Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VIII. Amerika

New York: Freiheitsstatue

Das Schiff, das mich heimträgt nach Europa, fährt gerade an der Freiheitsstatue vorbei. Wie vielen ist ihr Anblick die Verheißung eines neuen, besseren Lebens gewesen! wie vielen Millionen symbolisiert sie ihr Ideal! Ich denke zurück an die Gespräche mit Ausgewanderten, die ich gehabt: da war nicht einer, der nicht mit Stolz erfüllt gewesen wäre darob, ein freier Amerikaner zu sein… Ich kann im Zustande der Neuen Welt von heute nichts Ideales sehen; sie ist nicht wirklich freier als die alte. Weniger Freiheit als Willkür herrscht in ihr — die Willkür nicht Eines zwar, wie in asiatischen Despotien, sondern die jedes Einzelnen, was nicht besser ist. Das allgemeine Wahlrecht hat in verfeinerter Gestalt das Faustrecht wiedererweckt: durch Geigen auf Stimmungen und Trieben, durch suggestive Einwirkung, durch das mechanische Ergebnis schlauer Intrigen wird hier entschieden, wer regieren soll, welcher Entscheidungsmodus sich von dem der Raubritterzeit genau nur insoweit unterscheidet, wie Verführung von Vergewaltigung. Beamtenbestechung und -bestechlichkeit sind wenig seltenere Erscheinungen als in Rußland. Der Wille des Volks äußert sich im ganzen als Regiment der Inkompetenz. Die Macht, die überlegenen Menschen nicht zuerkannt wird, ist toten Maschinen (trusts, caucus, Wahlbureaus) zuteil geworden und die Voraussetzung der Gleichheit aller, nicht nur vor Gott und dem Gesetz, sondern als Menschen untereinander, hat das geistige Niveau herabgedrückt in unerhörtem Grad. Die meisten der Vorzüge Amerikas vor Europa, auf die ich in meinen Betrachtungen hinwies, bestehen vorläufig nur in der Idee… Dennoch sehe auch ich in der Freiheitsstatue ein Symbol: sie bezeichnet die erste, noch so mißverständliche Verkörperung des politischen Ideals.

Jeder Mensch ist wesentlich frei; das heißt, sein allerinnerstes Wesen unterliegt schlechterdings nur seiner Bestimmung. Von den zwei Schachern, die neben ihm am Kreuz dem Tod entgegenschmachteten, konnte Jesus nur einem das Paradies versprechen, dem, dessen Wille ihm entgegenkam; für und über den anderen, welcher sein Herz vor ihm abschloß, vermochte er nichts. Bis zum tiefsten Subjekt reicht keine Macht von außen hinab. So hat man den erst wirklich überzeugt, der nicht bloß nachgab unter dem Druck der Suggestion, sondern selbständig erwählte, was man ihm vorhielt; so kann man ein Weib wohl vergewaltigen, aber unmöglich zu willentlicher Hingabe zwingen und nur der, dem es sich freiwillig gab, besitzt es wirklich. Dieses innerste, schlechthin autonome Ich ist aber nicht von vornherein Mittelpunkt der bewußten Person: ursprünglich existiert es nur als Keim, es entwickelt sich allmählich, wächst langsam hinein in diese und bis es mit ihrem Zentrum verschmolzen ist, kann man nicht sagen, daß der Mensch aus seiner Freiheit heraus lebe. Die junge Seele reagiert bloß triebhaft auf äußere Einwirkungen; ihr eigentliches Selbst schläft, und wo es erwacht, ermangelt es der Initiative. Mehr als ja oder nein zu sagen zu dem, was mit ihr geschieht, vermag es nicht, und da dieses Urteilen bei kaum vorhandener Intellektualität nur ausnahmsweise der Erkenntnis entspringt, so muß man sie leiten. Auf dieser Stufe bedeutet hellsichtig ausgeübte reine Gewalt, die auf das Meinen und Wollen keine Rücksicht nimmt, die beste Behandlung. Auf höherer wird jene füglich durch die Rückwirkung psychischer Bindungen — von Glaubenssätzen, Vorurteilen, Pflichtvorstellungen — ersetzt, die, von außen oktroyiert, passiv aber doch bewußt-zustimmend hingenommen werden; hier erlebt der Mensch sein Wesen mittelbar im Spiegelbild auslösender Objektivationen. Auf der höchsten, die der vollendeten Geburt des Selbst entspricht, kann der Mensch kein äußeres Motiv mehr als Letztes anerkennen, hier weiß er, daß, wozu man ihn auch zwänge, was immer er triebhaft täte, nichts durch ihn geschieht, solang sein freier Wille, in verstehendem Bewußtsein dessen, was er will, nicht die Initiative hat; hier lebt er unmittelbar, nicht mehr bloß mittelbar, aus seiner Freiheit heraus. Auf dieser Stufe erst ist er wirklich frei. Wer sie nun erstieg, der will auch andere nicht mehr zwingen, weder vergewaltigen noch auch suggestiv beeinflussen, da Gleiches wesentlich von jedem gilt; sein Wunsch, auf andere zu wirken, geht nur mehr darauf, jedes Freiheit zur Vollendung zu führen. — Dieser Entwicklungsgang des Einzelnen hat im Sozialen sein Spiegelbild. Je entwickelter eine Nation, desto widerwilliger erträgt sie rein-äußere Bestimmung. So sehen alle Regierungen sich gezwungen, immer mehr mit der Regierten Willen zu rechnen, arbeiten die weisesten bewußt daraufhin, sie zu vollkommener Autonomie zu erziehen.

