Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

II. Ceylon

Durch den Dschungel nach Habarane

Wie arm ist doch das Auffassungsvermögen des Kulturmenschen! Außer den ganz sinnfälligen, aufdringlichen, groben, entgehen mir alle Unterschiede zwischen den Zonen des Dschungels; und voller Neid gedenke ich des Elefanten, der in wilder, niebetretener Gegend ebenso sicher seinen Weg findet, wie unsereiner auf der Chaussee, nachdem er den Wegweiser befragt. Daheim, in den Wäldern des Nordens, wo das Jägerauge auf Nuancen eingeübt ist, kenne ich mich noch einigermaßen aus, hier bin ich von vornherein verirrt. Ich wüßte nicht zu erklären, weshalb gewisse Vögel nur an dieser Stelle vorkommen, wo es dort nicht viel anders aussieht; weswegen an gewissen Punkten, und nur dort, auf einmal hunderte von Faltern aufflattern. Ich bin eben blind. Aus den Augen begnadeterer Geschöpfe betrachtet, erschiene der Urwald nicht minder deutlich aufgeteilt, wie aus den meinigen gesehen St. Petersburg. Sogar vom Ozean gilt dies. Wo die Empfänglichsten der Menschen über die Großartigkeit des Einförmigen Betrachtungen anstellen, handelt es sich in Wahrheit um ein vielfach gegliedertes Reich, nicht einförmiger als der Urwald. Während der Fahrt durch den indischen Ozean fiel mir auf, daß nur von gewissen Stellen die fliegenden Fische in Scharen aufgingen, um nach Überschreitung bestimmter Grenzen ganz zu fehlen; daß dort wiederum und nur dort, Medusen zu Hunderten das Wasser röteten, nur strichweise Delphine ihr anmutiges Spiel trieben: sicherlich fallen diese Verbreitungsbezirke mit den Umrissen verschiedener Konformationen zusammen. Ich aber bin zu blind, um ihrer gewahr zu werden.

Was sieht denn unsereiner? Nur das, was menschlichen Bedürfnissen entspricht. In der Stadt, auf der Straße, auf dem Acker, mag er damit das Wichtigste wahrnehmen, ganze Länder sogar, wie Holland und Japan, die dem Menschen ihren Grundcharakter verdanken, im wesentlichen richtig auffassen. Wo die Natur in keinem notwendigen Verhältnis zum Menschen steht, dort versagt dieser Maßstab vollständig; dort sind alle unsere Schemen und Systeme von ihrem Standpunkte aus Narretei. Wie töricht ist doch die Rubrizierung, die wir mit dem Sternenhimmel vorgenommen haben! — Ich bilde mir etwas darauf ein, daß ich bis heute, obgleich ich so manche sternklare Nacht zum Himmel aufgeschaut, das südliche Kreuz noch nicht entdeckt habe. Freilich habe ich es mir mit Absicht nicht zeigen lassen: wäre es mir einmal gewiesen worden, die fraglichen Gestirne hätten sich auch für mein Bewußtsein für immer zusammengefügt, wie denn der Unselige, der einmal auf die Ähnlichkeit eines Gipfels mit Napoleon aufmerksam gemacht ward, hinfür verdammt ist, den Berg dem Schema entsprechend zu sehen: so gierig zwängt der Mensch, wo immer es geht, menschliche Verknüpfungen den außermenschlichen auf. Aber so viel bleibt wahr, kann keiner mir nehmen: von selbst habe ich das südliche Kreuz nicht entdeckt, welches beweist, daß mein Geist seine Unbefangenheit noch nicht ganz verloren hat.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
II. Ceylon
© 1998- Schule des Rades
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