Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VI. Japan

Kyoto: Japanische Gärten

In den höchstgestellten Kreisen des alten Japan pflegten Zimmereinrichtungen und die Trachten der Frauen im Zusammenhang — mit dem Kreislauf der Jahreszeiten eine zyklische Verwandlung zu erfahren. Nie war ein Interieur dort sommerlich gestimmt, während es draußen schneite und stürmte, nie hätte eine japanische Grande-Dame zur Zeit der Wistaria-Blüte ein Gewand getragen, das der Stimmung des Chrysanthemums entsprach. Die Idee ist die gleiche wie die der chinesischen Harmonie, nur hier nicht in der Tiefe oder von der Tiefe her, sondern an der Oberfläche zum Ausdruck gebracht, wie der Maler den Sinn der Dinge in ihrem farbigen Abglanz auffängt und wiedergibt. Um den Himmel hat sich der Japaner wenig gekümmert; dafür hat er, dank seinem wundersamen Naturgefühl, seine Erde zum Paradiese umgewandelt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein gezwergter Baum sich mißhandelt fühlen könnte, wie ein auf französisch zurechtgestutzter dies sicher tut: er dürfte seinem Gärtner vielmehr danken, da dieser seine Natur, ohne Gewaltsamkeit, so umwandelt, daß sie ihrer Umgebung vollkommen angepaßt erscheint. Jeder Mensch von Geschmack jedenfalls, welchem Gleiches widerführe, wäre dankbar.

Der Sinn dieses Natursinns, um mit Laotse zu reden, ist der Grundton aller asiatischen Welt- und Lebensanschauung. Die Inder haben ihn in ihrer Philosophie, Religion und Musik zum Ausdruck gebracht, die Chinesen in ihrer ganzen Kultur, die Japaner vor allem in der Gestaltung des Sichtbaren; in dieser Beziehung sind sie durchaus Asiaten. Der ganze Osten betrachtet den Menschen als Bestandteil der Natur und verhält sich dementsprechend, während es für uns zunächst bezeichnend ist, daß wir die Gliedschaft verleugnen. Ohne Zweifel ist seine Grundanschauung die tiefere. Nur aus asiatischem Weltgefühl kann eine allumfassende, nichts verleugnende Religion und Philosophie hervorgehen, es allein ermöglicht im Prinzip eine vollkommene soziale Organisation; nur wer asiatisches Weltgefühl besitzt, wird im höchsten Sinn geschmackvoll sein. Was ist Geschmack denn anderes, als ein sicheres Bewußtsein der Proportion? Wessen Auge in Japan gebildet ward, wird in Europa selten aufblicken mögen. Wie barbarisch sind unsere Überladungen! wie selten steht ein Gegenstand dort, wo der Zusammenhang ihm den Platz anweist! wie drängen sich die Gemälde einem auf! Und wie selten ist sich ein Europäer dessen bewußt, daß das Zimmer für den Menschen da ist und nicht umgekehrt, daß er und nicht der Vorhang oder das Bild an sich darin zur Geltung kommen soll! Sogar die japanische Baukunst leistet im selben Verstände Wertvolleres als unsere moderne, wie geringfügig ihre Schöpfungen sonst seien. Ein japanischer Tempel ist in seine Umgebung hineinkomponiert, von dieser überhaupt nicht loszulösen; und da dieses mit Meisterschaft geschah und jedes Gebäude mit seinem Hintergrund zusammen als Einheit wirkt, ist das Gesamtbild ästhetisch befriedigender als es unsere an sich meist besseren Bauten bieten. Charakterischerweise verläßt den Japaner sein Geschmack, sobald er europäische Sitten und Kleidung annimmt: die sind ihm eben innerlich fremd, kann er nicht vom Zusammenhang her verstehen. Und im gleichen Sinn bezeichnend ist es wohl, daß die Tempel meist stark überladen sind: die sind nicht für den Menschen da, sondern für superlativische Wesen, von denen jener sich keine deutliche Vorstellung bilden kann. Der Mensch besucht sie auch nur bei festlichen Gelegenheiten, wo die gehobene Stimmung einen prächtigeren Rahmen ohnehin erheischt. Heute wohnte ich dem Jahresfest des Nishi-Hongwanji-Tempels bei. Dort ward ganz außerordentlicher Pomp entfaltet. Aber so gerade müssen religiöse Feiern nach japanischer Auffassung sein — wesentlich außerordentliche Veranstaltungen — und zu solchen geben die prunkhaft reichgeschmückten, goldschimmernden, buntlackierten Tempel einen stilgerechten Rahmen ab.

Japanische Gärten aber sind absolut schön, es sind die vollkommen schönen Gärten, ein Ausdruck nicht minder klassischen Geists, als griechische Götterbilder. Weshalb zwergt der Japaner Bäume? Nicht aus Vorliebe für das kleine an sich, sondern auf daß sein noch so winziges Stück Land, gleich einer Landschaft Millets, unendliche Perspektiven eröffne. Wo daher, wie in den kaiserlichen Anlagen Kyōtōs, Raum die Fülle vorhanden ist, hat man die Bäume im Hintergrund am Himmel anstoßen lassen und nur dem Vordergrunde zu fortschreitend ihre Wachstumsimpulse proportional der Entfernung eingeschränkt, so im Großen das gleiche Bild unendlicher Weite erzielend, das der Arme im Kleinen realisiert. — Und wieviel mehr kann erreicht werden durch Eingehen auf die Eigenheiten der Natur als durch ihre Vergewaltigung! Vermittelst einiger Steine, weniger Pflanzen, eines kleinen Gerinnsels zaubert der Künstler hier Schönheiten in einen gleichgültigen Raum hinein, die so mancher berühmten Sehenswürdigkeit fehlen… Während ich, die heißen Tagesstunden hindurch, in diesen Zaubergärten raste, lese ich im Genji Monogatari, dem mittelalterlichen Roman, der ein so vollkommenes Bild vom Fürstenleben Japans gibt: dieses Raffinement hat kein Hof des Westens gekannt; auch wohl kein chinesischer. Was jene Kultur charakterisierte, war eine Verknüpfung, die eben nur in Japan möglich war: zwischen tierartig-sicherer Auffassung des Sinnlichen und deren äußerster künstlerischer Verarbeitung. Wenn Prinz Genji eine Mondscheinstimmung genoß, so träumte er nicht gleich einem persischen Dichter: er merkte auf wie ein Raubtier, das auf der Lauer liegt, aber empfand das Bemerkte zugleich als feinsinniger Ästhet.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VI. Japan
© 1998- Schule des Rades
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