Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VII. Nach der neuen Welt

Auf dem Stillen Ozean: Zauber des Unermeßlichen

Das ist das Weltmeer. Seit Tagen kein Dampfer, kein Segler; vor Tagen werden wir keinem begegnen. Ich verbringe die längste Zeit am Bug, um mich von meiner menschlichen Umgebung möglichst loszulösen. Immer wieder stelle ich mir vor, wo ich bin, was der Ozean bedeutet; wie hier, nur hier, das Leben vom Silur ab ununterbrochen fortgedauert hat. Und immer mehr fängt mich der Zauber des Unermeßlichen.

Ich fühle mich sehr, sehr glücklich. Das ist, weil ich vollkommen einsam bin und nichts mich hindert, alle Grenzen und Schranken zu verleugnen. Wie kann man sich nur vereinzelt fühlen, solange man einsam ist? Vereinzelungsbewußtsein ist ja gerade das Ergebnis von Zusammensein. Nur wo man sich zu mehreren befindet, wird man an seinen Grenzen festgehalten, erbarmungslos auf diese zurückverwiesen. Ist man allein, so schwindet alle Einzelheit. Dann entschwingt sich das Bewußtsein der Person. Dann kehrt keine Richtung in sich selbst zurück. Dann wird man weit wie die Welt.

Und wenn ich nun, anstatt auf zielbewußtem Dampfer, auf steuerloser Planke triebe — würde mir da nicht anders zumute sein? Wohl kaum, so lange der Körper nicht gar zu vernehmlich spräche und seine Not der Seele aufdrängte. Denn was für ein Unterschied besteht, vom Geiste her betrachtet, zwischen dem Ozean und jenem Ich, auf dem ich zeitlebens getrieben bin? Die Menschen vergleichen ihr Leben gern mit einem Schiff, das vom Ich gesteuert, im Strom des Geschehens dahin schwimmt: ich kann dieses Bild nicht gegenständlich finden. Mein Ich ist schon Meer genug; mein Ich ist das Meer im Sinn des üblichen Gleichnisses; je nachdem, welchen Kurs ich darauf einhalte, gestaltet sich mein sichtbares Leben. Über meine Vorstellungen und Gefühle bin ich ursprünglich nicht Herr — die kommen und gehen, nach unübersichtlichem Naturgesetz; mein Wille ist eine unpersönliche Macht, mein Intellekt desgleichen; und mein Bewußtsein ist ein weites Reich, dessen Grenzen ich nicht kenne, kaum ahne. Mir ist wirklich innerhalb meiner selbst wie auf dem Meer zumut. Unentwegt muß ich zwischen meinen Trieben hindurchsteuern, das Ziel fest im Auge, sonst könnte ich Schiffbruch leiden. Meine Person ist Außenwelt in bezug auf mein Subjekt; ich bin sie nicht, ich bewege mich bloß in ihr. Und habe ich einen inneren Fortschritt gemacht, so bedeutet dies, daß ich auf dem Meere weitergekommen bin; der frühere Ort steht da in der Erinnerung. Der Mensch durchreiset seinen Körper; die Materie wechselt, nur die Richtung beharrt. Er durchpilgert gleichermaßen seine Seele. Je mehr er aufnimmt, erlebt, erfährt, desto besser kennt er sich. Am Ziel ist, wer das Reich seiner Seele so kennt und beherrscht, wie der Wiking das Meer.

Gestern habe ich gar seltsamen fliegenden Fischen zugeschaut, die erschreckt aus dem Kielwasser aufstoben. Ähnliche Erscheinungen produziert meine Psyche auch. Auch in meinem Bewußtsein schnellen gelegentlich Einfälle empor, die im Unterbewußten wahrscheinlich zu Hause sind, mir selbst aber überraschend kommen; und auch in mir leben Wesenheiten, die Rochen und Haifischen ähneln. Ich weiß es wohl: die gefährlichen Elemente, die früher so oft von mir Besitz ergriffen, jetzt aber kaum je mehr in die Erscheinung treten, es sei denn, ich lasse mich im Traume gehen, sind nicht gestorben; ich begegne ihnen bloß nicht mehr. Jeder totgeglaubte Dämon würde im selben Augenblick mit unverminderter Kraft auf mich losstürzen, wo ich ahnungslos seinen Wechsel beträte. Weiß ich freilich, wohin ich mich wage, dann brauche ich die Dämonen nicht zu scheuen. An sich sind sie überaus sehenswert. Man muß sie nur kennen, dann kann man mit ihnen sogar spielen.

Nicht ohne Befriedigung denke ich an die Fehltritte zurück, die ich mir in meinem Leben habe zuschulden kommen lassen: hätte ich sie damals nicht begangen, ich stünde heute als ein Schlechterer da. Auch das kann ich nicht im Tiefsten bedauern, daß anderen durch sie Schmerz widerfuhr. Ein bestimmtes Quantum Schuld ist jedem von vornherein zugemessen, der ernsthaft nach Vollendung strebt; das soll er auch von vornherein auf sich nehmen. Damit tut er, metaphysisch verstanden, eben das, was Jesus im Sinne der Geschichte leisten wollte, als er die Sünde der ganzen Menschheit auf seine Schultern nahm. —

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VII. Nach der neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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