Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VII. Nach der neuen Welt

An der Bai von Waikiki: Traum und Wirklichkeit

Das hätte kaum anders kommen können. Die elyseischen Gefilde sind das Reich der Subjektivität; hier schafft die Stimmung Wirklichkeit, setzt alle Wirklichkeit sich in Stimmung um; hier wird die Welt augenblicklich so, wie die Willkür des Augenblicks sie vorstellt. Was sonst nur meteorhaft mein Bewußtsein durchzieht, verweilt nun; Capricen ballen, leichte Wünsche vertiefen sich; aus unsicherem Nebel verdichtet sich ein Stern. So ist inmitten des Wellenspiels, im Paradiese der Palmenhaine und der purpurnen Riesenblumen eine Neigung in mir aufgegangen.

Bedeutet sie ein Ernsthaftes, ein Wirkliches? Wie soll ich das wissen? Die Grenze zwischen Realität und Phantasieschöpfung ist mit Sicherheit nirgends zu ziehen. Wie oft ist mir eine Wirklichkeit zum Traum zerronnen, und umgekehrt wie oft ein Traum zur Wirklichkeit geworden! Wie oft habe ich ins Leben bewußt hineingedichtet, indem ich beliebige Menschen in fiktive Zusammenhänge hineinbezog: solange diese standhielten, waren jene höchst bedeutsam für mich; und wie oft hat umgekehrt eine Situation genügt, um ein Gefühl zu wecken, das dahinschwand, sobald sein Anlaß vergangen war! Wesentlich anders ist es nie. Eine Liebe, deren Grundmotiv wildes Begehren ist, ist nicht tiefer und sicherer begründet als ein Caprice des Intellekts; auch hier hängt das Gefühl von äußeren Umständen ab, und verflüchtigt sich, wenn diese sich verändert haben. An sich sind psychische Wirklichkeit und Einbildung gegeneinander kaum abzugrenzen; die entscheidende Frage ist die, wo des Menschen Bewußtseinszentrum ruht. Identifiziert er sich mit seinen Trieben, dann ist er natürlich seine Leidenschaft; identifiziert er sich mit einer Fiktion, dann ist diese ihm höchste Wirklichkeit; fußt sein Bewußtsein wesentlich in Gattungsbezügen, dann bedeutet die Familie sein eigentliches Ich. Auf daß nun Liebe überhaupt ein absolut Wirkliches bedeuten könne, muß der Mensch sich unbedingt mit seiner Person identisch fühlen. Das vermag ich aber nicht mehr. Wohl geschieht es in rhythmischen Abständen, daß bestimmte Triebe die Oberhand gewinnen, und ein sekundäres Zentrum sich zum Mittelpunkt meines Seins konstituiert; allein dieser Zustand dauert nicht; ist die Periode vollendet, dann nimmt mein Bewußtsein seine normale Lage wieder ein. Von dieser aus aber erscheint meine Person mir als Außenwelt, die ich nicht ernster nehme, als irgendwelche äußere Verhältnisse, mit denen ich zu rechnen habe…

Nun weile ich im Reich der Subjektivität. So wird die Neigung, die in ihm entstand, mehr denn je eine Dichtung sein; wahrscheinlich hat sie gar keinen objektiven Hintergrund. Allein im Augenblicke, da sie mich beherrscht, dünkt sie mich wirklich genug. Wieder erlebe ich jenen wunderlichen Zustand, wo das Weltall durch wenige persönliche Koordinaten vollkommen bestimmt erscheint, wieder überkommt mich jene Unsicherheit, die sich wohl jedes Mannes bemächtigt, der sich plötzlich auf dem Meer der Gefühle schwimmen sieht — einem Elemente, das ihm, im Gegensatz zum Weibe, von Hause aus so wenig vertraut ist. Aber doch erkenne ich, mitten im Schwimmen drinnen, daß ich in diesem Meere nie ertrinken könnte. In dieser mythischen Umgebung nimmt alles Leben mythischen Charakter an. Nereiden und Tritonen sind mit der Liebe nicht unbekannt, doch was dem Menschen Ernst ist, bedeutet ihnen ein Spiel; ihrem Lieben fehlt das Element der Trägheit, das Irdisch-Bindende, das Gemüt. Nicht anders steht es mit der, die mir heute Herz, Seele und Sinne beherrscht. Wohl transfiguriert sie mir im Augenblick die Welt; allein ich zweifele, daß ich litte, wenn ihr Objekt auf einmal nicht mehr wäre…

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VII. Nach der neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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