Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VIII. Amerika

New York: Calvinismus

Immer mehr beeindruckt mich diese Stadt. Was die äußere Organisation des Lebens betrifft, steht Amerika, in seinen großen Metropolen, ohne Zweifel an der Menschheit Spitze. Ein hoher Grad von Komfort wird ohne sein Zutun jedem zuteil, dies aber hebt unwillkürlich das Niveau der Lebenshaltung. Hier kann der Arbeiter mit Selbstverständlichkeit Ansprüche an das Leben stellen, die ein europäischer Bürger extravagant fände. Nicht allein, daß er besser ißt, trinkt, wohnt, sich kleidet, als dieser, daß er unter besseren hygienischen Bedingungen lebt — er findet es selbstverständlich, seine geistigen Bedürfnisse in einem Grad befriedigen zu können, die bei uns mancher Höhergestellte sich versagen muß. Wohlstand gilt in Amerika als das Normale. Dies bedeutet etwas absolut Positives.

Woher kommt es, daß es gerade hier, nur hier bisher, zu dieser Lösung des Lebensproblems gekommen ist, die für uns Abendländer die beste schlechthin ist? Vieles hat hierbei mitgewirkt, der natürliche Reichtum des Landes, der alles Streben reichlich lohnt, die größere Energie, über welche der Mensch in ihm verfügt, und anderes mehr; aber an erster Stelle doch wohl, so seltsam dies klinge, die Religion. Alle wichtigeren, sonst noch so verschiedenen Formen des amerikanischen Christentums stimmen nämlich in dem einen überein, daß die Gnade Gottes am materiellen Erfolge auf Erden einen leidlich genauen Prüfstein und Gradmesser habe. Der Gottwohlgefällige muß reich werden; andrerseits: wer nicht reich werden will, der wuchere nicht mit seinem Pfund, arbeite nicht ernsthaft zur Ehre Gottes mit: wer sich bescheidet, sei lau. Was solche Anschauung religiöse Naturen, wie es die Amerikaner angelsächsischer Abkunft meistens sind, im Erwerben anspannen muß, liegt auf der Hand, um so mehr, als der ideelle Ansporn an den Banken, die alle ursprünglich im Konfessionellen rückversichert waren und den zu gewährenden Kredit an der Sektenangehörigkeit und dem religiösen Eifer ihrer Kunden abschätzten, einen sehr reellen Hintergrund hatte. Dem amerikanischen Christentum fehlt jede Animosität gegen den Reichtum. Wenn der Calvinismus schon von vornherein gegenüber dem Luthertum weltzugekehrt erschien, so ist er es in Amerika noch mehr geworden. Zuerst hieß es: man müsse zwar reich werden, doch nur zur Ehre Gottes; seinen Reichtum genießen dürfe man nicht; hieraus erwuchs, da mit dem Besitz doch etwas geschehen mußte, die so paradoxale kapitalistische Lebensanschauung, nach welcher das persönliche Leben dem unpersönlichen Kapitale dienen soll. Allmählich verklang die puritanische Grundstimmung; mehr und mehr ward der Wille zur Macht, der Wunsch zu genießen auch hier zum eingestandenen Erwerbsmotiv; aber der religiöse Ursprung der amerikanischen Stellung zum Besitz ist noch heute deutlich zu spüren, noch heute wirkt die Idee, daß Gottseligkeit und Wohlstand zusammenhängen: das äußert sich eben darin, daß der Wohlstand als Normalzustand gilt; dieser wird hier, wenn auch noch so unbewußt, genau im gleichen Verstände hochgeschätzt, wie von anderen Sekten die Armut und die Niedrigkeit. Es ist nicht wahr, daß Reichtum dem besseren Amerikaner das höchste Gut bedeute, so sehr dies bei viel zu vielen zutreffen mag: ihm bedeutet er den Exponenten des Höchsten, was einen gewaltigen Unterschied bedingt. Gleichviel, was er unter diesem Höchsten verstehen mag: die Gnade Gottes, die selbstherrliche Persönlichkeit oder die Energie und den Wagemut schlechthin — ihm gilt Wohlstand als Normalzustand des Begnadeten und dies gibt dem Streben nach irdischen Gütern einen spirituellen Hintergrund und einen Sinn, der ihm alles Odium nimmt. So wird der Reiche vom Armen in Amerika nicht gehaßt sondern bewundert; so findet es dort der Reichgewordene selbstverständlich, zum allgemeinen Besten Summen auszugeben, die jedem Europäer, der sich ein gleiches leisten könnte, Entsetzen einflößen.

