Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Peking: Der Ehestand

Meine chinesischen Freunde sind skandalisiert darüber, daß ich keine Absicht zum Heiraten bekunde: Sie sind doch kein Wolf, kein reißendes Tier, daß Sie sich über die universale Ordnung hinwegzusetzen wagen! Ich erwidere ihnen, daß ich längst geheiratet hätte, wenn ich als Chinese auf die Welt gekommen wäre, oder auch, als Europäer, in dem Fall, wenn das Problem sich bei uns vergleichbar stellte. Aber heute tut es das nicht. Was selbstverständliche Gattungsfunktion sein sollte, bedeutet uns ein individuelles Problem, und der, dem die Ehe kein solches sein kann, weil sein Bewußtsein in den Gattungsinstinkten nicht dauernd zentrierungsfähig ist, der heiratet dann nicht.

Allen Ernstes: die neue individualistische Auffassung des Eheproblems bedeutet ein Mißverständnis, steht dem Prinzip nach unter der asiatischen. Die Fortpflanzung ist Gattungsangelegenheit, sollte dergestalt geregelt werden, daß individuelle Velleitäten nicht entschieden. Das Problem stellte sich anders, wenn zwischen diesen und dem Besten der Gattung ein notwendiger Zusammenhang bestände; aber ein solcher liegt nur ausnahmsweise vor. Es ist leider nicht wahr, daß die Kinder der Liebe notwendig wertvolle Kinder wären — jedem Bastard, der Genie besessen hat, stehen tausend Minderwertige gegenüber; es ist leider nicht wahr, daß die Natur sich, wie Schopenhauer behauptet, der Neigung als Mittels bedient, um ihre höheren Zwecke zu erreichen — denn höhere Zwecke kennt sie nicht; ihr liegt gar nichts an der Veredelung des Menschengeschlechts. Wohl scheint Inkompatibilität der Gatten — und auch dieses ist nicht einwandfrei erwiesen — auf die Nachkommenschaft einen ungünstigen Einfluß auszuüben; sicher bürgt leidenschaftlichste Zuneigung nicht dafür, daß die Kinder gut geraten werden. Individuum und Gattung decken sich nicht in concreto, sie stehen zueinander vielmehr in Polaritätsverhältnis: jenes steigert sich auf Kosten dieser, welche ihrerseits auf Kosten jenes gedeiht; dies ist der Sinn der wohlbekannten Tatsachen, daß große Männer selten Nachkommen hinterlassen und die Geschlechter am spätesten entarten, in denen der Typus den Einzelnen beherrscht. Von dieser Erkenntnis aus sollte das Eheproblem in Angriff genommen und gelöst werden. In Asien geschieht dies noch. Nichts könnte weiser sein, als das Heiraten als selbstverständliche Pflicht hinzustellen, der sich keiner entziehen darf, bei deren Erfüllung der Wunsch des Einzelnen nicht in Frage kommt, sondern ausschließlich das Wohl des Geschlechtes; denn auf diese Weise wird zweierlei auf einmal erreicht: erstens die sichere Fortdauer der Rasse unter günstigsten Verhältnissen; hier sieht die Familie immer klarer als der persönlich interessierte Einzelne. Daß die Heiratsvermittler ein gutes Auge haben, geht unzweideutig aus der unerhörten Langlebigkeit der Familien im Osten hervor, und aus der Seltenheit des Phänomens der Dekadenz. Zweitens aber wird durch diese grundsätzliche Entscheidung des Eheproblems der Nichtberücksichtigung individueller Gefühle alles Odium von vornherein benommen. Wenn das Heiraten als selbstverständliches Stadium auf dem Lebenswege gilt, dann spielt es im Bewußtsein des Einzelnen kaum eine Rolle; er stellt sich gar nicht die Frage, ob er wirklich ganz glücklich sei, kann daher auch nicht ganz unglücklich werden und die typischen Vorteile des Ehelebens werden ihm auch so zuteil: er hat ein Heim, entbehrt der Ruhelosigkeit dessen, dessen Gattungstriebe unbefriedigt blieben, sein Bewußtsein wird weit an der Sorge um die Nachkommenschaft. Diese typischen Vorteile sind für den Einzelnen immer die Ausschlaggebenden, auch wenn er die Ehe unter rein individuellen Gesichtspunkten schloß. Wo sind also die Nachteile des asiatischen Systems? — Diese liegen freilich auf der Hand: eine vollkommene Ehe im europäischen Sinn kommt im Fernen Osten kaum vor, jenes fortdauernde Wachsen aneinander. Aber hier gilt es großzügig denken: sind solche Ehen etwa zahlreich unter uns? Ich habe nur ganz wenige gesehen, desto häufiger aber bemerkt, daß das Ideal der vollkommenen Ehe die Beteiligten herabgemindert hat. Wenn Gatten sich einbilden, für einander geschaffen zu sein, ohne daß sie es sind, dann wachsen sie nicht, sondern verkümmern aneinander; ihr Bewußtsein idealisiert, was nicht idealisiert werden dürfte, hausbackene Ideale bestimmen die ganze Lebensführung und aus dem Aar wird ein Täuberich. Deswegen steht der verheiratete Mann unter uns so häufig niedriger als der ledige, ist sogar die Frau oft weniger als das Mädchen, was doch widernatürlich scheint. Der Chinese, dem der Ehestand kein Ideal, sondern das schlechterdings Selbstverständliche bedeutet, und der sich dabei, mit dem ihm eigenen Sinn für die Naturordnung, meist als vorzüglicher Vater und Gatte bewährt, wird durch das Verheiratetsein niemals herabgemindert. Ich schrieb einmal: wer sich fortsetzt, verzichtet auf seine Person; das gilt auch vom Chinesen; aber dieser gibt so wenig Preis, als sich preisgeben läßt. Da sein Eheleben ihm ein Selbstverständliches dünkt, so schlägt es sein Bewußtsein nicht in Bande. Wiewohl er der Gattung mehr Rechte zugesteht als wir, ist sein individuelles Bewußtsein von Gattungsmotiven freier.

