Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

I. Nach den Tropen

Vor der Abreise

Wozu gehe ich noch auf Reisen? — Meine Wanderjahre liegen hinter mir. Vorüber sind die Zeiten, da Stoffaufnahme als solche mich innerlich bereicherte. Dazumal fiel inneres Wachstum mit Verbreiterung der Oberfläche zusammen; ich stand geistig auf der Stufe des Kindes, das zunächst seinem körperlichen Umfange nach zunehmen muß, ehe von andersartigem Vorwärtskommen die Rede sein kann. Allein kein Kind, so lebendig es sei, wächst ins Unbegrenzte hinaus; irgendeinmal ist bei jedem der kritische Punkt erreicht, wo es im bisherigen Sinne nicht mehr weitergeht, wo es heißt: ganz stehenbleiben, oder seine Entwicklung in eine andere Dimension hinüberverlegen. Und da das Leben, wo nicht erschöpft, nie stillesteht, so ereignet sich der erforderliche Dimensionswechsel in einem gewissen Alter von selbst. Jeder strebt als reiferer Mensch aus eben den Motiven nach Vertiefung und Potenzierung, die in jungen Jahren seinen Sinn auf Verbreiterung und Bereicherung gerichtet hielten. — Wenn ich nun die Art und den Grad meines heutigen Erfahrenkönnens und -wollens mit dem von ehemals vergleiche, so fällt mir ein grundsätzlicher Unterschied auf. Damals ging, wie gesagt, jeder neue Eindruck, jede neue Tatsache als integrierender Bestandteil in mein wachsendes Individuum ein; dieses wurde um so viel mehr, als es mehr aufnahm. An jedem neuen Eindruck gewann ich ein neues Ausdrucksmittel, jede neue Anschauung verstärkte mein Selbstgefühl, so daß es nicht widersinnig war, wenn ich in der Hoffnung lebte, von außen gleichsam zu erjagen, was mich im Innern trieb, sich mir aber noch nicht geoffenbart hatte. Wie nun meine Organe erstarkten, wie ich sie besser und besser zu nutzen verstand; wie Neubildungen seltener wurden und die Seele des Ganzen andrerseits mehr und mehr jedes Einzelne zu durchdringen begann, da verblaßte in entsprechendem Tempo mein Interesse am Äußerlichen, das bei mir ja nur ein Vorläufiges, fast ein Vorwand gewesen war. Heute bekümmert keine Tatsache als solche mich mehr. Ich lese ungern, bedarf der Menschen kaum, und mehr und mehr zieht es mich hin zum Einsiedlerleben, in dessen Rahmen ich doch am besten meiner Bestimmung leben kann. Ich bin nun einmal Metaphysiker, kann nur dieses eine sein (so vieles andere ich auch, bald mit, bald ohne Erfolg, betreiben mag); welches bedeutet, daß ich mich wahrhaft und ernsthaft nur für die Möglichkeit der Welt, nicht für ihr Da- und Sosein interessiere. Aus alter Gewohnheit, zum Teil aus Selbstdisziplin, verfolge ich den Fortschritt der Naturwissenschaften, studiere ich die Eigenheiten der Menschen, die meinen Weg kreuzen, oder lese ich die Bücher, die deren Niederschlag bedeuten: angehen tut mich das alles nicht mehr. Wie kommt es unter diesen Umständen, daß ein tiefgewurzelter Instinkt mich eben jetzt eine Weltreise antreten heißt — ein Instinkt, nicht minder gebieterisch, als der es war, der mich in früheren Zeiten, und stets in richtiger Reihenfolge, von Klima zu Klima trieb, um meine schwankende Gesundheit durch äußere Stützungen im Gleichgewicht zu erhalten? — Es ist nicht Neugierde; immer größer wird meine Abneigung gegen alles Sehenswürdige, sofern es zu meinem inneren Streben in keiner notwendigen Beziehung steht. Es ist auch nicht Forschungstrieb, denn schon gibt es kein Spezialproblem mehr, das meine Natur von Grund aus ernst nehmen könnte. Was mich hinaustreibt in die weite Welt, ist eben das, was so viele ins Kloster getrieben hat: die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung.

Als ich mich, vor einigen Jahren, zur Niederlassung in Rayküll entschloß, da wähnte ich, ich bedürfte der Welt nicht mehr. Ich hätte ihrer auch nicht mehr bedurft, wenn ich mein Ziel im Austragen schon gekeimter Ideen gesehen hätte, denn solche entwickeln sich nirgends ungefährdeter als in anregungsarmer Abgeschiedenheit. Aber ich erwartete von Rayküll mehr: ich hoffte, ich würde in seiner Abgeschiedenheit zu jener äußersten Selbstverwirklichung gelangen, dank welcher die Gedanken, die mir kämen, als reiner Ausdruck des metaphysisch Wirklichen gelten dürften; ich hoffte, ich würde in ihr hinauswachsen über alle zufälligen Bindungen von Zeit und Raum. In dieser Hoffnung sah ich mich getäuscht. Ich mußte erkennen, daß ich wohl immer mehr ich selbst wurde in meiner Landeinsamkeit, nicht aber im metaphysischen, sondern im empirischen Verstande; und das war das genaue Gegenteil von dem, was ich erstrebte. Ich mußte erkennen, daß es noch zu früh war zum Verzichte auf die Welt. Den meisten Sterblichen mag Persönlichkeit das höchste Glück bedeuten: es ist die Tragödie der Tragödien des Metaphysikers, daß er das Individuum in sich nie völlig überwinden kann. Keats sagt vom Dichter:

The poetical nature has no Self — it is everything and nothing; it has no character … A poet has no identity — he is continually in for and filling some other body.

Er hätte hinzufügen können, daß der Dichter vor allem in diesem Sinne selbstlos sein soll; daß er nur insoweit, als er es ist, seinen Beruf erfüllen kann. Das gleiche gilt in höherem Maße und in einem viel tieferen Sinne noch vom Metaphysiker. Der Metaphysiker verhält sich zum Dichter, wie dieser sich zum Schauspieler verhält. Der Komödiant stellt dar, der Dichter schafft, der Metaphysiker antizipiert im Sinn alle mögliche Darstellung und Schöpfung. So darf er in keiner Gestaltung aufgehen, darf er mit keiner sich identisch fühlen; sein Bewußtseinszentrum muß mit dem der Welt zusammenfallen, er muß jede einzelne Erscheinung vom Standpunkte Gottes aus sehen. So vor allem seine eigene Individualität, seine eigene Philosophie. Zu dieser Vertiefung verhalf mir Rayküll nicht. Ich fing an, gleich so vielen, den Weltprozeß in einer bestimmten individuellen Formel erschöpft zu wähnen, persönlich-zufällige Eigentümlichkeiten als notwendige Attribute des Wesens zu beurteilen. Ich fing an, Persönlichkeit zu werden. Da erkannte ich, wie weise Pythagoras und Plato daran getan, daß sie bis ins späte Mannesalter hinauf ihr Wanderleben fortsetzten: solange als irgend möglich, muß der unvermeidliche Kristallisationsprozeß aufgehalten werden; solange es irgend geht, muß Proteus proteisch bleiben, denn nur Proteusnaturen sind berufen zum Priestertum der Metaphysik. So beschloß ich, mich in die Welt zurückzubegeben.

Inwiefern hilft nun die Welt zur Selbstverwirklichung, die ich meine? denn meistens heißt es doch, sie hindere sie. Sie hilft dem, der die entsprechende Naturanlage besitzt, indem sie seine Seele zu immer neuen Gestaltungen zwingt. Seit ich erwachsen bin, bedeuten Eindrücke als solche mir wohl nichts mehr; mein Geist gewinnt nicht mehr durch bloße Stoffaufnahme. Dafür reagiert er jetzt als Ganzes verschieden, je nach den Umständen, innerhalb derer er sich befindet, und dies Verschiedenwerden erschließt mir Seiten der Wirklichkeit, zu denen mir früher jeder Zugang fehlte. Dem Unverwandelbaren kann die Welt, seit er erwachsen, allerdings nichts nützen. Je mehr der sieht, erlebt, erfährt, desto oberflächlicher wird er, weil er mit Organen, die nur auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit zugeschnitten sind, nun vielen gerecht werden will und so notwendig falsche Eindrücke gewinnt; dem ist es besser, er bleibt in seiner Sphäre. Der Plastische hingegen, den jedes neue Milieu, dessen Eigenart entsprechend, verwandelt, kann nimmer genug erleben, denn er geht aus jeder Metamorphose vertieft hervor. Indem er am eigenen Leib erfährt, wie bedingt alle Gestaltung im allgemeinen ist, was jede einzelne im besonderen auslöst, wie die eine mit der andern zusammenhängt, sinkt sein Bewußtseinszentrum langsam in jenen Grund hinab, wo das Wesen als solches lebt. Ist es nun dort verankert, dann läuft er nicht mehr Gefahr, irgendeine Einzelerscheinung zu überschätzen: alles Besondere versteht er vom Wesen her. Das tut der Gott von vornherein, kraft seiner bloßen Natur. Der Mensch gelang auf die Dauer dahin, indem er alle Kreise durchläuft.

So trete ich denn eine Weltreise an. Europa fördert mich nicht mehr. Zu vertraut ist mir schon diese Welt, um meine Seele zu neuen Gestaltungen zu zwingen. Und dann ist sie an sich auch zu beschränkt. Ganz Europa ist wesentlich eines Geistes. Ich will in Breiten hinaus, woselbst mein Leben ganz anders werden muß, um zu bestehen, wo das Verständnis eine radikale Erneuerung der Begriffsmittel verlangt, wo ich möglichst viel von dem vergessen muß, was ich ehedem wußte und war. Ich will das Klima der Tropen, die indische Bewußtseinslage, die chinesische Daseinsform und viele andere Momente, die ich gar nicht vorausberechnen kann, umschichtig auf mich einwirken lassen und zusehen, was aus mir wird. Wenn ich alle Koordinaten bestimmt habe, müßte ich auch den Mittelpunkt besitzen. Dann müßte ich hinausgelangt sein über die Zufälligkeiten von Zeit und Raum. Wenn irgendetwas, so wird der Umweg um die Welt mich zu mir selber führen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
I. Nach den Tropen
© 1998- Schule des Rades
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