Es ist ja leicht, über eine Weltanschauung Worte des Spotts zu finden, welche irdisch-materiellen Erfolg als Gradmesser göttlicher Gnade beurteilt, schon allein deshalb, weil das Dogmengefüge, das sie hält, kaum die leiseste Kritik verträgt; Jesu leibliche Auferstehung zumal ist keine einwandfreie Glaubensstütze. Aber weiser erscheint es, zu begreifen, daß diese Neufassung des Problems vom gegenseitigen Verhältnis des Materiellen und des Spirituellen eine kopernikanische Tat bedeutet — eine Tat von so ungeheurer Bedeutung, daß ihre möglichen Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Die Ideale sind nichts Festes, Vorgegebenes, ein für alle mal Bestehendes: der Mensch setzt sie aus sich heraus in die Welt und je nachdem was und wie er idealisiert, erhält die Erscheinung einen neuen Sinn; ein gleiches Phänomen wird, je nachdem man es versteht, zum Ausdruck des Niedersten oder des Höchsten. Bisher galt Reichtum als antispirituell oder als spirituell neutral, was in der Tat die nächstliegende Auffassung ist. Er ist antispirituell insofern, als Streben nach irdischen Gütern in der entgegengesetzten Richtung rührt als das nach Verinnerlichung, und ihr Besitz ein Genußleben erleichtert; spirituell neutral insofern, als er von Hause aus ein Leben im Geist, wo nicht hindert, doch jedenfalls nicht fördert. Die höheren Religionen haben sich im ganzen ablehnend zum Wohlstand gestellt. Dies hatte sein Gutes überall, wo entweder Armut der Normalzustand war, wie im nördlichen Europa bis vor Kurzem, wo also materielles Streben von vornherein zum Mißerfolg verurteilt war, oder aber in jenen heißen Zonen, wo Streben widernatürlich ist. Sobald Streben in der Regel von Erfolg begleitet wird, sobald Reichtum als allgemein-erreichbares Ziel winkt, überall ferner wo Streben als solches zum Nationalcharakter gehört, wirkt eine weltabgekehrte Lebensansicht schädlich. Denn da neunundneunzig von hundert Menschen Behagen der Vollendung vorziehen, führt das Fortgelten asketischer Ideale notwendig dahin, daß das intime Wollen zum vorausgesetzten Sollen in dauernden Widerstreit gerät, was seinerseits schlimme Folgen nach sich zieht. Wer an den überkommenen Idealen festhält, hat dauernd ein schlechtes Gewissen — wohl das Unerfreulichste, was einem Menschen widerfahren kann; wer an ihnen verzweifelt, verzweifelt damit am Idealen überhaupt, wird zum krassen Materialisten; und wer an ihnen zwar zweifelt, aber nicht verzweifelt, dessen Wesen erhält jenen Grundzug der Gebrochenheit, der wie wenig anderes den modernen Kulturmenschen charakterisiert; allen miteinander aber fehlt es an der Idealität, die allein vor- und aufwärts führt. Was nun tun, um dem Übel zu steuern? — Zwei Wege und nicht mehr stehen offen. Der eine besteht in der Abkehr vom Streben nach materiellen Gütern, der andere in der Heiligung dieses Strebens. Der erste, der immer wieder gepredigt und betreten wird, führt nicht zum Ziel und kann nicht hinführen, weil Entsagen dem Europäer unnatürlich ist; nicht einer unter Millionen weißer Menschen wird die Armut wählen, wo ihm der Reichtum erreichbar scheint. Also bleibt allein der andere Weg. Auf diesem marschiert die westliche Menschheit unbewußt schon lang. Aus jeder Reform ist das Christentum weltzugekehrter hervorgegangen. Wenn der Katholizismus das Leben in der Welt zwar gelten ließ, aber das mönchische doch als das höhere hinstellte, verneinte Luther das Mönchsideal und sprach das Leben in Beruf und Ehe heilig. Immerhin predigte er nicht Streben nach Erfolg in der Welt, sondern Sich-Bescheiden in den Grenzen der gegebenen Lebensstellung; ihm galt Leiden noch höher als Tun. Calvin ging weiter. Zunächst erhob er das Tun über das Leiden, ja er machte jenes zur Pflicht; dann aber weihte er — und das war das Entscheidende — die Effikazität zum Prüfstein der Auserwähltheit. Damit ward dem Erfolge ein für allemal spirituelle Bedeutung zuerkannt, womit der Bruch zwischen Wollen und Sollen im Prinzip geheilt erschien. Faktisch gelang diese Heilung zwar nicht so bald, weil dem der starre Bibelglaube des alten Calvinismus entgegenstand, auch war das entscheidende Moment in den Vorstellungen der älteren Sekten noch schwach herausgearbeitet. Diese Arbeit haben die späteren geleistet, leisten gerade die jüngsten am erfolgreichsten. So naiv, so roh die Vorstellungen der Christian scientists, der verschiedenen New-thought-Sekten im einzelnen seien — diese religiösen Bildungen haben das ungeheure Verdienst, daß sie die Verkörperung des spirituellen Ideals im temporellen Streben definitiv vollziehen, und zwar in der simplistischen Form, welche allein Massen beeinflussen kann. Wenn kurz und bündig gelehrt wird: wer den Christus in sich entdeckt, der wird auch reich, wird gesund, und zum Vollmenschen im Sinn dieses Lebens, so mag das theoretisch nicht einwandfrei sein — sicher beeinflußt es die Massen im Guten; es lehrt sie die Möglichkeit, ihr Streben nach Gütern dieser Welt mit idealem Streben zu vereinen. Daher der ungeheure Erfolg dieser Lehren und ihre im ganzen so günstige Wirkung. Nietzsche hat prinzipiell gleiches erstrebt wie der New thought, und seine Lehren sind philosophisch befriedigender; gleiches erstreben die meisten neueren Weltanschauungen, ob religiös oder areligiös; aber die amerikanische hat den unermeßlichen Vorzug für sich, daß sie die alten Glaubensvorstellungen bewahrt und ihnen nur einen neuen Sinn erteilt (dies gilt auch von der William James’; diese setzt, vielleicht ohne es zu wissen, die neuchristlichen Grundvorstellungen voraus). Nie wird es gelingen, das Christentum in uns zu überwinden; dagegen wehrt sich ein übertausendjähriger Atavismus; alle neuen Ideen werden sich mehr oder weniger offenkundig in alten Formen verkörpern müssen, um weitreichende Wirkungskraft zu erlangen. Die Brücke zwischen dem modernen Geist und den alten Vorstellungen gefunden zu haben, bezeichnet die Großtat Johann Calvins; jenen mehr und mehr in diesen zu verkörpern, ist das Streben aller späteren Bildungen. Daß diese aber wirklich auf richtiger Bahn sind, ist heute schon klar. Es gibt nicht nur keine freudigeren, unbefangeneren Menschen, als die durch diese Vorstellungen geformten — es gibt keine idealeren; sie vor allen sind berufen dazu, dem modernen Leben den spirituellen Gehalt zu geben, der ihm im ganzen so sehr fehlt.