Im Fall der Völker wie der Einzelnen läuft dieser Prozeß nicht in gerader Linie ab, sondern in Form einer bewegten, manchmal rückgreifenden, oft gebrochenen Kurve, durch Stillstände hindurch, und da die Menschen im Werden nie klar sind über das, was sie wollen, so begehen sie Irrtümer. So hat die Emanzipierung des Geistes zuerst zur Verwerfung aller ererbten Weisheit geführt, zu Immoralismus, Positivismus, Nihilismus — Weltanschauungen, die um vieles törichter sind als die überkommenen aus den Zeiten größerer Bindung; so hat die der Völker zunächst, indem sie willkürlich die Ordnungen zerbrach, die organisch aus kumulierter Erfahrung emporgewachsen waren, mehr Unheil als Heil bewirkt. Hier wie dort waltete ein gleiches Mißverständnis: man wähnte, die alten Gebote und Ordnungen seien inhaltlich falsch, während sie tatsächlich wahr und berechtigt waren, und das zu Überwindende nur darin bestand, daß es sich um äußerlich Aufgezwungenes handelte; der Entwickelte will freiwillig tun können, wozu der Unentwickelte gezwungen werden muß. Wenn jener keiner Vorurteile, keines Dogmenglaubens, keiner Grundsätze noch Pflichtvorstellungen bedarf und faktisch ohne sie lebt, so liegt dies daran, daß Grundsätze, Dogmen und Pflichten Objektivationen dessen sind, was der Geist im tiefsten und letzten will, als solche natürlich unzulänglich, weil nie erschöpfend, nie einwandfrei bestimmend und immer schematisch und starr, — er, der Freie aber unmittelbar-bewußt aus dem Selbst heraus lebt, dessen Wollen alles Sollens Seinsgrund ist. Nun bezeichnet freilich der vollkommen Freie ein Ideal, das im Lauf der Geschichte seltene Male verwirklicht ward; wie die seelische Entwicklung nicht damit beginnt, daß die naturhafte Unmittelbarkeit wächst — der Naturwüchsige weiß nichts von seinem Subjekt — sondern daß die Objektivationen, die der Geist aus sich herausstellt, immer genauer dem Streben des tiefsten ich’s entsprechen, so gelingt die Wiederauflösung dieser auch nur stufenweise. Allein das Ziel ist überall, aller Vermittelung entraten zu können, unmittelbar aus dem Grund heraus zu leben, sein Bewußtsein so vollkommen in ihm zu zentrieren, daß die persönlichen Wünsche dessen Wachstumsnormen widerspiegeln, daß man mit Paulus sagen kann: nicht ich lebe, sondern Gott lebt in mir. Dieses erreicht nur der Überwinder seiner Person, der so tief Verinnerlichte, daß er sein höchstes Glück nicht in befriedigter Selbstsucht, sondern im Opfer findet, im Geben ohne Wieder-Nehmen-Wollen, in gotthafter Spontaneität.

