Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

II. Ceylon

Anuradhapura: Tobsüchtige und Schlangen

Auf meiner Wanderung durch die Ruinen gelangte ich heute unversehens vor eine Hütte, in welcher ein junger Engländer inmitten vieler Hunderte von Schlangen haust. Ein Exzentrik, wie nur Albion solche hervorbringt. Schlangenbändiger, Schlangenjäger, Schlangenfreunde gibt es genug, und zu den letzteren darf auch ich mich zählen, denn seit je finde ich ein besonderes Wohlgefallen an den vollendeten Kurven dieser Tiere. Aber zum näheren Verkehr mit Reptilien bedarf es einer besonderen, dem Menschen von Natur nicht liegenden Einstellung, was auch dem indischen Schlangenbeschwörer immer anzumerken ist. Dieser Engländer nun verkehrte mit seinen Hausgenossen, als ob er nicht anders könnte, als verstünde sich solcher Umgang von selbst Nichts Außerordentliches waren sie ihm: weder bewunderte er sie, noch machte er Geschäfte mit ihnen, noch schienen sie ihn wissenschaftlich zu interessieren: die ringelnden Tiere bedeuteten ihm sein natürliches Milieu. Da waren gewaltige Pythons und wütende Brillenschlangen, im vollen Besitz ihrer Giftzähne; sie alle hatte er eigenhändig eingefangen und hantierte mit ihnen vor mir herum, daß mir angst und bange dabei wurde. Die Eingeborenen behaupten steif und fest, er sei durch einen Talisman gefeit; er aber meinte kühl, bei einiger Gewandtheit und Vertrautheit mit ihren Eigenheiten seien Cobras ganz ungefährlich. Es schien ihn zu interessieren, als ich ihm mitteilte, daß es wirksame Gegengifte gäbe: er selbst hatte noch nie von solchen gehört, die Frage auch nie im Geist erwogen. Er schrieb sich die Adresse der Anstalt auf, wo das Serum hergestellt wird, doch zweifele ich, daß er sich je hinwenden wird.

Das wirklich Interessante an diesem Schlangenheim war nun dies, daß die Mentalität seines wunderlichen Direktors ein Milieu geschaffen hat, in dem die Schlangen im gleichen Zustande harmlos erscheinen, wie die Tobsüchtigen und Unruhigen in einem gutgeleiteten Irrenhaus. Wirklich ungefährlich sind Unruhige ja nie, aber in der Anstalt läßt man sie doch frei gewähren und dort richten sie wirklich kein Unheil an. Ebenso werden auch Cobras nie wirklich zahm — sie sind und bleiben stumpfsinnige, sinnlos wütende Geschöpfe, weder der Einsicht noch der Zuneigung fähig; gleichwohl nahm mein Engländer auch die ungebärdigsten unbeschadet in die Hand und wußte solche, welche eben noch wütend um sich hauten, nach altbewährter Psychiaterpraxis schnell zu beruhigen, indem er ihnen die Hand sanft aufs Haupt legte und dieses dann sachte niederdrückte. Ja, in seiner Gesellschaft konnte auch ich unter den Schlangen mit nur geringer Lebensgefahr einherspazieren. Diese Erfahrung rechne ich zu den wichtigsten, die ich gemacht habe. Bei intelligenten Geschöpfen, wie normalen Menschen und höheren Tieren, erscheint der ungeheure Einfluß, den Milieu und Behandlungsart ausüben, nicht weiter wunderbar, weil in ihrem Falle psychische Schranken, deren sie sich als eines objektiv Wirklichen bewußt werden, ein ebenso Objektives bedeuten, wie materielle; wer halbwegs frei ist in seiner Wahl, reagiert im Guten wie im Bösen meist so, wie dies den Umständen am besten entspricht. Nur stumpfsinnige Tiere sind gleich stumpfsinnigen Menschen in diesem Sinne beeinflußbar. Aber die Irrenanstalten und das Schlangenheim, das ich heute besichtigte, beweisen, daß eine Beeinflussung noch möglich ist, wo das Auffassen psychischer Schranken kaum mehr in Frage kommt; sie wirken eben objektiv schlechthin, und es hängt bloß von der Intensität der Einwirkung ab, ob sie eine Verwandlung der Erscheinung zur Folge hat oder nicht. Auch für die Cobra ist eine Umwelt denkbar, in der sie harmlos erscheint. Nun sind die Unruhigen in der Anstalt, wo sie sich gut gebärden, viel glücklicher als außerhalb: also muß das moralisch Bessere irgendwie einem objektiv Zweckmäßigeren entsprechen; was ich mir seinerseits nur dahin zu deuten weiß, daß moralisches Verhalten (ich spreche nur vom Verhalten, nicht der Gesinnung!) nichts anderes als der natürliche Ausdruck von Angepaßtheit ist. Verbrecher untereinander sind gewöhnlich sehr ehrenhaft; ein vollendeter Menschenkenner findet unter noch so unzuverlässigen Subjekten treue Diener; der Zufriedene ist selten bösartig: lauter Beweise, daß Angepaßtheit moralisches Verhalten bedingt. Übersetze ich nun diesen Tatbestand ins Innerliche, oder betrachte ich ihn von innen her, so darf ich weiter folgern, daß ein moralischer Instinkt, wie ihn das 18. Jahrhundert postulierte, insofern wohl vorliegt, als psychisches Wohlbefinden an äußere Angepaßtheit gebunden ist, und ein jeder nach Wohlbefinden strebt. Freilich ist dieser moralische Instinkt an sich nichts Ethisches; die Schlange ist ganz gesinnungslos; erst von einer höheren seelischen Entwicklungsstufe ab kann sich der Naturtrieb ethischen Kategorien einordnen (auch der psychisch Abnorme gilt uns ja als unverantwortlich). Aber sicher bedeutet ethisches Streben nur die Durchgeistigung oder Durchseelung einer Tendenz, die als solche schon bei der Naja vorhanden ist.

Hier wurzelte denn der Wahrheitsgehalt der Vorstellung vom Paradies. Ohne Zweifel könnte es eine Welt geben, in der insofern nichts Böses geschähe, als keiner Handlung böse Absicht zugrunde läge. Wir Europäer werden nie ein Paradies erschaffen, trotz aller zur Schau getragenen Barmherzigkeit, weil unsere animalischen Instinkte dazu zu stark sind. Die indisch-buddhistische Welt wirkt in vielen Hinsichten paradiesisch. Da der Glaube es verbietet, den Tieren ein Leid zu tun, stehen diese in keinem Feindschaftsverhältnis zum Menschen; sie lassen ihn gelten, wie eine Art die andere gelten läßt, des eingedenk, daß für alle Platz vorhanden ist. Der Tiger wird in Indien weniger gefürchtet, und dies mit Recht, als in Europa ein Rothirsch zur Brunstzeit. — Hier wurzelt ferner der Wahrheitsgehalt der auf Plato zurückgehenden, allen christlichen Mystikern vertrauten aber von den persischen am vollkommensten ausgebildeten Theorie, daß die göttliche Liebe jedem innewohnt und es von Äußerlichkeiten abhängt, ob sie sich äußert oder nicht. Dieses Äußerliche mag die Neigung zu einem Weib, der Einfluß kongenialer Umgebung, ein schweres Schicksal sein, daß die Seele umkehrt — immer handelt es sich darum, daß das Instrument Mensch so gestimmt werde, daß Gott darauf spielen kann. Freilich ist es so.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
II. Ceylon
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME