlechten Übersetzung: wie hoch muß das Original doch stehen, wenn die Übertragung ihm sein Wesen nicht hat nehmen können! Ich vermag jetzt schon ganz gut zu verstehen, weswegen gebildete Chinesen, welche der europäischen Sprachen mächtig sind, nur die altgriechische Literatur als echte Kunst und der chinesischen beinahe gleichwertig gelten lassen wollen: die Hellenen allein sind streng und reich zugleich in ihrer Ausdrucksweise gewesen. Die Strenge der lateinisch-romanischen Form — der einzigen, welcher man im Westen seit Griechenland das Prädikat der Strenge zuerkennen kann — schließt aus: die Form muß einschließen, einschmelzen, verdichten, den möglichen Gehalt nicht verstümmeln, sondern steigern, wenn ihre Strenge einen höchsten Wert bedeuten soll. Freilich haben die chinesischen Meister in gewisser Hinsicht unter günstigeren Bedingungen gearbeitet als alle anderen: sie konnten streng in der Form sein, ohne endliche Grenzen zu statuieren. Das verdanken sie ihrem wunderbaren Schriftsystem. In China kann, wie schon bemerkt, mit drei Hieroglyphen buchstäblich ebensoviel und mehr gesagt werden, als in unseren Sprachen auf vielen langen Seiten — unsere Meister der Präzision haben alle viel verschweigen müssen; die chinesischen Künstler hatten sämtliche Vorteile auf ihrer Seite, die in der Wissenschaft der reine Mathematiker vor dem Physiker voraus hat. Und der Nachteil, der diesem System für unsere Begriffe innewohnt, nämlich daß die Gedichte hauptsächlich für das Auge existieren, und nicht gut gehört, nicht gut vorgelesen werden können, kommt für den Chinesen ersichtlich nicht in Frage, dem diese Konvention Gewohnheitssache ist. Aber was nützt es, von leichteren oder schwereren Bedingungen zu reden? Der Mensch schafft sich die Bedingungen, die er verdient. Chinas Suprematie in der Form steht unter allen Umständen außer Frage.

Zu Nachtzeit kehre ich gelegentlich in einer der berühmten Spielhöllen ein und ergötze mich am Fan-Tan. Etwas Stilleres, Friedlicheres als solche Hölle gibt es kaum. Ernst und sachlich schauen Spieler meistens drein, aber solch’ heiteren Gleichmut wie in Macau habe ich noch nirgends beobachtet. Das Spiel an sich ist unendlich geistlos; der Spieler kann im günstigsten Falle nur ganz wenig, die Bank muß unter allen Umständen viel gewinnen. Der Chinese aber geht, nachdem er seinen Tagesverdienst verspielt hat, gelassen und friedlich dreinschauend heim. Allenfalls, wenn er gar zu viel verloren, wiegt er sich zum Trost in süße Opiumträume ein.

Während ich dem Treiben zuschaute, kam mir die Stelle der Bhagavad-Gîta in den Sinn, woselbst Krishna von sich (als Gott, als Içvara) sagt: Ich bin das Spielen des Spielers. In der Tat bedeutet Sinn für Hasard, was immer sonst gegen ihn einzuwenden sei, das Vorhandensein von Vitalität. Das selbsttätige Setzen des reinen Zufalls als einziger Bedingung des Erlebens bedeutet, vom Atman her gesehen, prinzipiell das gleiche, wie das Gewachsensein den Wechselfällen des Lebens gegenüber. Denn Leben ist ja nichts anderes als die Fähigkeit, einen inneren Gleichgewichts-Zustand im Wandel der äußeren Umstände zu behaupten. Daß die meisten Spieler nun, in intimem Widerspruch zu sich selbst, nach Systemen ausblicken, gehört zum Kontrapunkt des lebendigen Geschehens: wir tun immer zugleich das, was den Sinn unseres eigentlichen Wollens aufhebt. — Woher kommt es nun aber, daß der Typus des Spielers — gleichviel was sein Einsatz sei — als hoher doch nicht bewertet werden kann? Es kommt daher, daß wer im Korrelationsverhältnis von Leben und Außenwelt die Zufallsseite betont, damit das Sinnlose über den Sinn stellt; der dankt als freies, verantwortliches Wesen recht eigentlich ab. Der Spieler ist der Antipode des Helden: während dieser sein Leben tief bedeutsam weiß und es opfert, weil er noch Höheres anerkennt, setzt jener es aufs Spiel, weil es ihn gleichgültig dünkt.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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