Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VI. Japan

Myanoshita

Zum erstenmal, seit ich in Japan bin, steigen Erinnerungsbilder aus den Himalayas auf in mir. Wie ich, in hochgelegenem Talkessel, vor einem Sturzbach träume, der sich von steilem Fels durch üppigstes Pflanzengeranke in die Tiefe ergießt, da muß ich an die Bergwälder zurückdenken, die ich seinerzeit mit solchem Entzücken durchstreift. Auch hier ist der Rahmen des Ganzen großartig an und für sich: die Höhen ringsum sind kahl und wild, von dampfenden Schwefelquellen durchsetzt; über die Vorberge winkt der Schneegipfel des Fuji herüber; dunkele Fichtenwälder bedecken die tiefergelegenen Abhänge. Und auch dort fehlt das Liebliche nicht: die überreiche Vegetation schafft wieder und wieder verschwiegene Lauben, wo nichts den farnumwucherten Quellen den idyllischen Charakter stört. Woher kommt es, daß ich hier dennoch gar nicht die Empfindung des Großartigen habe? — Daran tragen die listigen Menschlein die Schuld, die diesem Lande ihre Eigenart aufgeprägt haben: ihr Naturverständnis ist so ungeheuerlich groß, daß sie ihre Umwelt ästhetisch unterjocht haben. Wie ein einziger Farbenfleck den Sinn eines Gemäldes bestimmen und umwandeln kann, so hat der Japaner durch zielbewußtes Einfügen seines Daseins in das der ihn umgebenden Natur deren Grundton so völlig auf sich selbst hinüberverlegt, daß das Große nur mehr als Füllung des Kleinen wirkt. Damit aber ist das Großartige aus der Welt hinausverwiesen. Gewiß stellt die Fähigkeit des Japaners, das Große im Kleinen zu erkennen, zu erfassen, aufzusaugen und wiederzugebären, vom Standpunkte des Absoluten her gesehen, etwas ganz Großes dar. Sein exquisites Naturgefühl bedeutet das gleiche, wie das Weltgefühl beim Inder oder bei uns, also kann nur der Tor in seinem Fall im Nichtvorhandensein des letzteren ein Gebrechen sehen. Ja man kann weiter gehen: was will der Mystiker sagen, wenn er behauptet, seine Seele gehe ins Unendliche ein? nicht daß der Tropfen im Ozean verschwindet, sondern umgekehrt, daß das Weltmeer von einem Tropfen aufgesogen wird — und eben das leistet in ihrer Sphäre, mit ihren Mitteln, die japanische Kunst. Doch ändert diese Überlegung nichts daran, daß innerhalb der Möglichkeiten des Japanertums das Großartige nirgends Platz findet; angestrebt mag es werden, erreicht wird es nie, weil eben Kleines nie großartig wirken kann. Wenn das Ameisenvolk seinen Haufen mit einer Todesverachtung verteidigt, die unter Menschen vielleicht niemals zu finden ist, so bewundern wir das — aber groß erscheint es uns nicht; alles kommt auf die Proportionen des Urzusammenhangs an. Beim Chinesen weist jedes einzelne auf das Tao zurück; dementsprechend hat auch die chinoiserie den Himmel zum Hintergrund. In Japan bleibt alles im Rahmen des Menschenlebens beschlossen, und die oberste Synthese ist Japan, nicht das All. Daher wirkt das Mädchen wunderbar lebendig, das schluchzend für den Liebsten in den Tod geht, und ebenso der strenge Samurai, der aus gekränktem Ehrgefühl Selbstmord übt; alle intimen Tragödien sind im Bilde. Heroismus im Großen weist über den Rahmen hinaus.

Man soll die Bedeutung des Quantitativen nicht unterschätzen. Steigen wir einmal vom Standpunkte des Absoluten herab — und das müssen wir tun, so oft wir der einzelnen Erscheinung gerecht werden wollen — dann müssen wir zugeben, daß ein Unterschied besteht zwischen Totalität und Einzelheit, zwischen dem Chrysanthemum und dem weltenschaffenden Gott. Wohl ist alles Lebendige gottartig; auf seine Weise tut jeder bei der Weltenschöpfung mit, und da er im Zusammenhange schafft, offenbart jeder vollendete Ausdruck unmittelbar des Ganzen Sinn. Allein wer im Großen wirkt, ist von anderem Kaliber als der Kleinkünstler. Mit einem einzigen Gedanken ruft der Gott Milliarden von Schwingungen hervor, und was die Biene dann leistet, muß jener erst ermöglicht haben. Wahrscheinlich ist Gott im einzelnen unvermögend; schwerlich wäre er ein guter Miniaturist. Sicher ist er auf seine Art beschränkt, eben weil er nur alles vermag und das Besondere daher kleineren Leuten überlassen muß — wie er es denn, wohl schwerlich ohne zwingenden Grund, von jeher getan hat. Gewiß, das Große ist eben deshalb beschränkt, und zwar im selben Sinn, wie dies vom Kleinen gilt; aber trotzdem ist es mehr als das Kleine. Solange wir in der Erscheinungswelt gefangen sind — und wer weiß, ob wir je aus ihr hinausgelangen? — so lange müssen wir das gelten lassen; so lange der bloße Begriff einer Steigerung Sinn besitzen soll, so lange bleibt dem Quantitativen sein objektiver Wert. Drum ist das Großartige mehr als das Liebliche, und sei dieses noch so vollendet. In den Himalayas trägt die Natur Züge, die nur aus kosmischen Voraussetzungen zu begreifen sind; die ganze Landschaft spottet menschlicher Maßstäbe; mag die Flora noch so üppig wuchern, sie wirkt nur wie ein Anflug von Patina auf gewaltigem ehernen Gefäß. In Japan wüßte ich nichts, was nicht vom Menschen her verstanden werden könnte. Wohl trägt auch hier die Natur gelegentlich große Züge, aber groß ist nur der äußere Rahmen und der Nachdruck ruht auf dem Bild. Der einzelne Blütenzweig, gegen den Hintergrund des leeren Raums gehalten — das Lieblingsmotiv so vieler japanischer Künstler — ruft wohl das Gefühl der Unendlichkeit wach in uns. Aber es ist doch der blühende Zweig, der dieses bewirkt, und er gibt dem Gefühle seine Färbung.

Die Begriffe unserer Zeit scheinen mir, was diese Fragen betrifft, einigermaßen verwirrt zu sein. Im Bewußtsein der Wahrheit, das alles Vollendete das Unendliche zum Ausdruck bringt, ist man dahin gekommen, die Unterschiede in anderen Dimensionen zu übersehen; der Blütenzweig wird dem Gotte gleichgesetzt. Das wäre an sich noch kein Unglück: was verschlägt es, was die Kritiker behaupten? aber es wird schließlich doch zum Verhängnis, insofern es die Schaffenden verdirbt. Rainer Maria Rilke, eine feinfühlige, zarte Natur, hat gelegentlich, wo er von fallendem Herbstlaub sang, die Gottheit geoffenbart. Doch wo er direkt von dieser spricht, dort redet er an ihr vorbei. Rilke gehört zu denen, welchen die Blume der greifbarste Ausdruck des Ewigen ist. Vom Göttlichen unmittelbar zu künden, sollte er großzügigeren Geistern überlassen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VI. Japan
© 1998- Schule des Rades
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