Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Tsingtau

Ich beginne der Revolution Dank zu wissen: dank ihr sind eine große Anzahl bedeutender Chinesen, darunter mehrere Ex-Generalgouverneure und Ex-Vizekönige, im kleinen Tsingtau beisammen, wohin sie vor den Westlingen geflüchtet sind. Richard Wilhelm vermittelt zwischen ihnen und mir; so beginne ich Einblick zu gewinnen in die höchsten Möglichkeiten chinesischen Menschentums.

Meine Erwartungen werden weit übertroffen; diese Herren stehen, was immer sie als Menschen sein mögen, als Typen außerordentlich hoch; zumal ihre Überlegenheit beeindruckt mich. Nicht allein, daß sie ihr äußeres Schicksal dominieren, das im Augenblick so traurig ist: sie stehen über ihren Gedanken, ihren Handlungen, ihrer Person überhaupt; und zwar nicht im Sinne des Yogi, der sich über die Erscheinung hinausgeschwungen hat, sondern in dem schwierigeren des Weltweisen, der inmitten des Getriebes, an dem er teilnimmt, seine innere Freiheit bewahrt. In Indien hatten mich die Menschen enttäuscht; sie sind weniger als ihre Literatur. Ihr Höchstes und Tiefstes hat in abstrakter Erkenntnis Ausdruck gefunden, und die lebendigen Inder sind in der Mehrzahl nicht Verkörperer, sondern Schauspieler ihres Strebens nach dem Ideal; so lernt man wenig zu durch den Verkehr mit ihnen. Die lebendigen Chinesen nun sind unzweifelhaft mehr als ihre Weisheit, ja fast möchte ich behaupten: sie sind mehr als ihre klassische Literatur. Mir beginnt der Sinn des Konfuzianismus aufzugehen. Kung Fu-Tse erschien mir bisher als rationalistischer Moralist, und die hohe Wertschätzung zumal, deren sich Mencius erfreut, befremdete mich einigermaßen, da ich dessen Weltanschauung wohl als überaus vernünftig, nicht aber als tief beurteilen konnte. Nun erkenne ich, daß die konfuzianische Philosophie ganz anders verstanden werden muß als die indische und auch die deutsche: sie ist als Philosophie gar kein eigentlicher, selbständiger Ausdruck, sondern das abstrahierte Schema einer gelebten oder zu lebenden Wirklichkeit; man muß Kung Fu-Tse’s Wort als Fleisch verstehen, oder als Hinweis auf vorhandenes Fleisch. Dann freilich nimmt diese Lehre sich ganz anders aus, erscheint sie durch Abgründe geschieden von der Moralphilosophie unseres 18. Jahrhunderts, welcher sie äußerlich so ähnlich sieht; dann freilich hat es wenig zu bedeuten, daß die Gedanken als solche nicht tief sein mögen: ich glaube nicht, daß Gott tiefe Gedanken denkt, denn er ist die Tiefe selbst; wo das Tiefe im konkreten Dasein vollkommen zum Ausdruck kommt, dort ist Tiefsinn wohl überflüssig. Das nun ist es, was mir bei den großen Herren auffällt, mit denen ich zu Tsingtau verkehre: sie leben den Konfuzianismus; was ich bisher als theoretisches Postulat auffaßte, ist ihnen die Form ihrer Existenz. Allen diesen Staatsmännern erscheint es selbstverständlich, daß der Staatsorganismus auf moralischer Basis ruht, daß das Politische der äußere Ausdruck des Ethischen ist und die Gerechtigkeit der normale Ausfluß des Wohlwollens; und es erscheint ihnen selbstverständlich in einem ganz anderen Sinn, als dem Christen der Wahrheitsgehalt der Seligpreisungen: nicht als ein Sein-Sollendes, das jedoch selten geschieht, sondern als ein Notwendig-Geschehendes. Dies bedingt einen grundsätzlichen Unterschied. Woran man nicht zweifelt, das vollbringt man auch. Ich weiß nicht, wie gute Regenten die Gouverneure, mit denen ich umgehe, tatsächlich gewesen sind: sicher regierten sie in konfuzianischem Geist, das heißt von moralischer Grundlage aus. Was dehn notwendig auch ihre Unzulänglichkeit verklärt hat.

