Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Tsingtau: Ursprünglichkeit

Darf man die chinesische formale Kultur als vorbildlich bezeichnen? — Wird sie dem Geiste nach verstanden, unbedingt; von allen Menschen haben die Chinesen die Oberfläche am vollkommensten durchgeistigt, die vollständigste Verschmelzung von Sinn und Form zustande gebracht. Immer wieder komme ich auf Konfuzius’ Bild des Edlen zurück, dessen Tiefsinn in seiner Anmut zutage trete: vollendeter könnte kein Halbgott sein. Meist schließen Tiefe und Gefälligkeit sich aus, Urkraft und Grazie, Facilität und Gründlichkeit; fast scheint es undenkbar, daß ein Mensch die Vorzüge des Deutschen und des Franzosen in sich vereinen sollte. Der Chinese vereint sie im Höchstfall wirklich in sich. Und wenn er jenen der Tiefe nach vielleicht nicht ganz erreicht, wenn er weniger beweglich ist als dieser, weniger glitzernd, weniger fein; wenn seine Naturanlage auch keine so reiche ist, als wir sie häufig besitzen, so stellt sein gebildetes Dasein nichtsdestoweniger eine Synthese des Menschentums dar, wie sie gleich umfassend noch nirgends verwirklicht ward.

Dem Geiste nach ist sie sicherlich vorbildlich; ich wenigstens wüßte keine vorzustellen, die des Nacheiferns würdiger wäre. Nun aber frage ich mich: ist ihre Verwirklichung am Ende an die chinesische Sonderart gebunden? Es könnte sein. Die Welt ist darin wunderlich beschaffen, daß es oft schlechterdings zufälliger Konstellationen bedarf, um einen ewigen allgemeingültigen Sinn der Erscheinung einzuverleiben. Wie der Dichter durchaus nicht der einzig wahre Mensch ist, wie Schiller wähnte, der Mensch mit dem stärksten Erleben, der größten Leidenschaft, sondern der, den eine zufällige Konjunktur von Talenten zum Sprachrohre dessen macht, was andere oft viel tiefer besitzen; wie das Genie kein selbstbegründetes Sonderwesen ist, sondern durch das Zusammentreffen bestimmter Anlagen mit bestimmten historischen Gegebenheiten entsteht, von denen keine für sich allein zur genialen Schöpfung geführt hätte — so mag es wohl sein, daß die chinesische Vollendung, die dem Sinne nach ein Absolut-Höchstes bezeichnet, auch nur chinesisch darzustellen ist. Diese Darstellung aber kann uns kein Vorbild sein. Es bedarf doch einer sehr speziellen Veranlagung, um im Befolgen strengvorgeschriebener Riten vollkommen ursprünglich zu sein, um im bewußten Verbleiben innerhalb eines Lebensrahmens starrster Art Ursprünglichkeit zu betätigen. Gar so fremd, wie es scheint, ist diese Art uns wohl nicht: die Engländer sind nicht viel anders. Auch sie tun meistens das gleiche, denken das gleiche, wollen das gleiche, und sind dabei doch originell; der Brite äußert Gemeinplätze mit der gleichen Überzeugungskraft, wie Galilei einst sein eppur si muove; dementsprechend ist er auch von allen Europäern bei weitem der vollendeteste Mensch. Aber gerade wenn man die prinzipielle Ähnlichkeit zwischen Chinesen- und Britentum erkennt, wird man starke Zweifel hegen, ob das absolute Vollendungsideal einer allgemeinen Verwirklichung fähig sei. Man kann alles werden, nur kein Engländer, wenn man als solcher nicht geboren ward; dieses Sosein ist strengstens bedingt, von tausend Kleinigkeiten, Zufällen, Beschränkungen und Vorurteilen abhängig, mehr so als irgendein anderer Ausdruck europäischen Menschentums; und nur wo diese Vorbedingungen erfüllt sind, treten die Vorzüge des Engländers zutage. Desgleichen stand und fiel die individualistische Renaissancekultur mit dem Vorherrschen außerordentlicher Individualitäten. — Also mag es wohl sein, daß auch das Beispiel Chinas unnachahmlich ist.

Ich für meinen Teil bedauere das nicht, denn ich glaube nur schwach an das allgemeine und allseitige Fortschreiten des Menschengeschlechts; glaube auch nicht, daß es wünschenswert wäre. Denn wohin führte es? zu fortschreitender Einförmigkeit. Es ist uns besser, daß unsere Ideale blitzartig hie und da, bald im Altertum, bald jetzt und bald irgendeinmal, bald in China, bald in Hellas und bald in Deutschland, eine kurzlebige Verwirklichung erfahren, so daß wir geistig immerdar auf der Ausschau bleiben, besser, sage ich, als daß wir in billigem Optimismus dahinschwelgend uns dem Zuge der Zeit überlassen, der uns mechanisch dem Idealzustande zuführen soll.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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