Dieses wäre denn wohl der entscheidende Punkt, der gegen unsere Auffassung des Eheproblems anzuführen ist: indem wir einerseits eine Gattungsangelegenheit zur persönlichen hinaufheben, ziehen wir andererseits das emanzipierte persönliche Bewußtsein in das der Gattung wieder hinüber. Der Erfolg ist absolut negativ. Die Gattung erhält sich schlecht bei uns, degeneriert oder stirbt aus, und der Einzelne ist dabei weniger frei, als im Osten. Es ist doch ein arges Mißverständnis, in der so außerordentlich individualisierten modernen Erotik z. B. einen Beweis potenzierten Selbstbewußtseins zu sehen: hier erscheinen vielmehr generelle Triebe wie krampfhaft in die Sphäre des Selbstbewußtseins hinaufgehoben, welch’ letzteres seinen eigenen Charakter entsprechend verliert. Individualisiertheit in diesem Sinn ist kein Zeichen der Emanzipiertheit. Neulich kam mir ein französischer Roman in die Hände: ich kann kaum sagen, wie flach, gegen den Hintergrund des Orients betrachtet, die typisch-westliche Liebesanschauung wirkt; die Liebe zu einem bestimmten Sinnenwesen der Sinn des Lebens … Das ist ein arges Mißverständnis, selbst im Fall der geläutertesten, beweist Oberflächlichkeit sogar im Fall der tiefsten Neigung. Nicht um des Gatten willen ist der Gatte lieb, sondern um des Selbstes willen, lehrt die Upanishad und sie, nicht die westliche Romantik ist im Recht. Freilich kann ein bestimmter Mensch einem anderen der Exponent des Höchsten sein — hierauf beruht die mögliche Göttlichkeit der Gattenliebe — aber diese an sich bleibt reine Gattungssache, die zur persönlichen zu machen nur auf Kosten der Persönlichkeit gelingt. Übrigens wird, wer das Generelle individuell auffaßt, durch alle Erfahrung eines besseren belehrt. Die meisten geistig bedeutenden Männer klagen, daß sie von den Frauen als solche nicht gewürdigt werden, sondern nur als Berühmte schlechthin, oder als Produktive, als Potente, und ebenso klagen hochbegabte Mädchen, daß die Männer an ihnen nur das Typische schätzen. In der Geschlechtsliebe äußert sich eben die Gattung; eine persönliche Zuspitzung dieses Triebs bedeutet, metaphysisch betrachtet, ein Mißverständnis. Solche Zuspitzung kommt im Osten nur selten vor. Deshalb hat die Liebe dort selten so schöne Blüten getrieben, wie bei uns; nur wo ihr Sinn überschätzt wird, sprießen sie, und persönlich würde ich sie ungern missen. Aber ich bin zu ehrlich, um meine Vorliebe objektiv zu rechtfertigen: ich weiß vielmehr, daß die Stellung des östlichen Weisen, welcher der Gattung gewährt, was ihr gebührt, sein Selbstbewußtsein jedoch in anderen Sphären gründet, die höhere und förderlichere ist.

… Ich überlese, einen Tag später, das Geschriebene wieder: es ist freilich mehr in der Idee als praktisch richtig, denn darüber besteht kein Zweifel, daß unser Familienleben über dem chinesischen steht, wegen unseres tieferen Begriffs von Menschenrechten überhaupt und im besonderen der Würde der Frau. Aber ideell trifft es zu. Unsere nächste Aufgabe wäre, auf unserer höheren Individualisiertheitsstufe die Grundbeziehung zwischen Generellem und Individuellem wieder herzustellen, welche im Orient besteht. Der Fortbestand der Art darf dem Caprice der Neigung nicht dauernd anheimgestellt werden, denn dies führte mit Unvermeidlichkeit zum Rassentod. Wohl sind die Zeiten dahin, wo Mann und Weib gleich Tieren durch fremden Willen einander zugeführt werden konnten, aber sie müssen nun lernen, aus freier Wahl zu tun, was vormals für sie getan wurde. Sie müssen lernen, aus persönlichen Voraussetzungen heraus Gattungsangelegenheiten als solche zu betreiben, sie müssen verlernen, aus individuellen Neigungen, die sie sonst freilich ausleben mögen, Konsequenzen zu ziehen, die das Überindividuelle schädigen könnten. Es ist ein allgemeiner Zustand denkbar, wo Mann und Weib so weit entwickelt wären, daß sie unwillkürlich zwischen ihrem persönlichen und ihrem Gattungs-Iche schieden und ebendeshalb zwischen beiden vollkommenen Einklang herzustellen wüßten.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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