Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VI. Japan

Im Kloster von Koya San: Japanische Religiosität

Zusammen mit den Pilgern, die gemeinsam mit mir nach Koya aufstiegen, besichtige ich die heiligen Stätten. Wie sehr unterscheiden sich diese Wallfahrer von indischen! Nur den bejahrteren unter den Frauen scheint es in religiösem Sinne ernst zu sein; die jüngeren betrachten ihre Reise nicht viel anders als die Männer: als vergnüglichen Ferienausflug, auf dem es viel des Neuen zu sehen gibt, und tragen das Pilgerkleid hauptsächlich aus Stilgefühl oder aus Freude an dem Mummenschanz. Den Sagen und Wundergeschichten, die mit den einzelnen Tempeln verknüpft sind, lauschen sie mit jener halbskeptischen Gläubigkeit, mit der halbwüchsige Kinder Märchen zuhören, und die Andacht, die sie vor der Stätte überkommt, wo Kobo Daishi, der Gründer des Klosters, ein großer Zauberer und Wundertäter, noch heute leben soll, des Tages seiner Auferstehung harrend, enthält mehr Neugierde als Weihe. Es ist auch etwas viel, was dem Koya-Pilger zu glauben zugemutet wird. Die Shingon-Sekte, der dieses Kloster gehört, betreibt vor allen am meisten Magie, und der stehen die Japaner von heute ganz skeptisch gegenüber; Sogar die geistlichen Herren scheinen vom Kultus nicht allzuviel zu halten. Sie reden am liebsten über Fichte und Kant und gleiten über meine dogmatisch-kultischen Fragen mit einem leisen Lächeln hinweg. Aber alle, Priester wie Gemeinde, machen doch bei den religiösen Veranstaltungen mit; nicht einer will Spielverderber sein. Sie haben zu viel Sinn für die Form, um nicht alles Ritual mit künstlerischem Ernste zu befolgen. Ihr Ernst ist recht eigentlich der des Komödianten, der sich mit Leib und Seele in seine Rolle hineinversetzt hat. Heute früh hatte ich im Tempel, wo ich hause, die Frühmesse versäumt. Als ich dem Abte mein Bedauern darüber aussprach, erklärte dieser sich sofort bereit, sie noch einmal für mich zu zelebrieren, da mich das uralte, über Indien wahrscheinlich aus Ägypten stammende Ritual gewiß interessieren würde. Natürlich geschah dies aus Courtoisie, und ich weiß ihm von Herzen für sie Dank, um so mehr, als dieser Gottesdienst tatsächlich zu den merkwürdigsten gehört, denen ich beigewohnt habe. Immerhin zweifele ich, ob ein Priester, dem es innerlich ganz ernst ist, in der Höflichkeit so weit gegangen wäre.

Es ist schon richtig: religiöse Tiefe im indischen Sinn fehlt dem Japanergemüte. Nirgends spüre ich etwas von dem inneren Erleben, das die Gesichter der Pilger von Benares oder Rameshvaram verklärt; und die Gespräche gar, die ich mit geistlichen Herren über die Mahāyāna-Lehre gepflogen, verliefen ganz ohne Belehrung für mich. Aber doch scheint mir der Buddhismus in Japan weit mehr lebendige Bedeutung zu haben, als man nach den ersten flüchtigen Eindrücken glauben sollte. Wohl ist der Japaner nicht im indischen Sinne religiös, auch nicht im christlichen, dazu gebricht es ihm an Erkenntnistiefe und Einbildungskraft; wo er nicht nachdenkt, dort glaubt er, wie das einfache Volk überall, an gewisse wunderbare Tatsachen und Begebenheiten; und wo er zu denken gelernt hat, zweifelt er. Allein das Denken ist ihm nichts Wesentliches: sein Eigentliches, Tiefstes tritt im Empfinden zutage. Ich sage in seinem Empfinden, nicht in seinen Gefühlen, seiner Seele, seinem Gemüt; in der Art wie die Oberfläche, nicht die Tiefe seiner Psyche auf die Eindrücke der Innen- und Außenwelt antwortet. Das Innenleben des Japaners spielt sich der, Hauptsache nach im Reich der Empfindungen ab, wie beim Kind und der jugendlichen Frau. Hier äußert sich auch seine Religiosität. Das Glauben des Kindes ist kein tiefes Glauben, und doch führt es geradeswegs zu Gott. Seine Art aber ist die lieblichste von allen. So hat die japanische Religiosität, die vom Geiste her gesehen, flach erscheint, im Reich des Empfindens und der Stimmung Wirklichkeiten geschaffen, die zum höchsten Besitz des Menschengeschlechts gehören. Es gibt nichts Duftigeres, als die religiöse Lyrik des Landes der Aufgehenden Sonne, nichts Süßeres, als die Konzeption der Liebe, welche Amida und Kwannon versinnbildlichen, nichts Sinnigzarteres, als die Vorstellungen, die der japanische Buddhist mit dem Leben nach dem Tode verknüpft. Die Missionare, die das Christentum am tiefsten verstehen und zugleich am tiefsten in den höheren Buddhismus eingedrungen sind, sind daher einig in der Überzeugung, daß, wenn unsere Ideen von der Gnade und Liebe auch die tiefsinnigeren an sich sein mögen, die japanischen Vor- und Darstellungen derselben die schöneren sind. Das Konkretisieren spielt sich eben im Reich der Empfindungen ab; in dieser Sphäre steht der Japaner von allen Menschen vielleicht am höchsten. Kein Wunder daher, daß er im Einzelfall, trotz wesentlicher Oberflächlichkeit, an religiösem Empfindungsvermögen alle anderen übertrifft. Vor allem gilt dies von der Japanerin: ich kann mich nicht satt sehen an den lieblichen Kindern, die sich voll Ehrfurcht vor den goldenen Tafeln neigen. Von Glauben in indischem Sinne wissen sie nichts; sie wissen wohl nicht einmal, ob sie glauben; sie lachen, wo sie ernst sein sollten. Und doch beseelt sie unverkennbar die Liebe, deren Ideal Avalokiteçhvara verkörpert. Fast möchte ich behaupten, sie alle empfinden, wie in Indien vielleicht nur ein Krishna, bei uns nur ein Franz von Assisi empfunden hat; und in ihrem opferfreudigen Dasein, im Verhalten zu ihren Nächsten üben sie aus, was geistig zu erfassen über ihre Kräfte geht.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VI. Japan
© 1998- Schule des Rades
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