Der Drang nach Freiheit erwacht meist, wie gesagt, bevor die Erkenntnis reift, was jene bedeutet, worin sie sich äußert, und dies bedingt vorläufig Verrohung und Verflachung. Dieses Verhältnis illustriert die Neue Welt mit oft abschreckender Deutlichkeit. Die Amerikaner haben weniger als alle begriffen, daß, wenn die von außen aufgezwungenen Schranken fallen sollen, dies nicht zu dem Ende ist, daß Schranken überhaupt fehlen müssen, sondern daß sie frei gewählten Platz machen sollen. Sie wollen noch nicht wahrhaben, daß die ererbten, im Besonderen noch so konventionellen Ordnungen unter den Menschen Wirklichkeiten ausdrücken, daß Unterschiede im Seelenalter, des Charakters, der Begabung, ja der angeborenen Stellung ein ebenso Reales sind, wie die zwischen chemischen Elementen, und daß kein Gott, so lange er in der Sphäre der Natur verweilt, deren Gesetzen entgegen schaffen kann; sie wollen frei sein, ohne dem empirisch-Wirklichen Rechnung zu tragen. Die Folge dessen ist, daß das Leben, anstatt selbstherrlicher zu werden im loseren Rahmen, seiner Autonomie fortschreitend verlustig geht. In der modernsten Demokratie wird das Geschehen in einem Grad von mechanischen Gesetzen bestimmt, wie in keiner antiken Tyrannis: hier entschied immerhin ein Lebendiges, gut oder schlecht, dort entscheidet der Zufall, die Macht der Umstände, die Konjunktur; dort ist das Leben schlechterdings abhängig von anorganischen Gewalten, wie der Chemiker, der ohne Kenntnis arbeitet, vom Gutdünken seiner Ingredienzien; entsteht ein Sprengstoff unter seinen blinden Händen, so fliegt er auf. Aber diese Erfahrung mußte gemacht werden. Nur überzahlte Erkenntnis wird der Menschheit zu dauerndem Besitz.

