Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Auf dem Yang Tse: Phantasie

Auf dem Yang-Tse wütet der Sturm. Wenn ich mit geschlossenen Augen daliege und den Stimmen der Luft und des Wassers lausche, überkommt mich die Einbildung, daß ich auf dem Ozean sei. Und wenn ich dann aufblicke, so enttäuscht mich das Schauspiel eines zerschrammten, kaum zersplitterten schmutzigen Wasserspiegels. Es ist besser, die Augen geschlossen zu behalten. — Wie ich sie nun nach einer Weile wieder auftue, das Bewußtsein ganz von den Tönen eingenommen, da ist mir, als hätte alles sich verwandelt: ich sehe gewaltige Wogen unter mir, ein tobendes Meer; nur schwebe ich so hoch über ihm, daß jene ganz klein erscheinen.

Es ist ein altbeliebtes Spiel von mir, Kleines groß und Großes klein vorzustellen; ein Spiel, das viel Kurzweil bereitet. In Sandgerinseln Canons, in Lachen Meere zu sehen — dazu bedarf es keiner Anspannung der Einbildungskraft und die innere Bereicherung, die man dabei erfährt, ist groß. So kann man gewaltigen Naturereignissen beiwohnen, ohne je seine Scholle verlassen zu haben Und doch hilft alle Phantasie über unsere wesentliche Begrenztheit nicht hinaus. Welcher Unterschied besteht denn an sich zwischen einer Pfütze und dem Ozean? Nur einer der absoluten Größe. Tatsachen sind beide im gleichen Sinn, an Problemen ist der Ozean nicht reicher; jedes Atom ist ein Sonnensystem, kann ohne weiteres so vorgestellt werden. Gleichwohl ruft nur das, was groß ist in bezug auf uns, von selbst große Gefühle wach. Das zeigt, wie kläglich abhängig wir von äußerer Anregung sind. Eine gewaltige Erschütterung hebt leicht den Philister hoch über ihn selbst hinaus; andrerseits kann das Genie nur inmitten einer günstigen Umwelt seine Bestimmung vollkommen erfüllen. — Man sollte so weit gelangen, daß man von den Zufälligkeiten des äußeren Milieus ganz unabhängig ist; das heißt, man sollte sein inneres Milieu — seinen gegebenen psycho-physischen Organismus — so vollkommen beherrschen, daß man durch willkürliche Umstimmung desselben, wie der Achtfuß seine Hautfärbung bestimmt, eben das mit Sicherheit erreichte, was sonst nur durch kluge Abwägung äußerer Einflüsse einigermaßen zu bewerkstelligen ist.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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