Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Peking: Chinesisches Liebesleben

Wenn ich nur nicht gar so viel zu trinken hätte! aber nie errate ich die Charaden, die mir beim Mahle aufgegeben werden, und die Landessitte verlangt, daß der also Versagende mal für mal den Becher Reisweins bis zur Neige leert. Und das währt Stunden hindurch. Gang folgt auf Gang, Charade auf Charade, und nie werden die Herren es müde, im Scharfsinn miteinander zu wetteifern. Da schneidet unsereiner kläglich ab. Das Erraten chinesischer Rätsel setzt einen Feinsinn voraus und eine Fähigkeit, aus Andeutungen unmittelbar das ganze herauszuhören, die wohl keiner besitzt, dessen Kombinationsvermögen durch andauernde Beschäftigung mit der chinesischen Schrift nicht bis zur Unwahrscheinlichkeit durchgebildet ward. Denn unwahrscheinlich ist es, was meine Gastfreunde wie spielend leisten. Oft liegt die Lösung eines Rätsels im Bezug eines hingeworfenen Worts auf eine unwichtige Stelle in den Klassikern: ohne weiteres wird sie gefunden, und meist von mehreren zugleich. Wer mit dem Stoff so zu spielen weiß, mag noch sehr ein Schriftgelehrter sein — er ist gleichzeitig ein lebendiger Geist. Ja, lebendig sind diese Herren, und seien sie noch so würdige Glieder der Hanlin-Akademie. Lustig blinken ihre ausdrucksvollen Augen, unermüdlich scheinen sie beim Zechen, und ihr Lachen ist so ansteckend, so werbend, daß ich mitlache auch wo ich nicht weiß warum.

Ein berühmter Doktor erzählt, wie er sich einstmals in ein Singsangmädchen verliebt habe; zuletzt sei ihm das Leben ohne sie unmöglich geworden; und wie seine würdige Gattin bald darauf starb, habe er das Mädchen heimgeführt. Nun sei sein Haus ein Paradies. Während er seinen ernsten Studien obliege, werde er doch stets von zwitscherndem Frohsinn umgeben, und der erst mache seinen Ernst ganz produktiv. — Es leuchtet feucht in den Augen des alten Herrn. Nein, gefühllos sind die Chinesen nicht.

Wie mag die Legende der chinesischen Gefühllosigkeit nur aufgekommen sein? Nie habe ich lebhafter sprechen und herzlicher lachen gehört. Der ungebildete Europäer beurteilt den, welcher Herr seiner selbst ist, gleich als dürr und kalt; was ja auch dem Engländer widerfährt. Die Wahrheit ist, daß der Beherrschte seine Fähigkeiten potenziert, wie denn das englische Gemütsleben nicht schwächer, sondern intensiver (wenngleich ärmer) ist, als das des Deutschen. Wozu das weitere tritt, daß nur der, wer sich wirklich besitzt, sich auch wirklich hingeben kann. Die Chinesen, welche nichts außer Gleichgewicht bringt, wissen eben deshalb auszuspannen. Dann aber strömt ihre Laune über, und tausend Quellen sprudeln auf einmal hervor.

Die Chinesen empfinden nicht weniger tief und reich, nur anders als wir. Wenn christliche Nächstenliebe ihnen fehlt, so besitzen sie dafür ein Zusammenhangsgefühl, wie wir es nicht kennen; unsere Sympathie ersetzt Hochkultur der Ehrfurcht; wenn sie sich gelegentlich hart, verschlagen und grausam erweisen, so sind sie im Ganzen doch viel zahmer als wir Abendländer, zu denen sie sich — der Vergleich stammt von Ku Hung-Ming — nicht viel anders wie Haus- zu Raubtieren verhalten. Wir kommen ihnen typischerweise herzlos, roh und grausam vor; von ihren Voraussetzungen aus haben sie wohl recht. Aber im gleichen Sinne Recht haben wir, wenn uns ihr Gemütsleben in mehreren Hinsichten dürftig scheint. Liebe in unserem Sinn z. B. kennen sie sicher nicht. Ich gedenke des berühmten Romans Ping-Chan-Ling-Yen, in welchem kalligraphisches Können recht eigentlich die Rolle eines Liebestrankes spielt, jener weidenbestandenen Straßen (der Freudenviertel), in deren Grenzen sich weitaus der größte Teil chinesischen Liebeslebens abspielt: den meisten Chinesen bedeutet Liebe ungefähr das, wie dem Menschen des europäischen Altertums. Noch dem heiligen Augustin waren die Stimmungen unbekannt, die wir heute als für das Lieben wesentlich ansehen. Er wußte wohl vom Begehren, vom Genuß, von der animalischen Freude an der Nähe; auch wohl vom spezifischen geistigen Charme, von der anregenden Kraft, die Frauen ausstrahlen. Aber von der Liebe eines bestimmten Weibes um seiner selbst willen hatte er keinen Begriff. Immerhin: wie viele unter uns sind des Liebens in diesem höchsten Sinne fähig? Das meiste von dem, wovon wir glauben, daß es uns hinaushebt über die übrige Menschheit, besitzen wir nur in der Idee…

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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