Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VI. Japan

Nara: Des Ostens vermeintliche Spiritualität

Schon mehrfach berührte ich den franziskanischen Charakter des Tiefsten und Besten an der japanisch-buddhistischen Religiosität; bei diesem Konvergenzpunkt östlich-westlichen Wesens muß ich doch etwas länger verweilen. Ohne Zweifel hat das Süße, das Liebliche, das Zarte hier wie dort den gleichen Grundgeschmack; freilich hat es im Fernen Osten den höheren Grad der Durchbildung erreicht. Aber das Franziskanertum erschöpft sich nicht im Süßen. Ich muß an eine Bemerkung Alfred Webers denken: der entsprechende Ausdruck eben des Geistes, der einst im Franziskanerorden seinen Körper fand, sei heute — die Heilsarmee. Wahrscheinlich ist dem so. Nicht der ganze Geist des heiligen Franziskus geht im Innig-Süßen auf. Und für das andere, das Leidenschaftlich-Tatkräftige, fehlt im Osten das Äquivalent.

Missionare würden natürlich sagen, dieser Unterschied gehe auf die Überlegenheit der christlichen Lehre zurück, und so viel ist gewiß: sehr ähnliche Grundideen haben in christlicher Verkörperung ungleich größere Kraft bewiesen. Aber woher kommt letzten Endes diese größere Kraft? worauf beruht es, daß franziskanischer Geist in Japan nur Süßes, in Europa sowohl Süßes als Gewaltiges hervorgebracht hat? Wohl schwerlich auf der Lehre Christi an und für sich, sondern auf der Naturanlage derer, von denen sie Besitz ergriff; die Mahāyāna-Lehre hätte unter uns wahrscheinlich gleiches gewirkt. Ich vergegenwärtige mir die Seele des heiligen Franz: mit solchem Feuer hat die Liebe in keinem Japanerherzen je gebrannt; solche Leidenschaft hat kein Heiliger des ganzen Orients, wenn ich den Islam ausschließe, je gefühlt. Was den christlichen Bhakta vom asiatischen letztlich unterscheidet, ist das sehr viel größere Energiequantum, über das er verfügt. Somit beruhen die Vorzüge des Christentums vor dem Buddhismus, soweit solche in Frage kommen, wohl vielfach auf physiologischen Umständen; auf dem dichteren, dankbareren Stoff, mittels dessen sein Geist sich hat auswirken können. Nie bin ich unter Asiaten einem Menschen begegnet, dessen psychischer Körper so voll und reich wäre, wie bei uns schon im Fall des höheren Durchschnitts; alle, soweit ich sie kenne, sind psychisch mager im Vergleich mit uns.

Von diesem Gesichtspunkte aus entfalten sich, wie mich bedünkt, recht interessante Ausblicke auf unseren vermeintlichen Materialismus und des Ostens vermeintliche Spiritualität. An den Tatsachen ist natürlich nicht zu rütteln, aber ihre Bedeutung ist doch nicht ganz die, welche ihnen gemeiniglich zuerkannt wird. Wohl stellt sich Spiritualität im Orient meist spiritueller dar als im Abendland, aber daraus folgt nicht notwendig, daß jener wirklich dem Geiste näher sei: es braucht nur das daraus zu folgen, daß er einen mageren Körper trägt. Sicher ist diese Deutung in vielen Fällen richtig, und was Japan betrifft, vermutlich durchaus. Auch vieles von dem, was an Indien bewundernswert scheint, mag hier seine wahre Ursache haben: es ist nicht eben schwer, zu verzichten, wenn man dürftige Leidenschaften hat. So viel steht außer Frage: je reicher der Körper, desto bessere Ausdrucksmöglichkeiten hat der Geist. Das beweisen unser Beethoven, unser Bach; denen kommt nichts Östliches gleich. Das beweist am eindrucksvollsten wohl China. Wo immer es möglich erscheint, Chinesisches mit Japanischem einerseits, mit Indischem andrerseits zu vergleichen, überall also, wo entweder ein identischer Geist den jeweiligen Kulturgebilden zugrunde liegt oder wo identische Ausdrucksmittel benutzt wurden, beeindruckt die größere Substantialität der chinesischen Gestaltung. Sie wirkt nicht nur robuster, stofflich-bedeutsamer, ist nicht allein schärfer umrissen, kraftvoller ausgeführt — sie wirkt wie aus größerer Tiefe beseelt. Um die Tiefe an die Oberfläche zu bringen, bedarf es eben der physischen Kraft; und je mehr Oberfläche auf den Grund zurückgeführt oder vom Grunde her durchleuchtet wird, desto deutlicher tritt dies hervor. Die Chinesen sind die substantiellsten der Asiaten; sie sind die einzigen Menschen, die ich wüßte, deren psychischer Körper den Vergleich mit dem unserigen aushält. Deshalb hat die orientalische Spiritualität ihren irdisch stärksten Ausdruck in China gefunden.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VI. Japan
© 1998- Schule des Rades
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