Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Peking

Diese ersten Spätnachmittagsstunden in Peking habe ich am Tempel des Himmels zugebracht. Einsam ragt der gewaltige Marmoraltar, von wenigen düsteren Kiefern umstanden, von der öden, weiten Sandfläche auf. Hie und da krächzt eine Krähe; die Gegend ist wie menschenfremd. Man spürt: hier greift die Geschichte nur an Wendepunkten des Geschehens ein. Es ist ein überaus schlichter Bau, doch von wunderbar edlen Proportionen; seine reine, durchgeistigte Schönheit wirkt ergreifend inmitten der rauhen Umgebung; vom physisch Gewaltigen, vom Lastenden zieht sie den Geist unaufhaltsam himmelwärts. Allenthalben ist dem schneeigen Gestein das Emblem des Drachen eingemeißelt. Der Drache ist das Urbild der beginnenden Schöpfung, die erste, ätherischste Gestalt, zu welcher der Sinn sich verdichtet hat. Der Drache ist das Symbol des Flüssigen, Durchdringenden, Allgegenwärtigen; des Ewig-Sich-Erneuernden, Immerdar-Sich-Wandelnden; das Symbol für das Grundprinzip der Seele und mithin der Unendlichkeit. Der Geist des Drachen hat den Himmelstempel errichtet. Als ein Sprungbrett, zum Himmel hinanzusteigen, nicht als Wahrzeichen irdischer Schwerkraft.

Ich war in der richtigen Stimmung hingelangt. Die Bilder des Bauernlebens unterwegs hatten mich vorbereitet zum Verständnis dessen, der das äußerste menschliche Glied darstellt im kosmischen Zusammenhang. Der Kaiser auf dem Drachenthron ist als Kaiser mehr als ein Mensch: er ist das Band, welches Himmel und Erde vereinigt, wie der Bauer das Glied ist, das die Erde mit dem Menschen verknüpft. So trägt er die Verantwortung für die Natur. Ein wohlbefolgtes Ritual steht gut für die normale Folge der Jahreszeiten; bleibt der Regen, dessen der Landmann bedarf, zu lange aus, so muß der Kaiser reumütig Buße tun. Seine Macht und Stellung steht gut für den harmonischen Einklang der Schöpfung, sein Charakter für den seiner Minister, sein Betragen für das seiner Untertanen. So ist sein Selbstherrscherrecht zugleich allumfassende Verantwortung, die ihn strengstens einschränkt und bedingt. Er haftet nicht vor Gott allein, wie die europäischen Autokraten von einst, die den Menschen gegenüber willkürlich schalten durften, auch nicht vor den Menschen allein im modernen Sinn: er haftet im Sinn des Hauptmechanismus einer Uhr. Geht diese schlecht, so tritt die Schuld allemal an jenem in die Erscheinung; jedoch nicht so, daß die Uhr schlecht gehen und das Hauptrad versagen, aber sich sonst ganz wohl befinden mag: ist jene in Unordnung, dann leidet dieses an erster Stelle; es bleibt selbsttätig stehen oder zerbricht. So muß die Dynastie, die nicht zu regieren weiß, früher oder später weichen — sei es, daß sie selbsttätig ausstirbt oder vertrieben wird.

Welch’ wunderbare Konzeption! Wieviel höher steht sie als die des Gottesgnadentums, der Stellvertretung Gottes oder der Divinität schlechthin, wie die römischen Cäsaren sie sich zusprachen! Es ist die einzige, die das Problem des Zusammenbestehens absoluter Souveränität mit absoluter praktischer Verantwortlichkeit befriedigend gelöst hätte. Der Himmelssohn ist mächtiger als irgendein Fürst, denn er steht sogar über der Natur. Aber andrerseits erscheint er so bedingt, wie nur irgendein verantwortlicher Minister in einer modernen Demokratie, denn er bezeichnet nur ein bestimmtes Organ eines allseitig zusammenhängenden Körpers und ist, um zu bestehen und zu wirken, auf alle anderen Organe angewiesen. So muß sich der Selbstherrscher beraten lassen von den Weisesten der Nation, muß er den Volkswillen berücksichtigen, unentwegt nach dem Guten streben. Regiert er im Sinne der Selbstsucht, so schneidet er sich eben damit seine eigene Daseinsmöglichkeit ab. Diese wunderbare Auffassung des Berufs und der Stellung eines Menschenbeherrschers ist die logische Konsequenz jener Weltanschauung, die wie nichts anderes das Chinesentum charakterisiert. Nach dieser Anschauung gehören die Gesetze der Moral und der Natur zu einem einzigen einheitlichen System. Es sind identische Normen, die das moralische Verhalten regieren, die Folge der Jahreszeiten und den Wechsel von Tag und Nacht; es ist ein einziger allumfassender Zusammenhang, der das Nicht-Menschliche und das Menschliche, das Organische und das Anorganische, das Natürliche und das Sittliche zur harmonischen Einheit in sich beschließt. Das Moralische aber ist das Primäre. Das Tao ist moralisch qualifiziert. Moralität bedeutet recht eigentlich Selbstverwirklichung. Drum läuft die Natur Gefahr, aus dem Kosmos ins Chaos zurückzusinken, wenn die Menschen ihre natürlichen Pflichten versäumen, — der Väter kein guter Vater, der Gatte kein guter Gatte, der Fürst kein guter Fürst, der Untertan kein guter Untertan ist — und die fünf himmlischen Tugenden (Gerechtigkeit, Großmut, Höflichkeit, Einsicht und treue Pflichterfüllung) nicht fleißig üben. So hat auch kein Kaiser das Recht, irgend etwas an der bestehenden Ordnung zu ändern, wenn sein moralischer Charakter ihn nicht hierzu qualifiziert. Andrerseits: ist sein Charakter, wie er sein soll, dann kommt alles von selbst ins Geleise. Im Tschong-Yong steht zu lesen:

