Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VI. Japan

Kyoto: Sinnlichkeit

Ich spinne die Betrachtungen von gestern weiter fort: jener Chinese hatte doch nicht so unrecht, der da behauptete, der eigentliche Grund dessen, weshalb die Europäer sich zum Keuschheitsideale bekennten, sei ihre den Asiaten gegenüber ungeheuere Brutalität; ihnen müsse ein Ideal vorgehalten werden, das ihrer eigentlichen Natur stracks zuwiderläuft, während sich die sanfteren, meist vegetarisch lebenden und daher weniger animalischen Bewohner des Ostens ohne Gefahr zu einer natürlicheren Auffassung bekennen dürften. Es ist wirklich wahr: so brutalsinnlich, wie der durchschnittliche Europäer, ist im Orient kaum der abnorme Einzelne, und wo der Zeitgeist keine künstlichen Schranken schafft, dort ist die Atmosphäre Europas in einem Grade sinnenerregend, welcher jeden, der eine Weile fern von ihr gelebt, pathologisch beeinflußt; es ist nicht zu viel zu behaupten, daß die Luft auf einem bal blanc in Frankreich schwüler ist, als die in einem japanischen Freudenhaus. Nichts gibt es an der europäischen Frau, vom durchbrochenen Strumpf bis zur Reinheit und Unschuld, die sie zur Schau trägt, das nicht aufs Raffinierteste darauf berechnet wäre, das Begehren des Mannes zu reizen; jedes Kleidungsstück mehr, das sie anlegt, wirkt als eine Aufforderung mehr, es ihr abzuzwingen. Und da unsere soziale Kultur, was immer man sage, ihren eigentümlichen Charakter der Rolle verdankt, die das Weib in ihr spielt, so ergibt das eine Zuspitzung des ganzen Daseins auf das Erotische hin. Man denke ja nicht, letztere sei die Folge der freieren Auffassung in Sachen der Liebe, die in der Neuzeit mehr und mehr zur Vorherrschaft gelangt: Negation und Position weisen psychologisch immer auf Gleiches hin; die Prüderie des Puritaners bedeutet genau dasselbe wie der Zynismus des Libertins. So sehr, daß, wie mein chinesischer Freund ganz richtig bemerkte, unser Bekenntnis zum Ideal der Keuschheit recht eigentlich der Exponent unserer maßlosen Sinnlichkeit ist.

Seine weitere Behauptung, daß wir des Keuschheitsideals bedürften, um uns halbwegs im Zaume zu halten, trifft freilich nur bedingterweise zu, schon deshalb, weil nichts den Reizwert der Liebe so sehr steigert, als ihre vorausgesetzte Sündhaftigkeit; gleichwohl enthält die These mehr Wahrheit als man denken sollte. Unter Franzosen, bei welchen die erotische Betätigung den geringsten psychischen Widerstand findet, herrscht einerseits wohl mehr Aufrichtigkeit und insofern Reinheit, als unter Engländern und Deutschen, und eine Kultur der Sinne, die dort nicht entstehen kann, wo ihr Dasein aus Vorsatz ignoriert wird; aber andrerseits spielt das Erotische bei ihnen eine solche Rolle, daß man sich wohl die Frage stellen mag, ob ein wenig mehr Hypokrisie und Barbarei im ganzen nicht unschädlicher wären, als eine Lebensanschauung, die gerade weil sie der gegebenen Natur genau entspricht, deren Veredelung große Hindernisse in den Weg stellt. Ein gleiches gilt, abgeschwächt, vom katholischen Deutschland und Österreich. Die Nord-Germanen nun sind gewiß nicht unsinnlicher als die vorhergenannten; wo es so scheint, beruht es auf geringerer Differenziertheit, nicht auf Schwäche der Triebe; aber da bei ihnen, dank ihrer protestantischen Erbanlage, beim Lieben zumeist das Gefühl des Sündigens mitschwingt, so daß die Vorurteilsfreiesten es doch nur in Ausnahmefällen wagen, sich die Zügel ganz schießen zu lassen, so benehmen sie sich im ganzen erstens besser, als ihrer Natur entspricht, und werden auf die Dauer auch wirklich besser, weil Erziehung die Anlagen umwandelt. Die Brutalität setzt sich in Spannkraft um. Insoweit ist es wohl wahr, daß es uns gut tut, an die Sündhaftigkeit des Beischlafs zu glauben.