Schon heute ist Amerika auf diesem Wege so weit vorangeschritten, daß dort Wohlstand als Normalzustand gilt. Hiermit erscheint, praktisch wie ideell, vom Standpunkt dieser Welt ein unbedingter Fortschritt erzielt: stellt sich die allgemeine Alternative, an der Fülle oder am Mangel Genüge zu finden, dann ist die erstere vorzuziehen. So viel besser in der Tat Genügsamkeit sei als Abhängigkeit von bestimmten günstigen Umständen, zumal als Leiden an der Unbefriedigtheit — im Ganzen ist wohl gewiß, daß Bedürfnislosigkeit dem Erdbewohner nicht frommt, daß diese als Anlage keine Tugend ist und erzwungen selten Gutes wirkt. Denn wer nichts wünscht, ist meist dürftig organisiert, jedes Organ strebt nach Betätigung, jeder Trieb nach Ausdrucksgelegenheit; und wer sich bescheidet, gibt Wachstumsmöglichkeiten preis. Ja schlimmer noch: in engen Verhältnissen können sich nicht allein die meisten Anlagen nicht allseitig entfalten, jene hemmen gerade die Entwicklung der edelsten; ein freies, vollausgeschlagenes Menschentum ist immer nur auf dem Boden der Befriedigtheit gediehen. Weshalb? Weil die Bedürfnisse einer Natur, solange diese besteht, durch Grundsätze nicht eskamotiert werden können, weil sie gestillt werden müssen, auf daß der Geist seine Freiheit erlange. Sind sie es nicht, so finden Stauungen statt, Verdrängungen, Selbstvergiftungen der Seele; was sich in Schönheit hätte vollenden können, verbildet sich nun zu scheußlicher Mißgestalt. So löst verdrängte Sinnlichkeit unausweichlich obszöne Bilder aus, verbissene Kränkung hämische Rachegedanken; so zieht Armut, schmerzlich als solche empfunden, unvermeidlich Neid, Mißgunst und Ressentiment heran. Dies denn heiligt den Materialismus unserer Ära: indem bewußtermaßen nur möglichst günstige Lebensverhältnisse für alle erstrebt werden, wird tatsächlich ein edleres Leben angebahnt. Je erfreulicher jene, desto weniger Nahrung findet das Häßliche, desto mehr das Edle; es ist ein allgemeiner äußerer Zustand denkbar, in welchem Mißgunst, Mißtrauen und Ressentiment, als Absurda, lebensunfähig erscheinen werden. Insofern kann Armut allerdings als absolutes Übel gelten, und Streben nach Reichtum, gemäß der amerikanisch-christlichen Lehre, als gottwohlgefälliger denn Bescheidung beim gegebenen. Der heutige unerfreuliche Zustand der weißen Menschheit rührt nicht daher, daß sie Bedürfnisse hat, noch weniger daher, daß sie dieselben nicht befriedigen könnte — keine hat in letzterer Hinsicht unter nur annähernd gleich günstigen Bedingungen gelebt —; sie rührt daher, daß deren Befriedigung ihr noch nicht selbstverständlich ist. Dieser unglückliche Übergangszustand wird bald überwunden sein. Dann aber wird sich erweisen, daß die Früchte, die nur der Weltverneiner bisher geerntet, auch dem Weltbejaher zuteil werden können, daß, so wenig Glück als Ziel menschlichen Strebens gelten kann, es doch das beste Mittel ist zu seiner Erreichung.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VIII. Amerika
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