Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

II. Ceylon

Am Minneri-See

Dieser Urwaldsee hätte mir in meinen Kindheits- und Jünglingstagen, da ich, aller Bücherweisheit abgeneigt, mein ganzes Glück im Beobachten, Jagen und Zähmen der Tiere fand, das Paradies auf Erden bedeutet. Stunden hindurch habe ich an seinen Ufern entlang gepürscht und immer wieder neue Geschöpfe zu sehen bekommen. Auf den Sandbänken lagen, faulen Baumstämmen gleich, Krokodile, von Stelzvögeln bewacht; Kuhreiher und Rohrdommeln weideten unter den Büffeln, Fisch- und Silberreiher standen auf Halbinselvorsprüngen und Baumwipfeln; auf dem Wasser schwammen Scharen von Pelikanen, in den Lüften wiegten sich Weihen und Adler, von denen eine mir ganz unbekannte Art — silberweiß mit dunklen Deckfedern — zu den schönsten aller Raubvögel gehört. Der Grundton des Bildes aber ruhte auf den Schlangenhaisvögeln, deren stilisierte Gestalten und heraldische Stellungen dem Ganzen ein mythisches Gepräge gaben.

Wie wohl es tut, in einer Welt zu weilen, die am fünften Tage fertig erschaffen war! Hier scheint alle Kraft noch ungebrochen, hier ist alles ursprünglich, alles echt. Das sind unter Menschen nur noch Kinder und dann die ganz Großen, Seltenen; der meisten Erscheinung sagt über das Wesen gar nichts aus. Tiere sind immer vollkommen, immer ganz das, was sie sein könnten; sie sind ein erschöpfender Ausdruck ihrer Möglichkeit. Man sagt daraufhin, sie seien so gebunden. Gewiß sind sie gebunden, aber das entwertet sie nicht. Nicht insofern bedeutet unsere größere Ungebundenheit einen Vorzug, daß diese als solche das Ideal wäre, sondern daß uns mehr als eine Vollendungsmöglichkeit offen liegt; auch beim Menschen bedeutet Vollendung das Höchste, Vollendung aber bedingt Gebundenheit. Wir stellen den Menschen, welcher notwendig handelt, aus innerem Gesetz heraus, über den, welcher der Willkür gehorcht; wir schätzen den Gedanken am höchsten, dessen Fassung abschließt. Und gleiches gilt von der Kunst, von jeder Lebensäußerung überhaupt. Auch unter menschlichen Voraussetzungen ist das Ideal im Gebundenen, nicht in der Ungebundenheit belegen. Was unsere Voraussetzungen von denen des Tiers unterscheidet, ist also nicht das Ideal; es sind die Elemente, vermittelst derer es verwirklicht werden soll. Ist dem aber also, dann weiß ich nicht, wie die Gebundenheit des Tiers, das in seiner Eindeutigkeit immer vollendet ist, zum Beweise seiner Uninteressantheit angeführt werden kann: gerade deshalb ist es interessant, interessanter als alle unvollkommenen Menschen. Den Mann, der als Persönlichkeit auf der Stufe stände, wie als Naturprodukt jeder Schlangenhalsvogel des Minneri-Sees, den würde ich als Halbgott verehren… Sicher verdanke ich den Tieren mehr Belehrung und Anregung, als den meisten Menschen, mit denen ich länger verkehrt habe. Menschen sind allzuleicht zu übersehen; gar zu undicht gesäet sind die Exemplare, zu deren Verständnis es einer Erweiterung der vorhandenen Begriffsmittel bedarf, während das geringste Tier solche Erweiterung unbedingt erheischt, wenn sein Wesen begriffen werden soll. Wer ein niederes Seetier verstehen will, muß sich in eine Bewußtseinsart einfühlen, die sich allenfalls der eines gesteigerten Magens vergleichen läßt: bei sehr bestimmtem Reagieren auf spezifische Reize, bei außerordentlicher physiko-chemischer Einbildungskraft doch als oberste Synthese nur ein unbestimmtes Allgemeingefühl; der Krebs ist keine Einheit, sondern eine Zwei- oder Dreiheit; sein Bewußtsein ist nicht in unserem Sinne zentralisiert. Wer in die Seele eines Fuchses eindringen will, dem muß es gelingen, das Geruchsvermögen als Zentralsinn zu erleben und alle Eindrücke in eben dem Verstand auf dieses zu beziehen, wie dies beim Menschen mit dem Lichtsinne geschieht; beim Vogel stellt sich die Aufgabe wiederum anders usw. Hierher rührt es, daß wohl alle wesentlichen Geister die Natur menschlicher Gesellschaft vorgezogen haben: wenn diese einschränkt, so macht jene frei; sie hilft hinaus aus den Schranken des Menschentums. Damit aber steigert sie sein Wurzelbewußtsein. An der Wurzel ist nämlich alle Schöpfung eins. Und aus der Wurzel stammt alle Kraft der höchsten Triebe. Wie wunderbar schön ist der Abend! Der See spiegelt das letzte Licht des westlichen Himmels wieder. Seeschwalbengekreisch, vielstimmiges Froschgequake tönt zu meiner Herberge herauf, und majestätisch fliegen die letzten Pelikane dem Walde zu. In nächster Nähe steht ein Rudel wilder Elefanten; schon habe ich sie brechen gehört. Der braune Wirt hat versprochen, mich zu wecken, falls sie in der Nacht auf die Fläche heraustreten sollten.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
II. Ceylon
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME