Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Tsingtau: Konservative Gesinnung

Freilich sind die Herren konservativ: welcher politisch Gebildete wäre es nicht? Wer historischen Sinn hat, wer da weiß, daß nur organisches Wachstum aufwärts führt, ist nie 5m radikalen Sinne fortschrittlich. Im eigentlichen Verstände des Worts ist nur er es freilich, denn nur er empfindet Ehrfurcht vor der Erscheinung, die der Radikale unbedenklich überall einem abstrakten Prinzipe aufopfert. Ist es nicht höchst bezeichnend, daß die Arbeiter Belgiens und Frankreichs die Idee der Menschenrechte bereits verworfen haben, und nur mehr ihren organisierten (technisch bewußten) Klassengenossen Berechtigung zum Dasein zuerkennen?

Die Würdenträger, die ich meine, sind nun freilich nicht nur konservativ, sondern ausgesprochen reaktionär. Aber wie sollte ein Konfuzianer alten Schlages einer Neuerung gewogen sein? — Wenn wirklich die von Kung kodifizierte traditionell-chinesische Staatsform allein mit der Weltordnung in vollem Einklang steht, dann bedeutet Neuerungsstreben Wahnwitz; dann kann das Volk nichts weiseres unternehmen, als die alten Normen strengstens zu befolgen; dann hat das, was wir Stillstand nennen, den gleichen Sinn wie das ewige Sich-Verjüngen der Natur, das ja auch in unwandelbarem Rahmen geschieht; dann bedeutet Ausmerzen des Häretischen recht eigentlich dasselbe wie das des Untauglichen im Kampfe ums Dasein…

Nun läßt sich gegen die Staatsform, die das Tao verlangen soll, verschiedenerlei erinnern; noch Gewichtigeres gegen die Grundvoraussetzung des statischen (unwandelbaren) Charakters der Weltordnung, die alle Neuerung als widersinnig erscheinen läßt. Die Welt ist tatsächlich im Werden; keine fertigen Ideale liegen ihr zugrunde, sondern die Ideale entstehen neu auf jedem neuen Stadium. Deshalb schließt die Idee einer absolut besten Staatsform schon als solche ein Mißverständnis ein: solange die Welt im Werden verharrt, d. h. solange sie existiert, ist bestmögliche Staatsform ein Unbegriff; jedes konkrete Ideal kann nur gelten für einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit. Aber gerade der, welcher diesen Zusammenhang versteht, wird der chinesischen Weltanschauung die größte Bewunderung zollen. Nicht allein, daß der universalistische Grundgedanke, nach welchem Naturgeschehen und Menschenleben ein lückenlos verknüpftes System bilden, als Theorie grandios ist; nicht allein, daß die Konsequenz, mit der jede einzelne Erscheinung auf ihn zurückgeführt wird, ein vielleicht einzigartiges Beispiel des Ernstmeinens und Ernstnehmens darstellt — so wie die Chinesen die letzten Jahrtausende über waren, hätten sie eine bessere Weltanschauung nicht bekennen können; die chinesische hat, wie keine andere vielleicht auf dieser Welt, den pragmatic test bestanden. China ist das einzige Reich, welches je für eine längere Periode die soziale Frage gelöst hätte; das einzige, in dem die Masse der Bewohner je glücklich war; mithin das einzige, welches das absolute sozial-politische Ideal der Erscheinungswelt je eingebildet hätte. Sintemalen nun die Chinesen von heute ihren fernen Vorfahren zum Verwechseln ähnlich sehen — wie sollte da ein Gebildeter nicht Reaktionär sein?

Auch ich empfinde hier als Reaktionär. Um so mehr, als ich vielen Grund zur Befürchtung sehe, daß das, was China bis heute bewunderns- und ehrwürdig machte, mit der alten Ordnung verloren gehen wird. Freilich sind die Chinesen kein Volk von Denkern; ihr bewußtes Denken scheint sich andauernder an der Oberfläche zu bewegen, als das irgendeines Kulturvolks von vergleichbarer Begabung. Allein mehr als tiefe Gedanken denken ist wohl der Tiefe entsprechend leben, und das haben die Chinesen bis heute in unvergleichlichem Grade getan; ihr traditionelles Gemeinschaftsdasein hat den gleichen Sinn, wie bei den Indern ihre sublime Philosophie; ihr Leben war ein unmittelbarer Ausdruck des Tao. Wie vollkommen haben sie von je das Problem des Glückes gelöst! Jeder Kuli lebt die ewige Wahrheit, die unsere Größten tauben Ohren gepredigt haben, daß Glück Sache des inneren Verhaltens ist und von den äußeren Umständen als solchen nicht abhängt. Die Theorie des unbeeinflußbaren Weltverlaufs ist freilich falsch; daß wir nicht dem Grundsatze Mong Tses entsprechend handeln: besser als gute Ackergeräte anschaffen ist abwarten, bis daß die Witterung günstig wird, hat uns zu Beherrschern der Natur gemacht. Aber wie teuer haben wir diesen Erfolg bezahlt! Seitdem wir wissen, daß die Außenwelt verwandelbar ist, haben wir samt allen anderen auch das Problem des Glücks in sie hineinverlegt, was uns, bis daß wir einmal umkehren, zu aussichtslosem Elend verdammt. Und so weiter. Jeder Chinese, so oberflächlich er denken, so unzweckmäßig er handeln mochte, lebte bisher eine tiefe Philosophie; er rechnete mit der Außenwelt als einem wirklich Äußerlichen, suchte das Eigentliche in einer anderen Dimension. In Europa tun dies meist nur Frauen, die dort weitaus die tieferen Lebensphilosophen sind. Die Frau ist denn auch typischerweise konservativ. In der Tat: wenn das Eigentliche von äußeren Verhältnissen keinesfalls in Mitleidenschaft gezogen wird, dann erscheint es leicht zweckmäßiger, in einer unveränderlichen Umwelt zu leben, der man ein für alle Male angepaßt ist, als sich immer wieder neu anpassen zu müssen, ohne dadurch ein besseres Gesamtergebnis zu erzielen.

Ist nicht alles Dauerhafte reaktionär? Die Natur als solche ist es; nicht allein, daß sie von zielstrebigem Fortschreiten nichts weiß — überall schlägt sie, wo sie von außen her verwandelt ward, kaum sich selbst überlassen, zum Ursprünglichen zurück und dieses, dieses allein erscheint unsterblich. Vielleicht liegt hier die Lösung des Problems, weswegen die asiatischen Völker im allgemeinen langlebiger sind als die europäischen: entweder es herrscht in ihnen das Physiologische, oder aber das Geistige hat sich, dank konservativer Gesinnung, so innig jenem vermählt, daß es zur zweiten Natur geworden ist.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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