Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VII. Nach der neuen Welt

Nachts am Krater

Heute Nacht halte ich Wache bei der Weltschöpfung. Über mir in der Unendlichkeit glitzern die Sterne; in unermeßlicher Ferne unter mir rauscht das Feuermeer — so fern, daß seine Grenzen ein Universum einschließen mögen. Ich ermüde nicht. Was sich da vor mir abspielt, ist mehr als das gewaltigste Schicksal.

Seit Stunden schaue ich gespannt in den Krater hinab und suche mich in sein dynamisches Prinzip hineinzuversetzen. Im qualitativen Verstände ist die Aufgabe nicht schwer; die Kräfte, die hier ihr Spiel treiben, sind sämtlich in meinem Körper wirksam, ihre Gesetze sind auch meine Gesetze. Allein ihr Maß macht die Aufgabe dennoch unmöglich. Ein großes Quantum bedingt ein neues Quale. Mag das Atom noch so sehr an sich selbst ein Sonnensystem sein — es besteht gleichwohl ein Unterschied zwischen ihm und dem Stern, dessen Bruchteil es bildet. Den Intensitätsgrad bekannter Kräfte nun, der im Wirken des Vulkans zum Ausdruck kommt, vermag ich nicht innerlich zu erleben; zu beschreiben, zu begreifen, zu erklären ist er leicht. Doch das meine ich nicht.

Wieviel leichter wäre die Weltentstehung im Sinne irgendeiner Mythe zu erfassen! Jede, auch die kindlichste unter ihnen, ist menschlich wahrscheinlicher, als die Phänomenologie des Radiums, denn die Schöpfung aus dem Nichts durch den Willen eines Gottes ist das gesteigerte Spiegelbild dessen, was jeder Mensch in jedem Augenblick vollführt. Ich denke an irgend etwas — sofort steht es da in meiner Vorstellungswelt; das heißt doch, ich habe aus dem Nichtsein spontan ein Sein gebildet. Ich habe ein genau so Ungeheures vollbracht, wie Jahweh, als er die Welt erschuf. Und was ich so erschaffe ist auch immer von vornherein sehr gut, jedenfalls viel besser, als ich es jemals ausdenken könnte. Das Nicht-sein, aus dem ich ein Sein hervorzauberte, ist natürlich nur stofflich zu denken; also stehe ich auch in diesem Sinne dem Demiurgen prinzipiell nicht nach. Freilich ist der Gedankenstoff bedeutend bildsamer, als der, welcher die Berge zusammensetzt; doch wenn es überhaupt möglich ist, die Materie durch den Geist zu beeinflussen, dann muß es auch mit schwereren Massen gelingen, ganz abgesehen davon, daß diese letztlich wohl auch aus Gedankenstoff bestehen. Mittelbar leistet der Mensch in dieser Hinsicht schon viel, aber ich bin überzeugt, daß er auch unmittelbar weit mehr vermöchte, als heute für möglich gilt — kaum weniger, als die indischen Yogis behaupten. Konzentration der Aufmerksamkeit ist Verdichtung psychischer Energie; der Neurastheniker kann sich nicht konzentrieren: wo klafft also der Bruch, welcher Schöpfung im Sinne Jehovahs prinzipiell als unmöglich dartäte? Wenn ich mit vollkommener Verdichtung sämtlicher Kräfte, über die mein Bewußtsein günstigsten Falls verfügt, den Befehl gäbe: es werde Licht, so würde es wohl Licht werden.

Ich halte diesen Gedanken für den Augenblick fest. Es macht mir Vergnügen, zu versuchen, durch meinen Willen die Eruption im Schach zu halten. Ein klein wenig ärgert es mich, daß mir dies nicht gelingt, so leid es mir andrerseits täte, wenn das herrliche Schauspiel unter mir ein vorzeitiges Ende nähme. Woran hängt mein Unvermögen? vermutlich an einer Kleinigkeit, einem Kniff; wahrscheinlich ließe sich, bei genügender Kenntnis der Natur, ein Vulkan mit ebensowenig Kraftanstrengung zum Erlöschen bringen, wie eine elektrische Birne; wahrscheinlich gelänge es sogar unmittelbar, ohne Hilfsapparate. So ungeheuer die Kräfte da unten sind — die größte von allen, die intraatomistische Energie, ist nicht im Spiel. Gelänge es mir, was sicher nicht schwierig ist, nur ein Kubikmeter Lava zu zersetzen, so könnte der Vulkan schön zusehen, wo er bliebe.

— Nein, von Leben ist hier keine Spur. Was ist Leben? Ein immaterielles Prinzip, das die Materie gestaltet. Dann müßte es eigentlich gelingen, dem Vulkan eine Seele zu erschaffen. Immer mehr neige ich zur Auffassung, daß das Leben ein Allgegenwärtiges ist, das sich äußert, sobald die nötigen materiellen Bedingungen erfüllt erscheinen (welche Bedingungen es freilich, zum Teil wenigstens, selber schafft). So offenbart sich die geistige Persönlichkeit, sobald das Gehirn herangereift ist; so durchseelt der Ausdruck ein Gebild, sobald eine bestimmte Linie gezogen ward; so schleicht sich tiefer Sinn in einen nichtssagenden Satz hinein, wenn ein einziges Wort geändert wird. Und das Befremdliche, Beängstigende ist: diese Beseelung kann durch reinen Zufall geschehen. — Übrigens wüßte ich kaum größere Wonne, als Seelen zu schaffen. Mit jeder Idee, die der Mensch in die Welt setzt, erhält die Materie einen neuen Sinn. Allen Ernstes: wie wäre es, wenn ich diesen Vulkan beseelte? — Aber vielleicht ist er es bereits, dem hawaiianischen Mythos entsprechend, und mir fehlt bloß das Organ, dies zu erkennen.

— — Nun ist es tiefe Nacht. Die Lava ist stetig gestiegen, in immer weiteren Kreisen das Festland einschmelzend. Je dunkler der Hintergrund wird, desto heller erglänzen die Flammen. Die rote Farbe — bei Tag die herrschende — ist nun verschwunden. Jetzt ist das Ganze eine Symphonie in Schwarz und Gold. Seltsam! Hier, angesichts dieses Weltenbrandes, kommt mir japanische Lackarbeit in den Sinn. Offenbar ist es ein gleiches Prinzip, das in einem Falle das Gold, im anderen das Magma auf dunklem Grunde verteilt.

— — — Ich bin doch ein wenig eingeschlummert. War es das Echo eines unbewußten Traums, den die Gespräche der Touristen angeregt: wie ich die Augen auftat, erschien das Flammenmeer von nackten Leibern bevölkert. Das soll wohl die Hölle sein. Aber nein: keiner der brennenden Sünder scheint gequält. Die Flammen tun ihnen nichts; sie haften an ihnen harmlos wie Schatten.

— — — — Der Morgen graut. Wieder, wie am ersten Schöpfungstage, werden Himmel und Erde von einander abgeteilt. Unsicher und bleich eilt der verspätete Mond in hohem Bogen vor der lachenden Sonne fort. Drunten im Kessel ist auf die Hochflut die Ebbe nachgefolgt. Das Meer ist zusammengeschrumpft, erscheint träge, wie abgelebt. Das Gold hat sich in trübes Rot verwandelt. Der schwarze Hintergrund, vor kurzem eine endlose Welt, entpuppt sich nun als schmutzig-graue Schlackenkruste.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VII. Nach der neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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