Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Peking: Taoismus

Es ist doch wahr: der durchschnittliche Taoist steht tief unter dem durchschnittlichen Konfuzianer. Der Chinese, wie er sich heute darstellt, ist eben wesentlich (fast möchte ich sagen: physiologisch) Konfuzianer; verleugnet er den Geist, des Kind er ist, so übt er damit Untreue gegen sich selbst. Das zeigt sich schon rein äußerlich an der Brüchigkeit der volkstümlichen taoistischen Theorie, selbst wo sie von allen magischen und fetischistischen Beimengungen frei erscheint. Heute setzte mir ein angesehener Priester auseinander: das Tao sei zwar das Ungestaltete, aber immerhin sei der Sinn der Welt ihre prästabilierte Harmonie; so daß Versenkung nicht eigentlich zur Vereinigung mit dem schöpferischen Urgrund führt, sondern zum Unisono mit der objektiven Weltordnung. Auch dieser taoistische Priester war ohne es zu wissen Konfuzianer. Hat man sich einmal mit seinem tiefsten Selbst identifiziert, dann weiß man von keiner gegebenen Ordnung mehr; vom Atman her stellt sich das vermeintlich-abgeschlossene Dasein als schöpferische Entwickelung dar, und das Schöpferische liegt jenseits aller Normen; für jeden Brahmanen verstünde sich dies von selbst. Dem Taoisten aber bleibt, trotz des Tiefsinns der taoistischen Lehre, die konfuzianische Harmonie seine Grundidee. Er weiß nur Objektiviertes zu fassen; als reines Subjekt erleben kann er nicht.

Nun scheint mir die spezifische Form des Taoismus überhaupt wenig geschickt, einen höheren Menschentypus zu gestalten; sie ist zu weit, zu vieldeutig dazu; insofern hat es nicht viel zu sagen, daß der taoistische Mönch unter dem buddhistischen sowohl als dem christlichen steht. Aber daß alle Chinesen, mit denen ich zu verkehren Gelegenheit habe, die Taoisten mit inbegriffen, der wundersamen Lehre Laotses so gar kein tieferes Verständnis entgegenbringen, läßt immerhin auf eine typische Schwäche des Subjektiven bei ihnen schließen; ihnen fehlt es an metaphysischem Bewußtsein. Das befremdet mich nicht. Bei allen Völkern, deren typisches Streben auf Konkretion ging, war, in geringerem oder höherem Grade, Gleiches der Fall; bei den Hellenen z. B. und den Franzosen. Wessen Grundinstinkt die Tendenz zum Ausdruck ist, der wird sein Sein wie kein anderer objektivieren, wird je nach seinen besonderen Anlagen der größte Künstler, der edelste Mensch, das vollkommenste politische Wesen sein, aber verstehen wird er sich nicht tief; sobald er nachdenkt, gerät er außer sich, und nimmt nur das Äußere wahr. So kommt es, daß die Denker der Völker, welche die größten Künstler hervorbringen, in der Regel Rationalisten sind. Bei den Griechen trat dieses Verhältnis nicht eindeutig zutage, wegen des Dionysischen in ihnen, das gerade im Fall ihrer Philosophen dem Apollinischen vielfach die Wage hielt; bei den Chinesen äußert es sich in extremer Form, weil eben die Chinesen extreme Ausdrucksmenschen sind. Es gibt wohl keine innerlichere, tiefsinnigere Kunst, als die von China, aber nirgends wirkt das Denken trockener. Wie unerträglich langweilig und dürr sind die Reden des Mencius! Unwillkürlich zaubern sie einem das Bild des pedantischsten aller Schulmeister vor Augen. In Wahrheit aber war Mencius gewiß ein gar feingebildeter Herr, von vollendeter moralischer Kultur, von nuanciertestem Formensinn, bei dem alles Äußerliche von innen her beseelt erschien. Nur war ihm das Denken kein entsprechendes Ausdrucksmittel; denkend konnte er sein Selbst nicht zur Darstellung bringen.

Das Philosophieren ist den Chinesen gewissermaßen unnatürlich, obschon sie von allen Menschen der Welt das philosophischste Leben führen; ihre Weisheit äußert sich» in dem, was sie lebend darstellen, nicht in den Gedanken, die sie sich über das Dargestellte machen. Trotzdem haben sie einige der tiefsten Denker hervorgebracht, von denen wir wissen. Was mögen das für Menschen gewesen sein? Ich denke mir, sie hatten viel vom Narren und Charlatan; es müssen typische, ja extreme Beispiele des Zusammenbestehens von großer Weisheit und großer Unzulänglichkeit gewesen sein. Wenn der Weise im Tao Te King ausruft (Vom Sinn 20, Abseits von der Menge, nach Wilhelms Übersetzung): ich bin unschlüssig, ohne Zeichen für mein Handeln, wie ein Kindlein, das noch nicht lachen kann; ich habe das Herz eines Toren. Ich bin unruhig, wie das Meer, bin müßig wie ein Taugenichts — so ist das, glaube ich, nicht nur ironisch zu verstehen; er wird, mit jenem seltsamen Mangel an Eitelkeit, der Chinesen so häufig auszeichnet, ein getreues Bild seiner selbst entworfen haben. Jedenfalls gibt es zu denken, daß das chinesische Volk, dessen Sinn für menschliche Größe an Sicherheit unerreicht dasteht, die taoistischen Weisen mehr als Zauberer denn als Edle und Vollendete fortverehrt.

Dennoch könnte es taoistische Heilige gegeben haben, die als die größten aller gelten dürften. Im Taoismus liegt eine Überlegenheit vorgebildet, wie weder im Buddhismus, noch im Christentum, noch auch im Brahmanismus: er bezeichnet nämlich das einzige Yoga-System, das Vollendung und Seligkeit nicht in Gleichung gesetzt hätte. Wie sehr hat es den indischen und christlichen Yogis zum Verhängnis gereicht, daß sie ein Zusammenfallen des höchsten Zustandes mit dem glückseligsten fordern! diese Erwartung vereitelte ihr Bestreben, von sich selbst wirklich frei zu werden. Glückseligkeit kann nur in Funktion des Egoismus definiert werden; sie ist kein möglicher Zustand dessen, der sein Ich überwunden hat. Das haben die Taoisten allein erkannt. Hat es je einen gegeben, der diese Erkenntnis in Leben umzusetzen wußte, so dürfte dies wohl der Überlegenste aller Heiligen gewesen sein.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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