Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VIII. Amerika

Am Gran Cañón des Colorado: Unerreichbarkeit

Sinnend blicke ich in die Unterwelt. Kant spricht von der Unerreichbarkeit der Natur, die erhaben wirke… Ist die Natur noch unerreichbar? Hat der Mensch sie nicht schon heute übertroffen? Gelänge ihm nicht, was der farbige Strom in Jahrmillionen geleistet, in einem Jahr? — Morgen glückt es ihm sicher. Es gibt keine materiellen Hindernisse mehr, die prinzipiell unüberwindlich wären. Selbst der Wunsch des Archimedes, sein δός μοι ποῦ στῶ, wird dereinst wohl erfüllt; am Ende der Zeiten zieht dieser Planet, um der Schmach der Zerkrümelung zu entgehen, vielleicht vor, zu freigewählter Stunde zu zerspringen. Allein der heutige Mensch herrscht nicht als Gott, sondern als Erdgeist. Materiell dominiert er die Natur, er übersieht sie nicht; anstatt sie seinen Idealen gemäß zu lenken, tut er meist nur das, was die Elemente selber von ihm heischen. Er gleicht jenen Flußgöttern, an welche die Alten glaubten, deren Herrscherwille mit dem natürlichen Gefälle zusammenfiel. Ja er ist unweiser als diese insofern, als er den Umständen weniger Rechnung trägt, weniger schön und weniger dauerhaft bildet; hätte er den Gran Cañón gegraben, dieser wäre kein Wunder der Schönheit, er gliche einer Fabrik in Ruinen und die Ruine hielte nicht lange stand. Der moderne Mensch läßt sich von der blinden Natur, deren Eigenwillen er nur halb versteht, sein Streben diktieren. Über grenzenlose Kräfte verfügend, strebt er ins Grenzenlose, des uneingedenk, daß sein Leben streng an Grenzen gebunden ist. Sein Ideal paßt er seinem Vermögen an, nicht umgekehrt; er will unendlichen Reichtum, unendliche Macht, und da er diese für sich nicht zu nutzen weiß, so verschreibt er sich ihnen. Das Geld wird dem Geschäftsmann zum Selbstzweck, dem er sich opfert, den Völkern die Macht; das Interesse des Kapitals verfügt bewußtlos Missetaten, die kein Verbrecher willkürlich vollführte, das Machtstreben der Staaten, in Rüstungen objektiviert, führt zu Vernichtungskriegen, ob auch alle Individuen nur Frieden wollen. Was Jahrhunderte organisch aufgebaut, wird in Sekunden zersprengt; was bewußter Wille organisiert, dient dem Geist nicht des Lebens, sondern des toten Stoffs. Unser Zeitalter ist eins der Zerstörung wie keins zuvor, weil der Mensch Kräfte nutzt, die für ihn zu groß sind.

Die Mahatmas, die stillen Übermenschen des Himavat, beherrschen sie seit je; doch sie überantworten ihr Geheimnis nur dem Chelā, der sie wohltätig zu brauchen weiß. Nun ist es der törichten Masse verraten worden… Dennoch ist dies, so wie die Dinge heute liegen, nicht zu beklagen. In einem Zeitalter, wo keine Kastenunterschiede gelten, wo es heißt: gleiche Gelegenheiten für jedermann! kann nicht mehr die Rede davon sein, daß dem Menschen nur das zuteil wird, wozu er innerlich reif ist: er muß vielmehr heranreifen an der Erfahrung. Deren harte Schule macht schließlich sogar den Narren klug. Sicher bezeichnet sie, wo es nicht Einzelne sondern Alle zu belehren gilt, auch den kürzesten Weg. Die Erfahrungswissenschaft hat für die Aufklärung der Massen mehr getan, als die Weisheit der Adepten; die Freiheit, welche jeden seine Dummheit ausleben läßt, hat jene schneller gefördert als brahmanische Bevormundung. So wird gerade der Mißbrauch der Naturkräfte am schnellsten zu ihrer weisen Benutzung führen. Wenn die Mittel zur Zerstörung allzu groß geworden, wird kein Volk mehr leichtsinnig den Krieg erklären; die Folgen grenzenloser Ausbreitung werden klar beweisen, daß der Mensch zur Selbstbeschränkung geboren ist. Die Natur der Dinge führt am Ende überall zu eben dem, was die Erkenntnis der Weisen antizipiert hatte.

So darf man nicht verzagen; unsere Zukunft ist licht, wie entsetzliche Prüfungen uns auch inzwischen heimsuchen mögen. Hat der Mensch einmal gelernt, die Kräfte außer sich so zu regieren, wie der Weise seine Leidenschaften beherrscht, dann wird der Erdgeist sich zum Halbgott verwandeln. Dann werden die blinden Mächte ein dankbares Mittel sein, das Ideal in der Erscheinung zu verwirklichen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VIII. Amerika
© 1998- Schule des Rades
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