Irgendeinmal wird der Demokratismus überstanden sein. Dann aber wird sich zum Erstaunen Vieler zeigen, daß sich die Menschheit in ihrem dunklen Drang auch dieses Mal des rechten Wegs bewußt gewesen ist. Jene äußerliche Schrankenlosigkeit, die im heutigen Amerika Willkürherrschaft und Barbarisierung bedingt, wird einer innerlich höchstgebildeten Menschheit den entsprechendsten Lebensrahmen gewähren. Die wird so weit wissend geworden sein, daß sie dem Seelischen nicht anders gegenüberstehen wird, als wir der Natur. Die wird psychische Tatsachen ebenso selbstverständlich gelten lassen, wie materielle, dem innerlich Höherstehenden selbstverständlich, ohne Streit, auch die höhere äußere Stellung zuerkennen, des bewußt, daß es ebenso widersinnig ist, über Menschenwert durch Stimmenmehrheit zu entscheiden, wie über das Dasein des Seleniums. Die wird sich selbstverständlich selbst begrenzen überall, wo es der Grenzen bedarf. So werden vorgegebene Schranken nicht mehr vonnöten sein. Und dann wird ein Erstaunliches geschehen: die Idee, die dem Demokratismus als Äußerstes zugrunde lag, wird sich als nicht allein wahr im Prinzip, sondern als darstellbar in der Erscheinung erweisen. Was ist ihr letzter Sinn? Kein anderer, als daß der Geist mächtiger ist als die Natur; daß keine natürliche Grenze unüberwindlich ist, daß ein Göttlich-Schöpferisches der Seele des Menschen innewohnt. So ist es wirklich. Wenn dem aber so ist, wenn die Menschheit einmal so weit gelangt, ganz aus dem Geist heraus zu leben, dann wird sie auch keine Naturordnung mehr als unverrückbar anzuerkennen brauchen; dann wird eben das sich bewahrheiten, was heute durch alle Tatsachen widerlegt erscheint. Jene Unterschiede zwischen den Menschen, die ich dem zwischen chemischen Elementen verglich, bezeichnen wirklich keine letzten Instanzen, Tradition, Begabung und Rasse sind nicht unübersteigbar: es ist möglich, sie aus dem Geist heraus zu überwinden. Im einzelnen geschah dies von jeher: keine Rasse war je verantwortlich für das Genie — die ganz Großen waren immer Zufallsprodukte vom Standpunkt der Natur, reine Kinder des Geistes, wie denn auch keine Natur je einen Heiligen erzeugt hat, als welcher eben aus ihrer Besiegtheit erwächst. Heute aber geschieht gleiches schon im allgemeinen, im weiten und breiten, und zwar mehr und in höherem Grade, als man denkt, was mit beiträgt zur Wirrsal dieser Zeit; schon heute ist der Zusammenhang zwischen Naturbestimmtheit und innerem Beruf, der einst so fest war, im Prinzip gelockert. Nur mit großer Unsicherheit ist im modernen Westen von der Abkunft auf die Anlage zu schließen, immer möglicher scheint es, von beliebiger Naturstufe her beliebig hoch hinanzusteigen. Und das bedeutet nicht, daß wir entarten; es bedeutet vielmehr, daß das Geistige über dem Natürlichen immer mehr den Sieg davonträgt. Dieses Überwinden der ursprünglichen Bestimmtheit vollzieht sich im ganz Großen, und dementsprechend roh und summarisch in Amerika, dem Schmelztiegel der Rassen und Traditionen. Der Erfolg ist bisher kein allgemein günstiger, weil die meisten, die über die Natur hinauswollen, noch so wenig Herrschaft erlangt haben über sie, daß sie sich in der Emanzipation ihrer besten Bildungsmöglichkeit entäußern. Das wird sich ändern. Je geistiger wir werden, desto unabhängiger werden wir dastehen vom Überkommenen. Die Wunderwirkungen der Yoga werden nicht nur Einzelnen, sondern auch Gruppen und Völkern zuteil. Wie die Inder, trotz geringeren Genies, in der Selbsterkenntnis weiter gekommen sind, als wir, indem sie sich tiefer in ihr Wesen versenkten; wie der Gerechte am Tor der Heiligung vor dem Sünder nicht den Vortritt hat; wie es jedem widerfahren kann, daß er im Geiste wiedergeboren wird, welches Ereignis sämtliche Bindungen, welche die leibliche Geburt ins Leben setzte, zerreißt: so mag es geschehen, daß eben dort, wo die Menschheit am tiefsten im Materiellen gefangen scheint, ihre Vorhut zuerst über alle Naturbestimmtheit hinausgelangt. Ja sicher wird es so kommen: das geistige Wesen erstarkt im Kampf, entfaltet sich desto voller und freier, je mehr Widerstand es überwand. So ist unser gegenwärtiger Materialismus recht eigentlich Gewähr unserer künftigen Spiritualität. Deren Körper nun ist im heutigen Amerika schon vorgebildet. Die Menschheit von morgen wird ohne Zweifel in einem äußeren Zustand leben, dem derjenige der Vereinigten Staaten am ähnlichsten sieht. Sie wird keinerlei starre Formen anerkennen, jedem absolute Selbstbestimmung zugestehen. Sie wird, indem sie sich erhebt über alle Natur und nur dem Geistentsprossenen Rechnung trägt, sogar das Gleichheitsideal realisieren. In den Vereinigten Staaten ist die äußere Form — wie dies immer geschieht, wo sie nicht weit zurückbleibt hinter ihm — dem Gehalt weit vorausgeeilt. Sie entspricht Amerikanern schlechter, als sie Chinesen entspräche, dem einzigen Volk, das dem Kulturideal je nahegekommen ist. Langsam, überaus langsam wächst die Seele in den Körper hinein. Es geht langsamer vor sich, als das Umgekehrte geschieht, weil, während der Körper muß, wenn die Seele will, diese seiner Bestimmung nicht unmittelbar unterliegt. Ist sie aber so weit, wie die äußere Gestalt antizipiert hatte, dann besitzt sie vollkommene Ausdrucksmittel. Dann befindet sie sich vollkommen ungehemmt. Dann wird das wahr werden, was der Demokratismus mit Unrecht vom heutigen Menschen wahr haben wollte. Dann wird erwiesen sein, daß der Geist wahrhaftig Herr ist der Natur…

Die Freiheitsstatue versinkt in grauer Ferne. Wieder einmal schwimme ich auf dem unendlichen Meer. Über ein Kleines werde ich dort zurück sein, von wo ich ausging. In jenem Europa, das mir so jung schien, als ich es gegen den Hintergrund Asiens betrachtete, und so alt wiederum, da ich es verglich mit dem was wird im zukunftsschwangeren Amerika.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VIII. Amerika
© 1998- Schule des Rades
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