Sobald der Kaiser seine Person in Ordnung gebracht hat, werden alle Pflichten gegen ihn erfüllt; sobald er den Weisen die schuldige Verehrung zollt, wird er unfehlbar richtig unterscheiden zwischen Irrtum und Wahrheit, Gut und Böse; sobald er seinen Eltern die ihnen schuldige Liebe erweist, werden alle Zwistigkeiten aufhören zwischen seinen Onkeln, seinen älteren und seinen jüngeren Brüdern; sobald er seine Minister nach ihrem Verdienste ehrt, werden die Staatsgeschäfte prosperieren; sobald er seine Unterbeamten richtig behandelt, werden die Literaten mit gebührendem Eifer ihre Funktionen bei den Zeremonien ausfüllen; sobald er sein Volk wie einen Sohn lieben wird, wird dieses Volk ihm nachzueifern streben; sobald er Gelehrte und Künstler an seinem Hofe versammelt hat, werden seine Reichtümer die richtige Verwendung finden; sobald er fremde Besucher freundlich empfängt, werden die Menschen von den vier Ecken der Welt in seinem Reiche zusammenströmen, um teil an dessen Segnungen zu haben.

Das Moralische ist die Grundkraft der Welt; sobald es zur Geltung kommt, reguliert sich das übrige von selbst. Kant sprach von zwei Dingen, die sein Herz mit immer neuer Ehrfurcht erfüllten: dem bestirnten Himmel über ihm und dem moralischen Gesetze in ihm. Dem Chinesen ist der himmlische Kosmos selbst ein Ausdruck des moralischen Gesetzes.

Uns kommt es absurd vor, die Gesetze der Natur, welche notwendig erfüllt werden, wo etwas geschieht, und die moralischen Gebote, die erfüllt werden sollen, aber meistens übertreten werden, auf einen Nenner zu bringen. Dem gegenüber ist zu erinnern, daß der Chinese, der diese Weltanschauung glaubt, keine Naturgesetze in unserem Sinne kennt; er urteilt vom Standpunkte des Landwirtes, nach dessen typischer Ansicht die Natur ja auch das Rechte seltener tut als verfehlt; ihm ist das unbelebte Geschehen nicht eindeutiger determiniert als das belebte, das nachweislich so oder auch anders verläuft, je nach dem Charakter der Menschen. So ist es durchaus nicht irrationell, daß er die Ordnung der Welt und die Ordnung unter den Menschen auf eine gemeinsame Ursache zurückführt.

Das Moralische als Urkraft der Welt übt seinen Einfluß unmittelbar aus, besonderen Handelns bedarf es nicht. Deshalb wird von den größten Kaisern Chinas berichtet, daß sie — nicht regiert hätten.

Kungfutse sagte: Erhaben war die Art, wie Schun und Yü den Erdkreis beherrschten, ohne daß sie etwas dazu thaten.
Laotse: Herrscht ein ganz Großer, so weiß das Volk nur eben nur daß er da ist.
Mindere werden geliebt und gelobt,
Noch mindere werden gefürchtet,
Vertraut man nicht genug,
So findet man kein Vertrauen.
Wie überlegt waren jene im Wählen ihrer Worte!
Die Werke wurden vollbracht, die Arbeit wurde getan,
Und die Leute im Volk dachten alle:
Wir sind selbständig.

Moralischer Wert ist alles, wessen der wahre Herrscher zum Herrschen bedarf. Wirklich wird selbst das heutige, so zerrüttete China von moralischem Prestige allein regiert, und der allgemeinen Ehrfurcht des Volks vor dem, was über ihm steht. Wie gering ist die Maschinerie! Die Mandarine verfügen weder über Militär, noch über Polizei, um ihre Befehle durchzusetzen, und doch wird ihnen bereitwilligst gehorcht. Es genügt das Prestige ihrer Würde, von welcher vorausgesetzt wird, daß sie dem Wert entspricht, daß sie das Dasein der Ehrfurcht vor dem, Was unter ihnen steht, garantiert. Wie wunderbar ist die Idee solcher Regierung! Sie ist die höchste, die sich überhaupt denken läßt. Wäre ein Volk vollendet gebildet, so bedürfte es überhaupt keiner Institutionen, denn alles richtete sich von selbst. Je gebildeter es ist, desto mehr kann es sich auf den Wert des Einzelnen verlassen, desto weniger bedarf es der Maschinerie. In England sind die Richter echte Selbstherrscher; sie schaffen recht eigentlich das Gesetz; und dieses System bewährt sich, weil eben die Menschen auf der Höhe sind. In Deutschland kann man den Richtern noch keine solche Machtbefugnis einräumen, dort bedarf es fest vorgeschriebener Normen; in Rußland überdies der Kontrolle jeder Anwendung und Ausdeutung. In China hat der Sinn für das Moralische seine bisher größte Ausbildung gewonnen; er ist wirklich der Grundzug dieser Nation. So sind dort, in der Idee wenigstens, Verhältnisse möglich, die dem Abendländer übermenschlich vorkommen. Gibt es gar keine Maschinerie, deren der Herrscher zum Herrschen unbedingt bedarf? Doch; solche Formen sind die Riten. Und hier mündet das wunderbar Tiefe, das Ewig-Menschliche wieder einmal in der Chinoiserie. Es bedarf keiner Behörden, kaum der Gesetze; alles Leben organisiert sich von selbst. Aber wenn der Kaiser während des großen Jahresopfers am Himmelsaltar einen Etikettefehler beginge, dann würde die noch so gut geregelte Welt auf einmal in Unordnung geraten.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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