Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VIII. Amerika

Chicago: Idealautomat

Ist nicht das ideale Ziel der Evolution, die in den Schlächtern von Chicago einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, — der künstliche Mensch? — Helmholtz pflegte zu sagen, daß er dem Optiker, der ihm einen so unvollkommenen Apparat, wie die Linse des Menschenauges, überbrächte, die Tür weisen würde: im selben Sinn ist denkbar, daß alle objektive Leistung durch eine Artefakt besser ausgeführt werden könnte, als durch einen lebendigen Organismus, und in der Idee kann diese Ersetzung durch ein Besseres bis zum ganzen Menschen gehen. Ein solches Kunstprodukt ist einmal konzipiert worden: es ist Halady, die Heldin von Eve future, der visionären Dichtung Villiers de L’Isle-Adam. Villiers setzte willkürlich nur die Möglichkeit, einen künstlichen Menschen zu erschaffen, in dem Mechanismen von absoluter Präzision alle lebendigen Organe ersetzten; und siehe da: aus ihr ergab sich mit Notwendigkeit, daß sein lebloser Automat an Leistungsfähigkeit das höchste Leben übertreffen müßte. Während der begabteste Geist doch irrt, war Halady irrtumsunfähig; sie reagierte auf jede Situation auf die absolut beste Art, antwortete unfehlbar richtig, tat immer das unter den gegebenen Umständen schlechthin zweckmäßigste, und so fort. Sie wäre Gott gewesen — wenn sie ein Ich besessen hätte.

In der Tat strebt die fortschrittliche Entwickelung gleich notwendig zwei entgegengesetzten Zielen zu, dem Automaten und dem Gott; und der Weg, der an den Stock Yards sein Sinnbild hat, führt schnurstracks zu jenem. Wenn die Leistung alles, die Seele nichts bedeuten soll, dann steht ein vollkommener künstlicher Mensch unstreitig über dem natürlichen. Diese Erwägung scheint mir lehrreich. Unsere fortschrittliche Entwickelung, welche wesentlich unabhängig von innerem Weiterkommen verläuft, hat ihren psychologisch-technischen Seinsgrund an der fortschreitenden Intellektualisierung des Lebensprozesses; diese nämlich bedingt eine unaufhaltsame Vergegenständlichung dessen, was ursprünglich ein rein Zuständliches war. Indem der Mensch sich begrifflich klar wird über das Geschehen in und außer sich, über das, was es bedeutet, wohin es führen könnte und sollte, erhebt er sich darüber, sieht er es außer sich, gewinnt an seinen Begriffen die Mittel, es anzupacken, und gleichzeitig die Macht, ihm von sich aus die Richtung zu geben. Nun mag er seine Wünsche in Betriebe und seine Ideale in reale Mächte umwandeln. So sind bei uns Liebe und Gerechtigkeit in Institutionen, das Wissen in der Technik objektiviert, das Können in Organisationen und Fabriken. Dieser Prozeß, bis in seine äußerst denkbaren Konsequenzen durchgeführt, ergäbe eine vollständige Objektivation aller Lebenskräfte, so daß Subjektivität überhaupt nicht in Frage käme und alles freie Streben durch Automatismen vorweggenommen erschiene.

Halady, der Idealautomat, wird kaum je erschaffen werden; aber unzweifelhaft verkörpert sie nicht allein das Arbeiter-Ideal jedes Betriebsbesitzers (man denke an das Taylor’sche System!), sondern das persönliche so manches sich freidünkenden modernen Menschen. Solche Einseitigkeit ruft naturgemäß die komplementäre Gegenbewegung hervor: so verehren heute viele, und nicht die Schlechtesten, ihr Ideal im russischen Bauern, dem urwüchsigen Menschen, welcher jeder Organisation schlechthin unfähig erscheint, bei dem keinerlei Objektivation, nicht einmal die des Pflichtbegriffs, Verständnis findet, welcher ausschließlich seiner planlosen Subjektivität gehorcht. Allein weiser wohl wäre es, sein Ideal weder im Automaten, noch im Mushik, sondern im Gott zu begründen: einem Wesen, dessen vergeistigte Seele allen intellektualen Objektivationen überlegen wäre, sie frei von innen her beherrschte. An und für sich ist Intellektualisierung ein Gutes. Mag sie vorläufig manches Wertvolle zersetzen — aus dem Zersetzten geht Wertvolleres hervor, denn unstreitig ist es besser, klar zu wissen als nicht zu wissen, was man tut. Ein höheres Bewußtsein bedingt notwendig eine höhere Welt. Was den Fluch unserer Intellektualisierungsphase ausmacht, ist, daß wir, der Gegenstände außer uns Herr geworden, uns nun selbsterschaffenen Vergegenständlichungen unterworfen haben. Bald werden wir uns über sie erheben, bald — hoffentlich — erkennen, daß unser Fortschrittsstreben, vom Geist des Wissens gelenkt, anstatt dem Unbewußtsein des Automaten, der Allwissenheit zuführen kann.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VIII. Amerika
© 1998- Schule des Rades
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