Es gibt keine bessere Illustration der körperlichen und seelischen Blindheit, welche die meisten Reisenden auszeichnet, als die von ihnen zu uns verpflanzte Anschauung der Sinnlichkeit und Laszivität der Asiaten gegenüber der Christenheit: das genaue Gegenteil hiervon ist wahr. Niemand wird die Tiere, die keinerlei psychische Hemmungen kennen, der Sinnlichkeit im üblen Sinne zeihen; im gleichen Verstände sind die Völker des Ostens unsinnlich im Vergleich zu uns Abendländern; sie sind es noch im weiteren, daß ihre Triebe viel weniger brutal sind, wie die unserigen. Wahrscheinlich wird im Osten verhältnismäßig mehr kopuliert: unter den gegebenen klimatischen Verhältnissen ist das natürlich; wohl scheint bei einigen Nationen — den Chinesen vornehmlich und den Indern — die ars amandi in hohem Grade entwickelt: aber nicht die Tatsache als solche entscheidet, sondern die Bedeutung, welche ihr beigelegt wird. Und das Erotische bedeutet dem Orientalen viel weniger als uns. Es versteht sich für ihn von selbst, daß er geschlechtliche Bedürfnisse hat, von selber, daß er sie befriedigt; und da dem so ist, beschäftigt es sein Bewußtsein kaum. Noch einmal: um wie viel unsinnlicher ist die Atmosphäre eines östlichen Freudenhauses als die eines europäischen Balles! Zeigt eine Frau bei uns nur ihren Schuh, so bedeutet das mehr, als wenn eine Japanerin sich auszieht; die feinstgebildeten Damen unserer Großstädte sind aggressiver im Verkehr mit Männern, als eine Dirne des Ostens es jemals wagen würde. Und denke ich gar an Indien zurück! Wie wunderbar weise hat dieses Volk die sexuelle Frage gelöst, wie weise gerade vom Standpunkt spirituellen Fortschreitens, um das es ihm so viel ernster zu tun ist, als der scheinheiligen Christenheit! Nie wird dort versucht, der Natur Gewalt anzutun, weil man dort seit Jahrhunderten weiß, was Freud erst seit kurzem entdeckt hat, daß verdrängte Vorstellungen verderblicher wirken als noch so schlimme, die man sich unbefangen eingesteht; dort werden mönchische Anwandlungen bei jedem, der nicht zum Yogi berufen scheint, übel angesehen, bevor er Großvater ist, das normale Sich-Auswirken des Naturtriebs wird nicht gehemmt, sondern begünstigt; alle Schranken fehlen, welche die Voraussetzung der Sündhaftigkeit oder Häßlichkeit der Liebe schafft. Dafür werden andere aufgerichtet durch die Voraussetzung ihrer Heiligkeit. Als ein Göttliches gilt sie an und für sich, so daß erotische Bilder in Indien nie zur Porno-, sondern zur Ikonographie gehören; in jedem Einzelfall aber wird sie noch besonders geweiht. Der eheliche Verkehr ist mit so viel religiösen Vorstellungen verwoben, daß das Sinnliche durch und durch spiritualisiert, und eben das, was das Christentum als Konzession an das sündhafte Fleisch betrachtet, zum Mittel geistlichen Fortschritts wird. Sogar der Umgang mit Dirnen wird geheiligt dort, wo er unvermeidlich scheint (was er in Indien, wo jeder früh heiratet, in viel geringerem Grade ist als bei uns).

Die Büßer, die das Gelübde der Keuschheit geleistet haben, sind nicht immer von den Fesseln der Sinnlichkeit ganz frei; unterdrücken sie diese künstlich, so besteht die Gefahr, daß ihre Phantasie, anstatt reiner und reiner zu werden, je schmutziger und schmutziger wird, wie beim Heiligen Antonius. So befriedigen sie ihre Triebe als Opfer, indem sie Hetären benutzen, die sich ihrerseits um Gotteswillen hingeben. Nun bestimmt die Sinngebung überall den Charakter des Tatbestandes: so wird, dank dieser noch so sophistischen Auslegung, sofern sie nur in gutem Glauben geschieht, das Zurückfallen in die Bande der Natur nicht zur Fesselung des freiheitsdurstigen Geistes. — Die Folge von dem allen ist die, daß in Indien, von den Fürstenhöfen einzig abgesehen, eine Atmosphäre der Nicht-Sinnlichkeit herrscht, die allein schon verständlich macht, weshalb dort Philosophieren und religiöses Meditieren so wunderbar gut gelingen. Der Sinn aller Einschränkung des Geschlechtslebens ist lediglich der, daß es keine größere Rolle spielen soll in der Gesamtökonomie, als ihm von Hause aus gebührt; und besser als durch alle Repression wird einer Hypertrophie des sexuellen Momentes, die freilich zu einer richtigen Vergiftung führen kann, dadurch gesteuert, daß die normale Auslösung des Triebes gesichert und gerechtfertigt wird. Bei uns geschieht dies in der Ehe allein. Daß der Osten es verstanden hat, die gleiche Regelung auch außerhalb der Ehe durchzuführen, so daß in Freudenhäusern eine ebenso reine Atmosphäre herrscht wie in einer guten westlichen Familie, wird ihm ewig zum Ruhme gereichen. Denn so ist es. Man führe so viel Tatsachen als man will zum Beweis orientalischer Unmoral an — sie beweisen nichts und können nichts beweisen, weil die Bedeutung es ist, auf die allein alles ankommt, und die japanische Laxheit ungefähr gleiches bedeutet, wie die Keuschheit frigider Engländerinnen.

Dieses schöne System ist nicht anwendbar bei uns; nicht weil wir besser, sondern weil wir einerseits zu brutal, andrerseits von asketisch-christlichen Vorstellungen zu sehr befangen und vor allem, weil wir zu matter-of-fact sind; uns scheinen Tatsachen an sich bedeutsamer als ihr Sinn. Aber wir bewegen uns doch größerer Unbefangenheit entgegen. Wenn zunächst einigermaßen übertrieben für die Schönheit des Liebens als solchen, das Sich-Ausleben, das Recht jeder Frau auf Mutterfreuden gestritten wird, wobei die althergebrachten Schranken in Bausch und Bogen als Vorurteile verworfen werden, so bedeutet dies das normale stürmische Vorstadium zur sachlich-freien Auffassung der Zukunft. Ohne Zweifel wird der Ehestand weniger und weniger als conditio sine qua non zum Kinderhaben gelten; weniger und weniger wird die Tatsache der Virginität über Unehr und Ehr des Mädchens entscheiden; immer freier wird das Weib, gleich dem Mann, seinem persönlichen Gesetze folgen können. Die alten sozialen Gestaltungen werden deshalb nicht aussterben, sie werden fortleben wie nur je zuvor, sogar quantitativ kaum eine Einbuße erleiden. Nur werden neben ihnen auch andere als normal gelten, wie denn der wesentlichste Kulturfortschritt darin besteht, daß der Mensch immer weniger Lebensformen abzulehnen braucht, um sein Sonderdasein als berechtigt zu empfinden.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VI. Japan
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME