Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

II. Ceylon

Anuradhapura

Was müssen die alten Könige, welche Ceylons Riesendenkmäler errichtet haben, für Männer gewesen sein! Diese Bauten sind keine Monumente eitlen Reichtums, auch keine Willkürschöpfungen einer ungebändigten Phantasie: sie atmen eine herbe, schlichte Größe, die inmitten des tropischen Überschwangs ringsum beinahe unnatürlich wirkt. Neben der Felsenfeste Sigiri, dem Horste des Vatermörders Kassyapa, nehmen sich die Burgen Europas wie Kinderspielzeuge aus; allein das Bad dieses Condottiere ist ein Bau wie ein ägyptisches Königsgrab. Die Daghobas gleichen natürlichen Bergen, und doch ist es Geist im höchsten Sinn, der ihren Umrissen seinen Charakter gibt. Aber das Wunder der Wunder von Ceylon ist der Fels von Mihintale, woselbst Mahinda, Kaiser Ashokas Sohn, der große Apostel des Buddhismus, seine Tage verbracht und abgeschlossen hat. Dessen Zelle — eine schmale Terrasse am höchsten Punkte des Berges, von Künstlerhand aus dem Stein herausgehauen — ist das Königlichste, was ich je gesehen. Von steilen, drohenden Felsen überdacht, fällt sie jäh zum Tale ab; drunten aber breiten sich endlose Urwälder aus, deren heiliges Schweigen nur hie und da durch das Trompeten des Elefanten unterbrochen wird. Solchen Horst konnte ein König allein sich zur Wohnstatt wählen. Es ist unmöglich, ohne innerlich weiter zu werden, auch nur kurz in ihr zu verweilen. Unwillkürlich stellt sich mir Mahinda in der typischen Stellung des sinnenden Buddha dar, riesengroß, wie ihn die Alten im Steine abzubilden pflegten: so muß er, unbewegt und mild, auf das blühende Leben im Tal hinabgeblickt haben; als einer, welcher entsagt hat aus der Fülle der Macht heraus.

Wie richtig hat die Legende ihre Worte gewählt, indem sie jene Herrscher mit Elefanten und Tigern verglich! Das, gerade das sind sie gewesen. Die Treibhausluft dieser Zone bringt in der Regel keine großen Individuen hervor, sie ist deren Gedeihen nicht günstig. Der Dschungel ist eine Dickung, kein Wald, und seine Fauna ist mehr reich und üppig im allgemeinen, als bedeutend was die Sondergestalt betrifft. Wohl scheint hie und da ein einzelner Baum mit seiner Krone am Himmel anzustoßen, aber sieht man genauer hin, so gewahrt man, daß dieser Riese gar kein Einzelner ist: von den Ästen sprießen neue Wurzeln hernieder und wo das Auge eine Persönlichkeit zu schauen wähnt, steht in Wahrheit ein Stammbaum da. Das klassische Beispiel bietet der heilige Bodhi-Baum von Anuradhapura, der nachweislich von einem Steckling stammt, den Kaiser Ashoka aus Buddha-Gaya einst hingestiftet hatte: dieses älteste Gewächs der Geschichte stellt sich als schmächtiges junges Bäumchen dar; was heute lebt und grünt, sind die späten Enkel der einstigen Wipfelzweige, die ihrerseits Wurzeln in die Erde hinabgesenkt hatten. Auf Ceylon verläuft das Wachstum mit schwindelerregender Geschwindigkeit; ich habe Jahrestriebe gesehen, welche 15 mitteleuropäischen Vegetationsperioden entsprechen würden; hier sprießen die Bäume wie das Gras. Aber mit gleicher Geschwindigkeit sterben sie ab; wirklich leben tut immer nur die Jugend. Gleiches gilt von den Tieren und den Menschen. Sie sind dem Typus nach ewig unausgewachsen; sie vermehren sich in beängstigender Fülle, mit rasender Hast, und ebenso rasend schnell löst eine Generation die andere ab. Aber diese Natur, die zur Bildung von Individualitäten in der Regel weder Lust noch Zeit hat, bringt zuweilen doch solche hervor; es ist, als wäre da dem Rade des Geschehens ein Hemmschuh angelegt worden. Aus solcher Energiestauung gehen dann Wesen hervor, so gewaltig, so groß, wie kein anderes Klima sie kennt: der Elefant, das Nashorn, der Tiger. Auch innerhalb des Menschengeschlechts hat sich der Strom des Werdens einigemale in einer Einzelgestalt akkumuliert: das waren dann Männer von gewaltigen Dimensionen, die der Volksmund mit Recht Elefanten verglichen hat.

Jetzt verstehe ich, wie in den Jugendjahren unseres Planeten, als noch Palmenhaine die Pole krönten, jene Riesengeschöpfe entstehen und leben konnten, deren Skelette uns heute in ungläubiges Staunen versetzen. Könige wie Mahinda, Parakrama Bahu, Dutthagamani waren Wesen ganz anderer Art, als die großen Kaiser des Ostens. Diese waren Persönlichkeiten von solcher Potenz, von so ungeheuerer Willensintensität, daß ihre Größe von den äußeren Umständen schier unabhängig schien; sie schufen die Verhältnisse, die ihnen entsprachen. So wie sie dastanden, waren die Tropenkönige nicht geringer, vielleicht sogar gewaltiger noch als jene; allein ihr Seinsgrund lag weniger in ihnen, als in der Natur, deren Bestandteile sie waren; nur inmitten tropischer Fülle konnten Wesen ihrer Sonderart fortkommen. Sie bedurften eines Übermaßes von Nahrung, die ihnen ohne ihr Zutun geliefert wurde, eines Mindestmaßes von materiellem Widerstand, einer Umgebung, die sich geschmeidig ihren Wünschen fügte. Nur wo solche Verhältnisse vorlagen, waren sie möglich. Nicht anders stand es einstmals mit den Sauriern. Auch diese Riesen waren streng bedingt; nur inmitten einer noch sehr viel üppigeren Natur, als sie es heute in den Tropen ist, konnten sie aufkommen, dauern und gedeihen. Auch damals wird die Hauptmasse der Schöpfung schnellwachsend und schnell verderbend gewesen sein — ihre Spuren sind dahin. Zu desto gewaltigeren Dimensionen wuchsen die seltenen Einzelnen heran, die inmitten des Wechsels zur Dauer berufen waren.

Die Zeiten solcher Größe sind dahin. Zum Unterhalt so monumentalen Lebens ist die Natur zu arm geworden. Heute scheint nur mehr das Billige den Umständen gemäß. Und was das Menschengeschlecht betrifft, so ist das Unterholz zu selbstbewußt geworden, um dem einzelnen Riesen die Bahn noch freizugeben. Es mag sein, daß dieses so gut ist; ich weiß nicht, was an sich besser sei — eine indifferente Masse, die gewaltige Einzelne hochkommen läßt, oder ein höheres allgemeines Niveau, das ein Hinauswachsen über dasselbe nur innerhalb enger Grenzen duldet und jeden Schößling aus Gigantenstamm erstickt. Ich wollte, es wäre möglich, daß ein hohes allgemeines Niveau und Riesen im Sinne der Vorwelt zusammen beständen. Leider scheinen dem intime Naturgesetze entgegenzustehen. Man muß sich, man stelle sich wie man wolle, für eins von zwei Übeln entscheiden. Da bekenne ich denn, daß ich freudig das ganze Geschlecht der Hasen dafür hingäbe, daß mich die Anschauung eines Atlantosaurus noch einmal die Kleinlichkeit quartären Daseins vergessen machte.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
II. Ceylon
© 1998- Schule des Rades
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