Zum ersten Male sehe ich mich einem Menschentypus gegenüber, dessen Tiefstes Moralität ist. Den gibt es im Okzident nicht. Vielleicht bewähren sich unsere Beamten seit 100 Jahren besser, als die chinesischen (denn älter ist die Integrität des Funktionärs als typische Erscheinung sogar in Deutschland nicht), sicher ist der Geist, aus dem sie es tun, dem der Chinesen nicht gleichwertig, die in Praxi noch so sehr versagen. Unsere politische Kultur ist äußerlich bedingt; sie ist das Ergebnis eines Systems, das den Einzelnen zum Gut-Handeln zwingt, ist unabhängig von der Seele entstanden, besteht unabhängig von der Seele weiter fort. Die des Chinesen beruht auf Ausbildung des Innerlichen. Und wenn man nun bedenkt, daß das große chinesische Reich schon Jahrtausende entlang kaum schlechter regiert worden ist als das moderne Europa, und dieses ohne die Vermittelung eines Mechanismus, der die Menschen automatisch in Ordnung hielte, einzig dank der moralischen Qualifiziertheit seiner Bürger, so muß man zugeben, daß das durchschnittliche Niveau moralischer Bildung beim chinesischen Literaten außerordentlich hoch sein muß. Außerordentlich hoch ist es jedenfalls bei denen, mit welchen ich in Berührung gekommen bin. Und aus ihren noch so höflichen Äußerungen über den Westen klingt denn auch allemal Befremden darüber heraus, daß ein Gleiches dort so wenig der Fall sei. Sie halten uns für moralische Barbaren. Unsere Systeme seien freilich bewunderungswert, allein die Menschen, deren Grundgesinnung Ich fürchte, die Herren haben recht. Wir Westländer sind mit dem Verstand dem Leben vorausgeeilt. Unser moralisches Höherstehen, auf das wir uns so viel zu gute tun, bedeutet bisher wenig mehr als das Funktionieren im Rahmen eines klüger erdachten Systems; weil dem so ist, rebellieren wir neuerdings sogar gegen das Moralische überhaupt. Welche extreme Erscheinungen des westlichen Gesellschaftslebens haben ihren tiefsten Grund nicht darin, daß das Äußere nicht im Inneren wurzelt? Der Tolstoismus, der Anarchismus einerseits, und andrerseits der Nationalismus und der Rassenfanatismus — es sind alles Bewegungen, die dem Künstlichen ein Natürliches substituieren wollen. Wir sind unseren Systemen unterlegen. Die Chinesen stehen über den ihren. Das ist der Erfolg der Erziehung im Geist des Konfuzius.

Es gibt mir viel zu denken, daß das Leben so einfacher Grundsätze, wie die konfuzianischen, den Menschen so überlegen machen kann. Unter europäischen Fanatikern des Moralischen ist mir noch nie ein Vollmensch begegnet. Aber die Ursache dieses Unterschiedes liegt nicht fern: uns haben die Grundsätze der Moral immer ein von außen her Gebotenes bedeutet, sei es, daß Gott sie uns aufoktroyiert hätte, oder die Obrigkeit, oder eine der Natur entgegenstehende, absolute praktische Vernunft; dem Konfuzianismus gelten sie als die Richtlinien, nach denen ein gebildeter Mensch naturnotwendig handelt. Es läge in der Natur der Dinge, daß Vater und Sohn, Mann und Weib, Freund und Freund, Fürst und Untertan sich gegenseitig Treue und Wohlwollen erweisen; bilde der Mensch das Natürliche aus, so ergäbe Moralität sich von selbst. Auf vollendete Ausbildung der Menschennatur ist also der Akzent verlegt. Nun: gegen solchen kategorischen Imperativ empfindet keiner ein inneres Widerstreben; gebildet will jedermann sein. So nimmt er sich bereitwilligst die Mühe, die der europäische Jüngling sich, seit der Geist der Antike erstarb, kaum je mehr nimmt: er versenkt sich in den Sinn des Moralischen. Tut er dies nun ernstlich und ausdauernd, so offenbart sich ihm irgendeinmal auch die Richtigkeit der konfuzianischen Theorie: es ist eine Frage des Unterscheidungsvermögens, das durch Schulung geschärft werden kann, ob einer dem Guten oder dem Schlechten zuneigt. Fortan ist kein Schwanken mehr möglich; die moralische Natur ist geweckt. — Wie sehr kommt es bei der Erziehung auf den Ansatz und die Technik an! Die Chinesen haben nicht annähernd so viel über das Moralische nachgedacht als wir; sie haben auch nie in der Moral ein so Hoch-Ideales gesehen, wie unsere (zumal protestantischen) Ethiker. Aber praktisch haben sie viel mehr erreicht.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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